Darüber können sich nicht nur Schüler auf dem Schulhof zerfetzen: Darüber streiten sich auch Parlamente und zerlegen sich Parteien. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sorgt der Nahostkonflikt auch in Deutschland für Zoff, Hader, Wut und Hass. Jeder scheint Partei ergreifen zu müssen – für Israel oder für Palästina. Und mittendrin schwelt der alte Antisemitismus, während Politiker ratlos in die Mikrofone flüstern. Was tun? Einfach mal möglichst übersichtlich erklären, worum es eigentlich geht. Tut ja sonst niemand.

Oder tut es nicht mehr. Denn alle Fakten und Ereignisse zum israelisch-palästinensischen Konflikt sind bekannt. Wer etwas älter ist, erinnert sich noch an ruhmreiche Friedensverhandlungen und immer neue Enttäuschungen, wenn wieder ein paar Hardliner alle Hoffnungen in Feuer aufgehen ließen. Und mit ihrem eisigen Zorn auch die Diskussionen über den Konflikt immer mehr radikalisierten, bis eine Verständigung oder auch nur Verständnis füreinander scheinbar nicht mehr möglich war.

Dieter Viehweger, Claudia Müller und Ina Beyer haben den Konflikt mit zwei Jungen an einer Hand-in-Hand-Schule in Jerusalem personifiziert. Hand in Hand, weil hier junge Israelis mit jüdischem und mit palästinensischem Hintergrund gemeinsam lernen. Auch die gemeinsame Geschichte lernen, die eben nicht erst 1948 mit der Gründung des Staates Israel beginnt, sondern weit in der Vergangenheit – in jenem von Juden bewohnten Landstrich, den mancher auch aus der Bibel kennt.

Aber es muss erzählt werden, weil es die meisten eben nicht wissen. Wie die ersten jüdischen Staaten entstanden, wie sie immer wieder von Großmächten erobert wurden, wie am Ende die Römer nicht nur den zweiten Tempel zerstörten, sondern die Juden auch aus Jerusalem vertrieben.

In der Diaspora

Es waren die Römer, die die Juden in die Diaspora trieben und sie aus ihrer Ursprungsheimat verschwinden ließen. Jahrhundertelang lebten sie als Minderheit in afrikanischen und europäischen Ländern und wurden im Mittelalter zum Sündenbock gemacht, als die Kirche und die jeweils Mächtigen einen Sündenbock brauchten, weil das Klima kippte, die Ernten ausfielen und Seuchen den Kontinent heimsuchten.

Vieles, was dem heutigen Nahostkonflikt Zunder gibt, erzählt auch von dieser jahrhundertelangen Zeit der Ausgrenzung und Verfolgung, die zuletzt im durch die deutschen Nazis organisierten Holocaust gipfelte. Moshe und Faris erzählen natürlich auch die Geschichte des Zionismus – des mit dem Wiener Journalisten Theodor Herzl verbundenen Traums von der Rückkehr der Juden nach Palästina und der Gründung eines eigenen Staates.

Ein Traum, der anfangs auch Unterstützung fand durch die Besatzungsmacht England. Auch das taucht beiläufig auf, dass es die europäischen Kolonialmächte waren, die hier Gott spielten, Grenzen zogen und Versprechungen machten, die sie am Ende nicht einhielten.

Doch die große Flucht gerade deutscher Juden vor der Mordmaschinerie der Nazis ab den 1930er Jahren führte nicht nur zur Gründung des Staates Israel und zu einem UN-Beschluss, der künftig zwei Staaten auf dem Gebiet Palästinas vorsah – einen jüdischen und einen arabischen. Sie führte auch dazu, dass der Grundstein für die Konflikte gelegt wurde, die die Existenz Israels seitdem begleiten.

Denn nun mischten sich auch die arabischen Nachbarstaaten ein, nachdem die Engländer abgezogen waren, weil ihnen der Konflikt zu lästig wurde. Und so kam es gleich 1948 zum ersten Nahost-Krieg, 1956 zum zweiten, 1967 zum dritten, 1973 zum vierten …

Zwei Perspektiven auf einen ungelösten Konflikt

Mit Moshe und Faris schaut man immer wieder von der jeweils anderen Seite auf diese Konflikte. Moshe aus Sicht eines Landes, das sich immerzu mit militärischen Mitteln gegen die Nachbarn und später gegen die vom Iran ausgerüsteten Terrorgruppen von Hamas, Hisbollah und Huthis wehren musste. Und Faris aus Sicht der arabischen Bevölkerung, die in den immer neuen Konflikten aus immer mehr Gebieten verdrängt und vertrieben wurde und bis heute keinen regulären eigenen Staat besitzt.

Dafür in den besetzten Gebieten lebt wie in einem Gefängnis. Sagt Faris. Und seine Perspektive ist durchaus berechtigt. Und wird auch bestätigt, als die ganze Schulklasse zuletzt den Tempelberg und die Stadt Hebron besucht, wo das Grab von Abraham ind Sara besichtigt wird. Abraham gilt als Stammvater der Juden genauso wie der Moslems.

Da hätte man doch eine gemeinsame Grundlage, stellen Faris und Moshe fest. Und fragen sich in jedem neuen Kapitel trotzdem, warum es dann einfach nicht gelingt, Frieden miteinander zu schließen und den seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt zu beenden.

Und was gibt jetzt Hoffnung?

Gedanken, die auch ihre Väter und Großväter teilen. Doch die Geschichte beider Völker ist eben auch die Geschichte von Fanatikern auf beiden Seiten, die keine Kompromisse wollen. Bis heute nicht. Die Friedensverhandlungen von Oslo, wo 1993 und 1995 zwei Friedensverträge zwischen Israel und der palästinensischen PLO geschlossen wurden, sind inzwischen genauso Geschichte und Legende wie das Camp-David-Abkommen von 1978. Die ganze Welt schaute zu und schöpfte Hoffnung, dass es Israelis und Palästinenser schaffen würden, zu einem friedlichen Nebeneinander zu kommen.

Und entsprechend groß war jedes Mal das Entsetzen, wenn die Hardliner auf beiden Seiten wieder das Feuer schürten. Und das zerreißt das Land natürlich bis heute. Moshe und Faris teilen diese Zerrissenheit.

Und sie sind so jung, dass sie ja auch den 7. Oktober 2023 miterlebt haben und den folgenden rücksichtslosen Krieg im Gaza-Streifen, der erst 2025 mit einem Waffenstillstand vorerst zu Ende kam. Eben jener Krieg, der eben auch in Deutschland für starre Fronten sorgt und unüberbrückbare Widersprüche, weil die einen die platten Parolen der Hamas wiederholen und die nächsten die Haltung einer zutiefst gnadenlosen israelischen Regierung verteidigen.

Und genau diese inzwischen scheinbar unübersehbare Gemengelage hat Dieter Viehweger, Claudia Müller und Ina Beyer nun dazu gebracht, dieses Buch zusammenzustellen, das gerade für Schulen interessant ist. Denn es zeigt die ganze komplizierte Geschichte mit all ihren Brüchen und Widersprüchen. Und damit eben auch, dass es eine Entweder-oder-Lösung nicht geben kann und die Haltung der Radikalen eine Lösung für die südliche Levante unmöglich macht. Ein Buch, das gerade junge Leser nachdenklich machen und auch davor bewahren dürfte, in das leidige Entweder-oder einzustimmen, das jeden Schritt zu einem wirklichen Frieden so undenkbar macht.

Es ist ein Buch, mit dem in Schulen gearbeitet werden kann, auch und gerade dort, wo sich die jungen Leute mit Moshe und Faris durchaus identifizieren können.

Dieter Viehweger, Claudia Müller, Ina Beyer „Geschichte einer zerrissenen Heimat“ Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2026, 20 Euro.

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