14.5 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

55 kuriose Grenzen und 5 bescheuerte Nachbarn: Das überfällige Buch zu manchmal irren Grenzzuständen

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Das Video zu diesem Buch empfiehlt der Katapult Verlag selbst. Denn die Sängerin Nenda bringt in ihrem Clip auf den Punkt, welche verstörende Rolle Grenzen in unserer Zeit spielen. Die Schicksale, die Menschen dabei erfahren, kann Fabian Sommavilla natürlich nicht sichtbar machen, wenn er sich auf 250 Seiten mit der Willkür heutiger Grenzverläufe beschäftigt.

    Zu Katapult bekam er Kontakt, als er dort mal als Praktikant tätig war und sah, was die Kolleg/-innen da so alles mit Landkarten und Grafiken anstellten. Denn das Katapult Magazin hat ja deshalb so einen durchschlagenden Erfolg, weil es mit oft witzigen Grafiken und verblüffenden Karten zeigt, wie unsere Welt wirklich ist. Und das alles nicht so trocken, wie das mit wissenschaftlichen Landkarten oft daherkommt.Denn manche Verhältnisse merkt man erst, wenn Länder auch mal schrumpfen können oder sich gigantisch aufblasen. Etwa wenn es um das CO2-Aufkommen diverser Staaten geht oder um Fleischverzehr, Trinkwasser oder Krankenhäuser. Solche bildgewordenen Landkarten zeigen oft erst, wie ungerecht und ungleich es zugeht in der Welt.

    Aber Sommavilla, der seit 2018 Redakteur bei der österreichischen Tageszeitung „Standard“ ist, merkte da wohl, dass viele der verwendeten Karten so ihre Tücken haben. Was nicht an den Katapult-Machern liegt, sondern an den oft weißen Verursachern dieser Grenzziehungen. Den meisten fällt es im Erdkundeunterricht auf, wenn sie die schnurgeraden Grenzen in Nahost oder in Afrika sehen, die ganz eindeutig weder Rücksicht auf die dort lebenden Menschen, noch auf die üblichen natürlichen Grenzen wie Bergketten oder Flüsse nehmen. Es sind eindeutige Reißbrettgrenzen, gezogen von (ehemaligen) Kolonialmächten, die damit ihre Idee des eindeutig begrenzten Staatsterritoriums, die sie aus Europa mitgebracht hatten, in den von ihnen unterjochten Weltteilen zur Anwendung brachten.

    Man wundert sich überhaupt nicht, dass viele dieser Grenzen bis heute Konfliktpotenzial in sich bergen. Erst recht, wenn in den meist in Kolonialzeiten niedergeschriebenen Verträgen unklare Formulierungen dafür sorgen, dass sich die letztlich selbstständigen jungen Nationalstaaten dennoch blutig in die Wolle bekamen. Oder wenigstens jahrzehntelange Streitigkeiten die Region zum Pulverfass machen.

    Aber es gibt auch noch Dutzende andere Gründe, die dafür sorgen können, dass sich Länder immer wieder vor Gericht treffen, um endlich eine eindeutige Regelung für einen Fall zu bekommen, in dem es zuweilen wirklich um ganz elementare Bedürfnisse geht wie den Zugang zu Fischgründen, zu Küsten, Flüssen oder Bodenschätzen.

    Was natürlich nicht ausschließt, dass es auch noch die im Titel erwähnten „bescheuerten Nachbarn“ gibt, wobei es im Buch selbst keine Hinweise gibt darauf, wer damit gemeint sein könnte. Etwa Marokko, das seit Jahrzehnten große Teile der Westsahara besetzt hält und die eigentlichen Bewohner der Region daran hindert, einen eigenen Staat zu gründen?

    Oder die Türkei, die mit der Besetzung Nordzyperns für einen nun ebenfalls seit Jahrzehnten gärenden Konflikt gesorgt haben, der längst so verfahren ist, dass an eine so simple Lösung wie den Berliner Mauerfall nicht mal im Traum zu denken ist. Ähnlich halten ja China, Indien und Pakistan den Konflikt um Kaschmir am Kochen, sodass jeder Kartenzeichner gut beraten ist, in dieser Region lieber keine offiziellen Grenzen einzumalen, auch dann nicht, wenn die drei streitenden Nachbarn seit Jahren nicht mehr als das Gebiet kontrollieren, dass sie auch wirklich kontrollieren können.

    Aber das ist ja auch irgendwie so ein typisch chinesischer Versuch, mit der Gründung neuer Dörfer in der Einöde wieder Anspruch auf neue Landstreifen zu bewirken. Dasselbe macht China ja auch mit Inselbau im südchinesischen Meer und verärgert dort sämtliche anderen Nachbarn, deren Küsten an dieses Meer grenzen. Verständlich wird so ein Übergriff meistens dann, wenn man weiß, dass es fast immer um Bodenschätze geht.

    Und nicht immer geht das so relativ friedlich zu wie bislang in der Arktis, wo die Anrainerstaaten immerhin einen gemeinsamen Rat gegründet haben, der die Interessen in der Region wenigstens versucht friedlich zu ordnen.

    Ob es die Staaten, die Zugriff auf die Antarktis wollen, auch schaffen, ist offen. Dort gibt es so ein Gremium nicht, auch weil sich die Mehrheit der Staatengemeinschaft eigentlich darauf geeinigt hat, dass die Antarktis nicht auch noch unter diversen Nationalstaaten aufgeteilt wird.

    Es gibt sie tatsächlich, die Beispiele, in denen es Ländern gelingt, Grenzunklarheiten friedlich zu regeln. Oft mit überraschenden Lösungen, wie Frankreich und Spanien mit einer Flussinsel oder Deutschland, Österreich und die Schweiz am Bodensee. Oder selbst Brasilien und Uruguay mit einer Grenzstadt, durch die eben – anders als an der Grenze der USA und Mexikos oder in Jerusalem – keine Mauer verläuft. Im Gegenteil: Rivera / Santana do Livramento zeigt, dass eine solche Doppelstadt auf der Grenze von zwei verschiedensprachigen Ländern sogar zu einem starken Wirtschaftsfaktor werden kann.

    Das Buch dürfte für so manchen Entdeckungen bereithalten, der sich über die Verrücktheiten irdischer Grenzen noch nie Gedanken gemacht hat. Wobei das Wort fast schon eine Untertreibung ist, wenn man an das Gerrymandering bei us-amerikanischen Wahlkreisen denkt, mit denen Wahlergebnisse regelrecht manipuliert werden können. Oder an die Probleme, die auftauchen, wenn ein Fluss als Grenze festgelegt wurde, der aber nun seinen Verlauf ändert, oder wenn nicht klar ist, welcher seiner Zuflüsse denn eigentlich der Hauptfluss ist und damit die Grenze am Oberlauf.

    Dass Grenzen auch im Kopf überwunden werden können, zeigen gerade einige Exklaven und Enklaven an der deutsch-belgischen Grenze. Denn Grenzen hören in dem Moment auf, starre Bauwerke zu sein, in dem gemeinsame Wirtschaftsräume mit kompletter Reisefreiheit entstehen. Und am besten noch eine gemeinsame Währung obendrauf. Wie gut Europa funktioniert, wissen am besten die Menschen, die an, auf und hinter Grenzen leben.

    NENDA – Borders (Official Video)

    Aber wo enden Landesgrenzen eigentlich in der Höhe? Und wo in der Tiefe? Und warum entbrennen selbst um Hoheitsgrenzen auf dem Meer veritable See-Schlachten? Und wie rücksichtslos ist es eigentlich, wenn Staaten ihre Kernkraftwerke und Kohlemeiler gleich an der Grenze bauen, sodass auch der Nachbar in Gefahr kommt, wenn was passiert, oder den ganzen Rauch einatmet?

    Wobei sich Sommavilla in der Regel nicht lustig macht über die vorgefundenen Tatsachen, auch wenn die Kapitel nicht nur witzig betitelt, sondern auch recht burschikos geschrieben sind. Denn hinter jeder Grenze stecken meist sehr reale Zwänge – manchmal schlicht durch natürliche Gegebenheiten gesetzt, manchmal auch als Ergebnis lange zurückliegender Auseinandersetzungen, die man dann mit einem Kompromiss irgendwie befriedet hat. Und nicht immer gab es dabei zwei Sieger.

    Aber es wird relativ deutlich, dass Leute, die Grenzkonflikte heraufbeschwören, meistens nur ihr eigenes Ego und ihre Macht im Auge haben. Um das Wohlergehen von Land und Leuten geht es dabei eigentlich nie. Menschen werden dann zum Spielball von Politik, so wie in der Ostukraine, auch wenn man in diesem Fall nicht nur an die Grenze der Ukraine denken darf, sondern auch die Grenze des größten Militärbündnisses auf Erden – die der NATO – mitdenken muss. Denn auch Bündnisse haben ihre Grenzen. Und selten ist ein Bündnis so friedlich wie die EU. Das vergessen die Bündnispartner leider viel zu oft.

    Manche „Grenzvorfälle“ haben durchaus das Zeug zum Dauerbrenner unter „Vermischtes“, wie die Nichteinigung von Kanada und Dänemark über die Hans-Insel oder der Versuch Italiens, den Mont Blanc, den höchsten Berg Europas, zu einem italienischen Berg zu machen.

    Aber segensreich ist das Buch allein schon dadurch, dass es zeigt, was für tiefe Konflikte der Kolonialismus mit seinen künstlichen Grenzziehungen überall in der Welt hinterlassen hat. Und die deutschen Kolonialherren haben dabei genauso rücksichtslos gehandelt wie die englischen, spanischen, französischen, belgischen … Werfe einer nur den ersten Stein.

    Man dürfte zumindest etwas vorsichtiger werden mit seinen Urteilen zur aktuellen Weltpolitik, wenn man das Buch gelesen hat. Nichts auf unseren bunten Landkarten ist wirklich so „naturgegeben“, wie es aussieht. Im Gegenteil. Grenzen schaffen in der Regel erst all die Konflikte, die das Leben von Millionen Menschen zum Drama machen.

    Und ob es am Ende nur fünf „bescheuerte Nachbarn“ sind, mit denen man es zu tun bekommt, wenn man sich im falschen Landstrich aufhält, darf bezweifelt werden. Mit einigen dieser Raubtiere möchte man es wirklich nicht zu tun bekommen. Auch wenn man spätestens beim Kapitel USA-Mexiko merkt, wie nutzlos Grenzen tatsächlich sind. Sie sind letztlich nur – genau wie Ulbrichts Mauer – der brachiale Versuch, Dinge nicht lösen und klären zu wollen, die eigentlich geklärt werden müssten.

    Zumindest, wenn es wirklich um „unsere Menschen geht“, wie Politiker ja nur zu gern behaupten. Wer Grenzen aufbaut und dichtmacht (Brexit und Nordirland kommen freilich im Buch noch nicht vor), kann einfach so tun, als hätte er ein Problem aus der Welt geschafft, obwohl – der Blick auf Israel/Palästina zeigt es – die Konflikte im Grunde nur verschärft und zum Dauerzustand gemacht werden.

    Ein Buch, das bei aller Freude am Grenz-Spaß zeigt, dass der Spaß immer dann aufhört, wenn menschliche Machtmeier zu blöd sind, Probleme friedlich zu lösen. Und natürlich zu doof zu begreifen, dass Investitionen in Tunnel und Brücken für beide Seiten ein Gewinn sind. Aber so ticken ja die Kettenhunde in der Politik nicht. Und nicht nur die, die für Grenzanlagen zuständig sind.

    Auch die anderen, die ihre Grenzen mit Zöllen und Sanktionen setzen. Und damit ihre grenzenlose Gier kaschieren, die in ziemlich kurzer Zeit dafür sorgen wird, dass einige Dutzende Millionenstädte weltweit vom Meer gefressen werden. Auch in den USA. Denn natürlich sucht sich auch das Meer neue Grenzen, wenn der Wasserspiegel steigt. Auch das deutet Sommavilla an.

    Misstraut den schwarzen Linien auf den Landkarten, könnte der Leitspruch für das Buch sein. Sie sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen. Und manchmal liegen sie ganz woanders, als die Landvermesser mal vermessen haben. Und zu Recht betont Sommavilla auch, dass er in die Geschichte der Grenzen lieber gar nicht erst eingestiegen ist. Das hätte das Buch völlig gesprengt. Denn jede Grenze ist nur ein vorübergehender Zustand. Nur die Machthaber versuchen den Glauben im Volk wachzuhalten, dass starre Grenzen ein starres Volk einhegen. Man kennt ja die Leier.

    Das Buch zeigt sehr farbenfroh, dass genau das ein Trugschluss ist.

    Fabian Sommavilla 55 kuriose Grenzen und 5 bescheuerte Nachbarn, Katapult Verlag, Greifswald 2021, 22 Euro.

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      2 KOMMENTARE

      1. „Oder selbst Argentinien und Uruguay mit einer Grenzstadt, durch die eben – anders als an der Grenze der USA und Mexikos oder in Jerusalem – keine Mauer verläuft. Im Gegenteil: Rivera / Santana do Livramento zeigt, dass eine solche Doppelstadt auf der Grenze von zwei verschiedensprachigen Ländern sogar zu einem starken Wirtschaftsfaktor werden kann.“

        Die Stadt Santana do Livramento liegt in Brasilien. Läge sie in Argentinien, gäbe es wahrscheinlich kaum Sprachunterschiede, schließlich wird in Uruguay und Argentinien spanisch gesprochen, in Brasilien dagegen portugiesisch.

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige