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Leipzig und der Kolonialismus: Der komprimierte Beginn einer überfälligen historischen Spurensuche

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    Sie kam spät und sie kam heftig: die Diskussion um die koloniale Vergangenheit der Stadt Leipzig. Und gerade die Irritationen, die sie erzeugte, erzählen von dieser Verspätung. Denn fällig gewesen wäre diese Diskussion schon vor 100 Jahren. Aber da war ja das reaktionäre Bürgertum voll und ganz damit beschäftigt, die Weimarer Republik zu bekämpfen und möglichst bald wieder abzuschaffen. Und dann ging es mit den politischen Verhinderungen ja munter weiter.

    Der Wissensstand ist kärglich

    Josefine Sprinz hat vollkommen recht damit, wenn sie auf das kärgliche Wissen hinweist, das auch heute noch Schüler/-innen mitbekommen in unseren Schulen. Irgendwelche vagen Informationen, dass Deutschland auch mal Kolonien besaß. Aber über die dort stattgefundenen Greueltaten, die Ausplünderung und das Weltbild, das sich damit verband: nichts.

    Josefine Sprinz ist eine der Akteur/-innen, die Katrin Löffler in diesem Buch zu Wort kommen lässt, die den Stand der heutigen Kolonial-Debatte in Leipzig beschreiben. Das steht dann im Diskurs mit den Lebensgeschichten Leipziger Forscher, Kolonialbeamter und Schriftsteller, die in der Zeit des deutschen Kolonialismus aktiv waren und auch das Bild der Deutschen von den Ländern und Menschen prägten, die das Deutsche Reich für gerade mal 30 Jahre okkupierte.

    Die Kolonialzeit ist nicht im Stadtgedächtnis verankert

    30 Jahre, in denen es die deutschen „Schutztruppen“ fertig brachten, mindestens zwei große Genozide anzurichten, als sie in Deutsch-Südwestafrika den Aufstand der Herero und Nama niederschlugen und in Deutsch-Ostafrika den Maji-Maji-Aufstand.

    Was Katrin Löffler mit diesem Buch vorlegt, ist ein ganzes Kapitel, das auch noch nicht in der großen Stadtgeschichte von 2015 zu finden war. Natürlich auch deshalb nicht, weil die Diskussion damals noch nicht einmal begonnen hatte. Im Museum für Völkerkunde beschäftigte man sich zwar schon intensiv mit der Restitution geraubter Kulturgüter aus den einst von Deutschland besetzten Ländern.

    Aber im Stadtgedächtnis kam die Kolonialzeit gar nicht mehr vor. Sie war schlichtweg verschüttet von den 100 Jahren danach, irgendwie erledigt damit, dass Deutschland mit dem Ende des 1. Weltkriegs all seine Kolonien verlor und dann in den 1960er Jahren auch nicht betroffen war, als sich die Völker Afrikas gegen die alten Kolonialherren erhoben und lauter junge Nationalstaaten entstanden.

    Kolonialwarenläden, Völkerschauen und gekränkter Stolz

    Freilich waren in Leipzig noch bis in die 1990er Jahre an alten Hausfassaden die Inschriften von einst hunderten Kolonialwarenläden zu sehen. Und als die AG Postkolonial die Völkerschauen im Leipziger Zoo thematisierte, die noch bis in die frühen 1930er Jahre stattfanden, war es, als würde sich etwas lange Weggeschlossenes endlich wieder ans Tageslicht wälzen, nicht besonders schön anzuschauen, eine muffige Erinnerung, aufgeladen mit uralten Ressentiments, Schamgefühlen, Trotz und Verweigerung.

    Denn natürlich ist die Diskussion spät dran, sehr spät dran. Und sie kratzt auch an alten Denkmalen, auch am Leipziger Stolz, doch immer eine weltoffene Stadt gewesen zu sein, ohne Vorurteile gegen die Völker aus aller Welt, die die Leipziger Messen besuchten. Eine Handelsstadt eben.

    Aber Katrin Löffler erinnert auch daran, dass es zwei große deutsche Handelsstädte waren, die die deutschen Kolonialbestrebungen forcierten – Hamburg und Bremen. Dass es auch Kaufleute waren, die das Thema Kolonien genauso betrachteten wie die Kaufleute in den schon länger aktiven Kolonialstaaten: Hier bot sich die Gelegenheit, an billige Rohstoffe zu gelangen. Und an billige Arbeitskräfte.

    Die exotischen Bilder von den schönen deutschen Kolonien waren immer schon trügerisch, erst recht, als sie dann auch noch in Werbeprospekten und auf Reklametafeln für Produkte aus den Kolonien auftauchten. Ganz zu schweigen von Zeitschriften und Büchern , die vor allem die Exotik der Kolonien feierten.

    Nationalismus, Kolonialismus, Rassismus

    Alles Themen, die Katrin Löffler anreißt. Ihr Buch ist – für den aktuellen Stand der Forschung – eine umfassende Übersicht darüber, wo und wie Leipzig und Leipziger in die deutsche Kolonialgeschichte verstrickt waren. Das Museum für Völkerkunde profitierte von diesen Raubzügen und Expeditionen einst genauso wie das kurzzeitig existierende Museum für Länderkunde.

    Und gerade in der Diskussion um die namhaften Forscher von Hans Meyer über Alphons Stübel bis zu Friedrich Ratzel zeigt sie, wie das Denken über Kolonialismus und den „Platz an der Sonne“ im Wilhelminischen Kaiserreich aufs Engste verstrickt war mit der Entstehung des modernen Rassismus.

    Die Entstehung eines Kolonialgeographischen Instituts an der Universität Leipzig erzählt genauso von diesem imperialen Denken wie die Gründung einer Leipziger Sektion der Deutschen Kolonialgesellschaft. Und auch wenn Friedrich Ratzel die rassistischen Postulate seiner Zeitgenossen ablehnte, befürwortete er dennoch die Ausbeutung von Kolonien.

    Löffler bleibt freilich nicht in den 1920er Jahren stehen, als in Leipzig der „Schutztruppen-Verein“ weiterhin aktiv war und sich der Verein der China- und Afrika-Krieger darum bemühte, auch in Leipzig ein Kolonialkriegerdenkmal aufzurichten, und der Verlag Abel & Müller den Markt weiter mit kolonialistischen Büchern beschickte. Sie geht auch auf den Umgang der DDR mit den jungen Nationalstaaten ein, der durchaus neben Licht- auch Schattenseiten hatte, wenn man an den Umgang mit den sogenannten Vertragsarbeitern denkt.

    Das imperiale Denken

    Ganz zu schweigen vom völlig verschwiegenen Rassismus in der DDR, ein Thema, auf das Katrin Löffler gar nicht dezidiert eingeht. Das aber in die Debatte gehört, denn der Rassismus war immer aufs engste verquickt mit europäischem Überlegenheitsdenken und dem über Jahrhunderte gepflegten Anspruch, die Welt beherrschen zu dürfen und sich einfach in den „unzivilisierten Ländern“ nehmen zu können, was man haben will.

    Ein Denken, das heute ganz und gar nicht verschwunden ist, sich nur versteckt in ökonomischen Sprechblasen, Tricksereien und Selbstbetrug, all den Dingen, mit denen wir vor uns selbst verbergen, wie sehr unser Wohlstand noch immer auf der Ausplünderung der einst kolonialisierten Länder beruht.

    Auch wenn der Einzelne daran nicht viel ändern kann, außer sein tägliches Konsumverhalten gründlich zu ändern. Aber das Denken über andere Menschen kann man sehr bewusst ändern. Auch wenn es Mühe macht.

    Kritische Distanz notwendig

    Katrin Löffler erwähnt ja nicht ohne Grund einige der vielen Bücher, die in den vergangenen 150 Jahren erschienen und die das kolonialistische Denken bis heute bewahren. Ein Denken, das man kaum bemerkt, wenn man keine kritische Distanz zur dargestellten Exotik und zum exotischen Blick der Autoren findet.

    Natürlich schwingt das mit, wenn heute über die Rolle des Zoogründers Ernst Pinkert diskutiert wird, der nur die wenigsten Völkerschauen selbst organisiert hat, sondern diese in der Regel von Geschäftsleuten wie Carl Hagenbeck einkaufte. Katrin Löffler zeigt ja auch, dass diese Inszenierung exotischer Völker nicht auf den Zoo beschränkt war, sondern auch auf den großen Leipziger Industrieausstellungen so zu sehen war und augenscheinlich auch als Publikumsmagnet funktionierte.

    Der Blick auf die Anderen

    Selbst der Gymnasiast Hans Joachim Ringelnatz war ja regelrecht fasziniert von den Maori-Frauen im benachbarten Zoo, so fasziniert, dass er sich damit am Ende einen Schulverweis einhandelte. Auch wenn seine Erinnerungen von einer ganz anderen Faszination erzählen als der, die in der üblichen Kolonial-Romantik gepflegt wurde.

    Ein Ringelnatz interessierte sich wirklich für die Menschen, der brauchte diesen deutschen Dünkel nicht, mit dem sich seine Landsleute oft bis heute durch die Welt bewegen in der Überzeugung, wirklich einer höheren Zivilisationsstufe anzugehören.

    Man merkt schon, dass das Thema viele Facetten hat, dass auch der Blick auf die Anderen mitdiskutiert werden muss, wenn Katrin Löffler betont, ebenso der Blick der Anderen auf uns. Ein Blick, der nicht nur durch (Nicht-)Bildung geprägt wird, sondern auch durch ökonomische Machtgefälle.

    Ein einfaches Entweder-Oder gibt es nicht

    Selbst das spielt ja hinein in die aktuelle Diskussion um die exotischen Nächte im Zoo: Werden darin koloniale Stereotype reproduziert oder hat man es mit selbstbewussten Künstlern und Gruppen zu tun, die mit vollem Recht die Kultur ihrer Herkunftsländer zeigen?

    Eine spannende Frage, die man eben nicht in starrem Schwarz/Weiß diskutieren kann. Denn auch darin hat Löffler recht: Es geht nicht um die Künstlergruppen, die zu diesen Veranstaltungen extra nach Leipzig anreisen. Es geht dabei auch nicht mal um Afrika. Es geht um uns und unseren Blick auf das koloniale Erbe. Und unsere Beziehung zur Welt, zu anderen Völkern und Menschen, die nur auf den ersten Blick so völlig anders aussehen als wir.

    Es geht um unsere Stereotype – und damit die Fähigkeit, die alten Seh-Muster zu erkennen, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben. Die teilweise schon in den exotischen Inszenierungen auf den Leipziger Handelsmessen zu sehen waren. Auch dazu hat eine wirkliche historische Aufarbeitung noch nicht begonnen. Die üblichen Messe-Geschichtsbücher bleiben auch heute noch fast immer bei der Exotik stehen und setzen das dann mit Leipziger Weltläufigkeit gleich.

    Forschungsbedarf für Leipzigs koloniale Wirtschaftsgeschichte

    Obwohl gerade die Blütezeit der Industriestadt Leipzig davon erzählt, wie eng diese demonstrative Exotik mit einem sich jetzt in aller Schärfe herausbildenden Rassismus verbunden war. Und dieser mit einer ökonomischen Indienststellung der kolonisierten Welt, die Katrin Löffler auch erst einmal nur an wenigen bekannten Beispielen benennen kann – etwa der Leipziger Baumwollspinnerei oder den für ihre Seilbahnen berühmten Pittler-Werken.

    Gerade die Vielfalt von Themen, die Katrin Löffler in reich bebilderten Kapiteln skizziert, macht deutlich, dass Leipzig ganz und gar kein unbeschriebenes Blatt in Sachen Kolonialismus war. Eher zeigt sie, dass es für einige Themen wohl tatsächlich zu spät ist. Denn wer hat noch Unterlagen zu den Soldaten, die auch aus Leipzig in die Kolonien gingen und dort an den Massakern an den Aufständischen beteiligt waren?

    Dekolonisierung in den Köpfen notwendig

    Mit Richard Küas wird auch ein früher Kolonialbeamter benannt und mit Ernst Hasse nicht nur der Direktor des Statistischen Büros der Stadt Leipzig, sondern auch der sehr umtriebige Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, der imperialistische Ideen genauso propagierte wie rassistische.

    Diese elitären Haltungen waren damals nicht nur verbreitet, sie prägten das Bürgertum. Und sie verschwanden auch nicht 1918, als Deutschland seine Kolonien verlor. Denn da es dann praktisch 100 Jahre lang nie wirklich eine öffentliche Debatte über die deutsche Kolonialgeschichte gab, steckt Vieles aus dieser Denkhaltung noch heute in den Köpfen. Es braucht, wie Josefine Sprinz es formuliert, endlich eine wirkliche Dekolonisierung.

    Zeit für mehr Forschung zur Kolonialgeschichte in Leipzig

    Die Diskussion um den Leipziger Zoo ist dabei genauso erst ein Anfang wie dieses Buch, das in dieser Dichte überhaupt erst einmal zeigt, wie viel da unbedacht, unausgesprochen und unaufgearbeitet vor unserer Nase liegt. Manchmal – wenn wir Glück haben – auch noch in Archiven, sodass es aufgearbeitet werden kann. Und es steckt eben auch nach wie vor in vielen unserer Stereotype.

    Es kann gar nicht anders sein, nachdem sich Generationen zuvor überhaupt nicht um dieses unterschwellig immer präsente Thema gekümmert haben, abgesehen von einigen wirklich aufmerksamen Autor/-innen, die diesen blutigen Teil der deutschen Geschichte in Büchern lebendig werden ließen.

    Im Grunde ist dieses Buch eine regelrechte Aufforderung, die darin versammelten Themen zu vertiefen, sie endlich aus der heimlichen Ecke herauszuholen und so nüchtern und interessiert zu beschreiben wie all die anderen Teile einer nicht so genehmen Leipzig-Geschichte. Oft wird bei einer gründlichen Aufarbeitung erst sichtbar, wie sehr Menschen in den Denkschablonen ihrer Zeit agieren und wie unkritisch sie Dinge hinnehmen, die ihnen als politischer Höhenrausch verkauft werden.

    War es wirklich nur das „Denken der Zeit?“

    Man kann nur was daraus lernen. Und man lernt sich auch ein wenig besser kennen und merkt, wie damals gängige Sichtweisen noch heute unterschwellig immer mitkochen – und zwar immer dann, wenn einige Leute so tun, als wäre das doch alles „normal“ gewesen. War es das damals wirklich? Auch das sollte man hinterfragen.

    Denn oft ist das, was uns als „das Denken der Zeit“ verkauft wird, nur die bunte Hülle für etwas, was auch im 19. Jahrhundert schon „Landraub, Betrug, Entrechtung, Unterwerfung und Gewalt“ war, wie Katrin Löffler schreibt.

    Die Herausbildung des „modernen Nationalismus“ hat damit genauso zu tun wie der „moderne, pseudowissenschaftliche Rassismus, der die ‚Eingeborenen‘ zu minder wertvollen Menschen erklärte und die Hemmschwelle für ihre Ausbeutung senkte; sozialdarwinistische Ideen, die ein Recht des Starken und Tüchtigen postulierten“- und all das gekoppelt mit ganz blanken ökonomischen Interessen. Und in dieser Mischung ist das alles ganz und gar nicht unvertraut.

    Unbeackerte Felder unserer Leipziger Stadtgeschichte

    Und macht die Debatte nicht leichter. Denn hier steckt auch einer der Gründe dafür, dass wir aus unserem elitären Wohlstandsdenken nicht herauskommen und mit medialer Verachtung auf die Völker der Welt herabschauen.

    Eine Spurensuche, wie Katrin Löffler es nennt, die durchaus auch zeigt, wieviele lose Fäden es da gibt in der Leipziger Geschichte, an denen man endlich mal ziehen sollte. Die eigentliche Debatte hat erst begonnen. Denn sie braucht eine Basis. Und diese Basis ist eine wirklich gründliche historische Aufarbeitung.

    Katrin Löffler Leipzig und der Kolonialismus, Passage Verlag, Leipzig 2021, 14,50 Euro

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