Einen „freundlichen Sarkasten“ nennt Hans-Dieter Schütt den Dichter Volker Braun fast am Ende seiner Lese-Reise durch das Werk des Dichters, das er nun selbst im hohen Alter durchforstet, als gelte es, die Ursprünge der eigenen Irrungen und Wirrungen zu finden. Über die Schütt auch schreibt. In gewisser Weise auch stellvertretend für alle, die – anders als Volker Braun – den „real existierenden Sozialismus“ feierten und lebten. Und nicht merkten, wie sie sich selbst verbogen und blind machen ließen für das eigentlich Unaushaltbare.
Also Braun lesen, alles – von Anfang an, von seinem lange Zeit verhinderten Theaterstück „Die Kipper“ und Brauns 1965 erschienenem ersten Gedichtband „Provokation für mich“ bis zu seinen 2009 und 2011 erschienenen „Werktagen“ und „Luf-Passion“, das 2022 erschien. Eigentlich eine Mammutaufgabe. Eine, die zur Auseinandersetzung zwingt. Denn Braun war von Anfang an kein gefälliger Dichter. Und schon gar kein gläubiger.
Was möglicherweise mit seinen Studienjahren im berühmten Hörsaal 40 bei Hans Mayer zu tun hat. Mit dessen Assistent Jürgen Teller Braun bis zum Schluss die Verbindung hält. Denn es gab diese Netzwerke der Un-Gläubigen, die sich das kritische Denken nicht verbieten lassen wollten. Auch wenn es sie – wie bei Teller – die Karriere kostete.
Braun demonstriert in seiner Dichtung immer den großen Zweifel an allen Doktrinen und Systemen, formuliert Verse wie Fallstricke, hinter denen die eigentliche große Frage immer mitschwang: Und was richtet Ihr mit den Menschen an? Wo bleibt das menschliche Maß? – Keine leichten Fragen für einen Dichter, der – mit dem intellektuellen Arsenal des linken Denkens – verinnerlicht hatte, dass Macht jede utopische Vision durch die Mangel dreht und letztlich zerquetscht.
Letztlich (und frühzeitig) daran geht, das Denken und Sprechen zu zensieren. So wie es auch Braun erlebte, 1962 schon, drei Jahre vor dem Kahlschlagplenum der SED, als seine bei einem Akademie-Abend von Stefan Hermlin vorgetragenen frühen Gedichte einen Sturm im parteilichen Blätterwald erzeugten und er kurz davor stand, von der Universität geschmissen zu werden.
Denken in Widersprüchen
Eine späte Begegnung auch für Hans-Dieter Schütt, der mit Verzögerung zu diesem Denken in Widersprüchen fand, ohne das Brauns Dichtung nicht denkbar ist. Von 1984 bis 1989 war Hans-Dieter Schütt Chefredakteur der Tageszeitung „Junge Welt“, dem Sprachorgan der FDJ. Eher unkritisch und gläubig dem Staat gegenüber, der längst aufgehört hatte, wirklich eine verheißungsvolle Utopie zu sein. Der erstarrt war in dysfunktionalen Abläufen und den Verbohrtheiten alter Funktionäre, die die Zeit – und das Volk – nicht mehr verstanden.
Und trotzdem lebten viele in der Angepasstheit, sahen weder die Risse noch die Widersprüche. Es ist noch dasselbe Kapitel „Lyrik Welle“, in dem Schütt auch den eigenen Werdegang inspiziert und versucht, ihn im Nachhinein irgendwie zu erklären: „Ich sehe mich selbst im Visier. Es gibt einen Opportunismus, der wird ohne Sinnesorgane absolviert.
Als Jugendlicher schlurfte ich entspannt durch eine kleinstädtische Mitte zwischen thüringischen Waldrändern und durfte ohne Beeinträchtigung davon ausgehen, ein grundsätzlich Unbehelligter zu sein. Zu nichts in Schule und Öffentlichkeit spürte ich einen Gegensatz, einen Widerspruch. (…) Jedenfalls musste ich nicht lavieren, um etwa ein Gefühl, das quer zur Welt stand, unter den obwaltenden Umständen zu unterdrücken. Ich hatte das Gefühl nicht. Das zeitigte Folgen. In mir wurde nichts geweckt, was mich zur eigenen Kenntlichmachung trieb.“
Logisch, dass er da auch die Braun-Gedichte anders las. Man sieht nur, was man selbst erfahren hat. Für den Rest bleibt man blind. Schütt spricht geradezu von einem Leben als Pflanze. „An allem, was gesellschaftlich herandrängte, nahm ich teil, teilnahmslos, war Teil, aber an nichts beteiligt …“ Man merkt schon: Die Braun-Lektüre färbt auch auf Schütts „Annäherungen“ ab.
Er will es jetzt wissen, auch wenn er in den nächsten kleineren und größere Essays wieder von sich abkommt und versucht, diesen Volker Braun zu fassen zu bekommen. Was fast unmöglich ist. Aus dialektischen Gründen, wie jeder weiß, der – mit seinem Hegel im Hinterkopf – Brauns Texte gelesen hat.
Geschichte kennt keine Sieger
Da zielt einer nicht auf Eindeutigkeit. Schon gar nicht auf parteiliche. Da fragt einer – ein Dichterleben lang – nach der menschlichen Zwiespältigkeit, der Uneindeutigkeit allen menschlichen Handelns und Strebens. Denn eins ist diesem Braun, der seinen Marx genauso gelesen hat wie seinen Trotzki – schon früh klar: Dass Geschichte kein Ziel hat. Kein noch so hehres. Geschichte ist blind. Und am Ende kennt sie keine Sieger, auch wenn die Sieger das ein Weilchen lang glauben. Hinter den Siegen versinkt – oft genug und viel zu oft – das Ringen um ein menschliches Da-Sein. Das wirkliche Maß, das wir erreichen können, wenn wir uns bemühen.
Da und dort spricht es Schütt an, wenn er in Brauns Gedichte, Stücke, Briefe und Tagebuch-Einträge eintaucht, dass wir Menschen aus unserer Widersprüchlichkeit nicht herauskommen. Die aber – das wird im Kapitel „Stein Brüche“ am Beispiel des Bildhauers Alfred Hrdlickas deutlich – ohne einen Stand-Punkt nicht greifbar wird. Auch Braun hat einen. Aber das zu fassen, braucht es erst die Begegnung mit dem Bildhauer: Es ist ein zutiefst ironischer, skeptischer, einer, der menschliche Hybris und Selbstgerechtigkeit mit größtem Misstrauen betrachtet. Wie man es eigentlich tun sollte, nicht nur als Dichter. „Mensch, wie musst du schreiben?“, zitiert ihn Schütt an dieser Stelle.
So kann und darf man Braun auch lesen. Einen Dichter, der noch im fertigen Text den Zweifel verbaut, das Unbehagen daran, dass eine Eindeutigkeit ihren Widerspruch schon in sich trägt. Wir sind widersprüchliche Wesen. Viel zu schnell geneigt, „ewige Wahrheiten“ zu akzeptieren, wenn wir dann nur nicht mehr zweifeln und hadern müssen. Davon leben Diktaturen. Schütt scheint es in einigen Texten zu fassen zu bekommen.
In „Teller Tellheim“ ist es das Wort Selbstbestimmung, an dem er ankern kann, nachdem er einen Brief Jürgen Tellers an Volker Braun zitiert hat: „Dein Grimm enthält jene Dosis Verzweiflung und jene größere Dosis Tapferkeit, die ihn vor dem Zynismus bewahrt. Allemal erkennbar bleibt das Gesetz, nach dem wir angetreten.“
„Das Gesetz heißt Selbstbestimmung“, interpretiert es Schütt. „Das bedeutet ohne Einschränkung, den Druck alles Fremdgesteuerten zu überwinden.“
Braun und Büchner
An der Stelle lässt er sich die Chance entgehen, das Wort Selbstbestimmung aufzuspalten, seinen Doppelsinn zu zeigen. Denn Selbst-Bestimmung heißt nun einmal immer auch: sich selbst zu finden, nicht aufzugeben, das zu bestimmen, was einen umtreibt, ausmacht und zum Menschen macht. So wie es Volker Braun in allen seinen Gedichten immer getan hat. Das ist unbequem. Aber – zum Glück – für die meisten Zensoren immer auch überfordernd. Zum Glück.
Und das verbindet Braun mit Georg Büchner, den er in seiner Büchner-Preis-Rede 2000 gewürdigt hat. Auch als einen unbedingten Vorläufer, wenn es um das menschliche Maß einer Gesellschaft geht. „Ich finde eine unaufhörliche Ungleichheit in der Gesellschaft, in der Menschennatur eine entsetzliche Geduld“, zitiert Schütt Volker Braun.
Ein Punkt, an dem Schütt auch versucht, sein eigenes Geschichtsverständnis zu artikulieren. Das lässt ihn nicht los. Wie klar und eindeutig kann man eigentlich sein, wenn man in einer langen Zeit seines Lebens einfach nur angepasst und allesgläubig war? Welches Welt-Bild wird einem dann noch greifbar? Oder wird alles mit Zweifel besetzt, einem latenten Unbehagen?
Ja, wo steht man dann? Oder sitzt. Oder findet den Halt, um mit fröhlichem Un-Behagen auf das zu schauen, was Menschen so treiben? In „Reine Leere“ versucht Schütt diese Position irgendwie zu fassen: „Unaufhörlich dringt dir etwas in die Zeilen. Du bist nicht die Welt, aber mit ihr allein. Geschichte kennt keinen Rückbau. Sie verschmilzt die Abfolgen der Eruptionen. Die einander so verflucht ähneln.“
Das ist eine Sichtweise. Eine mögliche. Man muss sie nicht teilen. Auch wenn er hier – in Anlehnung an Braun – die Missionsgläubigkeit der politischen Weltverbesserer aufs Korn nimmt. So wie es Braun ein Arbeitsleben lang doppelbödig immer getan hat. Doppelbödig auch in seinem Zuspruch an jene, die die gegebenen Zustände ändern wollen – zum Menschlicheren hin. Immer wieder. Das ist der Dampf in der Geschichte. Auch wenn das immer wieder in Doktrinen erstarrt. In „Gott los“ formuliert es Schütt dann so: „Jedes Scheitern gilt es zu verkraften, bis Gegner begreifen, dass diejenigen, die für eine bessere Welt kämpfen, lange nicht erledigt sind. Obwohl man sie erledigt hat.“
Selbstermutigung? Vielleicht. Brauns Position umschreibt er so: „Aber Erlösung? Kein Thema für den Dichter. Auferstehung schon.“
Hans-Dieter Schütt „Werks Gelände. Annäherungen an Volker Braun“ quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2026, 16 Euro.
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