Seit vier Jahren tobt der Krieg in der Ukraine. Den man vielleicht hätte verhindern können, hätte man vorher schon auf die Stimmen aus dem Osten gehört. Doch wenn der Ausbruch dieses offenen Krieges etwas gezeigt hat, dann, wie ahnungslos die Westeuropäer und gerade die Regierungen in Deutschland dem Osten Europas gegenüberstanden. Verfangen in alten, längst überholten Vorstellungen von einem friedfertigen Russland.

Was aber nur die halbe Wahrheit ist. Die andere Hälfte ist die Ignoranz gegenüber den Staaten Osteuropas, die sich nach 1990 aus der russischen Umklammerung gelöst hatten. Die Menschen dort wissen, warum Freiheit so wertvoll ist.

Ein Wort, das im Westen oft geradezu missbraucht und verdreht wird, von billiger Werbung angemalt, Partei- und Profitinteressen untergeordnet. Worum es bei Freiheit eigentlich geht, das wissen die Völker noch am allerbesten, die sich in jüngster Zeit von diktatorischen Regimen befreit haben. Und so taucht nicht unbegründet der Hinweis auf die Friedlichen Revolutionen (Mehrzahl!) von 1989/1990 auf, die allesamt miteinander verbunden waren.

Die Friedliche Revolution in der DDR ist undenkbar ohne die engen Verbindungen der Bürgerechtsbewegung in die Tschechoslowakei und nach Polen. Man lernte voneinander und bestärkte einander in den Zeiten, als die Diktaturen scheinbar noch fest im Sattel saßen. Und man konnte sehr genau benennen, was Freiheit eigentlich bedeutet.

Ein Fehler der Deutschen Einheit war, dass sie diese enge Vernetzung mit den freiheitsliebenden Völkern Osteuropas einfach „vergaß“, zurückfiel auf die verengte Orientierung der Alt-Bundesrepublik auf die westlichen Nachbarn. Bis in die Medienberichterstattung ist das bis heute zu sehen: Wie selbstverständlich berichtet man über Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien. Nur die osteuropäischen Nachbarn verschwinden hinter einem grauen Nebel, weil es bis heute an den notwendigen Korrespondenten und Redaktionen fehlt.

Die Botschaft von 2014 einfach verschlafen

Und so hat man auch nach 2014, als Putins Truppen die Krim und Teile der Ostukraine besetzten, einfach ignoriert, was an Warnungen nicht nur aus Kiew kam, sondern auch aus Warschau, Tallinn, Vilnius …In mehreren Beiträgen in diesem Büchlein wird das deutlich. Und man ist – wieder einmal – erschrocken, dass das so ist. Und augenscheinlich nichts ändert sich nichts an der gepflegten deutschen Ignoranz gegenüber den östlichen EU-Nachbarn.

Stattdessen pflegte man lieber nette Beziehungen mit Moskau und fiel dann am 24. Februar 2022 aus allen Wolken, dass sich Russland tatsächlich genauso benahm, wie es die Regierungen der osteuropäischen Partner permanent gesagt hatten.

Das Drama der Ukraine ist nun einmal auch, dass sie im Westen als eigenständiger, unabhängiger Staat auch nach 2014 nicht wirklich ernst genommen wurde. Und auch völlig unterschätzt wurde, welche Motivation Freiheit und Unabhängigkeit für ein Volk sind, das nach Jahrzehnten der Unterdrückung die Nase voll hatte vom erpresserischen Nachbarn und schon frühzeitig signalisierte, dass es zur EU und zur NATO gehören möchte.

Und dazu kommt dann auch noch diese seltsame Russland-Verklärung gerade in Ostdeutschland, die einfach nicht zu erklären ist. Auch nicht mit der inszenierten Deutsch-Sowjetischen Freundschaft in der DDR.

Da übersehen dann die deutschen Sonntagsredner meist auch, dass die Nachbarn im Osten oft gar nicht das an den Deutschen bewundern, was diese für so bewundernswürdig halten. Sondern oft Dinge wahrnehmen, die eher im Abseits passieren. So wie Martin Luthers Überlegungen zur Lösung kriegerischer Konflikte, die heute in der Ukraine durchaus eine Rolle spielen könnten, wie Stephan Bickhardt in einem Vortrag von 2023 bei einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie Sachsen. erläuterte.

In Polen spielte noch ein anderer Deutscher eine ganz zentrale Rolle, als es um die Frage ging, wie polnische Bürgerrechtler eigentlich mit der Diktatur umgehen sollten: Da war es ausgerechnet Dietrich Bonhoeffer, dessen Leben zum Vorbild wurde für aufrechten und dennoch zutiefst gläubigen Widerstand. Davon erzählt der polnische Soziologe Marek Prawda.

Die dritte Gründung Europas

Und Bonhoeffers Beispiel galt eben nicht nur für die Zeit von Solidarnosc, sondern gilt auch heute noch. Gerade wenn es um den aufrechten Stand gegenüber autoritären Regimen geht. Deswegen sieht Prawda in den Jahren seit 2022 auch die dritte Gründung Europas (nach 1945 und 1989), eine echte Chance, die osteuropäischen Mitglieder endlich ernst zu nehmen und wieder zu begreifen, dass die EU ein Freiheitsprojekt ist.

„Europa in Not entdeckt sein Potenzial“, schreibt Prawda. Man beobachtet sehr genau, wie westliche Regierungen seit dem Februar 2022 lavieren, herumeiern, opportunistisch agieren und in lauter Klagegesänge ausbrechen, weil die ganze Friedensordnung, die bis dahin als selbstverständlich galt, vor aller Augen zerbrochen ist.

Woran ja nicht nur der Diktator in Moskau mitwirkte, sondern auch das Großmaul im Weißen Haus, das bereitwillig – für den eigenen Vorteil – alle historischen Partnerschaften über den Haufen warf. Auf einmal müssen sich die Europäer selbst sortieren, ihre gemeinsamen Stärken finden und vor allem gemeinsam anfangen, all das zu verteidigen, was sie so für ihre Werte erklären.

Und da spielt die Ukraine eben die Rolle eines Spiegels, weil sie den lamentierenden Westeuropäern vor Augen hält, dass man für Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen muss. Rückgrat zeigen muss. Wer kein Rückgrat hat, wird zum Knecht.

Nicht vergessen, wie Diktaturen funktionieren

Wie ein Land aussieht, dem dieser Schritt in Freiheit und Unabhängigkeit nicht gelungen ist, das beschreibt die Menschenrechtsaktivistin Ina Rumiantseva in ihrem Beitrag, in dem sie daran erinnert, dass die wichtigsten Vertreter der belarussischen Opposition seit Jahren im Gefängnis sitzen.

Denn ein Diktator wie Lukaschenko macht es sich ganz einfach: Gegenkandidaten steckt er einfach unter falscher Anklage für Jahre ins Lager. In diesem Beitrag bekommt man wieder ein Gefühl dafür, wie Diktaturen tatsächlich funktionieren. Und warum das westeuropäische Schweigen zu diesen Menschenrechtsverletzungen falsch ist.

Wir sollten nicht vergesslich werden. Daran erinnert auch die tschechische Autorin Kateřina Tučková in ihrem 2022 erschienenen Roman „Bílá Voda“, aus dem erstmals einige Abschnitte in diesem Band in Übersetzung erschienen sind. Abschnitte, die sichtbar machen, dass das Zuchthaussystem in der CSSR seinerzeit genauso brutal und zermürbend gegenüber den Menschen war, die sich für Menschen- und Bürgerrechte einsetzten, wie in allen anderen Diktaturen des Ostblocks.

Insgesamt ist dieser schmale Band mehr als eine Erinnerung daran, wie blind und unaufmerksam wir auch in den vergangenen 36 Jahren gegenüber unseren Nachbarn im Osten waren. Es zeigt auch, dass es jetzt allerhöchste Zeit ist, das ganze Europa wahrzunehmen und zu lernen, dass wir alle vor derselben Aufgabe stehen: Freiheit und Unabhängigkeit aller Länder in dieser Staatengemeinschaft zu verteidigen.

Und dabei all jene ernst zu nehmen, die seit Jahren vor dem aggressiven Kurs Moskaus gewarnt haben. Wir haben etwas zu verlieren. Und zwar etwas, was es im Supermarkt nicht zu kaufen gibt.

Stephan Bickhardt, Iris Milde (Hrsg.): „Unerhörte Botschaften“, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2025, 10 Euro.

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