Einige von Dietrich Bonhoeffers Briefen haben ja schon als eigene Buchveröffentlichung Furore gemacht. Andere sind in der dicken Bonhoeffer-Gesamtausgabe versteckt. Jutta Koslowski hat für diesen Band all diese verstreuten Briefe zusammengesucht und damit etwas ermöglicht, was bisherige Briefausgaben so nicht boten: eine Reise durch Bonhoeffers Leben. Oder wie sie selbst es nennt „Eine Biographie in Briefen“. Beginnend 1915 mit Dietrich Bonhoeffers frühestem Brief – an Julie, seine geliebte Großmutter.

Und endend mit seinem letzten, dem aus dem Gestapo-Kellergefängnis in der Berliner Prinz-Albrechtstraße kommenden Dezemberbrief von 1944 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer, berühmt auch durch das Weihnachtsgedicht, das darin zu finden ist: „Von guten Mächten treu und still umgeben …“

Danach herrscht Schweigen, denn dann begannen die Verlegungen Bonhoeffers in die KZs Buchenwald und Flossenbürg, wo ihn die Nazis henkten. Verhaftet worden war er 1943, nachdem die Widerstandsgruppe um Hans Oster und Hans von Dohnanyi aufgeflogen war, eine mit der Abwehr verbundenen Widerstandsgruppe, der sich Bonhoeffer 1940 angeschlossen hatte, nachdem sein letztes Sammelvikariat auf dem Sigurdshof verboten worden war.

Im Auftrag der Abwehr nutze Bonhoeffer dabei seine ökumenischen Kontakte ins Ausland. Und anfangs schien das noch glimpflich ausgegangen zu sein. Seine Briefe aus dem Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Tegel, insbesondere jene an seinen Freund Eberhard Bethge, wurden gleich nach dem Ende des Krieges berühmt, als Bethge sie als eigenständiges Buch veröffentlichte.

Gerade mit diesem Buch wurde Bonhoeffer dann auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Auch weil er aus christlicher Sicht darin über Weltlichkeit und Gottesgläubigkeit ernsthaft und ausführlich nachdachte.

Eine Welt ohne Gott

Natürlich sind auch diese Briefe in diesem Band enthalten, mit dem die Leser geradezu mitverfolgen, wie aus dem Jungen, der als Sohn des Arztes und Psychiaters Karl Bonhoeffer in Breslau und Berlin aufwuchs, dann der streitbare lutherische Theologe wurde, der mit dem von ihm gegründeten Predigerseminar in Finkenwalde versuchte, theologisch standhafte Pastoren heranzubilden, die die Kirche weiterhin als „lebendigen Leib Christi“ und als gläubige Menschengemeinschaft verstanden.

Ein Projekt, das sich gegen die staatlich geförderten Deutschen Christen und das letztlich inhaltsleer gewordene und moralisch entkernte Kirchengebäude der Nazis richtete. Was diese sehr wohl begriffen. Es war die Gestapo, die den Predigerseminaren ein Ende setzte. Und die jungen Vikare, die an den Seminaren teilgenommen hatten, wurden systematisch zur Wehrmacht eingezogen und an den blutigsten Frontabschnitten eingesetzt, sodass sie eine höhere Gefallenenquote als die normalen Wehrmachtsangehörigen hatten.

Mehrere Briefe Bonhoeffers an seine Brüder aus den Seminaren beleuchten dieses Drama, versuchten aber auch gleichzeitig zu trösten und den Tod der Brüder als Weg zu Gott zu interpretieren. Aber letztlich ist man auch mit diesen Briefen mittendrin in der NS-Zeit und dem brutalen Vorgehen des Regimes gegen alle, die sich nicht duckten und Widerstand leisteten.

Und sei es nur geistlicher Widerstand in der Bekennenden Kirche. Und gleichzeitig kann man in dieser Sammlung nachvollziehen, wie auch Bonhoeffer nicht nur ahnte, dass er mit seiner Widerständigkeit in die Mühlen des mörderischen Systems kommen würde, dass sie ihn nicht verschonen würden. Gerade der scheinbar geglückte Weg ins amerikanische Exil stürzte ihn in tiefe Gewissenskonflikte. Er war eigentlich gerettet. Und kehrte trotzdem nach Deutschland zurück.

Christ sein ohne Gott?

Sein großes Vorbild war der Theologe Karl Barth, der die Bekennende Kirche aus der Taufe hob und an den Bonhoeffer mehrere bewundernde Briefe schrieb, auch weil Barth eine Theologie vertrat, die ihn berührte und prägte. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Nazis sich eine Kirche schufen, die scheinbar völlig ohne Gott und christlichen Glauben auskam.

Ein Thema, das ihn in den Briefen an Eberhard Bethge immer wieder beschäftigte, denn dass die Kirche und der christliche Glaube an Strahlkraft verloren, war ja nicht neu. Seit der Aufklärung verloren die Kirchen Anhänger. Und selbst Menschen, die sich als Christen verstanden, lebten ein Leben sichtlich ohne Gott. Wo war also Gott? Und wie konnte man in einer Welt leben, in der immer weniger Menschen noch im Glauben lebten?

Oder bedeutete das etwas völlig anderes? In den Briefen an Bethge analysiert Bonhoeffer dieses Thema immer wieder neu, weil es für ihn auch die christliche Haltung des Menschen zur Welt und zum eigenen Tun prägte. Und letztlich auch seine Haltung, die irgendwie selbst seine Gefängniswärter zu beeindrucken schien.

Er schien sein Schicksal mit Zuversicht oder gar Freude zu tragen. Und dabei die Menschen, die eigentlich um ihn bangten, selbst zu trösten und zu stärken. Man ahnt schon, warum die Briefe aus dem Gefängnis nach dem Krieg auch für die Leser Ermutigung waren. Ein hilfreicher Rat, wie man in einer gefühllosen Welt dennoch ein aufrechter Christ sein konnte, selbst wenn es darin scheinbar keinen Gott mehr gab.

In bedrohlicher werdenden Zeiten

Aber die Leser des Bandes lernen natürlich auch seine wichtigsten anderen Briefpartner kennen – seine Eltern, seine Förderer und theologischen Wegbegleiter, auch seine Zwillingsschwester Sabine und ihre Familie. Er blieb der zugewandte, neugierige Bruder, der auch wissen wollte, wie es den Geschwistern und den Kindern ging, auch wenn mit seiner Verhaftung sein eigener Traum, eine eigene Familie mit Maria zu gründen, geplatzt war.

Was er sich lange nicht eingestand. Mancher Brief deutet eben doch an, dass er sich ein Leben nach dem Krieg durchaus ausmalte. Nicht ahnend, dass die Gestapo nach dem missglückten Hitlerattentat von 1944 auch gegen ihn und seine Verbündeten bei der Abwehr neues Belastungsmaterial in die Hand bekommen würde. Was letztlich zu Hitlers gnadenlosem Tötungsbefehl führen sollte.

Wie er die Zeit in den KZs erlebte, verraten die Briefe nicht, denn es gibt dazu keine. Aber dass gerade seine Briefe an Eberhard Bethge wichtig sein könnten, das ahnte er wohl und bat ihn, sie gut aufzubewahren. Jutta Koslowski aber lässt die Leser mit den Briefen nicht allein. Jedem Lebenskapitel hat sie eine kleine biografische Einleitung vorangestellt, sodass man jederzeit weiß, in welcher Lebenssituation Dietrich Bonhoeffer die folgenden Briefe jeweils verfasst hatte.

Und so lernt man auch gleichzeitig seinen Werdegang kennen – vom Theologiestudenten, der noch davon träumte, vielleicht eine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität einzuschlagen (was sich mit dem Machtantritt der Nazis natürlich zerschlug), über seine Auslandsaufenthalte, die seinen Blick für die Ökumene weiteten, bis hin zu seiner Begeisterung für die Predigerseminare in Finkenwerder, die ihn darin bestätigten, dass es durchaus möglich war, das Pfarramt mit einem gelebten Glauben zu verbinden.

Und jeder Brief wurde von Jutta Koslowski auch reichlich mit Fußnoten versehen, die nicht nur die Beziehungen und Ereignisse in Bonhoeffers Leben beleuchten, sondern eben auch die Zeit und das zunehmend enger werdende Korsett des NS‑Regimes. Dringend notwendige Fußnoten in einer Zeit, in der sich die Deutschen einmal wieder in Vergesslichkeit und Nichts-Ahnen tummeln, blind dafür, dass der gelebte Humanismus das Allererste ist, was unter die Stiefel gerät, wenn man den neuen Nazis wieder nachläuft, ihnen zujubelt und sie auch noch wählt.

Dietrich Bonhoeffer … Dein dankbarer Dietrich Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2026, 35 Euro

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