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Katrin Löffler untersucht einmal die Autobiografien von „Wendekindern“ und gestandenen DDR-Autoren und begegnet zum Teil erstaunlichen Konstruktionen

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    Was Psychologen und Soziologen können, das können Literaturwissenschaftler schon lange. Denn sie haben viel mehr Material zur Verfügung. Und oft sogar viel besseres. Denn Schriftsteller haben nun einmal den unablässigen Drang, von sich selbst, ihrem Leben und ihren großen Schicksalsdramen zu erzählen. Erstaunlich ist nur, dass das so selten Thema von wissenschaftlichen Arbeiten wird.

    Im Vorwort wundert sich Katrin Löffler zwar darüber, dass ihr ausgerechnet dieses Thema von schriftstellerisch gestalteten Umbrüchen so wichtig wurde, weist aber auch darauf hin, dass nach der „Wende“ eine regelrechte Schwemme von Autobiografien ostdeutscher Autoren zu verzeichnen war, noch gesteigert mit dem Jahrtausendbeginn durch Wortmeldungen junger Autorinnen und Autoren, die sich quasi als „Wendekinder“ positionierten  – und damit abgrenzten gegen die gleichzeitig postulierte „Generation Golf“. Das halbe Feuilleton diskutierte damals diese zuweilen skurrilen Wortmeldungen der jungen Leute.

    Kaum ein Kritiker ging aber auf die deutlichen Unterschiede zwischen den biografischen Wortmeldungen der jungen Leute und denen der älteren Schriftstellergeneration ein, die sich oft genug heftigen Anfeindungen ausgesetzt sah. Der Vergleich reizte geradezu: Worin unterscheiden sich die Biografien – und damit auch die Identitätskonstruktionen – der jungen Autoren, die zur Zeit der Wiedervereinigung so ungefähr zwischen 13 und 26 Jahre alt waren, sich also kaum noch als Träger des untergegangenen Staates DDR begreifen konnten, von denen einer ebenso markanten Generation: der damals 60- bis 65-Jährigen, die in ihrem Leben sogar zwei solcher Zeitenbrüche miterlebt hatten und das auch artikulierten.

    Und diese zweite, die ältere Autorengeneration, ist mit einigen der bedeutendsten Namen der DDR-Literatur besetzt: Werner Heiduczek, Günter de Bruyn, Günter Görlich, Hermann Kant und Christa Wolf. Auf bekannte Autoren aus dieser Generation, die vor 1989 schon in den Westen übergesiedelt waren – Günter Kunert oder Erich Loest z. B.  – verzichtet die Autorin bewusst. Auch weil diese Autoren nach dem Herbst 1989 nicht mehr unter Legitimationsdruck standen. Sie hatten sich ja bewusst für das „bessere System“ entschieden, während sich gerade Leute wie Görlich und Kant auch für ihre hohen Funktionen im Schriftstellerverband und im Parteiapparat rechtfertigen mussten.

    Aber das sind dann schon Formulierungen, die eigentlich wieder in die Irre führen.

    Denn darin stecken wieder die zum Teil sehr platten und sinnlosen Ost-West-Stereotype der frühen 1990er-Jahre, deren Verfechter die Welt gern in zwei saubere Hälften geteilt hätten – eine gute mit lauter Opfern, Anständigen und Dissidenten und eine schlechte mit lauter Mitläufern, Opportunisten und Funktionären. Aber so einfach war selbst die DDR nicht gestrickt. Fronten liefen oft mitten durch scheinbar monolithische Blöcke. Gläubige Kommunisten konnten sich wie stalinistische Hardliner gebärden und auch nach 1990 an ihrer Überzeugung festhalten, dass die Sache schon richtig war, aber nur schlecht umgesetzt. Genauso gut konnten glühende Kommunisten in das Mahlwerk von Parteiarroganz, Zensur, Stasibeobachtung und Verfolgung geraten und sich am Ende jenseits der Grenze wiederfinden – quasi ausgewiesen zum „Klassenfeind“.

    Aber man musste auch kein glühender Kommunist sein, um in der DDR Anerkennung als Autor und ein interessiertes Publikum zu finden – dafür steht in diesem Buch Günter de Bruyn. Und dann gibt es da noch die Menschen, die sich die Sache nie einfach gemacht und irgendwie versucht haben, sich ihren eigenen Kopf und eine eigene Meinung zu bewahren. Dafür stehen – auf zwei völlig verschiedenen Wegen – Hermann Kant und Christa Wolf. Doch während Kant – auch als langjähriger Vorsitzender des Schriftstellerverbands der DDR – an den Stellen, an denen seine Entfremdung vom zunehmend erstarrten System immer stärker und unübersehbarer wurde, es nicht fertig brachte, wirklich auf Distanz zu gehen, ist der Lebenslauf von Christa Wolf von immer deutlicheren Distanzierungen von Partei und Verband geprägt.

    Und da alle fünf älteren Autoren auch den Zeitenbruch 1945 gestaltet haben, wird in Löfflers Analyse ebenfalls sichtbar, warum sich diverse Autoren der DDR so verhielten, wie sie sich verhielten, warum sie Ereignisse wie 1953, 1956, 1961 oder das Kahlschlagplenum der SED 1965 nicht als Brüche in ihrem Leben und ihrem Schreiben erlebten – ganz explizit bei Günter Görlich, der – anders als Heiduczek und Kant – nie die Entfremdung vom vormundschaftlichen System erlebte, auch wenn er mit seinen Büchern durchaus einige Konflikte des Landes gestaltete und immer wieder für Diskussionen sorgte.

    Aber anders als Kant oder Wolf hat er nie die eigenen Widersprüche thematisiert. Und schon gar nicht so intensiv wie Christa Wolf in „Kindheitsmuster“ und „Stadt der Engel“ über die eigene Verführbarkeit und Angepasstheit intensiver nachgedacht. Und mit dem 1976 erschienenen „Kindheitsmuster“ hat Christa Wolf ja die eigentliche Grundfrage schon formuliert, mit der sich Katrin Löffler hier beschäftigt:

    Wie werden eigentlich die Muster eines diktatorischen Systems in die Köpfe der jungen Leute eingepflanzt?

    Ein Buch, das seinerzeit zu Recht Furore machte – auch in diesem abgeschotteten Land, das von sich behauptete, den Faschismus „mit Stumpf und Stiel“ ausgerottet zu haben. Autoren wie Dieter Noll und Bruno Apitz hatten ja scheinbar die großen Legitimations-Romane für dieses bessere, weil antifaschistische Deutschland geschrieben. Und da ging nun diese Christa Wolf mit ihrem jüngeren Ich ins Zwiegespräch und stellte nicht nur mit Betroffenheit fest, wie gläubig sie als Mädchen der NS-Ideologie ausgeliefert war – und wie anfällig für diese Muster sie sich als erwachsene Frau immer noch empfand. Wer das in DDR-Zeiten las, kam natürlich ins Grübeln darüber, ob dieselben Mechanismen nicht schon wieder oder immer noch – nur halt rot lackiert – am Wirken waren und die Erstarrung des Landes nicht genau hier ihre Ursachen hatte: In einer auf die reine Machtausübung fixierten Partei, den früh einsetzenden Druck zur Unterordnung und zum Duckmäusertum und einer Bevormundung in allen Lebensbereichen, die vor allem zwei Dinge beförderte – Opportunismus und ein gespaltenes Leben.

    Eigentlich Themen, die bei Hermann Kant in vielen ironischen Wendungen auch zu lesen sind, nicht nur in seinen autobiografischen Schriften, sondern auch in seinen viel diskutierten Romanen. Kaum einer hat so detailliert auch die Verrenkungen beschrieben, die seine durchaus von der „Sache“ überzeugten Helden machten, um den an sie gestellten Ansprüchen zu genügen. Auch Kant hatte erlebt, wie die Parteizensur funktionierte. Man darf sich durchaus an Orwell erinnert fühlen, denn der Apparat, den sich die SED geschaffen hatte, war sehr hellhörig auf alle Töne, die vom gerade befohlenen Kurs abwichen. Es ist schon verblüffend, wie leicht Leute wie Görlich die ganzen Zickzackbewegungen mitgemacht haben, ohne dabei auch nur ein Gefühl der Beunruhigung zu bekommen, während ein durchaus einsatzwilliger Werner Heiduczek nach der zweiten Wendung enttäuscht für sich akzeptieren musste, dass er den Schlingerkurs nicht mehr mitmachen konnte.

    Das verbindende Element

    Was übrigens das tatsächlich verbindende Element zwischen den hier behandelten Autoren der 1945er-Generation und denen der 1989er-Generation ist. Denn was die älteren Autoren, die zumeist mit regelrechter Begeisterung auch als Schriftsteller in die Schaffung einer neuen Gesellschaft gestartet waren, im Lauf der Zeit als Brüche und Momente der Entfremdung erlebten, haben die ganz jungen Autorinnen – wie Jana Hensel – nie erlebt, weil sie einfach viel zu jung waren, als die „Wende“ kam. Autoren wie Jens Bisky oder Jakob Hein waren zwar schon deutlich älter, hatten auch schon die ersten Stationen hinter sich, in denen sie sich mit dem Staat irgendwie arrangieren mussten – aber in den späten 1980er-Jahren war die Stimmung der Entfremdung längst im ganzen Land zu spüren.

    Die ganz jungen Autoren malten zwar recht witzige Bilder von ihren Tagen bei den Jungen Pionieren oder in der FDJ. Aber sie erlebten nicht mehr, wie die staatliche Bevormundung tief in Lebensentscheidungen eingriff – sei es das Recht gewesen, das Abitur abzulegen oder den Studienplatz der eigenen Wahl zu bekommen, sei es die Nötigung, sich zum langen Wehrdienst zu verpflichten, um überhaupt ein Wahlstudium antreten zu können. Sie erlebten auch nur in Teilen die starke Indoktrination in den Schulen und noch nicht die zermürbenden Leerläufe in den staatlich organisierten Verbänden und „Kollektiven“.

    Das, was die damals jungen Autoren der 1950er noch als Aufbruch, als die Schulung des „neuen Menschen“ interpretieren konnten, war zu einem inhaltslosen Ritual verkommen, in dem überdeutlich wurde, dass eine gesellschaftliche Diskussion und Teilhabe nicht (mehr) erwünscht war.

    Deswegen wirken die Rückschauen der jungen Autoren auch eher leichtgewichtig, nicht wirklich beeindruckend neben den zum Teil sehr schmerzhaften und drängenden Versuchen etwa bei Heiduczek und Wolf, zu fassen, was geschehen ist – und warum man da so lange mitgemacht oder stillgehalten hat. Oder nicht weggegangen ist, wie es oft die besten Freunde und Kollegen taten – wie nach der Biermann-Ausbürgerung. Aber hätten wir dann jemals so intensive Auseinandersetzungen mit der eigenen Verführbarkeit und den Funktionsweisen autoritärer Erziehungsmuster bekommen, wie sie Christa Wolf geschrieben hat? Natürlich nicht. Manchmal muss man auch dableiben und sich in einer fast zermürbenden Arbeit mit den Fehlentwicklungen einer Gesellschaft beschäftigen.

    Und zum Thema Christa Wolf gehört eben auch, dass sie dabei tiefer ging als alle anderen und die Probleme nicht nur in der erstarrten Funktionärsdiktatur DDR sah. Das wurde auch aufmerksameren westlichen Lesern spätestens 1983 klar, als sie ihr (Anti-)Kriegs-Buch „Kassandra“ veröffentlichte und damit einer von Chauvinismus und Männerdünkel beherrschten Welt den Spiegel vorhielt. Und zwar nicht nur der eigenen, zum Ostblock gehörenden. Das lesen Kritiker bis heute immer nur mit einem Auge, ohne zu sehen, dass es bei Christa Wolf immer um die Funktionsweisen von Herrschaft geht, nicht nur um die der linken Herrschaften.

    Und wer das Buch heute liest, wird dabei ganz  gewiss nicht an Honecker oder Breschnew denken, sondern an heutige Populisten, Opportunisten und steifnackige Präsidenten, die sich genauso fatal benehmen, wie die völlig zu Unrecht glorifizierten Helden der „Illias“.

    Das geht natürlich über das Buch von Katrin Löffler hinaus. Aber gerade das ist ja die Stärke ihres literaturwissenschaftlichen Vergleichs der Generationen: Hier wird sichtbar, wie eben nicht nur bekannte Autoren, sondern im Grunde alle Menschen sich ihre Identitäten konstruieren. Manche bauen sich frühzeitig ein Korsett, aus dem sie ihr Leben lang nicht mehr ausbrechen und auf dessen Infragestellung sie abweisend oder auch aggressiv reagieren.

    Andere versuchen, mit der den Forderungen von außen angepassten Identität irgendwie durchzukommen und zu überleben – und gehen trotzdem dran kaputt, weil sie nie ausblenden können, wie sehr sie damit ihren eigenen Wertvorstellungen zuwider handeln. Andere werden zu zwielichtigen, ungreifbaren Spielfiguren. Wieder andere geben die Illusion irgendwann auf und begeben sich in intensiver Selbstauseinandersetzung auf die Suche nach sich selbst.

    Und ebenso gehört zur nicht ganz unwichtigen Erkenntnis aus dieser intensiven Analyse, dass das alles wohl nicht nur auf die kleine, so gräuliche DDR passt. Gerade die Schicksale der älteren Generationen machen deutlich, dass ganz dieselben Wirkmechanismen auch im Nazi-Reich in Gang waren – und einige der männlichen Protagonisten sind nach Krieg und Gefangenschaft regelrecht hineingeflüchtet in das Korsett des neuen, sozialistischen Parteigängers – und haben das nie wieder hinterfragt.

    Und die heftigen Reaktionen in den 1990er-Jahren auf die Autobiografien der ostdeutschen Berühmten deuten auch darauf hin, dass diese Mechanismen der Identitätsbildung nicht nur in „Regimen“ zu finden sind. Nur hat sich mit diesem Thema, wie Autoren in augenscheinlich freien Gesellschaften mit der Konstruktion ihrer Identitäten umgehen, augenscheinlich noch niemand ernsthaft beschäftigt. Denn was Christa Wolf 1976 für sich tat – sich nämlich mit den lang wirkenden Folgen der NS-Indoktrination zu beschäftigen – das hat keines der beiden Länder nach 1949 für sich getan. Die einen haben so getan, als seien sie längst „entnazifiziert“ worden, die anderen haben sich kurzerhand zu „Antifaschisten“ erklärt. Aber die Destruktion, die mit der totalitären Erziehung tief in die Gesellschaft eingegangen ist, wirkt bis heute fort. Und zwar nicht nur bei den kaltschnäuzigen Menschenfeinden von Pegida und Co.

    Es ist schon erstaunlich, wie so ein einfacher, scheinbar nur auf die DDR bezogener Literaturvergleich über das 1990 abservierte Land und seine Strukturen hinaus weist und Fragen anspricht, die überhaupt nicht erledigt sind, auch wenn sich so viele Leute bemüht haben, die ganze Schuldfrage auf der untergegangenen DDR und ihrer Staatspartei abzuladen. Husch husch, ein neues Mäntelchen, ein neuer Anzug, ein paar neue Phrasen – und weiter geht’s? Leider, wie man dieser Tage in Sachsen feststellen musste.

    Es geht einfach nicht anders: Wer sich mit den (Nach-)Wirkungen gesellschaftlicher Verletzungen nicht beschäftigen will, der erlebt immer wieder, wie sich das Unbegriffene Bahn bricht in die Welt.

    Katrin Löffler: Systemumbruch und Lebensgeschichte, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2015, 39 Euro.

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