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Was ein Leipziger Dorfschreiber aus einem verzauberten Katzendorf in Siebenbürgen zu erzählen weiß

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    Wie kommt ein Leipziger Anglist nach Rumänien? Sollte man nicht erwarten, dass es ihn eher nach England oder Neuseeland verschlägt? Manchmal fällt es einem zu, entstehen Beziehungen und ein emsiger Buchhändler knüpft die Drähte. Und dann ist ein Leipziger Professor auf einmal Dorfschreiber in Katzendorf in Siebenbürgen. Und schreibt tatsächlich darüber.

    Elmar Schenkel ist Professor für englische Literatur an der Universität Leipzig, hat schon über H. G. Wells und Joseph Conrad Bücher geschrieben. Und die Sache mit den Reisebüchern ist ihm auch nicht neu: 2013 erschien von ihm „Reisen in die ferne Nähe. Unterwegs in Mitteldeutschland“ in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Da hatte er sein Dorfschreiberdasein in Cața (deutsch: Katzendorf) gerade hinter sich. Dort hatte er 2011, 2012 in mehreren Aufenthalten das Leben im nördlichen Siebenbürgen beobachtet. Die ungarische Grenze ist nicht weit. Hier überschneiden sich die Sprachen, die Schicksale und die Landesgeschichten.

    Und Literatur fällt dem Kundigen geradezu auf den Fuß. Denn das über Jahrhunderte von den Siebenbürger Sachsen bewohnte Land ist auch als Transsylvanien bekannt. Und da ist man dann bei Bram Stoker und seiner Neuerfindung „Dracula“, die mit dem ursprünglichen Vorbild Vlad III. Drăculea nicht mehr viel gemein hat. Wer heute ins siebenbürgische Schäßburg (rumänisch: Sighișoara), den Geburtstort des Fürsten reist, wird eine Menge Inszenierung um „Drakula“ finden, aber wenig, was wirklich mit dem berühmten Woiwoden zu tun hat.

    Einem wie Elmar Schenkel ist so etwas natürlich präsent und daher macht dieser auch seinen Ausflug nach Schäßburg. Es kann gar nicht anders sein: Wer so mit Literatur aufgeladen ist wie dieser Dorfschreiber auf Zeit, der stolpert über die Berühmten in Rumänien, die heute zum Bestand der europäischen Moderne gehören: über Cioran, Pastior, Ion Creanga, Mircea Eliade oder Georg Maurer, der dann ein bekannter Leipziger Dichter wurde, und Seume – nein, Seume war nicht hier. Der fällt dem Reisenden nur ein als großer Wanderer: Wie hätte Seume das Rumänien seiner Zeit erlebt? Oder Kafka? Oder Balzac?

    Dabei braucht er die alle gar nicht. Sie sind mit dabei. So, wie er auch seine großen englischen Reisenden im Kopf hat. Und seine Vorstellungen von Siebenbürgen natürlich auch. Er wurde ja nicht ohne Grund eingeladen. Denn unübersehbar geht ein Zeitalter zu Ende. Die Siebenbürger Sachsen wandern aus, viele sind nach Deutschland gegangen, sind zu Wochenendsachsen geworden. Ihr Land beginnt zur Erinnerung zu werden. Und damit verschwinden auch Geschichten, Traditionen, Schätze. Denn wenn niemand mehr da ist, der sammelt und bewahrt, beginnen die Dinge zu verschleißen – so wie die alten Kirchenburgen in Siebenbürgen. Nachlässe verstreuen sich in alle Winde. Der Gast sieht nur, wie die Dinge gerade sind. Er sieht nicht, was verschwunden ist. Es sei denn, es gibt noch Leute im Dorf, die es erzählen. Also schreibt er auf, nutzt seine Zeit, die Geschichten festzuhalten, die erzählt werden.

    Und es wird viel erzählt, nicht nur am Tisch im alten Pfarrhaus, wo er untergekommen ist. Denn in Rumänien ticken die Uhren noch anders – wenn sie nicht gar stillstehen. Man grüßt sich noch, wenn man sich begegnet. Wenn man sich nicht gleich zusammen auf die Bank vorm Haus setzt. Das gab es auch im Osten Deutschlands noch da und dort vor gar nicht langer Zeit.

    Schenkel darf erstaunt sein, wie vertraut seine ostdeutschen Kollegen mit dem Leben in Rumänien sind. Er selbst stammt aus Westfalen und weiß säuberlich zu unterscheiden zwischen den Sachsen daheim in Leipzig und den Siebenbürger Sachsen, die einst aus der Rheingegend dem Ruf gefolgt sind ins ferne Rumänien. Und dort ihre Sprache und Kultur und Eigenständigkeit bewahrten. Auch in den Zeiten noch, als der „Schatten“ regierte und Misstrauen das Land im Griff hielt: Misstrauen und Verrat. Das kennen die Ostdeutschen auch.

    Genauso wie den scheinbaren Stillstand der Zeit, wie ihn jüngst erst Axel Heller in seinem „Maramures“-Bildband festhielt. Noch scheint das alte Leben lebendig, werden die Bräuche gepflegt, die Holzhäuser und Höfe instandgehalten. Auch wenn die Veränderung schon mit aller Macht hereindringt, nicht nur mit Smartphones und Klamotten aus Westeuropa, auch mit den Vergleichen, die Schenkel zieht. Denn er kommt ja von dort und merkt nun in seinem geliebten Katzendorf, dass es auch Freiheiten gibt, deren Verlust man erst bemerkt, wenn man sich auf so ein Abenteuer einlässt. So wird ihm Deutschland auch als ein Land der Verbote bewusst, der privatisierten Landschaften, der Privatwege und Privatwälder. Und er trifft auch jene Rumänen, die enttäuscht zurückgekehrt sind aus dem von Normen und Regeln eingeschnürten Deutschland. Aus einem Deutschland, in dem man nicht mehr miteinander redet – im Zug zum Beispiel.

    Schenkel genießt es regelrecht und lässt sich die Geschichten der Mitreisenden erzählen. Und erlebt wieder Vertrautes, wie er es von der Uni Leipzig kennt, wo es augenscheinlich noch die völlig unvereinbaren Erinnerungen der Mitarbeiter aus dem Osten gibt – denen, die das Vergangene positiv bewerten und jene, die es in schwarzen Farben malen. So ähnlich ist es auch in Rumänien.

    Nur dass sich das alles viel stärker vermengt und unter der freundlichen Oberfläche die Ressentiments brodeln: Ungarn, Rumänen, Deutsche – und vor den Deutschen hat man schon wieder Angst. Wer weiß, was sie anrichten, wenn sie hier jetzt als Geschäftsleute und Investoren auftauchen. Denn Rumänien selbst ist ein armes Land. Die Hälfte der Familien, die in Katzendorf leben, ist von Sozialhilfe abhängig. Logisch, dass man da wieder tauscht wie früher und einander aushilft, wo man kann. Und trotzdem mit Misstrauen auf die Noch-Ärmeren herabschaut: die Tsigani, wie sie sich hier selbst nennen. Auch das muss diskutiert werden. So einfach, wie es sich kluge Leute gern in Deutschland machen, ist es oft nicht.

    Und auch übers Betteln denkt Schenkel nach. Es ist allgegenwärtig und man ahnt, wie er da bildhaft erzählt, dass auch das Betteln zur Kommunikation gehört in so einer Welt, dass sich darin auch die sozialen Differenzen zeigen und den Gebenden herausfordern: Nimmt er die Herausforderung an und ist bereit, den Kontakt zu öffnen? Oder verweigert er sich, sein stures deutsches „Betteln verboten“ im Kopf?

    Aber da sich Schenkel darauf einlassen wollte, lässt er sich nicht erschrecken, lässt sich lieber erzählen und genießt die fein abgestuften Wünsche der Menschen, die ja tatsächlich wenig haben und für die selbst ein Paket aus Deutschland ein echtes Geschenk ist.

    Natürlich erlebt er mit seinen Aufenthalten eine Gesellschaft, wie es sie im nördlichen Deutschland nicht mehr gibt, wie sie hier vielleicht noch vorm ersten Weltkrieg zu finden war, bevor die großen Gleichschalter auch die Vielfalt zerstörten, die viele ländliche Regionen deutlich unterschieden von den modernen und beschleunigten Städten. Damit ging auch das Gefühl für Zeit verloren. Auch das ist Unfreiheit: Nicht mehr so frei zu sein, nichts mehr tun zu müssen.

    Verluste werden auch dem Reisenden erst bewusst, wenn er innehält und sich einlässt auf so einen Ort wie Katzendorf, auf den Rhythmus des Lebens, das Unberechenbare in den nicht durchorganisierten Dingen. Und dabei gerät Elmar Schenkel in einen Erzählfluss, der einem vertraut vorkommt – vielleicht ein bisschen an Bobrowski erinnert oder Grass. Vielleicht für Schenkel mehr Grass als Bobrowski. Obwohl beide ihre großen Geschichten auch hier in Siebenbürgen hätten spielen lassen können, wenn es sie nicht so sehr an die einstigen östlichen Provinzen gefesselt hätte. Aber der Ton ist vertraut, diese sprachgewordene Aufmerksamkeit für ein Leben, das kein Stakkato kennt, in dem selbst die Züge langsam fahren und jeder weiß, dass man an Bahnhöfen Geduld braucht.

    Und so lernt Schenkel im fernen Rumänien, was so auch in seiner Wahlheimat Sachsen gilt: „Das Entscheidende ist wirklich die Kommunikation mit den Beteiligten, den Roma, den Rumänen, den Sachsen, den Ungarn. Vorurteile verbreiten sich dort, wo übereinander, viel seltener, wenn miteinander geredet wird.“

    Denn hinter der äußerlich sichtbaren „Romantik“ verbergen sich immer Schicksale von Menschen, die ihre Träume versuchen zu erfüllen, ihre Vorstellungen von der richtigen Liebe und von den wichtigen Dingen im Leben haben – und sich zumeist geradeso durchschlagen und über Wasser halten. Dabei bekommt Schenkels Erzählung oft etwas Poetisches, lässt er auch Märchen und Legenden nicht aus, wenn sie ihm begegnen. Und selbst seinen Gastgeber, den „Baron“ hebt er beinah ins Mythische, weil dieser oft genug einfach so verschwindet. Was in Katzendorf kein Problem ist, denn man muss nur vors Haus gehen und lernt die Nachbarn kennen. Und eigentlich weiß jeder über jeden Bescheid.

    Auch wenn Schenkel Rumänien am Ende für sich mit „Zerrissenheit“ übersetzt. Obwohl die rumänische Zerrissenheit zwischen Osten und Westen ja eigentlich nur – auf sehr bildhafte Weise – die Zerrissenheit des Nordens spiegelt, in der Stille die Ratlosigkeit der von der Moderne Getriebenen, die nun schon in Siebenbürgen einfliegen, als könnten sie hier endlich wieder Luft bekommen, kurz mal aussteigen aus dem Getrieben-Sein.

    Nur: Wie lang wird das noch bleiben? Es sind ja wir selbst, die keine Geduld mehr haben und keine Zeit.

    Da passt der fast lyrische Ton, mit dem Schenkel auch die Dämmerungen, die Sonntagsstillen und die knisternden Wintertage einfängt, in denen ein mächtiges Feuer im Kamin gegen die Kälte hilft. Am Ende wird es ein Buch wie eine Reise in ein fast vergessenes Land. Obwohl es ja eigentlich fast um die Ecke liegt. Aber derzeit werden ja die Entfernungen in Europa wieder größer, verschwinden Länder wieder hinter Zäunen, wird das Fast-Vertraute wieder fremd, weil alle über alle reden. Aber kaum noch einer mit denen, die es wirklich betrifft.

    Elmar Schenkel: Mein Jahr hinter den Wäldern, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2016, 24 Euro.

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