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Tagebuch eines Wahnsinnigen: Eindrucksvoller Auftakt für die „edition de Bagatelle“ mit Gogol

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    Mit diesem Buch kehrt der Verlag Faber & Faber in gewisser Weise zurück zu seinen Anfängen, zur Sisyphos Presse, mit der die Fabers einst begannen, ihre Liebe zu schön illustrierten Büchern auszuleben. „edition de Bagatelle“ hat Michael Faber diese neue Reihe genannt, zu der er mit den Kunsthochschulen in Leipzig und Hamburg kooperiert. Den unvergänglichen Gogol gibt es quasi als Zugabe.

    Wobei das natürlich auch nicht ganz trifft, denn natürlich veröffentlicht man einen Text von Nikolaj Gogol im Jahr 2021 auch nicht ohne Hintergedanken, und sei es nur als kleine Würdigung für die große russisch-ukrainische Literatur, die man eigentlich kennen sollte, bevor man auch nur das kleinste Urteil über Russland oder die Ukraine von sich gibt. Denn eigentlich – wie bei allen anderen Ländern auf der Erde auch – trügt der Blick, wenn man sich nur auf die durchaus parteiischen Meldungen in der Presse verlässt.Und das Land bereist mit bester Kenntnis der Sprache hat man ja meistens auch nicht. Da sind gerade die begnadeten Autor/-innen wie Türöffner. Sie machen das Fremde lebendig. Und wenn sie richtig gut sind, erkennen wir dann im Fremden und auf den ersten Blick Exotischen das Vertraute. Und uns selbst natürlich.

    Auch in diesem kleinen, gealterten Beamten, der mit 42 Jahren immer noch davon träumt, irgendwann mal Karriere zu machen und einen Hausstand gründen zu können. Auf den ersten Blick ist das „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ eine Karikatur genau jenes von Titeln und Hierarchien geprägten Russlands, in dem Gogol die Novelle 1835 veröffentlichte, quasi ein Seitenstück zu seinem weltberühmten Roman „Die toten Seelen“ von 1842 und der Komödie „Der Revisor“ von 1836.

    Und wer die nach Gogol kommende russische Literatur kennt, weiß auch, wie diese rigide Hierarchisierung einer ganzen Gesellschaft selbst Revolutionen und Zeitenwenden überdauert hat.

    Was durchaus zum Nachdenken anregen kann. Denn wie tief in einer Gesellschaft sind eigentlich solche Denkweisen verwurzelt, die ja durchaus auch der deutsche Michel kennt mit seinem „die da oben“.

    Denn wenn gesellschaftliche Hürden als starr und unüberwindlich empfunden werden, andererseits aber auch als „gottgegebenes“ Gefüge, das die Welt in Ordnung hält, dann landet auch ein kleiner preußischer Beamter mental ganz schnell in einer ähnlichen Lage wie Gogols Held, der Titularrat Poprischtschin.

    Titularrat klingt zwar nach einer hübschen kleinen Machtposition, war aber nicht mehr als ein Titel. Ein schlecht bezahlter noch dazu, sodass dieser kleine Beamte all seine Frustration in den Tagebucheinträgen niederschreiben kann, das ganze letztlich in die Sackgasse geratene Leben.

    Denn Beziehungen und einflussreiche Verwandtschaft hat er keine, Protektion ebenso wenig. Und dass er selbst mal General wird oder in der Pracht seines Vorgesetzten leben oder gar dessen hübsche Tochter freien kann, davon kann er tatsächlich nur träumen.

    Man merkt Gogols Geschichte durchaus die Seelenverwandtschaft zu E.T.A. Hoffmann an, der ganz Ähnliches im preußischen Staatsdienst erlebte. Und die Hunde in Poprischtschins Erzählung erinnern einen daran, dass Bulgakow fast 100 Jahre später mit „Hundeherz“ ein ganz ähnliches Thema aufgriff.

    Denn wenn man sich – wie diese hochsensiblen Schriftsteller – mit den Hierarchien der Macht etwas eingehender beschäftigt, dann sieht man auch die Verkrümmungen derer, die ihr Leben ganz diesen Hierarchien widmen, die die Befehlsverhältnisse geradezu verinnerlichen und ein durchaus erschreckendes Verhalten an tierischer Ergebenheit an den Tag legen.

    Gegen das Gogol seinen Helden zwar rebellieren lässt, aber das auf durchaus verrückte Weise. Denn natürlich ist der größte Traum des kleinen Beamten, einmal genau dieselbe Macht und den Lebensstil seines verachteten und bewunderten Vorgesetzten zu erlangen. Das ist, um es mit diesem Wort zu bezeichnen, eine durchaus schizophrene Situation, die im Verlauf des Tagebuches dann durchaus auch verrückte Dimensionen annimmt, bis der Held am Ende als spanischer König in einer geschlossenen Anstalt landet.

    Und selbst diese Verwandlung des kleinen Beamten, der durchaus weiß, dass er in seiner Schäbigkeit nur schnuppern darf an der Schwelle der Höherklassigen, in einen spanischen König gibt zu denken. Denn all die Wissensbrocken über Spanien, Frankreich und den Streit um die spanische Thronfolge hat er ja aus den Zeitungen.

    Was erst wäre in seinem Kopf vonstattengegangen, hätte er im Zeitalter der „social media“ und der Querdenker gelebt? Oder ist das sogar derselbe Effekt, der aus zufälligen Informationsbrocken und einem tiefen Gefühl der Kränkung heraus diese ver-rückten Weltbilder entstehen lässt, die manche Leute für die nur ihnen verständliche richtige Welt halten?

    So betrachtetet, hat Gogol hier ein sehr modernes Phänomen aufgegriffen. Nur dass sein Held keine Chat-Gruppe gründet, sondern am Ende in einer geschlossenen Anstalt landet. Wobei man auch nicht vergessen darf, dass Gogol wohl tatsächlich psychisch erkrankte, was dann auch zu seinem frühen, tragischen Tod und dem Verlust des zweiten Teils der „Toten Seelen“ führte. Da wirkt das „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ wie eine spielerische und trotzdem leicht verzweifelte Vorwegnahme.

    Eine echte Herausforderung natürlich für jeden Illustrator. In diesem Fall ist es der in Venezuela geborene Edgar Sanchéz, der an der HGB Leipzig arbeitet und mit seinen scherenschnittartigen Grafiken das Skurrile und gleichzeitig Albtraumhafte in den Gedankenwelten Poprischtschins sichtbar macht. Hier begegnen sich Traum und Wahnsinn, ahnt man das Labyrinthische in Poprischtschins Denken, der aus seinen Gedankenwelten nicht wieder herausfindet.

    Ein echter Klassiker zum Nachdenken. Zumindest, wenn man sich traut und in diesem kleinen russischen Beamten auch die Nöte so mancher heutigen Mitmenschen wahrnehmen möchte. Und ein Buch zum Sammeln, denn es ist erst der Auftakt der „edition de Bagatelle“, in der künftig noch viele andere künstlerische Handschriften sichtbar werden sollten.

    Und damit auch eine alte Leipziger Tradition, die zeitweilig fast verschwunden schien: die hohe Wertschätzung für die künstlerische Buchillustration, deretwegen ja einst die Kunstakademie in Leipzig gegründet wurde. Deswegen steht ja die Buchkunst bis heute in ihrem Namen, auch wenn alle nur an „Leipziger Schule“ denken, wenn von der HGB die Rede ist.

    Die hier ausgebildeten Grafiker/-innen sind oft viel anregender und aufregender. Und sie zeigen – wie hier – dass Illustrationen auch Textebenen sichtbar machen, die man als Leser selbst vielleicht gar nicht wahrgenommen hat.

    Nikolai W Gogol Tagebuch eines Wahnsinnigen, illustriert von Edgar Sanchéz, Faber & Faber, Leipzig 2021, 20 Euro.

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