Es gibt Menschen, die setzen ihre Träume in die Tat um, rüsten sich einen geländegängigen Lkw her und reisen zweieinhalb Jahre durch die Welt, lernen dabei 34 Länder kennen und entschließen sich dann genauso spontan, einen Bauernhof in Rumänien zu kaufen und dort ein Leben weitab vom Stress der großen Städte zu führen. Und vielleicht endlich auch Zeit zu finden, aus den vielen Erlebnissen unterwegs ein Buch zu machen. Dass dann ein Krimi daraus wurde, hatte auch Isabel Wotruba nicht gedacht. Ein Rumänienkrimi.

Das wird wohl eher kein neues Krimi-Genre. Es sei denn, andere Autorinnen und Autoren greifen es auf, ändern die Perspektive, erzählen den Kriminalfall nicht mehr aus der Perspektive völlig überforderter und zutiefst einfühlsamer oder auch gern abgebrühter Ermittler. Sondern so ähnlich, wie es Isabel Wotrubas Erzählerin Vanessa tut.

Denn eigentlich ist das kleine rumänische Dorf, in das es die kleine Familie (Paul, Lilly, Vanessa und die Hündin Dijon) verschlagen hat, zutiefst friedlich. Die Neuankömmlinge sind akzeptiert. Vanessa kennt inzwischen jeden Dorfhund.

Mit den Nachbarn hat man längst jene intensiven Tauschgeschäfte aufgenommen, die das Leben in so einem Dorf zusammenhalten. Und Paul ist bekannt als der Deutsche, der alles reparieren kann. Also alles so ungefähr, wie es Isabel Wotrubas Familie selbst erlebt.

Nur mit dem Schreiben des Reisebuchs wollte es nicht so recht klappen. Bis einer vorschlug, sie könne ja einen Roman schreiben. Aber weder Fantasy- noch Liebesroman reizten sie. Und ein Krimi lag ihr eigentlich auch fern, bis ein humorvoller Regionalkrimi bei ihr die Idee weckte, es genau so zu versuchen.

Mit einer Familie Weltner, die ihrer eigenen Familie ähnelte, erfundenen Dorfbewohnern, die aber irgendwie genauso freundlich und liebenswert waren wie die echten. Lauter Tieren – Hunden, Kühen, Schafen, Hühnern und zwei Truthähnen. Nicht zu vergessen den Fuchs Franz, der jede Nacht am Zaun vorbeistreicht.

Und dann einfach erzählen.

Was leicht gesagt ist.

Ein Dorf als Bühne

Denn eigentlich passiert ja nicht viel. Man tauscht, man unterhält sich (meist mit der Übersetzerfunktion aus dem Handy), versorgt die Tiere, schaut den Teenagern beim Leben und Lesen zu, versucht, die wilden Blog-Einträge irgendwie in passable Form zu bringen, macht Käse, erntet und bäckt Kuchen. Die Sonne brütet über dem Dorf.

Nur ab und zu schwappt eine Unstimmigkeit durchs Dorf, streiten sich wieder zwei, geht’s vielleicht um den Brunnen und wer über das Wasser bestimmen darf, vielleicht auch ein bisschen uralten Ärger. Und wer sich hineinliest in Isabel Wotrubas Geschichte, merkt auf einmal, wie dicht sich so ein Dorfleben erzählen lässt, wenn die Autorin einfach nur schildert, was alle tun, wie Menschen und Tiere den Hof und die Straße betreten wie eine Bühne.

Alles ist da und ist auch wichtig. Und richtig schön lange taucht man einfach nur ein in dieses Dorfleben und in diesen ruhigen Stil, der einfach nur aufblättert, was jeden Tag geschieht. Ohne Getöse oder Stimmungsmache. Das Leben muht, bellt und gackert vor sich hin. Und lange gibt es nicht einmal eine Leiche.

Bis dann einer der Dorfbewohner an einer Wiese im Wald gefunden wird. Und der Bär, der in diesen Tagen in der Nähe des Dorfes gesehen wird, ist nicht schuld an dessen Tod. Das stellt die Polizei schnell fest, auch wenn sie sich schwer tut, die Tat aufzuklären. Zwei Wochen lang taucht ihr weißes Auto immer wieder im Dorf auf, werden alle Dorfbewohner befragt und wieder befragt.

Und weil im Dorf alle miteinander reden, erfährt auch Vanessa jeden Tag ein bisschen mehr über den Fall, die Fragen, die die Polizisten gestellt haben, die Antworten und Geschichten der Dorfbewohner. Während das Leben einfach weitergeht. Aber eben auch die freundlichen Nachbarn alle irgendwie in Verdacht geraten. War vielleicht der Streit um das Wasser das mögliche Motiv? Ein alter Zoff zwischen Familien? Oder der schwierige Charakter des Toten selbst?

Alte Geschichten

Aber wer hat sein rotes Auto gesehen? Und wann? Manches passt nicht zusammen. Manches traut sich Vanessa auch nicht zu fragen. Sie ist zwar diejenige, die alles erzählt und die Puzzle-Steine zusammenfügt. Aber sie ist keine Ermittlerin. Sie spielt auch keine. Schon gar keine neugierige Miss Marple. Das ist so erholsam, wenn man hunderte Krimis gelesen hat, in denen sich Ermittler oft genug aufreiben und wie Eber durchs Dickicht brettern, um den Täter zu fassen. Meist moralisch so aufgeladen, dass der Bucheinband bricht.

Aber so geschehen keine „Verbrechen“. Ganz bewusst in Anführungszeichen geschrieben. Denn oft werden Menschen nun einmal zu Tätern, weil ihr Leben aus dem Gleis gerät, ihre Gefühle mit ihnen durchgehen, sie in einem heftigen Moment die Nerven verlieren. Dann haben auch Richter oft ein Problem, die Tat zu werten. Ist es wirklich ein Verbrechen oder hat es einen eigentlich friedfertigen Menschen aus der Spur getragen, weil er mit seinem Frust, seiner Überforderung nicht mehr zurande kam?

Vieles, was dann in der Rubrik „Verbrechen“ landet, passiert genau so. Und zerstört am Ende nicht nur das Leben des Toten und seiner Angehörigen, sondern auch das der Täter.

Deswegen geht auch keine Furcht durch das Dorf, als die Tat bekannt wird. Man lebt sein Leben weiter, auch wenn das Bedürfnis, darüber zu reden, sichtlich groß ist. Und auch Vanessa will es ja wissen. Vor allem auch, wie eine alte Geschichte auf einmal greifbarer wird. So eine richtig bekloppte alte Geschichte mit Vätern, die uralte Familienfehden immer weiter spinnen und die Kinder nötigen, den Kontakt zu den anderen aufzugeben. Rigoros. Romeo und Julia lassen grüßen. So ein wenig.

Denn zu einer Romeo-und-Julia-Geschichte braucht es im Grunde ein Dorf – überschaubar genug, dass jeder jeden im Blick hat und alle alles über alle wissen. Gottfried Keller wusste das zum Beispiel.

Wie aus heiterem Himmel

Menschen sind so. Sie möchten in einer Welt leben, in der sie alles kontrollieren können, hoffend, dass sie dadurch Dramen und verstörende Überraschungen vermeiden können. Man frage nur die Nörgler und Grantler im Dorf – sie wollen nichts anderes.

Und werden immer wieder enttäuscht.

Denn das Leben ist nicht so. Die Liebe schon mal gar nicht. Und am Ende sind alle ratlos. Die Täter und die Opfer. „Wie aus heiterem Himmel“ passiert es. Und irgendjemand sagt nicht die ganze Wahrheit. Vielleicht einfach, um nicht noch andere mit hineinzureißen.

Aber wer hält das aus, so eine Tat auf dem Gewissen zu haben? Jeden Tag daran erinnert zu werden und mit niemandem darüber reden zu können? Gewöhnliche Menschen halten das nicht aus. Sie zerbrechen irgendwann daran.

Und so fügt sich ein Puzzle-Stück ans andere, während Paul akribisch uralte Maschinen repariert, Lilly mit ihrer Freundin Dinge tut, die Jugendliche so tun, wenn der ganze Tag zur Verfügung steht, ihn mit Inhalt zu füllen. Ein junger Hahn macht sich mausig, ein Huhn gluckt und die Mittwochsrunden bei Ioan sind auch nicht mehr so locker wie zuvor. Dass nicht geklärt ist, wer da vielleicht zum Mörder wurde, macht die Gespräche vorsichtiger.

Man merkt, wie alle sich bemühen, niemanden zu verletzen. Dazu ist man viel zu sehr aufeinander angewiesen. Aber die Fragen bleiben präsent. Und auch die Polizisten scheinen so nach und nach klarer zu sehen, auch wenn sie am Ende zwei Wochen brauchen, um die Sache zu beenden. Einen Schlusspunkt zu setzen.

Kümmern umeinander

Und das alles fließt wie beiläufig ein in Vanessas Erzählen, in dem das Leben auf dem Bauernhof weitergeht, manchmal mit keinen Störungen. Manchmal mit herzergreifenden kleinen Erlebnissen. Mit erstaunlicher Zugewandtheit, die ahnen lässt, dass ein anderes, sehr intensives Leben abseits unserer hektischen Städte durchaus möglich ist. Und auch zutiefst erfüllend.

Auch wenn Isabelle Wotruba schon weiß, dass ihre kleine Familie nicht mehr lange sesshaft bleiben wird, wie sie auf ihrer Website mitteilt: „Aber die nächste Reise rückt langsam näher. Auch wenn bis dahin noch einiges zu erledigen ist, freue ich mich schon riesig darauf, irgendwann wieder unterwegs zu sein.“

Also wieder ein Leben auf vier Rädern. Schade, möchte man meinen. Haben sie denn da in dem kleinen rumänischen Dorf nicht einen Ankerpunkt gefunden? Aber wir sind ja alle rastlos. Und gleichzeitig neugierig auf die Welt und die Menschen darin. Die uns, wenn wir denn mal rasten und länger da bleiben, doch bald vertraut sind. Das Dorf nicht als großes Auge, das alles sieht, was wir tun. Sondern auch als große Behütung. Das Kümmern umeinander noch präsent, das aus dem Leben der Städte fast verschwunden ist.

Auf unsicherem Grund

Und während Vanessa das alles registriert und Geschichten von der großen Reise im Truck immer wieder einfließen lässt, nimmt auch die Geschichte nach und nach Konturen an, die hinter dem Drama liegt, das das Dorf zwei Wochen lang so verwirrt und unruhig macht. Das ist einmal eine selten gewählte Perspektive für einen Kriminalroman.

Aber eine, die zeigt, wie eine eigentlich friedliche Gemeinschaft damit umgeht, wenn in ihr ein solches Unglück passiert ist und sich erst ganz allmählich herauskristallisiert, welches Motiv hinter allem stecken könnte. Welche uralte Geschichte, die auf einmal wieder akut wurde, weil irgendeine Erinnerung aus der Vergangenheit auf einmal die Gefühle brennen lässt. Und Handlungen auslöst, die eigentlich niemand gewollt hat.

Und so ist – das merkt man ja dabei – unser ganzes Leben. Auch wenn sich die meisten Knoten darin ohne Blutvergießen lösen, wenn auch oft genug in Dramen und kleinen Katastrophen, zu denen man dann nicht unbedingt die Polizei rufen muss. Aber sie lassen uns dennoch mit Wunden und Verletzungen zurück. Hoffend, dass es nun gut ist. Und nicht weiter als ein schwerer Rucksack an uns hängt.

Und gerade weil Isabel Wotruba es so erzählt, merkt man, dass wir unser ganzes Leben auf so unsicherem Grund leben. Und deshalb lieber vorsichtig und rücksichtsvoll miteinander umgehen. Manchmal zu wenig fragen. Und manchmal keine Antwort bekommen. Denn wir sind ja nicht allein mit unserer dünnen Haut und der Erinnerung an die Dinge, die uns im Leben schmerzlich zugestoßen sind.

Und trotzdem wird es eine ruhige Geschichte, die scheinbar von lauter simplen Tätigkeiten und Ereignissen erzählt. Und dabei gerade durch ihre Unaufgeregtheit zeigt, wie dicht und reich so ein Leben in einem kleinen rumänischen Dorf ist.

Isabel Wotruba „Wo die Straße endet“ Eigenverlag 2026, 16,99 Euro.

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