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Wegmarken und Widerworte: 60 Beiträge zum 70. Geburtstag des früh verstorbenen „scharfzüngigen Lutheraners“ Ulrich Schacht

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    Kann man das Buch besprechen? Geht das überhaupt? Natürlich. Wir haben hier schon ganz andere Kaventsmänner besprochen. Warum auch nicht, Ulrich Schacht oder vielmehr: die 60 Beiträge zum 70. Geburtstag des Mannes, der seinen 70. Geburtstag nicht mehr erlebte. Er starb 2018 mit 67 an einem Herzinfarkt. Ein herzhaft streitbarer Konservativer, dem freilich selbst sein einstiger Arbeitgeber, der Springer-Verlag, zu lasch geworden ist. Oder zu linksliberal?

    Also schrieb er zuletzt eher für ein Magazin wie „Tumult“, engagierte sich für den Messestand der „Jungen Freiheit“ auf der Leipziger Messe und das „Compact“-Magazin. Ein sperriger Mann, durchaus von Lutherschem Format, der 1998 sogar Deutschland verließ, weil ihm die Entwicklung der Republik in die falsche Richtung ging.Seitdem lebte er in Südschweden, veröffentlichte aber auch weiterhin Gedichtbände, Essays und Prosa, zuletzt seinen Roman „Notre Dame“, der 2017 im Aufbau Verlag erschien. Und natürlich werden in den Beiträgen einige der großen Debatten wieder lebendig, in denen er sich engagierte und die bis heute sperrig im Raum der deutschen Selbstsuche stehen, die nie zur Findung werden will.

    Und man grübelt tatsächlich die ganze Zeit: Kann es sein, dass die Deutschen verlernt haben, richtig zu streiten, miteinander zu streiten und auch sperrige Themen auszuhalten? Denn ums Aushalten geht es ja auch. Was darf im medialen Raum gesagt werden? Und was nicht? Ist es der „linksliberale Mainstream“, der Debatten verhindert, die auch von Schacht und etlichen seiner Freunde immer wieder benannte „cancel culture“? Oder ist das nicht sogar eine beiderseitige Sache, auch die Unfähigkeit auf der rechten Seite des Spektrums, die als linksliberal empfundenen Positionen ernst zu nehmen?

    Die Frage lässt sich am Ende nicht beantworten. Höchstens vermuten, warum Schacht teilweise Positionen vertrat, über die selbst einige Wegbegleiter den Kopf schüttelten. Etwa seine seltsame Bewunderung für Leute wie Putin oder Orban oder die Schwedendemokraten. Da muss man schon mal durchatmen. Wie kommt man dahin, solche Leute zu bewundern? Und das, obwohl Schacht ja selbst Erfahrungen gemacht hat mit einem übergriffigen Staat.

    Denn geboren wurde er im Frauengefängnis Hoheneck. Die Brutalität einer Diktatur, die jeden Individualismus maßregelte und abstrafte, hat sein Leben geprägt. Später wurde Schacht selbst wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Nach dreieinhalb Jahren wurde er vom Westen freigekauft. Das prägt natürlich. Wer so etwas erlebt hat und nicht zerbrochen ist, kämpft überall gegen Diktatur und Bevormundung, wo er sie auch nur vermutet. Dem ist Freiheit ein hohes Gut.

    Freiheit und Nation

    Aber Freiheit ist ein Wort, über das man sich zerfetzen kann. Schacht definierte seine Freiheit aus einem christlichen Glauben heraus. Ohne Gott keine Freiheit. Da war er ganz bei Luther. Aber es ist nicht nur der strenge und gottgläubige Luther, der Schachts Position beschreibt. Da ist noch mehr. Etwas, was Schacht für nicht ausdiskutiert hielt. Dafür steht sein 1994 zusammen mit Heimo Schwilk herausgegebenes Buch „Die selbstbewußte Nation“, das seinerzeit für heftige Debatten sorgte.

    Denn: War denn nicht die Debatte über Nation und ein selbstbewusstes Deutschland erledigt? Eine Debatte, über die viele froh waren, dass sie den deutschen Wiedervereinigungsprozess nicht überschattete. Denn da klingt ja immer das scheppernde „Deutschland über alles …“ mit. Ein alter Größenwahn, den nicht nur Helmut Kohl lieber in einer stärkeren Europäischen Union austariert sehen wollte. Eine Union, in der Schacht durchaus neue Ansätze zu einer Diktatur sah, sehen wollte.

    Was viele der Autor/-innen durchaus würdigen, die ihre Beiträge zu diesem Band beisteuerten. Auch wenn es durchaus ein paar Widerworte gibt – Texte von Freunden, die anmerken, wie verstörend Schachts Haltung für sie oft war – aber der Mensch muss ein herzlicher, ungemein kommunikativer Zeitgenosse gewesen sein, überwältigend, lutherisch, herausfordernd.

    Wo beginnt eigentlich der Dissens? Vielleicht weit vor unserer Zeit, weit vor dem Jahr 1989, diesem Überschwang, in dem so vieles nicht ausdiskutiert werden sollte. Viele Debatten oder vielmehr Nicht-Debatten des Jahres 2021 erinnern fatal an die Nicht-Debatten des Jahres 1990. Wenn aber keine öffentliche Selbst-Vergewisserung stattfindet, schwelen die ungelösten Fragen einfach weiter.

    Hätten wir 1990 über die Rolle von Nation und Patriotismus diskutieren sollen? Natürlich. Öffentlich. Mit offenem Visier. Es ist nicht passiert. Es hätte uns alle klüger machen können, wenn über die Rolle Deutschlands innerhalb Europas und die Rolle heutiger Nationalstaaten wirklich mal öffentlich gestritten worden wäre, über die Nation, das Selbstwertgefühl und das, was sich mit der Wiedervereinigung eigentlich änderte.

    Nur dass Schacht wohl Unrecht hatte, als er das Problem ausgerechnet im links-liberalen Milieu verortete und die alten 68er für die Schuldigen hielt. Was zumindest verblüfft, wo er doch jahrelang als Kulturredakteur für „Die Welt“ und „Welt am Sonntag“ schrieb, zwei Blätter aus dem Hause Springer.

    Wo ist der Raum für Debatten?

    Denn wer schafft eigentlich den Raum für die großen Debatten? Das sind doch nun einmal die großen Medienhäuser? Oder haben wir da was verpasst? Sie prägen Meinungen und Standards über das, was Thema ist, und was nicht. Sie geben intellektuellen Streithähnen Platz. Oder auch nicht.

    Es sind diese kleinen Unstimmigkeiten, die irritieren. Gut möglich, dass Ulrich Schacht wirklich ein Mann war, mit dem man gern zusammen war, der herzerwärmend sein konnte und stundenlange Gespräche über Gott und die Welt liebte. In den Beiträgen kommt eine tiefe Bewunderung zum Tragen, auch viel Dankbarkeit. Denn seine schriftstellerischen Arbeiten werden von fast allen als tröstlich, intensiv und lebendig geschildert.

    Klafft da also ein Widerspruch zwischen dem Dichter und dem Mann, der sich wortgewaltig auch politisch äußerte, der da im wieder vereinten Deutschland neue diktatorische Züge sah, die eigentlich nur irritieren, wenn man die an sich selbst gescheiterte DDR dagegenhält? Und Schacht engagierte sich stark für die Aufarbeitung dessen, was Menschen in der DDR angetan wurde, die einfach nur eine eigene Meinung äußerten, Kritik und Widerspruch.

    Das Bild, das er dafür auch in Essays verwendet, ist eigentlich bekannt als Topos: Die Ideologie als Religionsersatz, die Selbstvergottung eines politischen Systems, das sich selbst als Endziel aller Geschichte verkauft. Da kommt man schnell dazu, wie Schacht die Französische Revolution von 1789, die Oktoberrevolution 1917 in Russland und Hitlers Aufstieg zur Macht 1933 in einen Topf zu schmeißen. Dreimal ein (linker?) Versuch, die Welt mit einer absoluten Verheißung zu „retten“. Die Hybris eines gottlosen Denkens – wenn man wie Schacht darauf schaut – in der der Mensch sich selbst zum Gott erhebt und glaubt, aus eigener Macht das Paradies auf Erden schaffen zu können.

    Eine Reihe, in die Schacht augenscheinlich eher weniger die EU stellte, als den Größenwahn, der heute als Allheilmittel angepriesen wird: die Globalisierung. Da wäre Schacht ja auch nicht der Erste gewesen, der das mit Weltoffenheit und kultureller Emanzipation verwechselt, obwohl es natürlich zeitgleich stattfindet, eins vielleicht sogar das andere bedingt. Aber genau hier merkt man auch, dass man nicht miteinander diskutieren kann, wenn man die Basis nicht geklärt hat, auf der man miteinander streiten will. Und kann.

    Alles Linke?

    Und das geht leider unter in dem ganzen Links-Rechts-Geschimpfe, in dem sich politischer Streit heutzutage meist verliert. Als ginge es bei politischen Gegensätzen immer nur um ein paar bornierte Intellektuelle, die man niederschimpfen muss, oder canceln. „Gesinnungsethik“ nennt es Harald Seubert in seinem Beitrag, in dem er Schachts literarisches Werk resümiert. Was einen an Sahra Wagenknechts scharfe Kritik an der Identitätspolitik der Linken erinnert, bei der man sich auch schon fragte: Wen meint sie eigentlich damit? Welche Linken eigentlich genau? Dieselben, die Schacht meinte?

    Spätestens da wird einem auch die Begeisterung einiger Weggefährten Schachts fremd. Als lebten sie in einer anderen Welt, die mit unserer hiesigen wenig bis nichts zu tun hat. Als lebte ein ganzes Land in Scheindebatten, ausgefochten mit lauter Phantomen und Zuschreibungen, die aber – das erstaunt dann wieder – aus genau den hitzigen Feuilletons wieder herausfluten ins Land, von denen sich auch Ulrich Schacht so missverstanden fühlte, niedergeurteilt und in einen Sack gesteckt. „Gottchen, dieses schreckliche linksliberale Milieu!“ Das kennen Sie bestimmt.

    Ich kenne es nicht. Entweder gehöre ich nicht dazu, wurde nicht eingeladen – oder es ist eine Fiktion. Ein Luftsack, auf den man schön eindreschen kann, ohne über das Geld dahinter zu sprechen, die wirtschaftlichen Zwänge, den Lobbyismus, die Interessen und die, die davon profitieren. Nur mal so am Rand erwähnt. Wahrscheinlich hätte ich mich mit Ulrich Schacht gewaltig gestritten und gefetzt, wenn wir uns mal begegnet wären. Auch über die Frage der Freiheit und wer sie eigentlich schenkt.

    Oder ob man sie sich erkämpfen muss, immer wieder. Auch in einer Gesellschaft wie der unseren, die ihre Zwänge und Verführungen so schön verpackt und versteckt. Was aber auch nichts Neues ist. Das steht schon bei Marx, aber nicht bei Heidegger. Vielleicht muss man irgendwann einfach aufhören, nach lauter Schuldigen zu suchen (die man immer findet, wenn man will). Um dann einfach alle möglichen Leute in einen Sack zu stecken, wie das in diesem Band auch Helmut T. Seemann macht, wenn er schreibt: „Die ganz überwiegende Mehrheit der westlich geprägten Intelligenz denkt säkular, antitotalitär, konsensuell, multilateral, konstitutionell und demokratisch etc. ppp.“

    Wirklich? Daran zweifle ich aber. Aber vielleicht ist gerade das die Not, nicht nur der neuen rechten Intellektuellen: Dass selbst die Welt der intellektuellen Positionen fast unüberschaubar geworden ist, so wie die ganze mediale Gegenwart. Wenn man die Sache aber nicht mehr überschaut, neigt man zu (unzulässigen) Verallgemeinerungen, sieht nur noch einen großen „linken“ Haufen und hält die eigene Position für auserwählt und einzigartig.

    Gott in der Geschichte?

    Genau das wäre der Punkt gewesen, an dem ich spätestens mit Ulrich Schacht aneinandergeraten wäre. Auch wenn seine Position durchaus des Streites wert gewesen wäre, auch wenn ich partout nicht entdecken kann, warum ein Gott unsere Geschichte lenken sollte. Gerade das sah Schacht aber so und auch noch ausgerechnet mit Blick auf die Friedliche Revolution von 1989. Na gut, er war nicht dabei. Er hat nicht miterlebt, wie die Dinge ins Rutschen kamen, wie Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen und Geschichte machten.

    Denn egal, welchen Teil der Geschichte man betrachtet: Immer sind es Menschen, die aktiv handeln – auch wenn die Ergebnisse dann meistens völlig anders aussehen, als zuvor gedacht. Aber das liegt nicht an einem wohlwollend eingreifenden Gott, sondern daran, dass Macht und Interessen selbst in den „Sternstunden der Menschheit“ mitspielen. Wären Menschen interesselos, würden wir wunderbare Revolutionen und Wahlergebnisse bekommen. Sind sie aber nicht. Selbst dann, wenn sie öffentlich nicht streiten, handeln sie stets im Eigeninteresse. Alle, selbst die Selbstlosesten und Tiefgläubigsten.

    Ist Ulrich Schacht mir durch dieses Geburtstagsbuch mit Texten von Freunden und Wegbegleitern nun nähergerückt? Menschlich schon. Denn natürlich hört ein Mann, der völlig anders denkt über die Gegenwart, Gott und den ganzen Rest, damit nicht einfach auf, ein möglicherweise netter Zeitgenosse zu sein, den man sogar mögen kann.

    Den man vielleicht sogar gerade deshalb mag, weil man sich mit ihm so herrlich fetzen kann. Das kann einen ja sogar bereichern und klarer sehend machen. Und es wäre schlimm, wäre das in unserer Welt nicht mehr möglich. Aber das heißt ja nicht, dass man die Argumente überzeugend finden muss. Oder die Schlüsse logisch und folgerichtig.

    Aber dass es da was zu streiten gab, wissen wir ja seit dem ersten Band der Georgiana-Reihe in der Evangelischen Verlagsbuchhandlung, die von der von Schacht gegründeten Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden herausgegeben wird: „Wenn Gott Geschichte macht …“.

    Thomas A. Seidel; Sebastian Kleinschmidt Wegmarken und Widerworte, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2021, 29 Euro.

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