Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen vom Lesen längerer Texte absolut überfordert sind. Die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft. Bilder dominieren immer mehr die Nachrichtenberichterstattung. Aber wie zeigt man den Leuten die Fakten, wenn sie die Texte nicht mehr lesen? In Karten und Grafiken. Das ist das Erfolgsrezept von Katapult. Und so zeigt der Katapult Verlag jetzt auch allen, was man in 100 Karten alles über die Ukraine erfahren kann.

Das Land, das es aus Sicht eines völlig im eigenen Gehirnkosmos abgedrehten Präsidenten gar nicht gibt. Einbildung ist auch eine Bildung. Und auf Manipulationen fallen auch die Manipulierer irgendwann herein, wenn sie auch noch den letzten Rest einer freien Presse verbieten, plattmachen, abwürgen.

Dann glauben auch Präsidenten, Reichskanzler und andere „Brüder des Volkes“ in ihren Bunkern, dass die Welt eine Scheibe ist und die überfallenen Völker jubelnd mit Blumen ihre Panzer begrüßen.

Wenn ein amerikanischer Clown wichtiger ist als ein Krieg in der Ostukraine

Die Redaktionsmannschaft, die Katapult für diesen neuen Atlas der humorvollen Aufklärung zusammengetrommelt hat, stellt freilich auch ein gewaltiges Defizit bei den ganz und gar nicht so gut informierten Bewohnern der westlichen Welt fest.

Dazu genügt eine Recherche der gesuchten Google-Begriffe der letzten Jahre. Und die Wahrheit ist – nur kurz entflammte mal die westliche Aufmerksamkeit 2014, als Putins „kleine grüne Männlein“ erst die Krim besetzten und dann in die Ostukraine einsickerten und damit einen Krieg begannen, der bis heute anhält.

Den man aber im Westen ganz schnell wieder vergaß. Der fand ja da irgendwo hinten in der letzten Ecke Europas statt. Jedenfalls schienen ein Wahlsieger Trump und ein Brexit viel aufregender.

Wobei man als Medienmacher an solchen Stellen aufmerkt. Denn wer steuert eigentlich Aufmerksamkeit? Sind es die Leute selbst, die ganz von allein mehr Nachrichten über Ereignisse, Politiker und Länder suchen? Oder sind es die Medien, die die Aufmerksamkeit lenken?

Vielleicht gibt’s ja auch mal ein Katapult-Buch zu Medien. Zeit wäre es.

Denn natürlich funktionieren Medien heute wie ein Schwarm. Jener legendäre Schwarm, den die Verkäufer von „Künstlicher Intelligenz“ so gern als intelligent verkaufen, obwohl sie inzwischen wissen, wie leicht diese Schwärme manipuliert werden können. Was sogar diejenigen wissen, die sich leicht manipulieren lassen.

Eine Frage der Haltung

Was natürlich zu diesem Thema gehört. Denn dass das russische Volk (wahrscheinlich) sehr wenig über Putins „Spezialoperation“ in der Ukraine weiß, hat natürlich damit zu tun, dass er die unabhängige Medienlandschaft in Russland völlig eingeebnet hat. In dem festen Glauben natürlich, dass er sein Volk besser manipulieren kann, wenn es nur noch Medien gibt, die Putins Version der Geschichte erzählen.

Es ist also ein zutiefst subversives Buch, das die Katapult-Macher zusammen mit echten Profis aus der Ukraine zusammen erstellt haben. Weshalb auch vieles drin zu finden ist, was man in deutschen Quellen gar nicht findet, was aber jede Ukrainerin und jeder Ukrainer weiß.

Seien es die Namen von Kartoffeln und Lieblingsgerichten, seien es die verschiedenen Traditionsmuster der einzelnen Landstriche oder das Wissen darum, wie faszinierend die Katakomben von Odessa sind. Identisch mit dem Odessa, das auf deutschsprachigen Landkarten zu finden ist.

Aber zu den Unterschieden der ukrainischen, russischen und eingedeutschten Schreibweise von Städten der Ukraine gibt es natürlich ebenso eigene Kapitel. Worin die Redaktion natürlich auch erklärt, warum sie bewusst die ukrainische Transkription ins Deutsche benutzt. Es ist eine Frage der Haltung.

Aber da es ja um Krieg geht, erfahren die Leser und Betrachter des Buches natürlich auch etliches über Russland, seine Armee, seine Kriege allein in den letzten Jahren, seine Überfälle auf Nachbarvölker, seine Söldnertruppe „Wagner“ und seine Militärausgaben im Vergleich.

Auch diverses über seine verbliebenen Partner und über die Exportgüter aus beiden Ländern, die in der Welt eine wichtige Rolle spielen. Was nur zu selten beleuchtet wird: Dass Putin hier auch einen Wirtschaftskrieg führt, nicht nur mit Erdgas, das bislang durch drei Gasleitungen auch durch die Ukraine geflossen ist, sondern auch mit Zugriff auf drei Exportgüter aus der Ukraine, die für den Welthandel unersetzlich sind: Weizen, Sonnenblumenöl und Mais.

Der Mann zockt auch mit dem Hunger in der Welt und hofft vielleicht darauf, dass ihm die ausgehungerten Länder irgendwie dafür dankbar sind.

Ein Wirtschaftskrieg seit 2014

Beliebter hat es Putin jedenfalls nicht gemacht: Bei Twitter-Followern hängt ihn der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenkyj locker ab. Dafür ist die Ukraine schon seit 2001 kein Atomwaffenstaat mehr, anders, als der Mann im Kreml immer wieder gern behauptet.

Wie einige andere Länder aus dem Reich der ehemaligen Sowjetunion hat die Ukraine ihr Atomwaffenarsenal abgebaut und an die Russen „zurückgegeben“. Und hätte Putin den Krieg in der Ostukraine nicht begonnen, hätte die ukrainische Wirtschaft schon ganz andere Umsätze erreicht.

Schon der Zugriff auf die Ostukraine war eine Okkupation des wirtschaftlich wichtigsten Landesteils. Und ist ein Grund dafür, dass die Durchschnittseinkommen in der Ukraine heute mit die niedrigsten in Europa sind.

Der Atlas ist also auch ein kleines Lehrbuch für Deutsche, die nicht wirklich wissen, was da „hinten“ eigentlich los ist die ganze Zeit. Obwohl eine einzige Karte genügt, um zu zeigen, dass die Ukraine mitten in Europa liegt, nach manchen Berechnungen liegt sogar der Mittelpunkt Europas in der Ukraine.

Was die Leipziger eigentlich wissen. Nicht ohne Grund haben sie gemeinsam mit München und Berlin eine Städtepartnerschaft mit der alten Handelsmetropole Kiew. Natürlich erzählen einige Karten auch die wichtigsten Dinge zur jüngeren ukrainischen Geschichte, vom Unabhängigkeitsreferendum 1991 über die Orange Revolution 2004 und den Euromaidan 2013 bis heute.

Und wer die Nachrichten damals alle verpasst hat, merkt, dass alle diese Ereignisse immer mit Russland zu tun hatten, seinen immer neuen Versuchen, das Nachbarland unter seine Fuchtel zu bekommen und moskauhörige Präsidenten einzusetzen. Doch selbst im ukrainischen Wappen lernen die Kinder in der Ukraine heute die Buchstaben für das Wort Freiheit zu finden.

Tschernobyl, Gogol, Holodomor

Und mit der ganzen Datenbasis fällt es der Redaktion natürlich leicht, dem verbiesterten Herrn im Kreml klarzumachen, dass sein Überfall auf die Ukraine genau das bewiesen hat, was er öffentlich als nicht existent behauptete: dass die Ukraine ein eigenständiges Land ist, das sich ganz und gar nicht vom Zaren in Moskau regieren lasen will.

Und dass es eine Menge Freunde im Westen hat, die es beim Kampf gegen die Orks unterstützen. Denn den Namen haben sich die plündernden, mordenden und brandschatzenden Truppen der russischen Armee inzwischen verdient.

Und natürlich lernt man auch etwas über die Flucht der Ukrainer/-innen und ihre bevorzugten Länder, wenn sie zum Arbeiten ins Ausland gehen. Man lernt die tiefste U-Bahn-Station der Welt kennen, sieht die bis heute glühenden Folgen des Atomreaktorunfalls in Tschernobyl und lernt sogar die Lebensstationen des berühmtesten Schriftstellers aus der Ukraine, Nikolai Gogol, kennen. Auf ukrainisch: Mykola Hohol.

Es ist ein echtes Kennenlernbuch für alle geworden, die bis jetzt tatsächlich glaubten, die Ukraine sei nicht so wichtig und spiele für Europa gar keine Rolle, obwohl auch Deutschland von ukrainischen Importen abhängt.

Vielleicht liegt’s ja am Schienennetz, das bis heute die russische Spurweite hat, obwohl die Ukraine schon lange plant, es auf die westeuropäische Spurweite umzubauen. Was ja dann nicht nur Besuche mit der Bahn erleichtern würde, sondern auch Getreidetransporte.

Und dass auch Deutschland seinen Anteil an ukrainischer Geschichte hat, wird spätestens mit der Karte zum Holocaust in der Ukraine deutlich. Der Name Babyn Jar steht bis heute für dieses Verbrechen Nazideutschlands. Und dass auch Stalin keine Skrupel kannte, die Ukrainer auszuhungern, wird mit der Thematisierung des Holodomor deutlich.

Das Buch ist auch ein Zeichen. Eine blau-gelbe Flagge, die der Katapult Verlag da gesetzt hat in eine Landschaft, in der noch immer eine Menge Leute auf die Manipulationen der Moskauer Desinformationskampagnen hereinfallen. Und wie viele Traktoren die Ukrainer zur Verfügung haben, um erlegte russische Panzer abzuschleppen, erfährt man auch.

Es ist das informative Buch zur Zeit. Und vielleicht gerät es ja auch über Umwege ins abgeschottete Reich des Zaren, der für freie Länder und Demokratie immer nur Verachtung übrig hat.

100 Karten über die Ukraine und den Krieg Katapult Verlag, Greifswald 2022, 26 Euro.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar