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Unter der Sonne von Saint-Tropez: Benito Wogatzkis letzte Novelle aus dem stillen französischen Süden

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    Benito Wogatzki gehörte seit seinem 1977 veröffentlichten Roman „Romanze mit Amélie“ zu den bekanntesten Schriftstellern im Osten. Seinen Lebensmittelpunkt hatte er lange in der Nähe von Berlin. Aber zur Jahrhundertwende zog er nach Südfrankreich, wo er 2016 auch starb. Ganz zum Schluss plante er noch einen Band mit drei Novellen, in denen seine Wahlheimat Südfrankreich die Kulisse abgeben sollte. Doch vollendet hat er nur eine.

    Das ist diese hier, die – anders als der Titel suggeriert – nicht in Saint-Tropez spielt. Ein Gendarm kommt trotzdem vor, aber der heißt nicht Louis de Funès, sondern Jérome Laskar. Und das Dorf, in dem er Polizist ist, heißt Ardinoschou. Vielleicht gibt es das Dorf auch nur in Wogatzkis Novelle. Denn Wikipedia ist sich sicher: „L’article ‚Ardinoschou‘ n’existe pas sur ce wiki!“ Und auch zur Anhöhe, von der aus der Erzähler erstmals auf Ardinoschou blickt, meint Wikipedia: „L’article ‚Saint-Lourant‘ n’existe pas sur ce wiki!“

    Aber wer schon einmal diese kleinen Städte und Dörfer im Süden Frankreichs bereist hat, weiß ja, dass sie sich alle ähneln: auf Anhöhen gelegen, oft zwischen Weinbergen, mit teilweise jahrhundertealten Gemäuern, einer beflaggten Bürgermeisterei und einem Dorfplatz, auf dem manchmal ein Freisitz einlädt und oft Petanque gespielt wird.So wie auch in Wogatzkis Erzählung, die sich mit beinah südfranzösischem Humor dem Drama des Dorfpolizisten Jérome Laskar widmet, der bei einer offiziellen Zeremonie als Fahnenträger einfach umkippt. Andere wären wohl auch umgekippt. Aber sein Vorgesetzter, der Bürgermeister, merkte sehr wohl, dass Jérome mal wieder ein paar Gläschen zu viel getrunken hatte.

    In letzter Zeit widmete sich Jérome sowieso auffällig häufig den kleinen Gläschen, wohl auch weil seit dem Unfalltod seines Sohnes auch in seiner Ehe der Wurm drin ist, das Schweigen, das selbst die besten Ehen kaputtmachen kann.

    Und wer Polizist im Dorf wird, bestimmt in Frankreich der Bürgermeister bzw. der Gemeinderat. Jéromes Tage in Uniform scheinen also gezählt, würde da nicht ausgerechnet bei der jährlichen Petanque-Meisterschaft im Dorf irgendjemand nachts die Kugeln stehlen. Die Austragung der Meisterschaft ist zwar nicht in Gefahr, aber Jérome hat endlich eine Herausforderung, sich als Polizist wieder zu bewähren und den Dieb zu fangen.

    Wobei es eigentlich gar nicht so sehr um die Lösung des Falles geht. Als Krimi-Autor wollte Wogatzki ganz und gar nicht mehr reüssieren. Aber indem er seinen Jérome aus der Behäbigkeit seines Daseins reißt, lässt er ihn Dinge in seinem Dorf entdecken, die er vorher nicht einmal wahrgenommen hatte.

    Humorvoll erzählt Wogatzki mit diesem Helden auch ein Stück über die Blindheit unserer Zeit, über das Nichtmerken, das eigentlich unser Leben prägt. So viele von uns laufen herum und tun so, als wüssten sie alles über die Welt und auch noch über alle Verschwörungen dahinter – aber was unsere Nachbarn treiben, das wissen wir nicht.

    Das weiß auch Jérome nicht, der jetzt auf einmal in lauter Gesprächen landet – mit seinem Freund Noel, dem Lehrling Bruno, der Witwe Lucia oder der Malerin Amandine –, in denen er merkt, dass er eigentlich gar nichts weiß. Da stellt er sich lieber so, als wüsste er schon alles, und lässt sie reden und erfährt so im Grunde das ganze Drama um Noels Liebschaft.

    Aber es ist eine Novelle. Eine Novelle erzählt immer mehr als das, was scheinbar geschieht. Das fasst am Ende geradezu beiläufig Serge, der Koch im Café, in einem kurzen Einwurf zusammen: „Irgendwas fehlte in seinem Leben …“

    Dabei ging es an diesem Punkt nur um den tatsächlichen Dieb der Kugeln, der am Ende auch dingfest gemacht werden konnte. Aber eigentlich weiß auch Jérome inzwischen, dass das auch für ihn gilt. Selbst seine Frau hat ja ihr Schweigen gebrochen, als sein prestigeträchtiger Job als Polizist in Gefahr war.

    Er hätte dann nur noch als Maurer und Lastwagenfahrer arbeiten können. Er wäre zwar nicht untergegangen, aber die Uniform wäre er losgeworden. Eine Uniform, die ihm und seiner Frau im Ort ein gewisses Ansehen gibt. Manchmal braucht man das.

    So, wie auch Noel mehr brauchte als seine Arbeit und das Petanque-Spiel. Auch wenn er sich dabei in gewaltige Schulden stürzte. Doch was eben noch vor aller Augen verborgen stattfand, wird auf einmal öffentlich, auch weil Lucia es selbst öffentlich macht in dem Moment, als sie glaubt, Noel werde verhaftet.

    Aber am Ende wird niemand verhaftet. Und auch Lucias Aufschrei – und das war er ja auch irgendwie – hat keine dramatischen Folgen. Womit Wogatzki ja auch etwas schildert, was man fast beiläufig auch mit diesem französischen Süden in Verbindung bringt: dass Ereignisse, die anderswo zu blutigen oder eisigen Dramen führen, einfach wieder verhallen, schon im nächsten Moment wie verschwunden sind. Man hört es, weiß es eigentlich auch schon.

    Aber damit ist auch alles dazu gesagt, was öffentlich gesagt werden dürfte. Denn was macht man eigentlich mit den „vielen geborstenen Schicksalen“? Einen Dorfkrieg drüber anzetteln? Sich den Mund zerfetzen und die Menschen wütend in Feindschaft entbrennen lassen? Irgendwie liegt das den Bürgern von Ardinoschou überhaupt nicht.

    Es ist, als wüssten sie alle, wie verletzlich jeder Einzelne ist und dass man den Stab nicht brechen darf über das Unglück und die Leidenschaften der anderen. Vielleicht ist Wogatzki genau deswegen nach Südfrankreich gezogen, wo er auch erlebte, wie schnell er als Mitglied der Dorfgemeinschaft akzeptiert war.

    Und dafür steht auch der Satz, den Brunos Vater sagt, einer von diesen typischen Kneipensätzen, die alles sagen und dennoch verraten, das sich jeder in seinem Kopf doch noch ein paar andere Gedanken gemacht hat: „Mein Gott, was geht in so einem Tier vor sich …“

    Und was geht in den Köpfen der Nachbarn vor sich? Worüber würden sie öffentlich nie reden? Und was treiben sie dann, wenn sie das Unerfüllte in ihrem Leben suchen?

    „Irgendwas fehlte in seinem Leben …“

    Man ahnt so ein wenig, wohin auch die anderen von Wogatzki geplanten Novellen getrieben wären. Aber er hat sie nicht mehr geschrieben. Nur diese war fertig, als er starb, und Faber & Faber hat sie jetzt erstmals aus dem Nachlass veröffentlicht. Nicht nur für Leser/-innen, die Wogatzki schon kennen, sondern auch für Liebhaber dieses eindrucksvollen französischen Südens mit seinem ganz besonderen Humor und seinen „Gendarmes Couchés“, wie eigentlich die Bremsschwellen in den Straßen heißen, die Autofahrer zum Abbremsen zwingen sollen.

    Aber auch Jérome steht ja für den Hintersinn dieses Begriffs. Denn manchmal ist es geradezu befriedigend, wenn der kleine Polizist im Kopf einfach mal schläft und man das Leben mit der Gelassenheit angehen kann, die die meisten Figuren in dieser Geschichte haben. Was eben auch heißt: einfach mal zulassen, wie die andere Leute sind. Und sich selbst auch.

    Denn das merkt dieser kleine Dorfpolizist spätestens, als er auf Brunos frisiertes Moped steigt: dass er sein Leben bis dahin sehr verbissen gelebt hat.

    Als wollte Wogatzki – nachdem er mit dem Roman „Fleur“ schon ein Liebeslied an die Provence geschrieben hat – jetzt noch einmal augenzwinkernd zu seinen deutschen Leser/-innen sagen: Hört auf, euch ständig so zu erregen. Lasst die Menschen in ihren Leidenschaften doch einfach so sein, wie sie sind. Schaut euch von den Leuten hier im französischen Süden ein bisschen ab, wie das geht, selbst dann, wenn die Bürgermeister wechseln. Lebt das, was euch lebendig macht. Und hört auf, den anderen Vorwürfe zu machen, wenn in eurem Leben etwas fehlt …

    Benito Wogatzki Unter der Sonne von Saint-Tropez, Faber & Faber, Leipzig 2021, 20 Euro.

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