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Einer muss doch anfangen! Eine zutiefst einfühlsame Biografie der unvergessenen Sophie Scholl

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    Wie würdest du handeln, wenn du es nicht mehr aushältst, dass das Land von Mördern, Lügnern und Kriegstreibern beherrscht wird? Würdest du so handeln wie Sophie Scholl, ihr Bruder Hans und ihre Freunde? Am 9. Mai wäre Sophie 100 Jahre alt geworden. Aber sie war erst 21, als die Nazis sie in München hinrichteten. Mit Werner Milstein kann man die mutige junge Frau kennenlernen.

    In diesem besonders für junge Leser/-innen geschriebenen Buch erzählt er Sophies Geschichte nicht vom Ende her. Das Ende ist mit Bedeutungen aufgeladen und auch Historiker machen oft den Fehler, die Menschen aus den Ereignissen erklären zu wollen, ihrem Handeln also aus der Perspektive der Ergebnisse einen Sinn aufzudrücken. Das ist nicht ganz beiläufig gesagt, denn dasselbe passiert auch mit dem Ende der DDR und dem Ende des Ostblocks. Man deutet die Ereignisse von ihren Ergebnissen her und blendet völlig aus, dass die Handelnden diese Ergebnisse gar nicht kennen konnten, dass nirgendwo ein hilfreicher Wegweiser stand: „Hier entlang zur Logik der Geschichte.“Sie haben nur einen einzigen Kompass: Ihr eigenes Gewissen. Einen Kompass, von dem wir wissen, dass ihn viele historische Akteure lieber nicht benutzen. Mächtige schon mal gar nicht. Wo bleibt eigentlich das profunde Forschungswerk zur Psychologie der Macht? Ist es geschrieben und verstaubt irgendwo in einem Archiv?

    Warum erwähne ich das, wo es hier doch eigentlich nur um ein Mädchen aus Württemberg geht, Tochter eines liberal gesinnten Verwaltungsfachmanns und einer Diakonisse. Der Vater: zutiefst liberal gesinnt, zuletzt aus der Stadt, die ihn nach dem Ersten Weltkrieg zum Bürgermeister wählte, regelrecht vertrieben 1930. Da deutete sich eigentlich schon an, wie bald das ganze Land kippen sollte in den Triumph der Verachtung. Weil Milstein möglichst nah an den Quellen erzählt, wie Sophie aufwuchs in dieser Familie, eigentlich ein ganz normales Kind, manchmal ernst und nachdenklich, lebenshungrig, gerechtigkeitsliebend.

    Eigentlich wie so viele Kinder, bevor sie in die Mühlen der staatlichen Erziehung geraten. Denn Sophie war ja immer noch ein Kind, als die Nazis an die Macht kamen. Sie wuchs nicht in einer Blase auf, sondern war auch wie selbstverständlich im BDM. Aber schon da wird sichtbar, warum die Nationalsozialisten die komplette Erziehung der Jugend in den Griff bekommen wollten. Und warum Menschen wie Sophie gerade deshalb immer mehr in Distanz gerieten zu diesem System der Anpassung und Gleichschaltung.

    Besonders Briefe erzählen ja davon, wie konsequent Sophie danach suchte, das wirklich richtige zu tun. Und wie sie haderte, selbst in der Liebe, die Beziehung immerfort prüft und doch nicht für endgültig hält. Man ahnt schon, wie sie die Menschen und insbesondere die jungen Männer um sich forderte, richtig herausforderte. Und das in einer Zeit, in der das Regime der Stiefelträger von Frauen eigentlich nur Gehorsam forderte, Unterordnung und Kinder für den Krieg.

    Was ja dann 1942 in München an der Uni zu einem regelrechten Eklat führen sollte, als der Gauleiter dort über die Studentinnen herzog. Ein Moment, den Sophie und ihre Freunde als Beginn sahen für das Ende dieses Regimes, das vor Moskau längst gescheitert war und nun zum absoluten Krieg rüstete.

    Und dazu noch diese Wissbegier, die Sophie auch dazu brachte selbst dorthin (verbotene) Bücher mitzunehmen, wo sie von den Machthabern ausdrücklich verboten waren. Denn kluge Frauen, die noch dazu die „falschen“ Bücher lasen, wollten sie garantiert nicht. Bücher, die ausgerechnet auch noch die ganzen verfemten menschlichen Tugenden definieren. Diese durchaus bohrende Frage: Wie anständig kann und muss ein Mensch leben? Welches ist eigentlich der Maßstab für ein ehrliches Leben? Fragen, die im Münchner Freundeskreis wohl genauso emsig diskutiert wurden, wie sie in Sophies Briefen auftauchen.

    Man landet nicht in einer geheimnisvollen Widerstandswelt. Milstein zeichnet eine junge Frau, die durchaus zweifelt und hadert und dennoch immer klarer wird in ihren Ansprüchen an menschlichen Anstand. Man erlebt mit, wie sich die Gleichgesinnten nach und nach finden, wie sie Kontakte und Netzwerke knüpfen, wohl wissend, dass sie damit schon die Spielregeln des Regimes unterlaufen.

    Denn auf Menschlichkeit stehen schon längst drakonische Strafen, wenn nicht gar die Todesstrafe. Da ähneln sich alle Diktaturen des 20. Jahrhunderts wie ein Ei dem anderen. Gerade die Gewissenlosen wissen ganz genau, dass ihr mächtiges Staatsgebilde in Gefahr ist, wenn die Menschen ihr Gewissen wiederfinden. Manche verstecken es ja nur, passen sich an aus purer Angst. Das war im Nazireich nicht anders. Regimes leben von der Angst, die sie verbreiten. Und sie fürchten den Mut der Aufrechten. Und ihre Appelle und nächtlichen Wandaufschriften.

    Und gleichzeitig treiben sie gerade diese Menschen zum Handeln. Denn wenn man nichts mehr tun kann, ohne dabei gezwungenermaßen zum Mittäter zu werden, dann wird das für Menschen gerade mit großen Gewissenszweifeln irgendwann nicht mehr aushaltbar. Dann müssen sie handeln, wohl wissend um die Gefahr. Den „Mut, sich selbst treu zu sein“, nennt es Bernd Aretz.

    Der – wie man nun sehr lebendig bei Milstein lesen kann – das Suchen und Mit-sich-Hadern einschließt. Mädchen wie Sophie ringen nicht derart mit sich und der Verunsicherung, ob ihr Leben denn so schon richtig ist, weil sie unsicher sind. Unsicher sind eher die anderen, die gar nicht erst nach sich selbst und ihrem wirklichen Selbst suchen.

    Man erfährt ja mit Werner Milstein auch, wie kompliziert es für Sophies Geliebten Fritz Hartnagel gewesen sein muss, der als Soldat von einer Front an die andere versetzt wurde. Immer wieder stellte diese junge Frau alles gründlich in Zweifel, stellte es komplett auf den Prüfstand. Man ahnt regelrecht, dass sie so auch später geliebt, gezweifelt und immer wieder infrage gestellt hätte. Sie wäre auch dem nachfolgenden Deutschland unbequem geworden, das ist sicher. Denn gerade ihr Suchen und Hadern zeigt, wie sehr die Emanzipation eine grundlegende Menschheitsfrage ist und mit dem Mut zur Gewissenhaftigkeit zusammenhängt.

    Wer sich nicht selbst achten kann und ernst nimmt, der wird auch von verunsicherten (Ehe-)Männern keine Achtung erfahren. Dass das Leben von Sophie stark christlich konnotiert ist, überrascht nicht. Auch und gerade weil sie sich schwertut, zu einem Gott zu finden. Denn die Ernsthaftigkeit, ihrem Gewissen zu genügen, steckt sowieso schon in ihr. Sie gibt ihr die Stärke, selbst diesem wütenden und schäumenden Richter Freisler ins Gesicht zu sagen: „Einer muss doch anfangen!“

    Wie muss er da erst geschäumt haben, dieser „Volksrichter“, so ins Gesicht gesagt zu bekommen, dass sein ganzes rabiates Nazireich schon längst erledigt ist und nur noch die Frage ist, wann es in die Binsen geht. Zur Tragik Deutschlands gehört ja, dass keine der bekannten Widerstandsgruppen Erfolg hatte, auch wenn wir diese Menschen heute verehren und ins Herzu geschlossen haben allein für ihren Mut, das fast Unmögliche zu wagen.

    Und dem Mut, auch ihr Leben zu wagen, wohl wissend, dass die Richter keine Gnade kennen und Menschlichkeit mit blutiger Härte bestrafen. Nicht ohne Grund haben unsere heutigen Nazis das Wort „Gutmenschen“ in Umlauf gebracht. Sie verachten menschlichen Anstand genauso wie ihre braunen Vorbilder.

    Auch deshalb ist es wichtig, Menschen wie Sophie Scholl nicht als Heldin zu feiern, sondern so kennenzulernen, wie es Werner Milstein hier möglich macht. Damit können wir uns auch selbst wiederfinden in dieser Geschichte und miterleben, dass Gewissen und Anstand nicht aus einer wie auch immer gedachten Radikalität entspringen. Im Gegenteil: Sie sind der Kern allen würdigen Menschenlebens. Nachlesbar ja auch bei Dietrich Bonhoeffer, dem Sophie beinah noch begegnet wäre. Und so ist auch nichts radikal an Sophies Geschichte und auch nicht an der von ihrem Bruder Hans initiierten „Weißen Rose“, auch wenn sich die Gruppe selbst nie so nannte.

    Eher spürt man die ganze Tragik, die letztlich über alle hereinbricht, als die Gestapo zugreift und der Hausmeister der Universität sich zum willigen Helfer macht, wahrscheinlich auch noch stolz auf seine kleine Macht in einem Regime, das alles Gewissen mit Stiefeln tritt.

    Milstein erzählt Sophies Leben so, dass sich gerade jüngere Leser/-innen darin wiedererkennen können. Viele werden sich ganz ähnliche Fragen stellen, die Nachdenklicheren genauso intensiv und fordernd wie Sophie. Denn abgegolten sind alle diese Fragen nicht, nicht in der (ersten) Liebe, nicht im Beruf und schon gar nicht, wenn es darum geht, seinen Platz in der Gesellschaft zu definieren. Fühlt man sich verantwortlich dafür, wie es den Schwachen und Verfolgten geht? Oder ist einem das egal? Das ist manchmal der scheinbar so simple Punkt, an dem sich ein intensives und forderndes Leben, wie es Sophie führt, unterscheidet vom Mitläufertum und Opportunismus.

    Was würdest du tun? Die Frage steht. Und gerade Sophie Scholls Geschichte zeigt, dass es darauf weder eine leichte noch eine simple Antwort gibt. Und dass man irgendwann, wenn man sich selbst nicht aufgeben will, handeln muss. Eine Frage, vor der jeder junge Mensch einmal steht und die eigentlich immer mitentscheidet, ob jemand wirklich sein eigenes Leben lebt. Und mancher merkt, wie vertraut ihm diese junge Frau ist, und mancher, der immer alles „cool“ nimmt, wird vielleicht gar nicht begreifen, wie man so fordernd an das Leben sein kann und so ernsthaft im Ringen um Ehrlichkeit in allen Dingen.

    Auch deshalb ist das keine Heldinnengeschichte, die nur von Vergangenem erzählt. Im Gegenteil: Milstein gelingt es, Sophies Leben sehr lebendig und gegenwärtig zu machen. Als könnte sie gleich aus einem der kleinen Fotos steigen, die dem Buch beigegeben sind, und sich schweigend zu einem an den Tisch setzen, zutiefst neugierig darauf, wie wir uns unsere Gewissensfragen alle beantworten, wenn das Leben scheinbar leicht ist und in Deutschland mal gerade keine Stiefelträger regieren.

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