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Zwischen Hölderlin und Hitler: Das schwer zu greifende Leben der Schriftstellerin Imma Bodmershof

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    Es wird – auch wenn es um Geschichte geht – viel zu wenig über Elite nachgedacht. Wer gehört dazu? Wie denkt diese Elite? Welche Folgen hat das für die Politik? Man muss sich ja nur in den Medien umschauen: Wir stellen uns heute genauso blind wie vor 100 Jahren. So gesehen geht es in dieser Biographie gar nicht um Hitler. Sondern um die Eliten Österreichs und Deutschlands. Und ihr apokalyptisches Denken.

    Eliten und ihre Verlustangst

    Und sage keiner, diese Leute würden heute nicht wieder genauso apokalyptisch denken. Das tun sie nämlich immer genau dann, wenn ihr Modell der Macht in strukturelle Krisen gerät. Ganz unbewusst. Es ist ja auch nicht so, dass die Vertreter dieser Elite wüssten, warum sie so denken. Man denkt ja bei Elite immer zuerst an eine wissende Elite. Aber so definieren sich Eliten nicht. Eliten definierten sich durch Besitz, Macht und Wirkmächtigkeit, durch Standesdenken und extremen Konservatismus. Denn natürlich haben sie etwas zu verlieren – sogar eine Menge mehr als die Dienstboten und Putzhilfen, die sie beschäftigen.
    Was hat das jetzt mit der Schriftstellerin Imma von Bodmershof zu tun, Tochter des Philosophen, Hochschuldozenten und Gutsbesitzers Christian von Ehrenfels? Mit Hitler selbst hatte sie eigentlich nichts zu tun. Und die meisten Leser/-innen von heute werden nicht einmal etwas mit ihrem Namen anfangen können, obwohl sie mal berühmt war, viel gelesen und mit österreichischen Staatspreisen ausgezeichnet wurde. Und bestimmt stehen ihre Bücher auch noch in mancher Bibliothek und in diversen Archiven.

    Das Unausgesprochene wird spürbar

    Bücher, die zumindest das Etikett Heimatliteratur verdienen, nicht nur, weil das Waldviertel, in dem die Ehrenfels ihre Güter hatten, eine wesentliche Rolle darin spielt, sondern auch, weil die handelnden Figuren aus ihrer Erdverbundenheit ihre Kraft gewinnen. Verständlich also, wenn sich spätere Leser/-innen schwer tun damit, obwohl die Romane zu Lebzeiten der Autorin begeistertes Echo hervorriefen und für Peter Suhrkamp regelrecht ein Lichtblick waren für sein Verlagsprogramm in den 1940er Jahren. Denn die Verlage spürten es alle, was für ein massiver Verlust die Vertreibung der besten und kritischsten Autorinnen und Autoren aus Deutschland und Österreich war.

    Aber genau hier wird das Leben und Schreiben Imma von Bodmersdorf interessant, wird das Unausgesprochene spürbar, das auch heute noch unsere Gesellschaft durchwabert. Das Autoren wie Martin Heidegger nach wie vor zu einem akzeptierten Teil des deutschen Philosophenkosmos machen. Mit Heidegger pflegte Imma sogar einen ausführlichen Briefwechsel. Und wahrscheinlich könnten wir heute auch ganz anders darüber denken, hätte es nicht die beiden Katastrophen gegeben, die die vom Untergang regelrecht faszinierten Eliten Deutschlands und Österreichs ausgelöst haben – eng verquickt mit ihrem fatalen Auserwähltheitsdenken.

    Das lässt sich beides nicht trennen. Genauso wenig wie man den geradezu hymnischen Stil daraus wegdenken kann, mit dem selbst noch die banalste Aussage überhöht wurde.

    Pathos und überschäumende Schwärmerei

    Und da sind wir bei Hölderlin und der seltsamen Rolle, die dieser geradezu im Hymnischen irre gewordene Dichter in der Zeit des Ersten Weltkriegs spielte. Und es war Immas Geliebter und letztlich Verlobter Norbert von Hellingrath, der damals die erste maßgebliche Hölderlin-Gesamtausgabe vorbereitete. Natürlich tun sich hier Seiten- und Abwege auf, spätestens, wenn man die großzügig in den Text übernommenen Passagen aus Immas und Norberts Briefen liest und sich fragt: Haben die wirklich in dieser überschäumenden Schwärmerei gelebt und geliebt? Diesem wagnerschen Pathos, das man ja in ähnlicher Form auch bei Nietzsche findet und bei vielen anderen Dichtern und Philosophen aus Deutschland in dieser Zeit?

    Ein Pathos, das man auch in den ganzen Weltende-Büchern dieser Zeit findet. Und das einem ziemlich sauer aufstößt, wenn man weiß, dass diese Leute nicht nur den Weltgeist beschworen und gleich für mindestens das ganze Abendland reden wollten, sondern dass ihre seltsamen Ideen eben auch das Denken der Elite formten und durchtränkten.

    Wo schon ein berüchtigter Diktator verkehrte

    Und das Bedrückende dabei ist: Diese Leute dachten sich wohl nicht viel dabei, schon gar nicht, welche Folgen das haben würde, wenn die kruden Gedanken etwa eines Houston Stewart Chamberlain einmal in die Tat umgesetzt werden würden. Und dieser Chamberlain war regelmäßiger Gast im Salon von Elsa Bruckmann in München, deren Neffe Norbert von Hellingrath war. So kam auch Imma in „diese Kreise“, wobei das Verblüffende an Bruckmanns Salon war, dass sich hier auch ganz und gar nicht konservative Köpfe der Zeit trafen – Leute wie Rainer Maria Rilke, Karl Wolfskehl oder Thomas Mann, ebenso Stefan George.

    Und trotzdem lud Elsa Bruckmann später Adolf Hitler ein und verschaffte ihm damit ein Sprungbrett in die Münchner Highsociety und damit den Schlüssel für seinen Aufstieg. Ohne die Unterstützung der damaligen Elite wäre ein Hitler niemals groß geworden. Dass Elsa Bruckmann später entsetzt war über das, was Hitler anrichtete, ändert leider nichts daran, dass nicht nur sie augenscheinlich völlig blind war für das, was von ihr gefördert wurde.

    Witwentum und zweite Heirat

    So, wie Eliten augenscheinlich meistens blind sind für die Folgen ihres Tuns. Sie schwärmen zu gern und leben nur zu gern in dystopischen Weltvorstellungen, in denen sie ihren eigenen Untergang mit dem Untergang des Abendlandes verwechseln.

    Wir wissen nicht wirklich, inwieweit Imma Bodmershof selbst diese Kontakte hatte, denn auch nach dem frühen Tod von Norbert von Hellinghaus 1916 in Flandern hielt sie die Kontakte zur Familie Hellingrath und damit auch zu Bruckmanns aufrecht. Auch verständlich, denn die schwärmerische Liebe zu Norbert von Hellingrath, der sie auch deshalb vor dem Krieg nicht heiraten konnte, weil er keine feste Anstellung hatte, war dennoch die Liebe ihres Lebens.

    Und das schien auch die Heirat mit Wilhelm von Bodmershof nicht zu stören, mit dem sie dann auch das Gut der Eltern bewirtschaftete. So gut es ging, denn Bodmershof scheint als Geschäftsmann eher kein Talent gehabt zu haben. Jedenfalls sind Immas Briefe voller Klagen über die Schulden und die gescheiterten Projekte. Andererseits konnte sie ohne Wilhelm nicht schreiben.

    Starre Muster bringen nicht weiter

    Da Cécile Cordon sich eng an Immas Briefe und Aufzeichnungen hält, bleiben logischerweise bergeweise Fragen offen, die man aus diesem Material heraus auch nicht klären kann. Immerhin trat Wilhelm frühzeitig der NSDAP bei und nahm wichtige Ämter ein, wie das des Ortsgruppenführers, die ihm nach dem Krieg auch einen Entnazifizierungsprozess eintrugen.

    Wobei auch das so eindeutig nicht ist, denn zum Freundeskreis zählte auch Ulrich von Hassell, der später zu den Verschwörern des 20. Juli gehören sollte. Und aus dem Freundeskreis ihres Vaters Christian von Ehrenfels kannte Imma auch Max Brod (der Kafka förderte) und Tomás Garrigue Masaryk, den ersten tschechischen Präsidenten. Es bringt also nichts, die heute üblichen starren Muster über diese Welt zu legen.

    Welt der Extreme und elitäre Sprachlosigkeit

    Das größte Kuriosum dabei ist dann gar noch der Nachbar der Bodmershofs, der eins der alten Ehrenfelsschen Güter erworben hatte: Hermann Ehrhardt, aus der Geschichte eher bekannt als Putschist (Kapp-Putsch) und Freikorpsführer, der dann aber im Waldviertel das Leben eines Gutsbesitzers führte. Rund um Imma Bodmershof entfaltet sich also eine Welt der Extreme und zumindest ihre nachgelassenen Briefe verraten nichts darüber, wie sie darüber wirklich dachte. Und so kann auch Cécile Cordon das Thema nur umkreisen, zeigt aber vielleicht gerade deshalb, warum es diese elitäre Sprachlosigkeit gibt.

    Denn auch wenn Imma von Bodmershof keine Person mit so einem Netzwerk wie Elsa Bruckmann war, wird ziemlich deutlich, dass es genau dieses deutsch-österreichische Netz der konservativen Eliten war, dessen Untergangs-Obsessionen nicht nur eine entsprechende Flut von Literatur hervorbrachte, sondern auch den Lauf der Geschichte radikalisierte. Die frühen Radikalen sind in der Regel nur Schwärmer, offen für die seltsamsten Ideen, in diesem Fall auch einem geistig „sublimierten“ Antisemitismus, den sie selbst dann goutierten, wenn sie jüdische Standesgenossen zu ihren Gästen zählten.

    Als wäre da regelrecht eine Blindwand eingezogen, die das feine Destillieren eines artifiziellen Antisemitismus nicht in seinen Konsequenzen sah. Nicht sehen wollte. Ging es doch irgendwie immer nur um sie, die Bewohner einer alten Welt, die alle Zeichen ihres Endes in sich trug.

    Werte – oder nur Schimären?

    Darüber hat ja Joseph Roth genauso eindrucksvoll geschrieben wie es dann auch Stefan Zweig in „Die Welt von gestern“ tat. Eine Welt, die sich ja auch schon für die junge Imma von Ehrenfels deutlich veränderte. Wie sehr das konservative Wertefundament der k.u.k.-Monarchie schon vor dem Jahr 1900 bröckelte, wusste ja auch ihr Vater nur zu genau. Deswegen muss man auch aufpassen und darf die Weltuntergangsstimmung der konservativen Elite nicht mit der Stimmung der Zeit selbst verwechseln.

    Das tun Eliten selbst ja nur zu gern und färben dann auch im Rückblick die Geschichte entsprechend ein. Ganz so, als hätte all das aus völlig unerfindlichen und von ihnen nicht beeinflussbaren Gründen stattgefunden. Hinterher war dann immer niemand dran schuld. Und eifrig wird wieder die Weste weiß gewaschen, Karriere gemacht und das nationale Tschingderassa durch wehmütige Heimattümelei ersetzt.

    Da darf man durchaus an all die gut gekleideten Schwadroneure von heute denken, die so gern Heimatministerien gründen und über „unsere Werte“ reden wollen, an denen wir uns alle messen sollen. Obwohl es nicht unsere Werte sind. Nicht sein können. Vielleicht sind es auch gar keine, sondern nur Schimären, all der alte Klimbim, der für gewöhnlich in den Abstellkammern der Schlösser verstaubt.

    Sinnloser Tod auf dem Schlachtfeld

    Irgendwie wünscht man sich ja beim Lesen, dass man irgendwann so einen kleinen Blick erhascht auf die Imma von Bodmershof, wie sie wirklich dachte, unverstellt, ohne Pathos, ohne diese hohe Kunst, mit vielen schwärmerischen Beschreibungen das Eigentliche zu umschiffen und eben nicht zu sagen. Den Stil kennt eigentlich jeder, der sich in die Romanwelt des frühen und späten 19. Jahrhunderts eingelesen hat, eigentlich seit Tieck und Keller – und dann hat das nicht wieder aufgehört, bis die nüchternen Autoren der 1920er Jahre das konservative Feuilleton zum Schäumen brachten.

    Denn das passte nicht zum Kanon des als „Dichter und Denker“ Glorifizierten, wo alles so fein sublimiert ist, dass man sich wie in Sternensphären fühlt und nicht mal stolpert, wenn dann der ganze Gedankenrausch in den Rausch des Krieges mündet. „Wie nur einmal früher ist das Leben hellsichtig geworden … spricht aus gedrängter Enge die Seele, noch beugt sie sich auf sich selber zurück“, schreibt Norbert von Hellingrath 1913 am Imma, nachdem er ein dystopisches Bild vom „Modernen Menschen“ und der kommenden „Ameisenwelt“ gemalt hat. Nur um sich ein Jahr später freiwillig zu melden und in der Schlacht von Verdun einen völlig sinnlosen Tod zu sterben.

    Immas Gedankenwelt bleibt verschlossen

    Natürlich steckt ein Stück Angst darin vor einer Zeit, in der die Technik all die kuscheligen Einsamkeiten des vorindustriellen Zeitalters verdrängen würde, diese ganze romantische Verklärung einer lieblichen Heimatwelt, die für die darin Schuftenden alles andere als romantisch und lieblich war und ist. Aber wie hat sich Imma wirklich darin gefühlt? Das erfahren wir nicht. Sie behält bis zum Schluss ihre Zurückhaltung, wie es aussieht. Es gelingt – bei aller Schwärmerei für Hölderlin und Norbert von Hellingrath – nicht wirklich einzudringen in ihre Gedankenwelt.

    Vielleicht hat Österreich sie genau darum „sehr schnell vergessen“, wie Cécile Cordon am Ende schreibt. Die noch existierenden Schlösser, in denen Imma lebte, beschreibt sie als „Dornröschenschlösser“ und bringt damit indirekt auch zum Ausdruck, was als Gefühl bleibt nach diesem Buch über eine Autorin, die selbst in ihren Briefen nicht wirklich fassbar wird. Wo ist sie tatsächlich selbst in dieser Zeit, in der ihr Mann Wilhelm als Ortsgruppenleiter Teil des Systems ist, ihr Bruder Rolf aber erst nach Griechenland und dann nach Indien geflohen ist. Reduziert sich wirklich alles nur auf Familienbande und Verständnis für die Menschen, mit denen man persönlich verbunden ist?

    Guter Wille, falsche Seite

    Und auch wenn die Hauptfigur – trotz vieler biografischer Details – so unfassbar bleibt, erzählt die Biografie, die Cécile Cordon geschrieben hat, eben doch eine Geschichte. Auch eine über das, was man nicht sieht, wenn man sich nur auf die Geschichte im Scheinwerferlicht fokussiert und vergisst, dass dahinter auch das Denken einer Elite steckt, die ihre Sorgen um Status und Besitz nur zu gern für normsetzend hält. Sehnten sich wirklich alle Österreicher nach dem Krieg zurück in ihre Waldeinsamkeit? Ganz bestimmt nicht, auch wenn der österreichische PEN-Club, wie Wikipedia schreibt, sehr konservativ geprägt war. Und damit auch beeinflusste, was gelesen und mit Preisen ausgezeichnet wurde.

    Wobei man Imma Bodmershof durchaus zugestehen kann, dass sie sich mit den Rissen der Zeit auf ihre Weise beschäftigte – zuletzt in ihrem Spanienroman „Ibarras Bartabnahme“. Das Thema muss sie durchaus beschäftigt haben: Wie kommt es dazu, dass man selbst mit dem Willen, Gutes zu tun, auf der falschen Seite der Front landen kann?

    Fazit: Die ultimativen Antworten bleiben aus

    Auch das ist ein Lebensthema, das Cécile Cordon durchaus mit den verfügbaren Archivbeständen versucht zu erhellen. Als zitiere sie auch deshalb so viel, weil die eigentliche Person nie wirklich greifbar wird, immer schon irgendwie mit etwas anderem beschäftigt – den Weihnachtsvorbereitungen, dem nächsten Gästebesuch, der verhagelten Ernte, der Rettung des Meierhofes, ihren vielen Erkältungen oder der Reise nach Sizilien. Sie ist nicht wirklich zu fassen.

    Zuletzt sieht man sie auch noch bergeweise Briefe verbrennen, nicht nur die eigenen, unter anderem auch die von Elsa und Hugo Bruckmann. So verschwindet auch Geschichte, bleiben Fragen unbeantwortet. Auch für Historiker, die die Rolle der Münchner Highsociety beim aufhaltbaren Aufstieg des Adolf H. beleuchten wollen. Wer hat die Türen aufgemacht: Wer hat die todernsten Töne in den Salongesprächen nicht gehört?

    Man hat durchaus das Gefühl, dass Cordon darauf auch bei Imma Bodmersdorf nach Antworten sucht. Und sie nicht findet.

    Cécile Cordon: Zwischen Hölderlin und Hitler, Eudora-Verlag, Leipzig 2020, 27 Euro.

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