In unserer LZ-Klimareihe fragen wir: Wer muss schon heute mit den Folgen der Klimakrise umgehen? Wie verändert sie Arbeit und Alltag – und wen haben wir dabei bislang zu wenig im Blick? Dafür sprechen wir seit Anfang 2026 mit Menschen aus Leipzig und der Region, die Veränderungen unmittelbar erleben – und mit Fachleuten, die erforschen, was auf uns zukommt und wie wir damit umgehen können. Für Folge 3 trafen wir Torsten Kolbe, den Leiter des Direktionsbüros der Branddirektion Leipzig. Mit ihm haben wir uns über die Folgen des Klimawandels, die Belastung der Einsatzkräfte und neue Wege beim Klimaschutz unterhalten.

Starkregen, Hitze und Vegetationsbrände verändern die Arbeit der Feuerwehr Leipzig. Zwar machen klimabedingte Einsätze bislang weniger als zehn Prozent des gesamten Einsatzaufkommens aus. Zum Problem wird jedoch, wenn innerhalb kürzester Zeit hunderte Notrufe eingehen und gleichzeitig der normale Einsatzbetrieb weiterlaufen muss.

Feuerwehr Leipzig: Wenn Extremwetter zum Parallelproblem wird

Die entscheidende Herausforderung liegt für Kolbe nicht allein in der Zahl der wetterbedingten Einsätze. Es ist vor allem ihre Gleichzeitigkeit. Bei einem schweren Starkregen können in Leipzig und der Region innerhalb kürzester Zeit hunderte Notrufe eingehen. Überflutete Straßen und vollgelaufene Keller müssen dann ebenso bearbeitet werden wie Brände, Verkehrsunfälle oder medizinische Notfälle, die währenddessen weiterlaufen.

Der Ausnahmezustand ersetzt den Alltag also nicht – er kommt zu ihm hinzu. Um solche Einsatzlagen zu bewältigen, kann die Branddirektion einen Führungsstab einberufen und die verfügbaren Kräfte neu koordinieren. Dennoch kann es in solchen Situationen passieren, dass die vorgesehenen Hilfsfristen nicht überall eingehalten werden.

Starkregen und Hitze verändern das Einsatzgeschehen

Neben Starkregen rücken weitere Folgen des Klimawandels in den Fokus der Leipziger Feuerwehr. Vegetations- und Feldbrände nehmen als Einsatzrisiko an Bedeutung zu. Bei größeren Waldbränden unterstützt die Feuerwehr Leipzig zudem andere Regionen, unter anderem in Nordsachsen, der Sächsischen Schweiz und der Lausitz.

Auch extreme Hitze stellt die Einsatzkräfte vor neue Herausforderungen. Besonders ältere und gesundheitlich belastete Menschen können unter langanhaltenden hohen Temperaturen leiden. An einzelnen heißen Tagen kann dadurch die Belastung des Rettungsdienstes deutlich steigen. Der Klimawandel zeigt sich für die Feuerwehr damit nicht nur in spektakulären Unwettern. Er verändert zunehmend die Rahmenbedingungen des täglichen Einsatzbetriebs.

Klimaschutz bei der Feuerwehr: Vom Elektroauto zum elektrischen Löschfahrzeug

Dabei steht die Feuerwehr vor einem besonderen Widerspruch. Sie muss die Folgen von Klimawandel und Extremwetter bewältigen, arbeitet dafür aber mit großen Fahrzeugen und leistungsintensiver Technik, die selbst Energie und Ressourcen benötigt. Die Branddirektion Leipzig versucht deshalb, auch den eigenen CO₂-Ausstoß zu reduzieren. Im normalen Dienstbetrieb kommen bereits Elektro- und Hybridfahrzeuge zum Einsatz, zudem wird Solarstrom genutzt.

Noch einen Schritt weiter geht ein gemeinsames Entwicklungsprojekt mit einem Fahrzeughersteller. Geplant ist ein vollständig elektrisch betriebenes Hilfeleistungslöschfahrzeug (HLF). Nicht nur der Antrieb des Fahrzeugs, sondern auch die Löschpumpen sollen elektrisch betrieben werden. Damit wird die Feuerwehr selbst zum technischen Versuchsfeld für die Frage, wie Klimaschutz und Einsatzfähigkeit miteinander vereinbar sind.

Waldbrände: Wenn Einsatzkräfte selbst die Kontrolle verlieren

Besonders deutlich werden die Grenzen bei großen Waldbränden. In der Lausitz hätten Einsatzkräfte bereits Situationen erlebt, in denen die Dynamik des Feuers lebensgefährlich wurde und das Geschehen nicht mehr vollständig kontrollierbar war, berichtet Kolbe.

Hinzu kommt ein ökologischer Kreislauf: Brennen große Waldflächen ab, gehen wichtige CO₂-Speicher verloren. Damit verschärft sich langfristig genau das Problem, dessen Folgen die Einsatzkräfte bekämpfen. Für die Feuerwehr bedeutet der Klimawandel deshalb auch, sich auf zunehmend schwer kalkulierbare Einsatzlagen einzustellen.

Torsten Kolbe (Leiter des Direktionsbüros der Branddirektion Leipzig). Foto: Jan Kaefer

Psychische Belastung: Wenn Helfer selbst Hilfe brauchen

Die Folgen solcher Einsätze reichen über die Einsatzstelle hinaus. Feuerwehrleute und Rettungskräfte müssen auch dann professionell handeln, wenn sie mit zerstörter Infrastruktur, existenziellen Schäden oder lebensgefährlichen Situationen konfrontiert sind. Gleichzeitig entsteht ein zusätzlicher Druck, wenn bei einer außergewöhnlichen Notrufwelle die eigenen Ansprüche – etwa bei den Hilfsfristen – nicht mehr überall erfüllt werden können.

Um Einsatzkräfte nach besonders belastenden Ereignissen zu unterstützen, gibt es in Sachsen ein spezielles Einsatznachsorgeteam. Die feuerwehrerfahrenen Mitglieder leisten erste psychologische Unterstützung und helfen bei der Verarbeitung schwieriger Einsätze.

Klimapolitik: „Vorschlaghammer“ reicht für Kolbe nicht aus

Die Herausforderungen sieht Kolbe nicht nur bei Feuerwehr und Rettungsdienst. Auch die Politik müsse beim Klimaschutz stärker darauf achten, wie Maßnahmen vermittelt und umgesetzt werden.

Dass CO₂ zur Erderwärmung beiträgt, sei wissenschaftlich seit Langem bekannt. Trotzdem werde die Klimadebatte zunehmend populistisch geführt. Als Beispiel nennt Kolbe das Heizungsgesetz. Notwendige Veränderungen dürften nicht mit einer „Vorschlaghammer-Methode“ durchgesetzt werden, sondern müssten verständlich erklärt und praktisch umsetzbar sein.

Seine Forderung: wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nehmen, klare Regeln schaffen und die Menschen bei der Umsetzung mitnehmen.

Was Leipzig aus Sicht der Feuerwehr tun kann

Kolbe setzt dabei auf mehrere Ebenen. Die Feuerwehr müsse sich organisatorisch auf extreme Wetterlagen vorbereiten, ihre Einsatzkräfte schützen und technische Innovationen vorantreiben. Gleichzeitig brauche es eine Klimapolitik, die nicht nur Ziele formuliert, sondern konkrete und nachvollziehbare Lösungen anbietet. Auch das persönliche Verhalten spielt für ihn eine Rolle. Kolbe selbst nutzt regelmäßig den öffentlichen Nahverkehr, fährt ein Elektroauto, versucht Plastikmüll zu vermeiden und lässt Bäume pflanzen.

Die Feuerwehr kann den Klimawandel nicht stoppen. Sie kann aber zeigen, was Klimawandel in einer Stadt praktisch bedeutet: nicht unbedingt mehr Einsätze im Jahresdurchschnitt, sondern mehr Situationen, in denen viele Probleme gleichzeitig auftreten. Genau dann entscheidet sich, wie belastbar die Systeme sind, auf die sich eine Stadt im Notfall verlassen muss.

Das Video ist Teil des LZ-KlimaTV und bei der Leipziger Zeitung zu sehen. Dieses Gespräch ist Teil der LZ-Klimareihe mit Unterstützung des KuGel e.V. In den kommenden Wochen erzählen weitere Menschen, wie die Klimakrise ihre Arbeit und ihren Alltag verändert.

Wir finden: Solche Gespräche gehören in die Öffentlichkeit. Deshalb machen wir sie. Wenn ihr sie sehenswert findet, gebt ihnen die Reichweite, die guter Journalismus verdient.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Jan Kaefer über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar