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Unterwegs nach Xanadu: Der Leipziger Anglist Elmar Schenkel erzählt, wie der Westen versuchte, sich ein Bild vom fernen Osten zu machen

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    Die Vorstellungen der Europäer über die Länder des Fernen Ostens sind voller Legenden. Bis in die scheinbar objektiven Nachrichten unserer Gegenwart hinein. Doch wie sehr diese Legenden unseren Blick auf diese Länder verfälschen, ist den meisten Berichterstattern gar nicht bewusst. Das gilt nicht nur für China, Japan und Indien. Aber an diesen drei Ländern kann der Leipziger Anglist Elmar Schenkel kenntnisreich erzählen, wie wir uns unser Bild vom exotischen Osten konstruiert haben.

    Zuletzt begegneten L-IZ-Leser/-innen dem langjährigen Professor für englische Literatur an der Universität Leipzig mit dem Buch „Mein Jahr hinter den Wäldern“, in dem er von seinem Aufenthalt als Dorfschreiber in Siebenbürgen berichtete. Auch das eine einfühlsam beschriebene verstörende Begegnung der Kulturen. Das, was der us-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington 1996 versuchte, als Clash of Cultures zu erfassen in seinem Buch „The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“, 1998 ins Deutsche übersetzt als „Kampf der Kulturen“.So ein richtiges politisches Schlagwort, mit dem man Leute totschlagen kann. Passend zur nach wie vor imperialen Außenpolitik der USA, die ausgerechnet ihre Kultur für die allein maßstabsetzende halten und die Begegnung mit anderen Ländern immer, wirklich immer unter dem Aspekt der Konkurrenz betrachten.

    Dabei geht logischerweise alles unter, was Kulturen voneinander unterscheidet. Und es bleibt kein Raum mehr für das Befremdetsein, die Vorsicht, mit der man einem anderen Land mit einer fremden Sprache und eigenen kulturellen Standards normalerweise begegnen sollte. Dafür steht auch gleich das Umschlagbild, das den Besuch Marco Polos am Hof von Kublai Khan in Shandu zeigt, seinem legendären Herrschersitz in der Inneren Mongolei, der in europäischer Verklärung zu Xanadu wurde.

    Wobei auch Schenkel die nicht wirklich entschiedene Frage diskutiert: War Marco Polo wirklich in China? Oder sind seine Reiseberichte reine Phantasie? Aber wer sonst sollte das alles gesehen und erlebt haben, wenn nicht der Erzähler? Und gerade das, was Marco Polo nicht erzählt hat, macht seine Erzählung zu einem Schlüssel für die Sicht der Europäer in diesem Fall auf China, insgesamt aber auf Asien.

    Denn gerade Marco Polo macht ja vor, dass man das, was man in einem so fernen Land erlebt hat, selbst dann nicht 1:1 in eine europäische Sprache und die europäische Weltvorstellung übersetzen kann, wenn man versucht, für das Erlebte vertraute Bilder zu finden. Und die stammten nicht nur bei Marco Polo zuallererst aus den europäischen Mythologien.

    Wer wüsste das besser als der Anglist Elmar Schenkel, der seit 2019, seit seiner Emeritierung, Vorsitzender des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie ist und sich auch in anderen Büchern schon mit der Aneignung fremder Welten und Kulturen beschäftigte? Natürlich vorrangig literaturwissenschaftlich. Wer sonst hat denn überhaupt die Welt fremder Völker und Religionen jemals erzählbar gemacht, wenn nicht Dichter und Schriftstellerinnen?

    Die Schöpfer von großen Reiseerzählungen, Romanen und Essays? Schenkels heimische Bibliothek muss prall gefüllt sein mit diesen Büchern, von denen er in diesem Buch berichtet, den originalen Werken all der Reisenden, die ihre Begegnungen mit den Kulturen, Philosophien und Geschichten Indiens, Chinas und Japans aufgeschrieben haben, gedeutet haben, anverwandelt haben. Und daneben dicke Biografien über diese Reisenden samt Kritiken und kulturellen Folgen.

    Denn natürlich ist das eine faszinierende Welt, die Schenkel hier beschreibt. Eine, die in Wirklichkeit das Gegenteil dessen beschreibt, was Huntington mit dem Clash of Cultures benannt hat, auch wenn es aus politischer oder wohl besser imperialer Sicht wohl stimmt: Die westlichen Nationen haben seit 200 Jahren nichts lieber betrieben als eine Kanonenbootpolitik, mit der sie die fernen Länder im Osten zwingen wollten, den Handels- und Ausbeutungsbedingungen des Westens zu gehorchen – von der mit Kanonen erzwungenen Öffnung Japans (das sich nach der ersten aggressiven Christianisierung über 200 Jahre ganz bewusst abgeschottet hatte), über den Opiumkrieg gegen China bis zur kolonialen Ausbeutung Indiens.

    Hätte man die Erklärung der Welt den Politikern überlassen, wir wüssten über die Länder da im Osten nur genau das, was den Regierungskabinetten in Washington, London und anderswo genehm wäre. Wir hätten lauter Vorstellungen von primitiven Völkern, Unfähigkeit und Duckmäusertum im Kopf.

    Oder? Wir haben lauter Bilder von primitiven Völkern, Unfähigkeit und Duckmäusertum im Kopf.

    Jedenfalls wenn wir unseren Nachrichtenagenturen glauben, die schon lange vergessen haben, die eigene Sichtweise zu hinterfragen.

    So betrachtet ist Schenkels Buch eine Gegenrede, auch wenn er auf diese politische Meinungsmache, die uns die Welt in primitiven Schwarz-Weiß-Bildern zeigt, nicht weiter eingeht. Denn als Wissenschaftler weiß er, dass die Begegnung mit den Kulturen der drei von ihm ausgewählten Länder vor gar nicht langer Zeit erhebliche Wirkungen auf die Kultur des Westens ausübte. Und zwar tiefgreifend.

    Wer sich mit Hermann Hesse beschäftigt, mit der Indienreise der Beatles, den Bergen von Zen-Literatur, die noch heute als Lebenshilfe in unseren Buchhandlungen liegen, mit dem Einfluss des Buddhismus auf die Beatniks, mit dem Wirken Tagores, mit C. G. Jung, der „Entdeckung Chinas“ durch Leibniz, mit Swifts Gulliver und Ezra Pound, der weiß, wie stark die Kulturen dieser drei Länder auf den Westen wirkten, oft geradezu wie ein möglicher Ausweg aus den materialistischen und egoistischen Sackgassen des europäischen/westlichen Denkens. Zuweilen geradezu wie ein Hoffnungsschimmer, dass wir endlich einmal herauskommen aus den westlichen Schleifen der Gewalt und Entfremdung.

    Man merkt sehr schnell, dass dieses friedliche Bild des Ostens durchaus eine westliche Konstruktion ist. Und in einer Kapitelüberschrift tippt Schenkel das Problem auch mit einem schönen Zitat an: „Lost in Translation.“ Hier auf das wohl erfolgreichste Zen-Buch von Eugen Herrigel gemünzt, der selbst nie Japanisch gelernt hat und bei der Erlernung der Kunst des Bogenschießens auf einen Dolmetscher angewiesen war.

    Umso mehr Wirkung hat sein Buch entfaltet. Wobei das Problem der Übersetzung nicht erst dann auftaucht, wenn einer die Sprache des Landes nicht (perfekt) beherrscht. Denn selbst das räumt die Probleme des Übersetzens nicht aus der Welt. Denn Sprache ist ja nur das Medium. Ein komplexes und durchaus irritierendes Medium, gerade dann, wenn das Schriftsystem der anderen Sprache eine andere Logik hat und ganz andere Vieldeutigkeiten in sich trägt als die Sprache, in die übersetzt wird.

    Sehr schön erklärt es Schenkel an der Übersetzung des Zhuangzi durch den deutschen Missionar und Sinologen Richard Wilhelm aus dem Jahr 1912, die über ein Jahrhundert als die klassische Übersetzung ins Deutsche galt – bis Viktor Kalinke im Leipziger Literaturverlag vor drei Jahren eine neue, vollständige Übersetzung herausgab, die sich enger an das Original anlehnt.

    Denn auch Wilhelm, der durchaus hohen Respekt vor der Kultur Chinas hatte, war nicht davor gefeit, sein europäisches Denken in die Übersetzung einfließen zu lassen, den Text also – wenn auch ungewollt – stark zu europäisieren und den europäischen Denkweisen anzugleichen. Und es ging ja nicht nur Übersetzern so, denen es ja auch am Herzen lag, die fremden Texte den Leseerwartungen ihrer Leser/-innen anzupassen. Sage niemand, dass ein Übersetzer souverän wäre.

    Nicht den Erwartungshaltungen der möglichen Adressaten gegenüber und auch nicht den eigenen Prägungen gegenüber. Denn Begeisterung allein verwandelt einen in Deutschland oder England erzogenen Reisenden nicht in einen Inder oder Chinesen. Er ist immer nur Gast und Reisender. Manchen ist das bewusst und sie schreiben aus dieser Haltung gültige Reisereportagen, die den Erzähler nicht außen vor lassen – so wie Heinrich Schliemann oder Rudyard Kipling.

    Wer aber hat nun unser Bild von diesen Ländern wirklich geprägt? Wie ging das vor sich? Wie hat sich Europa wirklich diese fernen Kulturen angeeignet und sich seine Vorstellungen dieser fernen Reiche geschaffen? Denn in Wirklichkeit war es ein Schaffensprozess, getragen von Missionaren, Reisenden, Glückssuchern und Bewunderern aus westlichen Ländern genauso wie von Reisenden aus dem Osten, die ihrerseits in die befremdlichen Kulturen des Westens reisten, mal als Botschafter oder als Vertreter ihrer Religion, mal als Studierende, mal offenherzig, mal distanziert.

    So entstanden hier wie dort Berichte über die anderen, malte sich jede Seite ihr Bild vom anderen. Oder besser: viele Bilder. Mal suchte man das besonders Exotische, dann wieder glaubte man in der Kultur der anderen Altbekanntes wiederzuentdecken. In Europa sorgte die Beschäftigung mit diesen uralten Kulturen besonders für Furore, weil man gerade um die Wende zum 20. Jahrhundert glaubte, hier eine neue Antike zu entdecken, nachdem man meinte, mit der griechischen und römischen Antike durch zu sein. Gerade für die vielen europäischen Autor/-innen, die Schenkel anführt, ist dieser Versuch, sich die fernen Reiche und Welten aufzuschließen, meist ein Versuch, sich ein eigenes Indien oder China der Vorstellung zu erschaffen.

    Und das in einer Zeit, in der die Mächtigen in Berlin, Paris und London die „gelbe Gefahr“ erfanden und Stimmung machten für ihren kolonialen Eingriff in China. Übrigens ein Vorgang, der einen erstaunlicherweise genau an das erinnert, was die USA gerade mal wieder mit China treiben.

    Die Beweggründe sind immer noch dieselben: Man will eine starke ökonomische Konkurrenz ausschalten. Wieder ausschalten. Denn den Chinesen ist sehr wohl bewusst, dass China einmal über Jahrhunderte ein ökonomisch machtvolles Land war, das in der Wissenschaft und in der Technik führend war. Man hat auch nicht vergessen, wie die westlichen Mächte Chinas Souveränität vor 130 Jahren mit Kanonenbooten angriffen und das Land zum kolonialen Spielfeld machten.

    Doch während Literatur immer ein Gedächtnis hat und sich für Schenkel immer neue Verbindungen zwischen all den Autor/-innen und Akteuren auftun, deren Leben und Wirken er in seinen essayistische Texten skizziert, ist Politik augenscheinlich vergesslich, versucht die Welt in simple Muster zu pressen und auch die Medien dazu zu bringen, das polternde Auftreten gewaltsamer Regierungen in der Welt als humanistischen Akt zu verkaufen, obwohl man dabei permanent die Souveränität anderer Völker infrage stellt und eine eh schon fatale Geschichte fortsetzt, die die Betroffenen jedenfalls nicht vergessen haben.

    Nicht in Indien, nicht in China und auch nicht in Japan, auch wenn alle drei Länder mit ihrer Begegnung mit dem Westen anders umgegangen sind und andere Lösungen (oder Kompromisse) gefunden haben, sich irgendwie damit zu arrangieren.

    Für Japan bedeutete das schon ziemlich bald nach der Kanonenbootpolitik der USA, dass das Land die technischen Entwicklungen des Westens in einem rasenden Tempo nachvollzog, während China dafür rund 100 Jahre länger brauchte, in den letzten 30 Jahren aber eine furiose Aufholjagd begonnen hat, die in den USA natürlich das alte Weltbild der einen, alles beherrschenden Supermacht ins Wanken brachte.

    Eigentlich kann es Schenkel nur andeuten, dass die Wahrnehmung der asiatischen Länder im Westen immer auf eine völlig gespaltene Wahrnehmung traf und trifft. Während neugierige und friedliebende Menschen versuchten, die fremden Kulturen und Philosophien zu verstehen und für sich zu erschließen, so sehr, dass ein großer Teil der westlichen Kultur davon geprägt wurde, haben die Mächtigen und aufs Geschäft Versessenen die Länder im Osten immer nur als mögliche Absatzmärkte und Gegner betrachtet.

    Wer die Welt vor allem aus der Perspektive einer imperialen Macht betrachtet, erzeugt von den anderen immer ein stereotypes Bild, macht sie aus seiner Perspektive zu Gegnern und Konkurrenten, selbst dann, wenn diese Völker einfach nur versuchen, auf eigene Füße und zu eigenem Wohlstand zu kommen und ihrerseits unabhängig von der Bevormundung des Westens zu werden.

    So gesehen entwirft Schenkel hier auch ein Gegenbild zu der auch bei uns gepflegten medialen Sichtweise auf den Fernen Osten, zeigt den Reichtum dessen, was wirklich fleißige Übersetzer/-innen auch im Sinn von übersetzter Kultur, Religion und Philosophie in den Westen gebracht haben. Mit allen Schwierigkeiten, das Gefundene adäquat in unser europäisch geprägtes Denken zu vermitteln.

    Oft ist das, was wirkte, schon die Interpretation einer Interpretation. Was wirklich Literaturkundigen ja vertraut ist. So weit weg von Marco Polo sind wir ja nicht. Und das würdigt Schenkel auch, indem er insbesondere Italo Calvinos phantastisches Reisebuch „Die unsichtbaren Städte“ besonders hervorhebt. Denn wie kann ein Marco Polo am Hofe Kublai Khans eigentlich von dem Italien erzählen, das er kennt, wo doch sein Gastgeber niemals auch nur in der Nähe des Mittelmeeres war? Also bleiben doch nur phantastische Bilder und Allegorien, in denen dieser Marco Polo letztlich immer nur von einer Stadt erzählt – seinem Venedig.

    Und dabei wohl wissend (oder besser: Italo Calvino wusste es), dass wir uns als Erzähler selten bewusst sind, dass auch unsere Vorstellung von der Welt, in der wir aus Gewohnheit leben, letztlich Konstrukte sind. Und zwar Konstrukte, die sich selbst bei Nachbarn schon unterscheiden. Jeder erlebt und erfindet sich ein anderes Venedig – oder besser: viele Venedigs.

    So, wie wir in Schenkels herrlicher Fleißarbeit vielen Indien, vielen Chinas und vielen Japans begegnen, je nachdem, wer zu welchem Zeitpunkt versuchte, eine Brücke über die Sprachen hinweg zu bauen, wer mit wem korrespondierte, wer welche Kontakte fand und wer die Sprachen vor Ort tatsächlich sprach oder tatsächlich in der Übersetzung verloren ging und dabei ein neues Xanadu erfand, das dann wieder bei den Empfängern in Europa für Begeisterung sorgte, weil es so erstaunlich den eigenen Wünschen und Sehnsüchten entsprach.

    Und damit eben auch nicht identisch war und ist mit den politischen Phantasmagorien in unseren Nachrichten, in denen uns die Welt als überall nach denselben Strickmustern funktionierend aufgebrüht wird, obwohl wir immer nur die imperiale Sicht derer serviert bekommen, die da hinten in Asien ihre eigenen geschäftlichen, politischen und militärischen Interessen verfolgen.

    Interessen, die immer bestrebt sind, auch den ins Interesse gerückten Ländern die eigene Sichtweise aufzunötigen. Und damit ein Spiel, dessen Regeln in Washington, London oder Berlin diktiert und überwacht werden.

    So gnadenlos, dass die „Gegenspieler“ gar nicht anders können, als permanent gegen unsere Regeln zu verstoßen, weil wir – zumindest auf dieser aktuellen Ebene – nicht die Bohne Wert darauf legen, die anderen verstehen zu wollen oder gar akzeptieren zu wollen in ihrer Eigenständigkeit, die zuallererst auch einmal Fremdheit ist. Unsere vollmundigen Kommentatoren ignorieren bei laufender Kamera, dass ihr Blick auf „die anderen“ immer ein westlicher ist, dass sie selbst weder unparteiisch noch interesselos sind, sondern Erwartungsmuster bedienen, die zumindest ökonomisch sehr mächtig und gnadenlos sind.

    Und die sich deutlich von den Erwartungsmustern all jener Europäer und Amerikaner unterscheiden, die die wirklichen Übersetzungsversuche aus diesen großen, verblüffenden Ländern immer mit Erwartung und Neugier aufgenommen haben. Sehr wohl wissend, dass sie sich damit vom kommerziellen und gewalttätigen Mainstream der eigenen Regierungen absetzen. Das war zu Hesses Zeiten so wie es zu Zeiten Kerouacs und der Beatles war. Und geändert hat sich daran eigentlich bis heute nichts.

    Im Spiegel der „exotischen“ Literaturen können wir unsere eigenen Widersprüche erkennen. Kein Wunder, dass alle drei Länder für viele Westler immer wieder Traum- und Sehnsuchtsland waren – oft genug auch Enttäuschung, weil man vor Ort nicht fand, was man aus den Büchern herausgelesen hatte.

    Aber in Wirklichkeit hat sich ja nicht viel geändert. Gerade das macht ja Schenkels gewaltige literarische Reise deutlich. Wir stecken immer noch mitten in dem Versuch, uns die großen Länder des Ostens irgendwie mit den martialischen Stereotypen von Macht, Geschäft und „westlichen Werten“ gefügig zu machen. Und scheitern immer weiter daran, weil wir den eigenen Größen- und Deutungswahn nicht sehen wollen.

    Natürlich steht hier ein verlegenes „wir“, denn Schenkel zeigt ja im Grunde auch, wie verzweifelt die Sensibleren und Neugierigen unter uns sind, weil sie auch in grandios übersetzter Literatur aus Indien, China und Japan eine Welt gefunden haben, die es in der von Kalkül besessenen großen Politik nicht geben darf.

    Und weil alle diese Versuche, zwischen den Kulturen zu dolmetschen, eben auch gezeigt haben, dass man sich den jeweils anderen weder komplett aneignen noch verinnerlichen kann. Was letztlich geradezu Respekt verlangt, und zwar gerade dort, wo uns das Fremde unverständlich bleibt, weil es nicht in unsere meist sehr eindimensionale Logik passt.

    Ein Buch, das selbst wie die Entdeckung einer bislang unbeschriebenen Landschaft ist – mit vielen (scheinbar) vertrauten Gestalten und Reisenden, aber noch viel mehr fast vergessenen Gesandten und Grenzgängerinnen, die alle mitgeformt haben an jenem Bild vom fernen Osten, das zumindest lesenden Menschen im Westen vertraut sein dürfte.

    Ein Buch, das man in aller Behaglichkeit unterm Sonnenschirm lesen kann, mit leichter Reisewehmut im Glas und der erstaunlichen Feststellung, dass die Herren Handelskrieger von heute noch nicht einmal begriffen haben, mit wem sie es da eigentlich zu tun haben in jener fernen Welt, aus der die Marco Polos immer so phantastische Berichte mitgebracht haben.

    Elmar Schenkel Unterwegs nach Xanadu, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2021, 26 Euro.

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