Eigentlich ist es eine Geschichte, die mittlerweile vielen gestandenen Paaren passiert: Aus heiterem Himmel kündigt einer der Partner die Ehe oder Lebensgemeinschaft auf, hat sich woanders neu verliebt oder hat das Gefühl, endlich aus den Fesseln herausmüssen. Das ist meist eher ein Klamauk-Thema für Middle-Age-Romane. Aber wie sieht das Ganze tatsächlich für eine Betroffene aus? Kira zum Beispiel, Mitte 40, Mutter zweier Söhne, Künstlerin und in Vau noch immer verliebt wie vor 20 Jahren?

Doch Vau hat eine Jüngere kennengelernt. Man kennt diese Konstellation nur zu Genüge. Er blüht auf, krempelt sein Leben um und lässt Kira regelrecht auflaufen. Einfach dumm dastehen mit all ihren Gefühlen und Gewissheiten, die nun vor ihren Augen zerbröseln. Und wer das erlebt hat, der weiß, wie lange es dauert, bis auch der Kopf begreift, dass das so sicher und vertraut gedachte Leben jetzt in die Binsen geht, sich völlig auflöst.

Und auch Kira braucht lange, bis das alles sackt. Sie schreibt sogar Tagebuch. Denn auch Schreiben gehört zu ihren Professionen – neben dem Malen, mit dem sie eher nur bescheidenen Erfolg hat. Auf einmal steht auch noch ein Thema im Raum, das alle Freischaffenden kennen: Reicht das Geld jetzt überhaupt noch für Miete und Haushalt?

Oder landet Kira nun umgehend auf dem harten Boden der finanziellen Tatsachen, wo doch Vau bisher vor allem die gemeinsame Wohnung finanziert hat?

Liebe und Demütigung

Kira muss sich völlig neu organisieren, auch wenn die ersten Wochen eigentlich geprägt sind von Nicht-Begreifen, einer Portion Verzweiflung und tiefer Niedergeschlagenheit. Denn das ist das Heftigste, das mit solchen Trennungen immer verbunden ist: dass die Betroffenen erst einmal völlig überfordert sind von der Situation, enttäuscht und – ja, auch das – gedemütigt.

Alles Gefühle, die in Susanne Schirdewahns Roman zur Sprache kommen. Gefühle, über die man eigentlich nicht redet in einer Gesellschaft, in der man sich eigentlich überall als Erfolgsmensch verkaufen muss, nicht zu entmutigen, stets mit tollen Projekten unterwegs.

Doch gerade dann, wenn ein geliebter Partner nach 20 Jahren – wie Vau – eher beiläufig zu verstehen gibt, dass er Kira nicht mehr liebt, wird der Vorgang zur Demütigung. Und Kira erlebt es heftig, möchte sich am liebsten verkriechen. Aber sie ist nicht die Frau, die klein beigibt und sich hängen lässt, auch wenn die ersten Wochen hart sind, regelrecht niederschmetternd.

Auch weil Vau freundlich bleibt, schon wegen der Kinder regelmäßig in der gemeinsamen Wohnung ist. Als wäre nichts, als hätte er mit seiner Ankündigung, sich in eine viel Jüngere verliebt zu haben, Kira nicht den Boden unter den Füßen weggezogen.

Da kann man sich noch so sehr vornehmen, die Trennung einvernehmlich oder gar in Freundschaft durchzuziehen – es kollidiert trotzdem mit der wohl tiefsten Verletzung, die man einander antun kann. Wobei Vau in dieser Geschichte eigentlich immer weniger interessiert, auch wenn Kira ihm am Ende noch eine Art Dankschreiben widmet, in dem sie einige der schönsten Erlebnisse aus der gemeinsamen Zeit auflistet.

Das ist stark, richtig stark, weil für gewöhnlich nach so einer Geschichte nur noch wenig Platz ist für so eine Dankbarkeit, selbst wenn es wirklich intensive 20 Jahre waren.

Ach, diese Männer!

Aber eigentlich geht es auch da nicht um Vau, sondern um Kira selbst, die mehr als ein Jahr braucht, um sich aus der Gefühlsmühle zu befreien. Irgendwann beschließt sie einfach, sich das eigene Leben nicht (mehr) von Vaus Verhalten vorgeben zu lassen.

Immerhin lebt sie in Berlin, hat echte Freundinnen, die zuhören, wenn sie über ihr Drama erzählt. Und sie steckt – das merkt sie nach und nach – voller Lebens- und Liebeslust. Noch so ein Aspekt bei solchen Trennungen: Was ist eigentlich aus dem tiefen Bedürfnis nach intensiver körperlicher Leidenschaft geworden? Darf man mit Mitte 40 noch verliebt und liebeshungrig sein wie mit 20?

Kira nimmt sich das Recht. Sodass Susanne Schirdewahns Roman eben nicht davon erzählt, wie eine Frau die Niederlage ihres Lebens erlebt, sondern von einer selbstbewussten Kira, die gar nicht einsieht, dass die Trennung jetzt auch noch das Urteil über ihr eigenes Leben sein soll.

Auch wenn die Liebhaber, die sie findet, durchaus ihre eigenen Probleme haben und ausgerechnet Nick, ihr Rettungsanker in liebesdürstenden Nächten, selbst so etwas erlebt wie Vau.

Ach, diese Männer!, möchte man an den Rand schreiben. Aber vielleicht ist es richtiger zu sagen: So ist das Leben. Manche landen in einer veritablen Midlife-Krise. Andere bekommen das drängende Gefühl, doch noch irgendetwas Wildes in ihrem Leben anstellen zu müssen, sich noch einmal zu beweisen – wie Vau, der ganz offensichtlich davon ausgeht, dass Kira das einfach so schluckt.

Warten – auf wen eigentlich?

Aber Kiras Geschichte wird immer mehr zu einer Geschichte der Selbstermutigung. Sie ist es, die Vau am Ende verbal und laut aus der Wohnung schmeißt, weil sie von seinem so selbstverständlichen Freundlichtun die Nase voll hat.

Sie wünscht sich klare Verhältnisse, nicht so ein Herumgeeier. Und vor allem will sie wieder spüren, dass sie Herrin im eigenen Leben ist. Sie sucht sich einen Job, organisiert Ausstellungen, produziert wilde Bilder, plant am Ende gar eine völlig ausgefallene Inszenierung von „Warten auf Godot“.

Ausgerechnet, möchte man sagen. Aber man merkt es ja in allen ihren Einträgen und der Energie, mit der sie sich am Ende selbst zusammenrauft: Dieses Warten auf den nie erscheinenden Godot hat eine Menge mit ihrem Leben zu tun.

Nicht nur mit ihrer abgebrochenen Karriere als Regisseurin. Sondern auch mit der Situation, in die sie Vau gebracht hat, als er ihr seine Liebschaft wie eine endgültige Entscheidung präsentierte. So nach dem Motto: Männer dürfen das. Sie können nicht anders.

Können sie wohl. Aber das müsste dann wohl ein Autor beschreiben, der das Ganze aus männlicher Sicht erzählt – wenn er gut ist, genauso intensiv wie Susanne Schirdewahn, die mit ihrem Roman im Grunde von etwas erzählt, was wir alle brauchen im Leben. Nicht nur nach niederschmetternden Trennungen von Menschen, an denen all unsere Gefühle hingen.

Sondern in allen schweren Situationen im Leben, wenn uns die Umstände signalisieren wollen, dass wir gerade die Niederlage unseres Lebens erleben und jetzt endgültig aufgeben sollten. Aber Kira gibt nicht auf.

Sie lässt sich das Geschlagensein einfach nicht gefallen. Auch wenn es lange dauert, bis sie das Gefühl hat, den Kopf endlich wieder über Wasser zu haben, der Situation nicht mehr ausgeliefert zu sein. Sondern auch das Recht hat, laut und deutlich sein zu dürfen.

Aus dem Schlamassel

Es ist, als wäre dieser Roman eine Gegengeschichte zur Metaerzählung unserer Zeit, in der ständig von Niederlagen und Opfern die Rede ist, wo die einen verdammen und beschämen und die anderen beschämt in der Hilflosigkeit erstarren.

Da passt dann der Titel des Romans, in dem es lange Zeit ganz und gar nicht mit Karacho zugeht. Aber spätestens als das Wort einmal fällt, wird klar: Kira hat sich selbst aus dem Schlamassel gezogen. Mithilfe von Freundinnen und Liebhabern.

Aber auch mit der unbändigen Lust, ihr Leben jetzt erst recht in die eigenen Hände zu nehmen. Denn mit Mitte 40 ist man noch kein rostiges Eisen. Im Gegenteil: Da kann man die Dinge wieder beim Kragen packen. Und wieder lernen, dass man im eigenen Leben die Hauptrolle besetzt.

Was man ja in langen und auch intensiven Partnerschaften oft verlernt hat, weil man sich immer als Paar dachte und alles Vertrauen darauf setzte, dass das hält bis ganz zum Schluss.

Sich selbst wieder in die Mitte der Welt zu stellen, das braucht Mut und ein Stück Selbstvertrauen, das man sich zwischen Trauer und Enttäuschung langsam wieder erobern muss. Mit Rückschlägen und Tiefschlägen. Und vielen, vielen Zweifeln, ob man aus dem Tief je wieder herauskommt.

Eine Geschichte direkt aus dem Leben. Und wem es just passiert ist – der wird sich in Kiras Geschichte wiedererkennen.

Susanne Schirdewahn Karacho Voland & Quist, Berlin 2026, 22 Euro.

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