1918: München befindet sich im Ausnahmezustand. Die Stadt ist auf den Beinen. Es kommt zu Übergriffen. Soldaten schießen aufeinander. Kurt Eisner erklärt Bayern zur Republik. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende gegangen. Es ist Revolution. Geschichte wird gemacht. An der Münchner Wohnungstür des Dichters Rainer Maria Rilke taucht ein Zettel auf: „Bei dem Dichter Rilke darf nicht geplündert werden – Die Revolution“
Wer da im Namen der Revolution das Plündern des übersichtlichen Lyrikerhaushalts untersagte, ist unklar. Nur, dass jener Zettel da hing, wissen wir von Oskar Maria Graf, dem Mann, der später aus dem Exil heraus die Nazis aufforderte, doch gefälligst auch seine Bücher auf die Scheiterhaufen zu werfen. Kein Spoiler: Die Nazis taten ihm den Gefallen.
Rilke hat den Aufstieg der deutschen Faschisten nicht mehr erlebt. Er starb 1926 in der Schweiz.
Es ist nicht leicht, der üblichen dramaturgischen Biografenmanie zu entgehen, ein Leben in Abfolge von Geburt, Kindheit, Ausbildung, ersten Erfolgen, Beziehungen, allmählichem Abstieg oder neuen und noch größeren Erfolgen darzustellen. Alois Prinz ist es gelungen.
Verstummt im Krieg
Er steigt mit Rilkes Jahren in München ein, als er während des Ersten Weltkriegs, wie Prinz es nennt, verstummte. Das heißt, außer Gelegenheitsarbeiten keine größeren Texte verfasste, weil ihn der Weltenlauf so sehr aus der lyrischen Bahn geworfen hatte. Ausgehend von dieser Zeit unternimmt Prinz Ausflüge in Rilkes Jugend und dessen Beziehungen zu Verlegern, Großbürgertum, Mäzenen und seiner Heirat mit der Künstlerin Clara Westhoff. Die Ehe der beiden scheiterte, wie (fast) jeglicher Versuch Rilkes, länger sesshaft zu werden, misslang.
Alois Prinz, dem mit einer Hannah-Arendt-Biografie vor vielen Jahren ein großer Erfolg gelang, ist einer der großen Biografen in deutscher Sprache, dem es immer wieder gelingt, in seinen Texten die richtige Mischung aus Anekdote, psychologischer Einsicht und Zeitkolorit herzustellen. Stilistisch ist er dem Großteil der Konkurrenz überlegen, die hierzulande gern entweder einen professoralen Schreibton anschlägt oder zu weit ins familiär Spekulative eintaucht und sich damit unglaubwürdig macht.
Als der Krieg den ursprünglich als untauglich einsortierten Dichter Rilke schließlich einholt, rettet ihn sein weitgespanntes Netzwerk an einflussreichen Freunden vor der Front. Nichtsdestotrotz muss der arme Mann eine soldatische Grundausbildung durchlaufen. Zu der er allerdings in seiner Rekrutenuniform im Wagen der Gräfin von Thurn und Taxis chauffiert wird. Obwohl Prinz es in seinem Text nur sehr sensibel andeutet, liegt auf der Hand, wie das bei Rilkes schlicht gestricktem Schleifer ankam.
Zusätzliche Ironie: Rilkes populäres Frühwerk „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ wird in die Propagandamaschine des wilhelminischen Oberkommandos gespannt und erlebt ungeahnte Auflagenhöhen. Was den Leipziger Verleger Kippenberger freut, aber Rilke verunsichert und ärgert.
Getrieben vom Willen, ein letztes großes Werk zu schaffen, treibt Rilke durch die Kriegsjahre, überzeugt davon, dass jener Krieg, der wie ein Schatten über der Welt liegt, ein Verbrechen an Kultur und Menschheit darstellt. Nach einiger Zeit, in der er in einer Militärverwaltungsstube offenbar erstaunlich zufrieden damit war, leere Seiten mit Ordnungslinien zu füllen, wird Rilke freigestellt und gerät in die Trubel der Revolution.
Die bei ihm einhergehen mit denen der Liebe. An die ist er gewöhnt. Die Revolution verlangt ihm da schon mehr an Toleranz und Willensstärke ab, obwohl er ihr zunehmend offen gegenübersteht. Alois Prinz ist zum Glück ehrlich genug, in seiner Rilke Bewertung auch dessen ganz frühe, ziemlich furchtbare Gedichte zu erwähnen. Auch die großen Poeten fallen nun mal nicht vom Himmel.
Starke Frauen
Gewissermaßen wie nebenbei gelingt es ihm, in seinem knapp 300 Seiten langen Text einfühlsame Porträts jener Reihe beeindruckender Frauen zu zeichnen, die Rilkes Lebensweg bestimmten. Unter denen Lou Andreas-Salomé, mit der er fast Zeit seines Lebens mal „oberirdisch“, mal „unterirdisch“ verbunden blieb, und seine Ehefrau Clara Westhoff die herausragendsten sind.
Bevor es Rilke nach dem blutigen Ende der Münchner Räterepublik in die Schweiz verschlägt, verabschiedet er sich bei Lou Andreas-Salomé: „Ich aber gehe, wie die Tiere gehen, wenn die Schonzeit vorüber ist.“
Dieses Buch ist eine Wunderkammer an Anekdoten und Einsichten. Es zu lesen, bereitet großes Vergnügen. Den einzigen Punkt, den ich dem Buch vorwerfen kann, ist, dass Alois Prinz bei einem so kurzen und prägnanten Buch etwas zu ausführlich auf Rilkes Haltung zur Religion eingeht. Aber das ist Klage auf hohem Niveau.
Alois Prinz „Wohin gehöre ich?“ Insel Verlag, Berlin 2026, 20 Euro.
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