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Taiga: Die frühesten Erzählungen aus dem stalinschen Gulag mit Jahrzehnten Verspätung auf deutsch

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    Was passiert eigentlich mit Autoren, wenn sie in den großen welthistorischen Ereignissen auf der „falschen Seite“ landen? Dann droht ihnen nicht nur das Vergessenwerden. Sie fallen aus jedem Kanon. Sie gehören nicht zu den „vom Vaterland“ Anerkannten, nicht zu den anerkannten Dissidenten, wenn's hochkommt vielleicht zur „Emigrantenliteratur“. Und vielleicht gibt's wenigstens eine Notiz im „Handbook of Russian Literature“.

    Das gab Victor Terras 1985 in der Yale University Press heraus. Da hat Sergej Maximow wenigstens Aufnahme gefunden, während Nachschlagewerke der jüngeren Zeit über ihn schweigen. Obwohl er eigentlich in einem Atemzug mit Alexander Solschenizyn genannt werden müsste. Doch sein Pech war: Er war früher im Gulag als Solschenizyn. Und er schrieb schon über den Gulag, als Solschenizyn noch als Offizier in der Roten Armee gegen die Deutschen kämpfte.

    Und möglicherweise wäre er auch bekannter, wenn seine Geschichtensammlung „Roter Schnee“ tatsächlich 1944 in Leipzig erschienen wäre. Doch das Manuskript und die komplette Auflage wurden beim Luftangriff auf das Grafische Viertel vernichtet. Es wäre der erste Erzählungsband über das von Stalin eingerichtete Straflagersystem gewesen. Das Solschenizyn erst 1945 kennen lernte, als er aus einem ähnlich fadenscheinigen Grund verhaftet wurde wie Sergej Maximow 1936.

    Solschenizyns erste Erzählung über den Gulag – „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ – erschien 1962, in jener kurzen Tauwetter-Zeitspanne, in der nicht nur die sowjetischen Schriftsteller hofften, dass sie das Land endlich menschlicher machen würde und mit den Stalinschen Verbrechen endlich aufgeräumt würde.

    Es kam, wie wir wissen, anders. Und auch der Westen nahm das Stalinsche Gulag-System erst richtig wahr, als Solschenizyns ins Ausland geschmuggeltes Buch „Der erste Kreis der Hölle“ 1968 erschien. Und auch in den Schatten stellte, was Maximow bis dahin veröffentlicht hatte. Denn während Solschenizyn gleich die großen, wirkmächtigen Verlage des Westens und jede Menge Medienrummel zu Hilfe kamen, konnte Maximov seine neu geschriebenen Gulag-Erzählungen 1952 nur in einem amerikanischen Verlag russischer Emigranten veröffentlichen, dem Chekhov Publishing House. Auf russisch.

    Und während Solschenizyn als Dissident gefeiert wurde, konnte Maximow nicht einmal von so einen Rummel profitieren, denn 1941 befand er sich – gerade erst aus der fünfjährigen Haft im Gulag entlassen – in Kaluga, einer Stadt, die schon kurz nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion von deutschen Truppen besetzt wurde. In Kaluga war er gelandet, weil ihm ein Aufenthalt in seiner Heimatstadt Moskau verboten worden war.

    Er hatte zwar die vom NKWD verhänge Strafe abgebüßt – aber wer seine Geschichten liest, begreift – wenn er es noch nicht weiß – wie das Stalinsche Russland funktionierte, wie es wahllos Menschen zu Kriminellen und Staatsfeinden machte und zu Millionen in den Norden verbannte, wo sie in einem riesigen Lagersystem in der Taiga Schwerstarbeit verrichten mussten.

    Ein Lagersystem, das übrigens die deutschen Kriegsgefangenen nach 1945 ebenfalls kennenlernten. Nur dass die Eisenbahnstrecke nach Workuta zu ihrer Zeit schon fertig gebaut war. Gebaut haben sie die Sträflinge aus der Zeit der großen Stalinschen Repressionen und Schauprozesse, jener Zeit also, in der der Literaturstudent Maximow in die Mühlen der NKWD-Justiz geriet und dafür, dass ihm abschätzige Äußerungen über Stalin unterstellt wurden, für fünf Jahre ins Straflager auf der Halbinsel Kola geschickt wurde.

    Dass ihm die Entlassung in die „Freiheit“ gar nichts nützte, schildert er in der Erzählung „Der Aussätzige“. So ungefähr muss es ihm 1941 in Kaluga ergangen sein. Wer einmal in diesem System bestraft wurde, galt auch weiterhin als Staatsfeind und bekam keine Arbeit, schon gar keine, die seiner Qualifikation entsprach. Ihm blieb nur ein Leben in Rechtlosigkeit, vielleicht geduldet in jenen Bereichen, wo noch „Freiwillige“ neben Zwangsarbeitern arbeiten durften.

    Es überrascht nicht, dass Maximow nicht wirklich mehr an dieser Art des stalinschen Kommunismus hing. Und weil er eh schon am Hungertuch nagte und in Moskau als „Volksfeind“ erschossen worden wäre, ging er nach Smolensk und verdingte sich bei der Heeresgruppe Mitte als Korrektor bei einer Propagandaeinheit. So kam er nach Deutschland, wo ihn 1945 das NKWD einzuholen drohte, sodass er erst in den englischen, dann in den amerikanischen Sektor wechselte. 1949 ging er dann in die USA, wo er 1967 – krank und völlig verarmt – starb.

    In Russland selbst wurde sein Erzählband „Taiga“ erst 2016 veröffentlicht. Und dass Maximow tatsächlich wiederentdeckt wurde, liegt vor allem am russisch-amerikanischen Historiker Andrej Ljubimow, der das Werk Maximows in den letzten 20 Jahren erforscht hat.

    So gesehen kommen Maximows „Taiga“-Erzählungen mit erheblicher Verspätung auch (wieder) in Deutschland an, Erzählungen, die einem sehr vertraut vorkommen, wenn man Solschenizyn – aber auch die Autobiografien der deutschen NKWD-Sträflinge – gelesen hat. Die Schockwirkung, die der „Erste Kreis der Hölle“ einst auslöste, ist nicht mehr so stark. Man kennt diese Hölle inzwischen, auch wenn Maximow sie mit seinen einprägsamen Geschichten noch einmal aus etwas anderer Perspektive gezeichnet hat – man spürt, dass er selbst stark geprägt war von Dostojewski und Tschechow, vielleicht auch Gogol.

    Aufmerksam schaut er nach den letzten Resten von Menschlichkeit – und entdeckt sie. Sie drängen sich geradezu auf, denn er braucht nicht lange, um zu merken, wie das Gulag-System funktionierte, wie hier das unbarmherzige und manische Denken des bedrohlichen NKWD nicht nur mit einem ausgeklügelten Hunger- und Schwerstarbeits-System gekoppelt war, sondern wie die uniformierten Täter hier (ganz ähnlich wie in deutschen KZs) einen funktionierenden Deal mit den tatsächlichen Kriminellen eingingen, die sich nur zu willig zu Handlangern der Lagerkommandanten machten und im Lager selbst ihr eigenes Machtsystem aufbauten.

    Ein System, in dem nicht nur erpresst und gestohlen wurde (auch die Hungerrationen der anderen Häftlinge), sondern auch gemordet. Denn ein Menschenleben hatte in diesem System keinen Preis mehr.

    Die „Politischen“, denen Maxiomow begegnet, sind in der Regel alle unter den fadenscheinigsten Gründen zu mehrjähriger Lagerhaft verurteilt worden – einige, weil sie andere nicht denunziert hatten, andere, weil sie früher „Kulaken“ oder Adlige waren, andere, weil sie selbst auch nur für die leiseste Kritik an Stalin denunziert worden waren. Das ganze stalinsche Sowjetsystem liegt hier blank – mit all seiner Menschenverachtung, seinem Opportunismus und seiner brutalen Kläglichkeit. Ganz zu schweigen von all den verlogenen Erziehungsphrasen, man würde in diesen Lagern „den neuen Menschen“ erziehen.

    Hätte man das wirklich beabsichtigt und geschafft, man hätte ein Land von seelen- und skrupellosen Tätern erzeugt, von Menschen, die nicht mehr bereit wären, anderen zu helfen. Das Wort „Humanitätsduselei“ hat sich ja bekanntlich selbst in der DDR erhalten, wo die sensibleren Leser/-innen sehr wohl begriffen, warum sie in der Schule ein Buch wie „Wie der Stahl gehärtet wurde“ lesen sollten.

    Denn dieses stählerne, unrührbare Herz war der Stolz der Funktionäre. Und so wollten sie auch die „neuen Menschen“ haben – rücksichtslos gegen sich selbst und andere, unbarmherzig im Sinn einer Ideologie, die sie selbst nicht erst nahmen, auch wenn sie die goldschriftverzierten Bände der „Klassiker“ alle in ihrem Büro stehen hatten – und an der Wand hing das Bild des „allwissenden“ Stalin.

    Die Unbarmherzigkeit des „sich verschärfenden Klassenkampfes“ (Stalin) hatte sich in die gnadenlose Brutalität eines Geheimdienstapparates verwandelt, der sich die Staatsfeinde selbst produzierte und dann gleich selbst zu Polizei, Gefängnisaufseher und Richter wurde. Genau so, wie es die vielen ab 1945 in Ostdeutschland Verhafteten und in die Sowjetunion Verschickten auch erlebten.

    Doch Maximows Erzählungen sind nicht bedrückend, auch wenn er die Umstände plastisch und genau schildert. Doch sein Erzähler-Ich (mit dem er wohl weitgehend identisch ist) hat auch viele Situationen erlebt, in denen Mitgefangene Menschlichkeit zeigten, einander halfen, unterstützten, offen und ehrlich zueinander waren. Situationen, die wohl auch ihm mehrfach das Leben gerettet haben. Denn auch wenn über dem Lagertor groß die Losung prangte, dass die Insassen erzogen werden sollten, war die wahre Absicht eine andere: die völlige Zerstörung des Widerständigen in den Eingesperrten, ersatzweise auch ihre völlige Vernichtung bei der Schwerstarbeit in der Taiga oder bei der Haft in grausamen Isolationslagern, aus denen kaum einer lebendig zurückkam.

    Natürlich kann man die Geschichten auch größer lesen, denn genau solche Systeme entstehen überall, wo Diktaturen entstehen. Sie ziehen ihre Kraft daraus, dass sie die ganze Gesellschaft mit Angst und Misstrauen durchtränken und ganze Bevölkerungsgruppen zu Volksfeinden erklären – bis hin zur perfidesten Taktik: die öffentlichen Mutmaßungen über geheime Verschwörungen und „dritte Kolonnen“. Ein Feld, auf dem den mit Macht ausgestatteten Geheimdiensten auch und gerade das Recht zufällt, ganz allein zu entscheiden, wer schuldig ist und wie schwer die Schuld in den Augen der selbsternannten Staatswächter wiegt. Der Staat wird zum Rächer, Richter und Täter.

    Von seiner Brutalität können nur die erzählen, die es überlebt haben. Und die anderen? Die schweigen in der Regel, verdrängen und verstummen aus tiefsitzender Scham.

    Denn in Maximows Geschichte ist es unübersehbar: Wer die Diktatoren gewähren lässt, verrät seine Menschlichkeit. Im Gulag aber wird Menschlichkeit überlebenswichtig, zählt jede kleine Hilfe, jede Geste, die zeigt, dass man von den grausamen Zuständen nicht korrumpiert ist. Aber die Geschichten erzählen auch von Wut und Rache, den manchmal grausamen Gegenreaktionen der Häftlinge, die genau wissen, dass auch das Leben ihrer Aufseher nichts gilt und niemand in den höheren Etappen reagieren wird, wenn der blutige Tod in der Taiga leicht mit einem Unfall zu erklären ist.

    Und Maximow zeigt auch, dass auch Frauen nicht verschont wurden und genauso in die Lager gesperrt wurden für Vergehen, die in jeder menschlichen Gesellschaft als menschlich betrachtet werden würden. Solche Systeme der Willkür verschieben auch die Maßstäbe, machen Skrupellosigkeit und Menschenverachtung zur neuen Norm. Und sie geben gefühllosen Karrieristen alle Macht in die Hand, andere Menschen zu quälen und zu erniedrigen.

    Doch die Taiga selbst ist allgegenwärtig – oft geradezu als Trost, auch wenn die lebensfeindliche Weite fast jede Flucht unmöglich macht. Wobei Maximow auch etwas erwähnt, was man auch von anderen Autoren des Genres kennt: Irgendwann verschwindet die Angst vor der Wildnis und den wilden Tieren, weil die Angst vor den Menschen größer ist. Man merkt es auch an den Reden, die Maximow seine Figuren halten lässt – typische, zuweilen großmäulige russische Reden, die aber kaum verbergen, dass die Redenden lieber nicht über das reden, was sie wirklich denken und fühlen.

    Und dieses Reden hört ja auch nicht nach der Entlassung des Helden auf, denn davon ist das ganze Land durchtränkt. Allüberall weiß man um die Denunzianten, alles, selbst die menschlichste Äußerung, kann gegen einen verwendet werden und kann einen das Leben kosten. So etwas verwandelt ein Land. Es füllt das private und auch das öffentliche Reden mit einem Teig aus Phrasen, leeren Satzhülsen, falschen Parolen und einem nur oberflächlich kumpanenhaften Einverständnis.

    Dahinter aber schwelt das Misstrauen, die uneingestandene Angst – auch vor den Lauten und Rücksichtslosen, in deren Kumpelhaftigkeit immer auch eine Drohung mitschwingt. Fühlen sie sich auch nur im mindesten angegriffen, greifen sie zur Tat.

    Und wer sich hier an die Umtriebe rechtsradikaler Großmäuler in sächsischen Provinzen erinnert fühlt, der darf sich ruhig erinnert fühlen. So beginnt es. Und so hört es nie auf, wenn eine Gesellschaft nicht ernsthaft darangeht, die falschen Denkweisen einer überstandenen Diktatur aufzuarbeiten, ihre psychischen Folgen und die Verbiegungen, die die Menschen als selbstverständlich erlebt haben.

    Und auch wenn eigentlich das Grauen überwiegt, sind Maximows Geschichten nicht deprimierend, erinnern eher an Tschechows Geschichten aus der Steppe, in denen sich das Menschliche in immer neuer Gestalt zeigt und in erstaunlich lebendigen Farbtönen. Und auch wenn viele seiner kleinen Helden sterben, melodramatisiert er ihren Tod nicht. Denn das Wichtigste ist ja vorher geschehen, als sie sich von ihrer lebendigen, warmherzigen Seite zeigten. Manchmal opfern sie sich auch auf oder sterben, weil sie ein Gefühl wie Liebe zeigten.

    Jeder Blick in die oft monatelang verschneite Welt draußen vor den Baracken oder später vor den Zelten des geologischen Erkundungstrupps erinnert den Erzähler nicht nur daran, wie grausam der hohe Norden sein kann, sondern auch wie groß und lebendig. Auch wenn sich darin nur die Wenigen wirklich behaupten können, die ringsum in den Dörfern leben.

    Und da er auch die jeweils Vorgesetzten schildert, merkt man, wie so ein System alle Werte auf den Kopf stellt und die Schäbigsten und Gefühllosesten an die Spitze spült, wo die einen die Sträflinge für sich schuften lassen, um ein Leben zu führen wie die ganzen Typen in Gogols „Revisor“. Und die anderen leben ihren ganzen Sadismus aus.

    Und – das stellt Maximow selbst fest – es sind keine „Berichte aus dem Totenhaus“, denn in den zaristischen Straflagern, über die Dostojewski berichtete, ging es noch lange nicht so brutal und menschenverachtend zu wie im stalinschen Gulag-System.

    Man fragt sich am Ende natürlich: Was macht so eine Zeit mit den Menschen, die sie überlebt haben?

    Maximow konnte ja nur seinen Teil der Geschichte erzählen, der augenscheinlich über die Welt der russischen Emigranten in den USA zeitlebens nicht hinausgelangte. Vielleicht findet er ja jetzt seinen Platz im Kanon der russischen Literatur, vielleicht gleich neben Solschenizyn. Denn eigentlich hat er ja eine positive Botschaft: Das Menschliche überlebt. Es ist das, was uns am Leben erhält selbst dort, wo die Tyrannen walten. Und ein Gefühl des Verlustes dürften eher die Russen selbst haben, die auf Maximow noch viel länger verzichten mussten als auf Solschenizyn.

    Sergej Maximow Taiga, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2020, 20 Euro.

    Neu übersetzt und um Zeitzeugnisse ergänzt: Dshan oder Die erste sozialistische Tragödie

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      1 KOMMENTAR

      1. Danke für diesen interessanten Artikel. Den Autor kannte ich noch gar nicht und werde mir das Buch zulegen!
        Für alle ebenfalls an dem Thema Interessierten gibt es in der Stadtbibliothek Leipzig den 4-bändigen Erzählband „Erzählungen aus Kolyma“ von Warlaam Shalamov, der 1929-32 und 1937-51 im Gulag verbrachte, letztere Zeit komplett an der Kolyma.
        Auch sehr lesenswert sind die Bücher von Dalia Grinkevičiūtė. In ihnen erfährt man die Entstehung und den ersten Winter eines neuen Lagerpunktes im Lenadelta. Gibts auch in der Stadtbibliothek.
        Kennt jemand noch weitere Bücher von Gulaginsassen? Vor allem aus der Frühzeit der Solowki und der Kanalbauten?

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