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Großfamilien-Bande: 19 Erzählungen aus einem Kongo mitten im Aufbruch aus uralten Sitten und Gesetzen

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    Die Welt verändert sich, meist langsamer, als man sich das wünscht. Und ganz bestimmt viel langsamer, als es einem die Nachrichten versuchen weiszumachen. Oder übersprudelnde Politikwissenschaftler, die gleich mal das Ende der Geschichte verkünden. Aber Geschichte endet nicht. Sie steckt in den Köpfen der Menschen. Und die klammern sich an ihre alten Geister und Albträume. Nicht nur in der Demokratischen Republik Kongo.

    Genau dort handeln die 19 Erzählungen in diesem Buch, die zwei zusammengetragen haben, die wissen, worüber sie da schreiben. Faida Tshimwanga ist in Kinshasa geboren und aufgewachsen in dieser Welt, in der Polygamie, Brautgeld und uralte patriarchale Familienstrukturen noch die Regel sind. Und der Leipziger Joachim Oelßner hat viele Jahre in Afrika gelebt, auch in der DR Kongo. 2017 veröffentlichte er den historischen Leipzig-Roman „Was soll vergrabenes Gold“.Doch ihr Buch „Großfamilienbande“ ist keine Fiktion in dem Sinn, auch wenn die Namen der Handelnden verfremdet sind. Hinter jeder Geschichte stecken reale Schicksale. Frauenschicksale überwiegend, was keine Überraschung ist, denn Frauen leiden besonders unter den uralten Strukturen der Großfamilie, in denen der Familienvorstand bestimmt, wen die jungen Leute heiraten sollen.

    Der handelt den Brautpreis aus, den die Familie des Bräutigams zu zahlen hat. Ob die junge Braut will, wird dabei nicht gefragt. Es ist wie ein Geschäftsvorgang, bei dem es vor allem um die Frage geht, ob der Ehemann solvent genug ist, eine weitere Frau und Kinder zu ernähren. Denn gleichzeitig gilt das mittlerweile gesetzlich verankerte Recht auf Polygamie: Männer können sich Zwei- und Drittfrauen nehmen.

    Und dass all das fatale Folgen hat für die Selbstbestimmung der Frauen oder gar ihrer Rechte und die Rechte ihrer Kinder, muss man gar nicht erst weiter erklären. Davon erzählen schon die ersten Geschichten, in denen man sich in eine Welt zurückversetzt glaubt, die es in Deutschland vor ein paar Jahrhunderten gab. Oder ist das viel kürzer her, als wir glauben? Ist es unser eigenes Erschrecken, wenn wir in die Welt schauen und sehen, dass es uns vor gar nicht so ferner Zeit ganz ähnlich ging?

    Denn Patriarchat ist auch für Männer eine Katastrophe, was die davon profitierenden Männer meist gar nicht merken, weil sie zum Nix-Merken und Gefühlossein erzogen wurden. Davon tauchen so einige Herren auf in diesem Buch, Männer in manchmal gut dotierten Positionen, die aber das erbärmliche Recht und die Macht des Geldes auf ihrer Seite wissen und keine Skrupel kennen, wenn sie Frau und Kinder vor die Tür setzen. Wohlgemerkt: die eigenen Kinder.

    Ist also der Kongo ein besonders dunkles Stück Welt? Nicht wirklich. So sehen Gesellschaften aus, die rechtlich noch in Zeiten stecken, in denen solche Regelungen zum Überleben wichtig waren. Sie funktionierten, als die Menschen noch in ihren Stammesgemeinschaften lebten, in Dörfern, wo jeder auf jeden achtete, und die Familie da war und jeder wusste, wer mit wem in welcher rechtlichen Beziehung stand.

    Aber heute hat auch Afrika seine Millionenstädte und seine auseinanderklaffenden Schichten, extreme Armut für die Massen, Reichtum für eine kleine, meist eng mit der Macht verquickte Elite. Im Grunde beschreiben die Geschichten, die Tshimwanga und Oelßner hier aufgeschrieben haben, eine Gesellschaft, in der die alten Regeln nur noch Abhängigkeiten schaffen und Frauen und Kinder in tiefste Not stürzen, wenn sie sich nicht fügen.

    Überformt auch noch durch eine Welt des Glaubens und des Aberglaubens, und damit ist nicht nur der alte Glaube an Fetische und Ndokis gemeint, der einigen der Frauen in diesen Geschichten zum Verhängnis wird, sondern auch die Kirche, deren Priester in einigen dieser Geschichten eine geradezu fatale Rolle spielen, weil sie Gerüchte bestärken und die Kanzel zum Denunzieren benutzen.

    Und fast hat man nach den ersten Geschichten das Gefühl, dass das alles nicht gut enden kann. Mit den Frauen, die hier gezeigt werden, erlebt man, dass es keinen echten Schutz gibt, wenn der Mann oder die Familie beschließen, die Frauen einfach vor die Tür zu setzen, egal, ob ihnen das Haus rechtlich gehört und der Reichtum eigentlich aus der Familie der Frau stammt. Da es keine Sozialsysteme gibt, bleibt den Frauen dann oft nur die Armut, die Prostitution, das Ausgesetztsein in einer Welt, in der es nicht einmal mehr den Schutz der Familie gibt.

    Aber merklich ändern sich im Verlauf der Erzählungen die Haltungen der Frauen. Einige riskieren ganz bewusst den Bruch mit ihren abweisenden Ehemännern und der Familie, ziehen lieber in kleine, gemietete Hütten, um ihre Kinder und sich selbst aus Zuständen herauszuholen, die sie nicht mehr aushalten wollen oder können. Da vertrauen sie lieber auf ihre eigene Kraft und die Unterstützung von Frauen, denen es ähnlich geht.

    Im Nachwort betonen Tshimwanga und Oelßner, dass bei all diesen bedrückenden Geschichten die Veränderungen in Afrika längst zu spüren sind. Und zwar nicht nur durch die fernen Verlockungen Europas, wohin man zu flüchten versuchen kann, wenn man es sich leisten kann. Wobei an diesem fernen Europa gar nicht das verlockt, von dem unsere hiesigen Lokalpopulisten immer reden, auch wenn europäische Sozialsysteme aus afrikanischer Perspektive geradezu wie das Paradies aussehen.

    Aber viel wichtiger sind die Rechtssysteme Europas, die auch Frauen eine rechtliche Absicherung geben – und zwar ganz selbstverständlich. Und ebenso wichtig ist das gar nicht so beiläufige Thema der Freiheit: Leben zu können, ohne dafür einer patriarchalischen Großfamilie immerfort Rechenschaft ablegen zu müssen oder über das selbst erarbeitete Geld nicht verfügen zu dürfen.

    Und dieses ferne Vorbild Europas wirkt auch in die Gesellschaften Afrikas hinein, verändert das Denken über Recht, Ehe und Partnerschaft. Dass so etwas nicht über Nacht passiert, wissen ja eigentlich auch die Europäer. Die Geschichte der Emanzipation und der Einrichtung eines Rechtswesens, das auch die Nichtbesitzenden und Machtlosen wenigstens teilweise schützt vor der Rücksichtslosigkeit der Reichen und Mächtigen, ist eine Geschichte, die auch Europa schon einige Jahrhunderte umtreibt.

    Mit vielen Rückschlägen, dem Auftrumpfen mittelalterlicher Vorstellungen in lauter unheilvollen Masken und der bis heute übergriffigen Vorstellung von grimmigen Patriarchen, sie hätten ein Recht, über den Körper von Frauen bestimmen zu können.

    Man entdeckt eine Menge Vertrautes in diesen Geschichten aus dem Kongo. Geschichten, die einen an die verzweifelten Frauen-Romane des 19. Jahrhunderts erinnern, aus jener Zeit, als begnadete Autor/-innen überhaupt erst einmal anfingen über die fatalen Folgen uralter patriachalischer Denkmuster und Rechtssysteme nachzudenken.

    Heute aber können die meisten Frauen im Kongo lesen und schreiben. Sie können ihre Geschichten also auch aufschreiben und erzählen und damit aufmerksam machen auf ihren Anspruch, wie gleichwertige Menschen behandelt zu werden – auch und gerade in der Partnerschaft. Und so langsam scheint sich auch im Kongo ein modernes Bild von rechtlich abgesicherter Partnerschaft durchzusetzen.

    Angetrieben von zunehmend selbstbewussteren Frauen, die in diesen Erzählungen nach und nach immer mutiger werden und selbst im Kreis der scheinbar verschworenen Familie den Mut aufbringen, die ausgehandelten Ehen abzulehnen und damit auch die Bewerber, die sie als Ehepartner nicht zu akzeptieren bereit sind. Auch dann, wenn abergläubische Nebenbuhlerinnen Gerüche in die Welt setzen, die den betroffenen Frauen jegliche Existenzgrundlagen zu entziehen drohen – sie seien von Ndokis besessen oder würden mächtige Fetische besitzen.

    Aber das ist halt nicht nur afrikanisch. Genau solche Haltungen kennt man auch aus dem modernen Europa, das je gerade mit den Gerüchteküchen von Facebook und Co. gewaltig degradiert und wieder Geister frei lässt, die eigentlich Aufklärung, Bildung und seriöse Medien einst gebannt haben. Aber irgendwem nützt es immer. Und gerade die nach Macht gierenden Männchen greifen in Afrika wie in Europa nur zu gern nach den ältesten Mitteln, das Land und die Menschen in Lug und Trug, Angst und Schrecken zu versetzen.

    Und so wirken die Geschichten auch auf frappierende Art vertraut. So ähnlich hat man das auch bei sensiblen Autor/-innen des Nordens schon gelesen – samt Aberglaube, christlichen Eiferern, bedrückenden Dorfgesellschaften und eisigen Patriarchen.

    Als hätten Tshimwanga und Oelßnef hier eine Tür aufgetan in eine Welt, die überhaupt nicht so fremd ist, wie sie uns exotische Reisebeschreibungen oft zu malen versuchen. Dass so vieles heute noch so „exotisch“ wirkt, hat mit dem späten Start Afrikas in die Neuzeit zu tun, an dem die Afrikaner selbst nicht schuld sind. Das haben die Sklavenjäger und Kolonialherren des Nordens hinbekommen, die Afrika bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in Abhängigkeit gehalten und ausgeplündert haben.

    Und wo die Geschichten auch ökonomisch werden, merkt man schnell, dass das Verhängnis Afrikas nach wie vor diese Abhängigkeit ist, die unter Fachleuten längst Neokolonialismus heißt. Die riesigen Konzerne des Nordens haben sich längst mit den einheimischen Eliten verbündet und plündern den Kontinent nun mit ihnen gemeinsam aus. Was dann nicht nur unheilvolle Folgen für die Demokratie hat, sondern auch für die Wirtschaft dieser Länder.

    Doch wie in diesem Buch sind es eben auch die Frauen, die sich die alten Unterwürfigkeiten nicht mehr gefallen lassen wollen, nicht die eisigen Onkel, die sie aus dem Haus verbannen, nicht die von falschem Geiz besessenen Männer, die ihre Frauen mit Almosen abspeisen, während sie im Büro den Chef herauskehren. Denn Unterdrückung funktioniert nur, solange die Unterdrückten schweigen und nicht widersprechen. Ganz langsam bricht diese Kruste auf in diesen Geschichten, zeigen die Frauen auch den Mut der Verzweiflung.

    Und wahrscheinlich ist das genau die Situation, in der die DR Kongo und viele andere Staaten in Afrika gerade stecken. Die viel zu lange konservierten Regeln aus der Zeit der alten Dorfgemeinschaften lösen sich auf, zerbrechen in einer Realität, für die sie nie geschaffen wurden. Während gleichzeitig die Profiteure der Macht die uralten Stammeskonflikte schüren und Bürgerkriege und Genozide anzetteln, um genau diese Veränderungen zu verhindern. Da geht es ihnen wie den europäischen Patriarchen: Damit schwindet nämlich ihre Macht. Eine Gesellschaft, in der auch die Frauen selbstbewusster und eigenständiger werden, lässt sich nicht mehr knechten und kleinhalten.

    Was einen ebenfalls an Europa erinnert und die seltsamen Holzwege, auf denen unsere von den Veränderungen entsetzen Konservativen ihr neues altes Heil suchen. Es ist schon erstaunlich, wie vertraut einem Afrika eigentlich ist, wenn man mal den ganzen Brauchtums-Zauber weglässt und den Menschen so wie hier beim Kämpfen um ein bisschen Würde zuschaut.

    Nur dass es so verflixt lange dauert, bis Gesellschaften wirklich Schritt um Schritt zur Emanzipation gehen, bedrückt einen auch nach dem Lesen der letzten Geschichte, in der Komona den Mut findet, ihrem wütenden Onkel zu widersprechen und zuletzt sogar Zuspruch von ihrer Mutter bekommt: „Ich verstehe deine Haltung. Glücklicherweise verändere sich alles mit der Zeit, auch Traditionen.“

    Das könnte man auch als Fazit zu jeder deutschen Nachrichtensendung einblenden, wenn mal wieder von den seltsamen Kapriolen aufgeblasener Männer berichtet wurde, die Kraftmeierei und Rücksichtslosigkeit als Politik verkaufen. Um so viel voraus sind wir den Menschen in Afrika gar nicht, wie wir uns oft einbilden, auch wenn das, was die Mutigen vor uns als Schritte zur Emanzipation erkämpft haben, nicht zu unterschätzen ist. Die Vorbilder sind da. Und auch in Kinshasa weiß man sehr wohl, was das mit menschlicher Würde, mit Recht und Selbstbestimmung zu tun hat.

    Es ist ein Buch voller Erzählungen geworden, die einen tatsächlich mitnehmen in die Welt der Familien im Kongo, in der bitteres Leid und der Mut zur Selbstbehauptung immer dichter zueinanderrücken. Der Kongo wird sich verändern. Und Frauen werden dabei wie so oft eine ganz zentrale Rolle spielen. Frauen, die Kinder nicht nur kriegen (weil Männer sich das „leisten“ können), sondern Kinder auch prägen.

    Gesellschaften verändern sich nicht, weil Männer gut bezahlte Jobs bekommen, sondern weil sich das Bild vom Menschsein verändert. Und damit auch die Ansprüche an die selbstherrlichen Männer, die immer glauben, alles gehöre ihnen. Emanzipation beginnt damit, dass Frauen die patriarchalen Besitzverhältnisse infrage stellen.

    Das macht am Ende doch zuversichtlich, auch wenn einem viele der geschilderten Schicksale in diesem Buch nahegegangen sind, weil sie etwas verstörend Bekanntes angerührt haben. Unsere eigenen Besitzstandswahrer und Verunmöglicher sind wir noch lange nicht los. Diese eisigen Typen, die jedes Almosen für die Bedürftigen schon für den Untergang der Welt halten.

    Es ist wie ein Gruß von Kontinent zu Kontinent. Ein sehr vertrauter. Und im Nachwort betonen Tshimwanga und Oelßner nicht ohne Grund, dass es die teilweise uralten Machtverhältnisse sind, die viele junge Afrikaner dazu bringen, sich auf die gefährliche Reise nach Norden zu machen.

    Joachim Oelßner; Faida Tshimwanga Großfamilien-Bande, Neobooks, Berlin 2021, 12,99 Euro.

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