Ohne Kränkungen geht es irgendwie nicht. Auch nicht in der Welt der Literatur. Das wussten schon die Autoren, Verleger und Kritiker des 18. Jahrhunderts. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und auch den Historiker und Philosophen Jürgen Große treibt das Thema um. Seit 40 Jahren. Was er hier vorlegt, ist eine kleine Sammlung von Aphorismen, die sich eigentlich mit keinem anderen Thema beschäftigen.

Denn seit 1985 hat er notiert, was ihn im schwierigen Verhältnis der Schreibenden, Kopierenden, Nachahmenden, Avantgardisten und ihrer Kritiker immer wieder aufgestört hat. Verstört geradezu. Denn warum eigentlich schreibt der Mensch? Geht es ihm nur um Ruhm? Den Beifall der Menge? Gar die Aufmerksamkeit der Nachwelt? Oder den Beifall des Feuilletons?

Und wie ticken eigentlich die Leute, die da Kritiken schreiben über anderer Leute Bücher? Was sind das für Typen? Nur verhinderte Schriftsteller? Oder gilt: „Literatur ist genau das, was Literaturkritiker nicht beschäftigt“?

Vielleicht hat er recht. Der Aphoristiker darf zuspitzen. Und verallgemeinern. So sehr, dass es auch wehtut. Auch wenn es letztlich weder nützt noch etwas ändert. Nicht an den Büchern, die immer wieder dieselbe Masche wiederholen. Nicht an den Eitelkeiten mancher Autoren, die eigentlich gar nichts erlebt haben. Und trotzdem Buch um Buch darüber schreiben. Und sich freuen, wenn ein oberflächlicher Kritiker dann davon schwadroniert, der Autor sei „völlig unterschätzt“.

Die Einsamkeit des Schreibens

Man will ja geschätzt sein, oder? Nicht wirklich. Jedenfalls Autoren wie Jürgen Große nicht, der sich über die Jahre eine recht stabile Position als Außenseiter erarbeitet hat. Nichts ist ihm wertvoller als die Einsamkeit, in der er arbeiten kann. Der Ort, an dem er bei sich selbst bleiben kann. Nur so entsteht eigenwillige Literatur. Und ein unverstellter Blick auf die Narreteien der anderen. Damit ist er nicht allein. Er weiß zu gut, dass gute Literatur immer in der Einsamkeit entsteht. Entstehen muss. Schriftsteller sind in ihrer Arbeit einsame Menschen.

Was nicht verhindert, dass auch sie gekränkte Menschen sind. Denn sie leben von der Aufmerksamkeit. Deswegen gibt es ja den ganzen Literaturzirkus. Ein Buch, das keine Aufmerksamkeit erregt, existiert praktisch nicht. Die ganze Mühsal ist umsonst. Das weiß auch Große. Es braucht diese seltsamen Leute, die dann Kritiken schreiben zu den neu erschienenen Büchern. Manche betreiben das wie eine Qualitätsprüfung: „Ein Schriftsteller entfernt, ein Kritiker enthüllt die Dummheit eines Textes.“

In vier Kapiteln hat Jürgen Große seine Aphorismen sortiert: „Dichten“, „Danken“, „Deuten“, „Denken“. Aber eigentlich geht es in allen vier ums Schreiben, ums Literaturproduzieren und die Maschen, mit denen etliche Autoren agieren. Beeinflusst und sich gegenseitig beeinflussend. Es geht gar nicht anders. Aus der Außenseitenposition sieht man deutlich, wie sich eine ganze Epoche selbst beweihräuchert. Und verdummt. „Der Rundfunk macht hörbar und das Fernsehen sichtbar, wie die Dummen von ihresgleichen denken.“

Das seltene Gut Unabhängigkeit

Man merkt manchem Aphorismus an, dass er noch aus einer Zeit stammt, in der die Dummheit nicht im Internet einen neuen Tummelplatz gefunden hat. Braucht es da noch Bücher? Und Leute, die sich mit dem Verfassen quälen? Und in die Nöte kommen, die Große alle sehr genau benennt – vom Nachahmen anderer bis zur geschwätzigen Gehaltlosigkeit. Immer in der Not, dass man vom Schreiben eigentlich leben können muss, sonst macht es ja keinen Sinn.

Also braucht es Förderung, damit sich die Autoren auch mal eine Auszeit nehmen können. Aber wen fördern? So richtig gut ist Große auf die Literaturförderung nicht zu sprechen. Obwohl er weiß: „Zum Schreiben braucht man nicht Freiheit oder gar ‚Freiräume‘, sondern Unabhängigkeit.“

Da kann schon das nachfolgende Bonmot verstören: „Wenn man Literatur fördern könnte, dann müsste man Literatur nicht fördern.“

Da stolpert man. Denn da stecken die Literaturförderer ja im selben Dilemma wie die Kritiker: Wie erkennt man, was wirklich gut ist? Bewahrenswert? Berührend?

Nicht klassisch.

Literatur lebt von Resonanz

Gottchen. Welcher Autor will denn Klassiker werden? Das wollte nicht mal Goethe. Der über das Schreiben ganz ähnlich dachte wie Lessing: Er wollte gelesen werden. Dazu braucht es Resonanz. Also auch die verflixten Kritiker, die Brücken bauen zum lesenden Publikum. Das immer eine Minderheit war. Das weiß auch Große. Menschen, die sich hinsetzen und in die Gedankenwelt eines fremden Autors eintauchen. Oft mit Lust und Wolllust.

Gute Literatur macht hungrig auf noch mehr gute Literatur. Und genau an der Stelle falle ich aus dem Text. Und dem Buch. Das ist nicht meine Welt. Nicht die der eitlen Autoren, die sich medial als Klassiker zelebrieren, nicht die ebenso eitler Kritiker, die ihre Urteile sprechen, als bräuchte die Literatur grimmige Scharfrichter.

Braucht sie nicht. Literatur braucht Brückenbauer. So kann man rezensieren. So darf man auch. Denn – und das kommt bei Jürgen Große viel zu kurz – sie teilen mit Autorinnen und Autoren, Verlegerinnen und Verlegern, Leserinnen und Lesern eine Leidenschaft: die für richtig gut geschriebene Texte. Da ist es egal, ob einer sich Goethe, Walser oder Nietzsche als Vorbild nahm, hier geklaut hat und dort.

Beim Lesen erweist sich, ob der Text gut ist, mit Herzblut geschrieben, wie Große anmerkt. Aber ja doch: Warum sollte jemand ein Buch schreiben, wenn ihn sein Thema selbst nicht aufregt, umtreibt und verrückt macht?

DIE Literatur gibt es nicht

Die Literaturwelt ist nicht wirklich so selbstreferenziell, wie sie im großen Feuilleton oft erscheint. Wo tatsächlich eine Menge Leute unterwegs sind, wie sie Große beschreibt. Miesepeter, die ihr eigenes Unbehagen an den Büchern anderer Leute austoben. Und nicht mal die Intention des gewöhnlichsten Lesers begriffen haben: Dass es die Literatur für alle nicht gibt und nie gab. Schon gar nicht die klassische. Dass Leser ihrer Lust und ihrem Bauchgefühl folgen sollten und das auch tun, wenn sie nur ein bisschen Erfahrung haben. DIE Literatur gibt es nicht. Aber viele Literaturen. Nebeneinander und durcheinander. Mit Übergängen und Erwartungen, Ruhmestrommeln und stillen Freuden, wenn einer oder eine ein neues gutes Buch, eine neue faszinierende Autorin finden.

Widerspenstige Kunden

Da sind die ganzen Streitereien im gehobenen Feuilleton über Klassizität, Einmaligkeit, Parodie und Masche egal, völlig egal. Es sind die Literaturstrategen, die sich selbst und ihre vermeintliche Wissenschaftlichkeit überschätzen. Während die widerspenstigen Leser ohnehin kaufen, wonach ihnen der Appetit ist. Gern und und sogar meistens völlig neben den hochgepriesenen „Klassikern“. Widerspenstige Kunden, könnte man sagen.

Und was bei Große da und dort aufschimmert, wenn er über die Not, die Einsamkeit und die Unabhängigkeit von Autoren schreibt: Diese Leute da in ihren oft schwer erkämpften Einsamkeiten wissen das. Sie wissen, dass ihre Bücher diese hungrigen, neugierigen und leidenschaftlichen Leserinnen und Leser finden müssen. Aber das schludert man nicht einfach so hin. Das ist harte Arbeit am Text: Straffen, Verdichten, Lebendigmachen. Wohl wissend, dass ihre Bücher am Ende doch wieder mit schlecht geschriebener Massenware konkurrieren müssen.

Hoffen auf überraschende Bücher

Viele der Nöte, die Große antippt, haben mit der Unerbittlichkeit dieses Marktes zu tun, der all jene, die wirklich die Profession verspüren, schreiben zu müssen, oft vor unlösbare Aufgaben stellt. Nicht jedem ist es vergönnt, sich eine Unabhängigkeit zu erschreiben, wie sie Jürgen Große hat. Denn nur da entstehen die Bücher, die die Lesenden am Ende umhauen und begeistern. „Ein überraschendes Buch schlägt Wunden, ein lang erwartetes heilt sie. Wie viele Bücher lassen Wunden bloß eitern!“

Das mag stimmen. Aber wie kommen die Leserinnen an die überraschenden Bücher?

Und was ist eigentlich Überraschung in einer Welt, in der die großen Kritiker meinen, es wäre schon alles gesagt? Literatur sei nur noch Nachahmung? „Irrtümer weichen Aufklärungen, alte Irrtümer weichen neuen Irrtümern“, schreibt Große.

Es gibt keine starren Maßstäbe. Alles fließt. Und gute Literatur, die uns wirklich bewegt, erzählt das scheinbar Vertraute immer wieder neu. Und so ist auch Großes Sammlung von Aphorismen im Grunde ein Gespräch mit dem Leser, manchmal ein fröhliches Piesacken, ein Wider-den-Stachel-Locken. Denn Bücher, die nichts mehr infrage stellen, sind überflüssig. Langweilig ohnehin. Übrigens auch für Kritiker. Aber das nur nebenbei.

Jürgen Große „Die Werke der Meister“ Parodos Verlag, Berlin 2026, 14,90 Euro.

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