Man muss hinschauen. Wirklich hinschauen. Denn wenn wir nicht hinschauen, lassen wir zu, dass vergessen wird, mit welcher Verachtung die Nationalsozialisten an das Schikanieren, Deportieren und Ermorden von Menschen gegangen sind, die nicht in ihr schäbiges Weltbild passten. In Leipzig gibt es längst viele Erinnerungsorte, die an diese Verbrechen erinnern und vor allem die einst verfolgten und entrechteten Menschen in Erinnerung halten. Damit beschäftigt sich auch der Erich-Zeigner-Haus e.V., der in diesem Buch erzählt, wie man mit dem Gedenken und Erinnern umgehen kann.
Aber bevor sich Henry Lewkowitz und Christopher Mäbert dieser Erinnerungs- und Forschungsarbeit direkt widmen, schildern sie im einführenden Kapitel „Grundlagen und historischer Kontext“, wie die NS-Mordmaschine funktionierte und gleich nach dem Machtantritt der Nazis damit begann, auch in Leipzig Menschen zu diskriminieren, zu verhaften, und in schnell eingerichtete KZs zu verfrachten. Eine Maschinerie, die letztlich tausende Leipziger das Leben kostete – Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Widerstandskämpfer, Homosexuelle, Zwangsarbeiter …
Zu vielen dieser Menschen gab es lange Zeit gar keine Daten. Die Forschung zu ihren Schicksalen begann erst spät und rückte nach und nach auch Opfergruppen in den Fokus, die lange Zeit gar nicht wahrgenommen wurden – bis hin zu den Leipziger Meuten oder den Kindern und Erwachsenen, die der Tötungsmaschinerie T4 zum Opfer fielen.
Dieses einführende Kapitel zeigt, wie umfassend der Terror der Nazis tatsächlich war und welche Menschen dabei getötet wurden. Bis hin zu den Menschen, die noch im April 1945 in Abtnaundorf massakriert wurden. Gerade die Forschungen der letzten drei Jahrzehnte haben das Ausmaß dieser staatlich organisierten Tyrannei deutlich gemacht. Und nach und nach entstanden dann Denkmale im ganzen Stadtgebiet, die die Erinnerung an die Getöteten, Vertriebenen und Schikanierten wach halten.
Ob nun der Gedenkort für die 1938 angezündete große Synagoge in der Gottschedstraße, das Denkmal für die Deportierten im Hauptbahnhof oder das Denkmal für die getöteten Sinti und Roma an der Goethestraße.
Schicksale wieder sichtbar machen
Das ist der erste Schritt, die Verbrechen der Hitlerzeit sichtbar und in Erinnerung zu halten. Auch weil das Wissen um diese Dinge – so stellen Lewkowitz und Mäbert richtigerweise fest – in breiten Bevölkerungsteilen fehlt. Als hätten sie es nie im Geschichtsunterricht gehabt. Und sich auch nie für die Reportagen der Medien interessiert.
Während gleichzeitig die Akteure einer aktuell rechtsextremen Partei Lügen und Verdrehungen verbreiten und die Mordserie des NS-Reiches zum „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte erklären. Und manche Wissenschaftler, die die einmalige Dimension des Holocaust relativieren.
Der Erich-Zeigner-Haus e.V. setzt mit ganz konkreten Erinnerungs- und Forschungsangeboten gerade für Schülerinnen und Schüler dagegen. Hier wird auch – gemeinsam mit dem Archiv Bürgerbewegung – das Leipziger Stolperstein-Projekt betreut, mit dem die Schicksale der einst Vertriebenen und Getöteten wieder sichtbar gemacht werden.
Im Buch erklärt wird dann, wie solche Projekte im Erich-Zeigner-Haus ablaufen, wie die Mädchen und Jungen selbst recherchieren und die Lebensdaten der Menschen erkunden, die in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis geraten sind. Einige dieser von den jungen Leuten erkundeten Schicksale sind im Buch ausführlich dargestellt.
Beispielhaft dafür, wie verschieden die Menschen waren, die den Nationalsozialisten nicht ins Weltbild passten. Ein brandaktuelles Thema, wie die beiden Autoren gar nicht erst betonen müssen. Denn dieses Denken in Ausgrenzung, Othering, Deportation und Entrechtung ist mit der lärmenden neuen Rechtspartei längst wieder da, verlärmt die Social Media und schafft bei vielen Menschen den Eindruck, das sei doch ganz normal. Das sei wieder normal.
Die Gefahr des Nicht-Wissen-Wollens
Weshalb der Verein eben nicht nur mit Stolperstein-Projekten dagegenhält, sondern auch mit Podcasts, Audiowalks und anderen digitalen Formaten, mit denen vor allem junge Menschen erreicht werden können. Eine unersetzliche Arbeit, denn die Augenzeugen sind ja inzwischen fast alle gestorben. Das NS-Reich scheint ganz, ganz ferne Geschichte zu sein, kaum noch relevant für die Gegenwart.
Obwohl genau das nicht stimmt. Und gerade das Nicht-Wissen bzw. das Nicht-Wissen-Wollen sorgen dafür, dass Menschen geneigt sind, all die Untaten der NS-Zeit zu marginalisieren, abzutun und kleinzureden.
Oder ungerührt auch die Gedenkstätten zu besuchen, ohne sich auch nur klarzumachen, wie gnadenlos das rassistische Denken der Nazis damals in das Leben der Menschen eingriff, ganze Bevölkerungsgruppen systematisch entrechtete und aus der Gesellschaft verdrängte. Alles durch staatliche Strukturen abgesichert, die die Nazis gleich 1933 übernahmen und – wie das in ihrer LTI damals hieß – „gleichschalteten“.
Und genau da liegt ja die Warnung für die Gegenwart. Denn die neuen Rechtsextremen drängen ja auch und gerade deshalb an die Macht, weil sie Zugriff auf die staatlichen Strukturen bekommen wollen und damit ihr altes, gnadenloses Denken wieder zu staatlichem Handeln machen können. Und dann sind die Machtlosen wieder wehrlos. Und wer sich wehrt, ist ohne Schutz.
Ganz gewöhnliche Nachbarn
Gerade die Stolperstein-Projekte zeigen jedes Mal aufs Neue, dass es ganz normale Menschen direkt aus der Nachbarschaft waren, denen erst die Existenzgrundlage entzogen wurde, dann ihr Bürgerrecht, dann Freiheit und Leben. Anwälte, Kaufleute, Hilfsarbeiter, Ärzte, Pfarrer, Fußballer oder – wie in einem Kapitel besonders gewürdigt – „stille Heldinnen und Helden“, Menschen, die den Verfolgten und Bedrohten einfach halfen, weil das für sie etwas menschlich Selbstverständliches war.
Da lernt man in solchen Projekten eben auch, dass es im Umgang mit den Bedrohungen von rechts immer auch um Anstand, Mut und Menschenwürde geht. Auch heute noch und wieder. Und letztlich geht es um die grundlegende Frage: Was ist eigentlich für uns selbstverständlich? Das Heulen mit den Wölfen oder der menschliche Mut, den Schwachen und Schutzlosen zu helfen und den Hasserfüllten die Stirn zu bieten? Ganz elementare Fragen, mit denen sich all die jungen Leute, die an den Stolperstein-Projekten teilnehmen, eben auch stellen.
Lewkowitz und Mäbert schildern all diese Projekte, wie sie vom Erich-Zeigner-Haus e. V. organisiert werden, sodass das Buch auch eine Handreichung für alle ist, die sich genauso intensiv mit der Erinnerungsarbeit beschäftigen wollen. Bis hin zu der ganz zentralen Frage, wie man sich wehrt gegen die scheinbare Normalität von Rassismus, Antisemitismus und Homophobie.
Und wie man den Blick für die Wirklichkeit bewahrt, wenn – wie Jugendbürgermeisterin Vicki Felthaus es im Vorwort betont – Polarisierung und gezielte Desinformation das Vertrauen in die Demokratie systematisch attackieren.
„Besonders gefährlich wird dies, wenn Desinformation mit Geschichtsrevisionismus verbunden ist“, so Felthaus. Wenn also auf vielen Kanälen mit riesiger Wucht die Wirklichkeit des NS-Reiches verklärt, verbrämt und verniedlicht wird.
Also wäre es wirklich nur „ein Vogelschiss“ gewesen und nicht das größte organisierte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Das auch in Leipzig gewütet hat, woran inzwischen mehrere Orte in der Stadt erinnern. Orte, die zum Hinsehen einladen. Zum Erinnern. Auch daran, dass man immer Mut braucht, um dem Hass eine Grenze zu setzen.
Henry Lewkowitz, Christopher Mäbert „Leipzig im Nationalsozialismus“ Passage-Verlag, Leipzig 2026, 9,50 Euro.
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