In Büchern wie „Nadjas Geschichte“ und „Winter in Jakuschevsk“ hat Martin Gross schon seinem gar nicht so einfachen Verhältnis zu Russland und den Menschen nachgespürt, die er dort in seiner Zeit als Demokratie-Dozent kennengelernt hat. In einer Zeit, als Russland sich wirtschaftlich stabilisierte und auf dem direkten Weg schien, ein demokratisches Land zu werden, das Kurs Richtung Europa nahm. Schon da spürte man die Verunsicherung, die Gross die ganze Zeit begleitete. Waren das wirklich Freundschaften, die da entstanden? Und was, wenn so eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird?

So, wie es ja mit allen deutsch-russischen Freundschaften spätestens seit 2014 wurde, als russische Truppen die Krim und anschließend Teile der Ostukraine besetzten. Kann man da eigentlich alte Verbindungen aufrechterhalten?

Aber das Knirschen begann ja viel früher. Eigentlich schon in der Zeit von 2000 bis 2002, als Martin Gross als Dozent in dem tristen Hochschulstädtchen in Sibirien tätig war, ziemlich abgeschottet, weil er des Russischen nicht so mächtig war. Da half ihm die Bekanntschaft mit dem jungen Mann, den er nun in diesem Buch Danil nennt.

Danil kann exzellent Deutsch, hat große Träume und sieht in der Bekanntschaft mit dem Dozenten aus Deutschland die Chance, sich noch weiter zu verbessern. Er begleitet ihn, zeigt ihm seine Stadt und wie alles funktioniert. Es entsteht eine Beziehung, die intensiver ist als mit den Hochschulkollegen.

Aber dann geschieht die große Irritation – Danil bittet eines Tages um 100 Dollar, die er benötige, weil ihm eine Anzeige drohe: Er war wohl betrunken, als er die Bekanntschaft einer Frau machte, die ihm – so erzählt er – sein Handy wegnahm, worauf er gewalttätig wurde. Das klingt ehrlich. Und vielleicht war es auch so.

Aber Gross merkt bald, dass er den Vorgängen trotzdem fremd gegenübersteht. Dass auch das Russland des Jahres 2002 – trotz des spürbaren wirtschaftlichen Aufschwungs – kein Land ist, das dieselben rechtsstaatlichen Sicherheiten aufgebaut hat, wie sie im Westen gelten.

Ganz am Ende seiner intensiven Auseinandersetzung mit Danil und dem, was ihm passierte, wird Gross das Scheitern aller EU-Projekte bilanzieren, mit denen man im Westen glaubte, Russland auf den Weg zur Demokratie zu bringen.

Fremde Welten

Denn am eigentlichen Zustand des Landes, seiner Korruption und seinem ruppigen Rechtsverständnis hat sich nichts geändert. Was auch Danil erfahren muss, der zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt wird. Er beschwört seine Unschuld.

Und vielleicht wäre tatsächlich alles anders gekommen, hätte ihm Gross einfach die 100 Dollar gegeben. Einfach akzeptiert, dass das russische Justizwesen nichts mit dem zu tun hat, was man in Deutschland darunter versteht.

Dass hier Beziehungen zählen, Protektion und Bestechung. Wer keinen Schutz hat, wird gnadenlos abgestraft. Und zwar fürs Leben, wie Gross in seinen Aufzeichnungen feststellen muss, nachdem Danil nach sechs Jahren entlassen wird, aber in seiner Heimatstadt keine Chance hat, eine reguläre Arbeit zu finden.

Seinem Skype-Partner in Deutschland kann er nur immer wieder sagen: „So läuft das bei uns nicht.“

Und da sich Gross für seinen Freund im kalten Sibirien auch weiter interessiert, E-Mails schreibt und mit ihm skypt, kann er geradezu zuschauen, wie Danil immer mehr abrutscht, und sich mit ein bisschen Schwarzarbeit über Wasser zu halten versucht. Aber seine Ehe ist schon lange geschieden.

Und Kumpel findet er augenscheinlich nur noch in einem Milieu, in dem am Ende der Wodka regiert. Da will Gross zwar helfen mit gut gemeinten Ratschlägen, lernt aber nach und nach, dass er nicht wirklich helfen kann. Und dass dieses Russland, das er kennengelernt hat, wohl auch nicht das Russland ist, das die Menschen, die darin leben müssen, tagtäglich erfahren.

Was du denkst, sagst, machst …

Dazu braucht es erst gar nicht die Ereignisse von 2014, um sichtbar zu machen, wie das alte Misstrauen das Land noch immer durchherrscht, dass das „gemeinsame Haus Europa“ vielleicht mal Gorbatschows Traum war.

Aber dieser Traum ist tot. Nur im Westen scheint man noch zu glauben, Russland wäre auf dem Weg zur Demokratie. Dabei hatte Gross ja schon selbst erlebt, wie vorher schon vielen seiner Fragen ausgewichen wurde. Wie selbst die Menschen, mit denen er scheinbar herzlich umging, auswichen und das Thema wechselten, wenn es um Regierung, Macht und Politik ging.

Dass die Russen zwar sehr herzlich sein können und jedem, dem sie nahekommen, ihr Herz öffnen. Denn sie wissen, dass, wenn es um die simplen Dinge des Alltags ging, alle aufeinander angewiesen sind. Man hilft sich, steht sich bei.

Aber wirklich in die eigenen Gedanken lässt man niemanden blicken. Auch in diesen frühen Putin-Jahren nicht. Es ist seine russische Nachbarin in einem kleinen Dorf in der Nähe der Elbe, die Gross erklären muss, warum das so ist.

„Du hast einen guten Freund, bleibst aber vorsichtig, denn er könnte über dich berichten müssen – nicht nur über deine politische Meinung, sondern über ziemlich alles: was du denkst, sagst, machst und mit wem du es machst. Was du hier in Deutschland als Freundschaft kennst, so ganz unbefangen, kannst du dort vergessen.“

Am Ende stirbt Danil. Sein Freund in Deutschland kann ihm nicht helfen. Und das ist lange vor den Annexionen in der Ukraine, die den besorgten Autor dann erst recht verunsichern, weil er sie mit seinen verbliebenen Gesprächspartnern dort nicht einmal mehr ansprechen kann.

Schon die bloße Erwähnung ist gefährlich. So weichen sie ihm aus. Und die Aufarbeitung der Bekanntschaft mit Danil, die Gross aus alten Tagebucheinträgen rekonstruiert, wird zum Versuch, eine Freundschaft zu erzählen, die vielleicht nie eine sein konnte, weil ihm auch Danil in wesentlichen Aspekten ein Fremder geblieben ist. Einer, der seine klugen Ratschläge stets nur mit dem Hinweis abtun konnte: „So läuft das bei uns nicht.“

Während auch dem in Deutschland Sitzenden immer deutlicher wurde, dass einem Mann wie Danil, der sechs Jahre im Lager saß, letztlich durch dieses Urteil die Lebensgrundlage entzogen wurde. Er wird nie wieder Tritt fassen in einer Gesellschaft, in der das Kainsmal der Lagerhaft ihn für immer ausgrenzt. Und das auf eine brutale Art, wie sie das deutsche Sozialsystem nicht kennt.

Sprachbarrieren

Eigentlich eine Lehre für Gross, dass man mit den deutschen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit und den hier gelebten Selbstverständlichkeiten sehr schnell scheitern kann, wenn man sie auf Menschen in anderen Ländern projiziert.

Oder auf Menschen, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben. Davon handelt der zweite Teil dieser Spurensuche, die Martin Gross mit Sadi überschrieben hat. Sadi ist ein junger Mann aus Syrien, Jeside und 2015 geflüchtet, als der IS seine Heimatstadt terrorisierte. Zusätzlich gehandicapt, weil seine Hüfte schief ist. In Deutschland, so hoffte er, bekäme er eine neue Hüfte. Er wird sie auch bekommen.

Aber er hat lange mit seiner Zurücksetzung zu kämpfen, die er daheim in Syrien erlebt hat – dem fehlenden Schulbesuch, der Abwertung als „Krüppel“. Was es ihm auch in Deutschland schwer macht, die Sprache zu lernen, den Schulstoff zu begreifen und dann auch noch eine Ausbildung zu bestehen.

Und auch hier lernt der Autor selbst nach vielen nervenaufreibenden Beschäftigungen mit Sadi, dass er die Welt- und Wertvorstellungen in dessen Kopf nicht ändern kann. Dass auch für Sadi weiter die Regeln gelten, die er in seiner jesidischen Familie gelernt hat. Eine Familie, die dann auch sein Leben in Deutschland beeinflusst. Ein Leben, das sich sogar zum Besseren wendet, nachdem Sadi mehrfach das Handtuch schmeißen musste.

Da Gross ihn die ganze Zeit begleitet, lernt man auch als Leser die starren deutschen Regeln und Angebote kennen, mit denen die Geflüchteten konfrontiert wurden. Eher trockene Verwaltungsakte, die kaum Rücksicht nehmen auf Herkunft, Kultur und Bildungsvoraussetzungen der geflüchteten Menschen.

Am Ende zieht Gross eine zurecht unbefriedigende Bilanz der deutschen Aufnahmebereitschaft. „Mehr wäre möglich gewesen, wenn wir etwas andere Gesetze hätten, auch etwas andere Schulbücher und Deutschkurse, andere Vermieter, wenn Supermarktkassiererinnen etwas häufiger lächeln und Handwerksmeister etwas nachsichtiger erklärt hätten …“

Fremd geblieben?

Denn eins wird deutlich, wenn Gross Sadis Schicksal schildert: Dass das Misstrauen – auf beiden Seiten – genährt wird, wenn die Kommunikation desolat ist, wenn die Menschen eher nur verwaltet werden, als mit ihnen ins Gespräch zu kommen, Verständnis füreinander zu entwickeln.

Auch für die jeweiligen Prägungen der anderen. Denn natürlich werden geflüchtete Menschen nicht über Nacht zu Deutschen, schon gar nicht, wenn Ausgrenzung und Abkapselung dominieren. Auch Sadi wird seinen Konflikt mit dem Gesetz erleben – aber er landet nicht wie Danil in einem Straflager, sondern kommt mit einem Freispruch davon. Während er dann trotz alledem Tritt fasst, aber seinem Betreuer auch deutlich macht, dass für ihn die kulturellen Regeln seiner Familie auch weiterhin gelten.

Was Gross dann einmal mehr vor die Frage stellt: War das jetzt wirklich eine Freundschaft? Oder sind sie sich am Ende doch wieder nur fremd geblieben, auch wenn dieser Danil ihm letztlich dankbar ist für seine Hilfe in der Zeit, als so uneigennützige Hilfe in deutschen Dörfern ganz und gar nicht das Normale war.

Muss man sich also abfinden damit, dass man einander fremd geblieben ist? Vielleicht. Aber im Grunde sind die beiden Schicksale, die Gross auch spürbar literarisch bearbeitet hat, auch Beispiele dafür, dass die enge deutsche Sicht auf die Welt eben nicht die für alle gültige ist.

Dass wir auch mit den absehbaren Konflikten der nächsten Zukunft nur umgehen lernen, wenn wir uns nicht einigeln und so tun, als gehe uns das Leid der Welt nichts an. Denn flüchtende Menschen werden auch in Zukunft nach Deutschland kommen. Deutschland ist keine „wasserdichte Idylle in einem aufgewühlten Meer“.

Und Irritationen gehören letztlich dazu, wenn Kulturen einander begegnen, die für gewöhnlich tausende Kilometer voneinander entfernt waren. Das ist eine Herausforderung. Für beide Seiten. Auch für Gastgeber, die nur zu gern alle Türen schnell wieder zuschlagen würden.

Nur löst genau das keine Probleme. Und schafft auch keine Gemeinsamkeiten, die aber entstehen müssen, wenn Menschen dann dauerhaft hierbleiben, weil ihre Länder verwüstet sind.

Zwei Geschichten zum Nachdenken darüber, dass das Brückenbauen oft anstrengend und verwirrend ist. Und dass selbst die Brückenbauer damit rechnen müssen, dass als selbstverständlich gedachte Überzeugungen ins Wanken geraten können.

Martin Gross Freunde und Fremde Spector Books, Leipzig 2026, 22 Euro

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar