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Die Erfindung des muslimischen Anderen: Wie wir uns „unsere Muslime“ erschaffen, während wir glauben, tolerant zu sein

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    Sind Menschen mit dunkler Hautfarbe eigentlich Spezialisten fürs Ausländersein? Oder Menschen aus arabischen Ländern Spezialisten für den Islam? Nur mal so provokant vorweg gefragt. Denn genau damit beschäftigt sich diese Sammlung sehr kompakter Essays, in denen sich Wissenschaftler/-innen verschiedener Fachrichtungen der Frage annehmen: Wer definiert eigentlich, was nicht dazugehört? Oder nicht dazugehören soll?

    Sie merken es schon: Hier geht es um irritierende Grundsatzfragen. In diesem Buch stellen ein paar kluge Autor/-innen das Problem, das einem nicht nur in der deutschen Politik regelrechte Kopfschmerzen bereitet, vom Kopf auf die Füße. Höchste Zeit, könnte man meinen. Aber es dauert in der Regel viele Generationen, bis falsches Denken auch als solches verstanden wird. So schön der Glaube an die Vernunft des Menschen ist: Er neigt nicht zum vernünftigen Überlegen, wenn es „einfache Erklärungen“ für alles gibt.Und Politik hat schon immer mit „einfachen Erklärungen“ funktioniert. Gar nicht mal erst seit der Erfindung der Nation vor 200 Jahren. Mit der Nation wurde die Nationalität erfunden, wurden Geburtsrecht und Religion zu Eintrittskarten oder Ausschlusskriterien für die, die dazugehören und die, die man nur gnädigerweise akzeptierte als billige Arbeitskräfte.

    Auch das Thema wird kurz gestreift, denn mit der Debatte um die Gastarbeiter in den 1960er und 1970er Jahren wurde ja offenkundig, dass die Definition der Ausländer in Deutschland immer eine ökonomische Komponente hatte. Als billige (Hilfs-)Arbeitskräfte waren sie immer willkommen (auch heute noch), als eigentlich logische Anwärter auf soziale Ansprüche wurden sie immer verleumdet. Was nicht aufhörte, als sich die Diskussion um die „Gastarbeiter“ in den 1980er Jahren endlich entspannte und sich Helmut Kohls vollmundige Ankündigung, er wolle die Zahl dieser Menschen in Deutschland halbieren, als heiße Luft erwies.

    Was leider die deutsche Politik nicht davor bewahrte, 1990 ff. in denselben alten Tonfall zu verfallen, als sich der Fremdenhass in Hoyerswerda, Rostock und Mölln austobte. Die Hardliner in der Innenpolitik nutzten ihre Chance, das deutsche Asylrecht aufzuweichen und zahnlos zu machen.

    Bis eine deutsche Regierung anerkennen würde, dass die Bundesrepublik schon seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland ist, sollten noch zehn Jahre vergehen. Was nicht bedeutet, dass sich die verächtliche Haltung gegenüber Menschen mit Geburtsort in anderen Ländern, mit dunklerer Hautfarbe oder gar einem Glauben, der aus Sicht einiger Politiker „nicht zu Deutschland gehörte“, in irgendeiner Weise änderte.

    Jedenfalls nicht in der konservativen Wertedebatte eines Bürgertums, das sich und seine Sicht auf die Welt bis heute nicht infrage gestellt hat, nicht mal auf die Idee kam, dass sie infrage gestellt werden müsste. Denn wer definiert eigentlich den Standard? Und warum sehen die, die den Standard setzen, nicht, wie sie selbst erst – von ihrem Standard aus (weiß, eingeboren, heterosexuell) – definieren, was anders ist.

    Andern nennen es mehrere Autor/-innen in diesem Buch. Man überliest es beinah, möchte gern ändern draus machen. Aber es geht wirklich um das Erzeugen des Anderen. Erst dadurch und die Betonung des Exotischen, Fremden, Bedrohlichen werden andere Menschen erst zu „den Anderen“, wird ein Gruppenlabel geschaffen. Oft ganz unbewusst.

    Denn auch das wird natürlich festgestellt: Wir wachsen alle hinein in diese Interpretationsmuster. Wir leben so selbstverständlich darin, dass wir gar nicht merken, dass das eigentlich angelernte Interpretationsmuster sind. Kein Kind käme auf die Idee, mit den anderen Kindern im Kindergarten anders umzugehen, nur weil sie lockige Haare haben, braune Augen oder weil sie Achmet oder Nuria heißen. Erst durch Eltern und andere Erwachsene lernen Kinder andere Menschen als anders zu sehen. Und nicht nur das: Sie bekommen die Bewertung und Abwertung gleich mitgeliefert.

    Die sich übrigens auch ändern kann. Wofür auch das Beispiel der westdeutschen Gastarbeiter/-innen steht. Denn während anfangs die angeworbenen Italiener/-innen, Spanier/-innen und Türk/-innen ganz ähnlich als fremd und „nur Gast“ betrachtet wurden, durften Italiener und Spanier quasi aufsteigen in der Gunst der Einheimischen, während sich nun der Abwehrreflex vor allem gegen „die Türken“ richtete, ein Reflex, in dem schon die künftige Zuspitzung steckte, die sich vor allem nach dem 11. September 2001 verschärfte, als sich das neue Feindbild auf einmal auf den Islam einschoss.

    Und es wäre zu bequem, dieses Problem der Erschaffung eines neuen als bedrohlich ausgemalten Anderen allein den Rechtsextremen und Homophoben im Land zuzuschreiben. So einfach ist das leider nicht, stellen die Autor/-innen dieses Bandes fest, die selbst genug Erfahrungen mit Ausgrenzung, Aussortierung und Anderung gemacht haben. Denn man wird ja nicht als Fremder geboren. Man wird zum Fremden und Anderen gemacht.

    Das ist oft genug auch politisches Kalkül, denn wer das Misstrauen gegen ganze Gruppen anderer Menschen schürt – eine echte „deutsche Tradition“ –, der schafft auch erst den aussondernden Blick. Auf einmal haben die so markierten Menschen etwas „Besonderes“, oder besser „Gewisses“. Fast könnte man hier einen historischen Ausflug in die deutsche Andersmachung ganzer Menschengruppen anschließen.

    Aber das Frappierende an den Beiträgen ist eher, dass sie zeigen, dass dieses Fremdmachen ganzer Menschengruppen eben nicht nur bei den Antisemiten und Rassisten der Gegenwart passiert, sondern auch in den scheinbar emanzipierten und weltoffenen Milieus, die sich zwar alle Mühe geben, alles ganz anders zu machen als die verknöcherten Menschenfeinde, die aber selten bis nie die Basis hinterfragen, von der aus sie selbst nun ihre Erwartungsmuster über die Anderen und Geanderten werfen.

    Und die dann oft von den scheinbar von ihnen verteidigten Gruppen Dinge erwarten (etwa bei Emanzipation und sexueller Toleranz), die nicht mal die maßstabsetzende Mehrheitsgesellschaft erfüllt. Man erklärt sich selbst regelrecht zum moralischen Maßstab und missbilligt dann an den Anderen, dass sie diesen geradezu für originär westlich erklärten Maßstäben einfach nicht genügen.

    Obwohl wir in der Regel weder etwas über die Menschen und ihre Herkunftsgesellschaften wissen, über die wir urteilen, noch über den Islam selbst (wobei es den einen Islam gar nicht gibt) oder gar die Geschichte dieser Regionen, die in Sachen Toleranz jahrhundertelang dem egozentrischen Europa gezeigt haben, was eigentlich Humanismus ist.

    Nicht zu vergessen, dass die nach Deutschland Geflüchteten oder auch nur einfach ausgewanderten Menschen nicht vor ihrer Kultur oder Religion geflohen sind, sondern vor Krieg, Bürgerkrieg, Terrorgruppen wie dem IS oder finsteren Diktatoren und Regimen. Und logischerweise entsprechen diese Menschen in den meisten Fällen eben nicht den sehr stereotypen Bildern, die wir uns von ihrer Religion, ihren Herkunftsländern und ihren Erwartungen an ihr Zufluchtsland machen.

    Ganz zu schweigen davon, wie stark auch Medien unsere Bilder von „den Anderen“ prägen. Man muss das nicht nur auf „Muslime“ fokussieren, obwohl viele der Menschen, die von denkfaulen Medien in die Schublade „Muslim“ gesteckt werden, weder Muslime sind noch aus muslimischen Ländern kommen. Ganz zu schweigen davon, dass die wenigsten einem radikalisierten Islam anhängen und ganz und gar keine Lust haben, überall quasi als Vertreter einer fremden, mit Vorurteilen beladenen Kultur angesprochen und befragt zu werden.

    Aber Umfragen belegen immer wieder deutlich, wie tief verankert die Vorurteile in unseren Köpfen sind, selbst da, wo man eigentlich das Gefühl hat, da wären nun Toleranz und Offenheit zu Hause.

    Aber auch das wird thematisiert, dass selbst Toleranz schon eine aussondernde, oft genug rassistische Grundierung enthält. Denn wer toleriert, bestimmt die Grenzen, der weist dem Fremden seinen Platz zu. Von Respekt ist da noch keine Rede. Man ist nur so gnädig, bestimmte Dinge (Kopftücher, Gebetsteppiche …) zu tolerieren. Wobei selbst Berichte aus dem deutschen Bildungsalltag zeigen, dass Toleranz noch lange nicht Gleichberechtigung bedeutet.

    Denn wenn Kinder in bestimmte Schablonen passen, bekommen sie allein schon dafür schlechtere Noten und seltener eine Gymnasialempfehlung. Später im Berufsleben geht die stillschweigende Entwertung und Diskriminierung weiter. Und das hat nichts mit nur persönlichen Eindrücken zu tun.

    Dafür gibt es längst – genauso wie zu den intoleranten Einstellungen der Mehrheitsdeutschen – Studien und Berichte und belastbare Zahlen. Dass es die Erfahrungen auch zur Abwertung anderer Gruppen, etwa der sogenannten „bildungsfernen Schichten“ gibt, gehört natürlich mit in diesen Topf. Die Anderung von als muslimisch gesehenen Menschen ergänzt sich im Abgrenzungskosmos der Deutschen, die sich selbst und ihre Lebensweise als Norm begreifen, mit einem ganzen Bündel solcher Ausgrenzungen und Hierarchisierungen. Hierarchisierungen, die die Vertreter dieser Sichtweise meist gar nicht wahrnehmen, weil sie in genau diese Weltsicht hineingewachsen sind und ihren Wohlfühlkosmos nie verlassen haben.

    Sie wissen nicht, wie es ist, wenn man als Mensch jeden Tag gespiegelt bekommt, dass man als nicht dazugehörig empfunden wird. Wenn einem bei jeder Bewerbung, bei jedem Amtsbesuch klargemacht wird, dass man ein Sonderfall ist, der erst einmal belegen muss, dass er selbstverständliche Leistungen auch in Anspruch nehmen darf.

    Wir sind kein selbstverständliches Land. Und die größte Energie verwenden wir darauf, Menschen herauszuhalten und lieber über sie zu sprechen, statt mit ihnen. Was natürlich erst einmal „leichter“ ist: Wenn ich eh schon besser weiß, was der Andere für einer ist, muss ich ihn weder fragen noch ihn näher kennenlernen wollen.

    Vielleicht gar mit der Erkenntnis am Ende, dass er (fast) genauso tickt wie ich selbst und mit Nazis und Hornochsen dieselben Probleme hat wie ich. Nur dass er von denen öfter schikaniert wird, weil er auffällt mit seiner dunkleren Haut oder dem Dialekt oder weil er dummerweise in deren Gegend wohnt.

    Wobei die Diplom-Psychologin Maria do Mar Castro Varela auch einen Effekt benennt, der ihr bei der Sache sehr unbehaglich ist: den sich ausbreitenden Antiintellektualismus. Denn mit der aufkochenden Islamfeindlichkeit und der stillen Verachtung der „Ausländer“ überhaupt ist auch eine Simplifizierung in die öffentlichen Debatten eingezogen, die mit Erkenntnisgewinn und Neugier nichts mehr zu tun hat.

    Bis in die täglichen Nachrichten hinein bekommen wir ein stereotypes Bild der scheinbar völlig unangepassten (und damit unpassenden) Anderen präsentiert, Bilder von kriminellen Clans, von er Polizei besonders bestreiften Sonderzonen und Parks. Wer nur mit dem täglichen deutschen Medienwahnsinn lebt, der muss einfach ein geradezu grauenerweckendes Bild von „Nordafrikanern“ (Polizeibegriff), „Arabern“ und „Muslimen“ bekommen.

    Die Selbstbefragung muss natürlich in den Medien beginnen. Wobei dazu nicht mal ein Ansatz zu erkennen ist. Denn warum muss man sich selbst befragen, wenn man doch so felsenfest überzeugt davon ist, keine Vorurteile zu haben?

    Der Spaß an diesem auch durch sehr erhellende Comic-Streifen aufgelockerten Buch ist, dass es „20 Fragen und Antworten“ bietet, „die nichts über Muslimischsein verraten“. Denn genau darum geht es in der deutschen Debatte um den Islam ja nicht, auch wenn nur zu gern getan wird, als wüsste man genug über „die Muslime“, um sich dazu ein Urteil bilden zu können.

    Tatsächlich geht es darum, was gerade die Leipziger Medienwissenschaftlerin Anna Sabel in ihren Beiträgen immer wieder herausarbeitet: Die Fremden als extrahierte Gruppe mussten immer erst erfunden werden, als fremd und anders markiert werden. So wie auch „die Deutschen“ erst erfunden werden mussten als Nation, was historisch wie heute immer bedeutet: die, die dazugehören, die qua Geburtsrecht eben Deutsche sind.

    Der moderne Nationalismus ist das Brüderchen von Ausgrenzung und Abwertung, von Hochmut und kolonialer Blindheit. Auch das ja eine Debatte, die gerade erst begonnen hat. Denn wer sein glückliches Leben in einem reichen Land des Westens als Goldstandard versteht (gern auch verbunden mit falschem Stolz auf eine endlich begriffene Demokratie), der sieht meist nicht, dass sein Leben nur so möglich ist, weil die deutsche Geschichte mit Kolonialismus, Rassismus und Ausbeutung anderer Länder gepflastert ist. Bis heute.

    Die armen Länder im Süden sind nicht arm, weil die Menschen dort dümmer und einfallsloser sind als die cleveren deutschen Ingenieure, sondern weil sie jahrhundertelang von Europäern ausgeplündert wurden und noch heute draufzahlen, wenn es um die Verteilung des Reichtums geht.

    Das ist ein anderes Thema. Stimmt. Das Hauptfeindbild, das sich die knochentrockenen Hardliner des Westens seit 2001 zugelegt haben, ist der scheinbar ganz besonders terroristische Islam, auch wenn es die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens sind, die den eigentlichen Blutzoll für den „Krieg gegen den Terror“ bezahlt haben und zahlen.

    „Worüber sollten wir eigentlich reden?“, heißt die letzte Frage im Buch, die die Autor/-innen zwar alle unterschiedlich beantworten. Aber im Kern wird deutlich, dass wir es uns bis jetzt immer leicht gemacht haben. Wir haben unser Bild von „den Anderen“ einfach für das normsetzende genommen und erwarten, dass dem die Anderen (oder besser: Geanderten) bitteschön zu entsprechen haben.

    Was viele von ihnen übrigens auch getan haben. Auch davon wird berichtet, dass ein Mensch, der so zum Anderen gemacht wird, gar nicht anders kann, als sich mit dieser Rolle zu identifizieren – oder gegen sie anzukämpfen. Was noch viel schwerer ist in einem Land, wo sich selbst die Gutwilligen nicht eingestehen, dass sie eigentlich immer nur ihre eigenen Bilder sehen, wenn die über „die Anderen“ sprechen.

    Aber eins sehen sie fast nie: die eigene Rolle dabei und ihre Seltsamkeiten. Denn die sind ja als Norm gesetzt. Eine oft genug bedrückende Norm, bei der man sich als neugieriger Mensch oft genug vorkommt, als hätte man es mit Kopffüßlern zu tun. Denn nicht einmal innerhalb der ganzen von konservativen Schaumschlägern beförderten Werte-Diskussion fühlen sich die meisten Bewohner dieses Landes irgendwie aufgehoben. Emanzipation hat nämlich auch etwas damit zu tun, ob man sich emanzipieren darf und gleichwertig mitreden darf. Oder ob andere bestimmen, in welchem Rahmen gesprochen werden darf.

    Die also auch bestimmen, wer man – in ihren Augen – eigentlich ist und sein darf. Es geht also durchaus um mehr als die „muslimischen Anderen“. Aber die erfahren zurzeit am massivsten, wie das ist, wenn andere Leute fortwährend bestimmen und definieren, wer sie sind und zu sein haben. Ein Buch, das auf vielseitige Weise antwortet auf Fragen, die viel mehr mit den unsicheren Selbstbildern der Deutschen zu tun haben als mit dem, was die geanderten Menschen eigentlich sind und wollen und wünschen.

    Anna Sabel, Özcan Karadeniz (Hrsg.) Die Erfindung des muslimischen Anderen, Unrast Verlag, Münster 2021, 12,80 Euro.

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