10.8 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Zu viel für diese Welt: Die doppelte Wachstumsfalle und wie wir da vielleicht wieder rauskommen

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Der Mensch ist ein widersprüchliches Wesen. Er ist zu genialen Erfindungen, Vernunft und Solidarität genauso fähig wie zur größten Bosheit und Dummheit, zu Aberglaube und Ignoranz. Er kann die Klügsten unter sich bewundern und gleichzeitig die größten Egomanen an die Macht wählen. Und so stecken wir mittendrin im Dilemma einer doppelten Überbevölkerung. Wenn wir es jetzt klug anstellen, kommen wir mit zwei blauen Augen davon, meint Reiner Klingholz.

    Die Chance, mit einem blauen Auge davonzukommen, haben wir versiebt, vergeigt, verdaddelt. Diese Chance hatten wir vor 30 Jahren. Zumindest theoretisch. Und dass es die Regierungen der Welt wussten, ist im Abschlussprotokoll der Konferenz von Rio de Janeiro nachzulesen. In gewisser Weise ist das Buch, das Reiner Klingholz hier geschrieben hat, noch einmal ein dicht gepackter Überblick zur ganzen Entwicklung, wie wir – so als Menschheit – dahin gekommen sind, wo wir heute stehen. Klingholz ist renommierter Demografie-Experte und leitete von 2003 bis 2019 das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.Demografie ist ja im Grunde nichts anderes als Menschenzählerei. Man berechnet Bevölkerungsentwicklungen, kann Wanderungen modellieren und kann im Grunde genau vorhersagen, wann Wohnraum knapp wird, Nahrung, Energie … Oder wann menschlicher Erfindergeist die Grenzen unseres Planeten sprengt, der nun einmal ein begrenzter ist. Mit begrenzten Ressourcen, ein im Grunde sich selbst regulierendes Wesen, wie es ja James Lovelace in seinem Klassiker „Das Gaia-Prinzip“ von 1988 schon beschrieb.

    Der Gedanke ist heute noch nicht bei vielen Leuten im Kopf angekommen: Dass es die heutige Vielfalt des Lebens auf der Erde nur deshalb gibt, weil das Leben selbst diesen Planeten umgestaltet hat. Die Tatsache, dass wir eine atembare Atmosphäre, fruchtbare Böden und eine angenehme Temperatur haben, ist das Produkt von hunderten Millionen Jahren von Leben. Ein System, in dem Menschen nur eine Spezies von Millionen sind. Ohne diese gewaltigen, haarfein aufs Leben abgestimmten Kreisläufe können wir nicht leben. Und auch nicht überleben.

    Und natürlich erzählt Klingholz auch die wichtige Vorgeschichte von jenem Wesen, das da vor ungefähr 3,5 Millionen Jahren auftauchte und ein immer leistungsfähigeres Gehirn bekam. Evolutionär betrachtet schlicht die Hammererfindung, die tatsächlich ein Lebewesen hervorbrachte, das fähig war, über den simplen Existenzerhalt hinauszudenken, Werkzeuge zu bauen und die Umwelt zu verändern. Was über 3 Millionen Jahre lang kein Problem war, weil es nur wenige Zweibeiner dieser Art gab. Sie konnten zwar Nahrungskonkurrenten und Großwild ausrotten. Aber die Erde vertrug das alles noch, solange es nur 10 Millionen waren. Die lebten noch von Jagd und Früchtesammeln.

    Das Drama begann erst, als sie sesshaft wurden, begannen Landwirtschaft zu betreiben, Städte und Staaten zu gründen. Und die Historiker, die sich mit den alten Mythen nicht zufriedengeben, haben inzwischen längst gelernt, die Zeichen zu lesen. Denn mit der Entstehung der menschlichen Zivilisation begann auch die Zeit der ökologischen Katastrophen. Praktisch alle der legendären Reiche in der menschlichen Geschichte, die untergingen, gingen an ökologischen Katastrophen zugrunde.

    Die scheinbar so erfolgreichen Völker hatten die Ressourcen ihrer Region übernutzt, hatten die Wälder vernichtet, die Wasserreservoire leergepumpt, Wüsten geschaffen und Katastrophen ausgelöst, die es – wie die Sintflut – bis in die Überlieferung der frühen Religionen schafften. Dass wir als Menschheit daraus nichts gelernt haben, davon erzählt ja Stephan Lessenich in „Neben uns die Sintflut“.

    Denn augenscheinlich kann der Mensch zwar schnell reagieren, wenn eine Katastrophe eingetreten ist. Aber in ihm gibt es kein genauso effizientes Alarmsystem, das ihn handeln lässt, wenn sich Katastrophen schleichend ankündigen und sich seine Lebensbedingungen nur in kleinen Schritten immer mehr verschlechtern. Und selbst dann, wenn er weiß, was da auf die Menschheit zukommt, schafft er es nicht, sein Verhalten zu ändern. Ein Verhalten, das ja – rein äußerlich betrachtet – über 10.000 Jahre immer so eine Art Erfolgsprojekt war.

    Wohlstand gibt es nur mit Wachstum?

    Ein echtes Wachstumsprojekt, so, wie es die heute tonangebenden Ökonomen immer noch verkaufen, sodass es wie ein Mantra in unseren Köpfen sitzt: Wohlstand gibt es nur mit Wachstum, also muss unsere Wirtschaft wachsen auf Teufel komm raus. Also muss immer mehr konsumiert werden, damit mehr produziert werden kann. Es muss mehr Nahrung hergestellt werden, mehr Warenaustausch stattfinden.

    Die Menschen müssen immer mobiler werden und werden zum Konsumieren regelrecht aufgefordert, auch wenn die immer schneller „verbrauchten“ Produkte immer höhere Müllberge ergeben und längst alle Weltmeere verschmutzen. Gleichzeitig steigt permanent der Energieverbrauch, rauchen die Schlote, reichern sich die klimaschädlichen Gase in der Atmosphäre an.

    Und weil sie sich nur sehr langsam abbauen, werden sie dort für die nächsten tausend Jahre dafür sorgen, dass auf der Erde die Temperaturen viel zu hoch sind. Die magische Marke von 1,5 Grad, bis zu der unsere heutigen Lebensbedingungen noch zu halten wären, haben wir eigentlich schon längst gerissen. Die hätten wir geschafft, wenn wir 1990 angefangen hätten, zu bremsen und umzudenken. Klingholz kennt aus seiner langjährigen Arbeit alle nötigen Zahlen.

    Überbevölkerung

    Er weiß auch, dass wir ja nicht nur das Problem von Überkonsum und Erdübernutzung im reichen Norden haben, sondern auch ein ebenso beängstigendes Problem: die wachsende Überbevölkerung im globalen Süden. Was er auch nicht verteufelt. Dazu kennt er die Nöte und Zwänge hinter diesem rasanten Bevölkerungswachstum nur zu gut. Und er kennt auch die Bedingungen, unter denen dieses Wachstum aufhört.

    Und da sind Bedingungen, die den Bewohnern des reichen Nordens nur zu gut bekannt sind: Wohlstand, Bildung, Emanzipation der Frau, verbunden mit einem funktionierenden Gesundheitssystem und höherer Lebenserwartung. Dann fangen nämlich Menschen an, ihre Kinder und Enkel nicht mehr als Versicherung fürs Alter anzusehen, sondern Frauen beginnen ganz von allein, Familie anders zu planen, den Männern die Entscheidung nicht mehr zu überlassen, wie viele Kinder sie bekommen sollen. Und sie nehmen sich die Freiheit, ebenfalls am Berufsleben teilzuhaben.

    Ergebnis sind fallende Geburtenraten auf einen Stand, der sogar noch deutlich unter die 2,1 Kinder pro Frau fällt, mit denen sich eine Bevölkerung stabilisiert. Deutschland liegt heute bei 1,5 Kindern pro Frau und braucht schon lange Zuwanderung, um die Bevölkerung stabil zu halten. Überbevölkerung ist tatsächlich nicht das Problem der Deutschen. Dafür haben sie immer noch einen ökologischen Fußabdruck, der das 2,6-fache dessen ausmacht, was die Deutschen eigentlich im Jahr verbrauchen dürften, damit die Erde sich einigermaßen regenerieren kann.

    Diesen Überschuss aber importiert Deutschland – genauso wie alle anderen Staaten des reichen Nordens. Es ist dieser im Wohlstand lebende Norden, der die Vorräte der Erde in einem gnadenlosen Tempo verbraucht und verheizt.

    Und während die Länder des Südens nur die Chance haben, ihre Probleme in den Griff zu bekommen, wenn sie einen Mindestwohlstand für die Bevölkerung schaffen – also mehr produzieren und mehr Energie verbrauchen und damit ihre Belastung für die Ökosphäre erhöhen – stehen die reichen Staaten im Norden vor dem Dilemma: Wie können sie da einen menschlichen Wohlstand erhalten, wenn die Wachstumsprozesse im Süden und die im Norden dazu führen, dass der Planet schon in den nächsten Generationen in eine Klimakatastrophe abkippt, an deren Ende eine Heißzeit steht, in der diese menschliche Zivilisation wie wir sie kennen, garantiert nicht überleben kann.

    Die Lage ist wirklich dramatisch. Und wer sowieso schon schlecht einschlafen kann, sollte die aufregendsten Kapitel wirklich nicht im Bett lesen. Und die Lage entspannt sich natürlich nicht, wenn Reiner Klingholz nach dem Kapitel „Panik oder Entwarnung?“ ein Kapitel „Vorsicht: Selbstbetrug“ folgen lässt. Denn der Mensch glaubt ja nur zu gern, dass er sich schon gerettet hat, wenn er auch nur ein Stöckchen Hoffnung in die Hand bekommt.

    Es ist ja nicht nur die FDP, die immer noch an das Märchen glaubt, irgendwer würde ja vielleicht in letzter Sekunde noch eine tolle Erfindung machen, mit der die Klimaaufheizung gestoppt und die Katastrophe verhindert werden kann. Allein schon die Umfrageergebnisse zeigen, dass Millionen Deutsche nur zu gern auf Hoffnung und Heilsversprechen setzen, wenn sie nur ihr eigenes Verhalten nicht ändern müssen.

    Die aktuelle Debatte um ein Verbot der Kurzstreckenflüge bringt die ganze Narretei ja auf den Punkt. Jeder weiß, dass Fliegen klimaschädlich ist – und dazu noch hochsubventioniert. Und selbst wenn es nur 2 Prozent der Emissionen sind: Es gibt keine Logik, die daraus ableitbar macht, dass diese Flüge nicht wegen Klimaschädlichkeit sofort abgeschafft werden müssten. All die Leute, die diese Flüge nutzen, müssten sich umgewöhnen. Na und? Gehören Sie dazu? Die meisten von Ihnen werden das verneinen.

    Privat-Pkws

    Schwieriger wird es bei einem anderen Thema, das Klingholz sehr schön auf den Punkt bringt: „Dabei schafft es der homo technicus immer wieder, die Ineffizienz auf die Spitze zu treiben. Eine der sinnlosesten Möglichkeiten, Energie zu nutzen, besteht darin, sich mit dem privaten Auto durch den Berufsverkehr zu quälen. Da kann der Wirkungsgrad schon mal unter fünf Prozent sinken. Anders ausgedrückt: Wer mit dem Pkw zur Arbeit quer durch Hamburg, München oder Berlin fährt, nutzt 95 Prozent der im Benzin gespeicherten Energie lediglich dazu, das Stadtklima aufzuheizen.“

    Was den meisten Autofahrern weder bewusst ist noch auch nur einen Gedanken wert. Denn diese Verschwendung wertvoller fossiler Energie ist spottbillig. Trotz aller Turbulenzen an den Ölmärkten. Die Regierungen aller Staaten haben seit Jahrzehnten alles dafür getan, fossile Energie spottbillig zu machen, um den leicht verfügbaren Brennstoff für eine hochtourige Industrie und eine Wohlstandsgesellschaft immer verfügbar zu halten. Dass wir uns heute so weltzerstörerisch benehmen, hat ja zumindest logische Gründe.

    Aber diese Logik hält uns auch gefangen, besonders die alten Männer, die sich einfach nicht vorstellen können, dass eine Gesellschaft auch ohne fossile Power funktionieren könnte. Sie sind laut und alarmistisch, wenn auch nur die Idee auftaucht, irgendwo in dieser Fossilwirtschaft mal die Schere anzusetzen, egal, ob es Tempo 130 auf den Autobahnen ist, eine ehrliche Kerosinbesteuerung oder eine Begrenzung der Schadstoffwerte in den übermotorisierten Fahrzeugen unserer Zeit.

    Dabei zeigen kluge Lenkungsmechanismen durchaus Wirkung. Denn so laut sich die Herren Lobbysprecher gerieren, heißt das nicht, dass sie tatsächlich im Sinne gerade der Menschen sprechen, für die sie sich so aufplustern. Letztlich sprechen sie nur für jene Konzerne, die sich mit allen Mitteln wehren, vom Markt zu verschwinden. Die meisten Deutschen, das belegen auch immer wieder Umfragen, sind sich der Gefahren der Klimaaufheizung sehr wohl bewusst. Und sie sind auch bereit, entsprechend zu handeln – wenn sie nur wissen, wie.

    Denn natürlich werden auch beratungsresistente Parteien und Konzerne zum Umdenken gezwungen, wenn Menschen ihr Verhalten ändern. Klingholz empfiehlt nicht ohne Grund, einfach mal das eigene Verhalten im CO2-Rechner des Bundesumweltamtes unter die Lupe zu nehmen. Dort kann man sehr genau ausrechnen, wie viel CO2 man mit welchem Teil seines Lebens erzeugt und wo man selbst die Steuerschrauben in der Hand hat, diese Last ganz systematisch zu senken.

    Anfangs war selbst der erfahrene Demograf überrascht, dass sein CO2-Aufkommen deftig sogar über den sowieso schon unerträglichen 10 Tonnen pro Jahr lag, die der Durchschnittsdeutsche erzielt. Wobei Klingholz natürlich recht hat: Der Einzelne kann nur indirekt beeinflussen, wie in Deutschland Strom und Heizwärme erzeugt werden. Zum Beispiel durch die Wahl des Anbieters. Aber auch das wirkt, denn es zwingt auch Großkonzerne wie RWE, ihr Erzeugerportfolio zu ändern, Kohlekraftwerke zu schließen und in Windenergie zu investieren.

    Am Ende sieht Klingholz durchaus Lichtblicke, weil einige Änderungen ja tatsächlich schon funktionieren. In geringem Maß sorgen sie sogar schon dafür, die deutsche CO2-Last zu senken. Nicht genug, auch das kann er ja feststellen.

    Was Deutschland bislang beschlossen hat, reicht nicht mal ansatzweise, um die eigenen Klimaziele bis 2030 zu erreichen, ganz zu schweigen von Null-Emission bis 2050. Wie heftig die Aufgabe ist, die Welt bis zur Jahrhundertmitte auf Null-Emission zu bringen, erzählt er recht ausführlich. Wer 30 Jahre mit lauter heißer Luft verplempert hat, der kann nicht mehr damit rechnen, dass die Aufgabe leicht wird. Wenn man es mit Klingholz genauer betrachtet, merkt man erst, dass es tatsächlich darum geht: Binnen einer einzigen Generation unser komplettes Denken und Handeln zu ändern. Und zwar total. Denn ein Weiterso würde schon bald in einer katastrophalen Entwicklung münden, die die Menschheit nicht mehr beherrschen würde.

    Dass heute wieder so heftig gestritten wird, hat genau damit zu tun: Jene Leute, die aus ihren alten, klimaschädlichen Verhaltensweisen nicht herauswollen, tun alles, um jede Änderung mit aller Macht zu verteufeln. Und zwar immer im Detail, sodass alle glauben, es ginge nur um Tempolimit oder die Umverteilung von Straßenraum oder um „Die wollen uns unsere Kurzstreckenflüge verbieten!“ Klingholz erzählt sogar mit einer gewissen Freude, was es für ein Gewinn ist, bei sich selbst anzufangen und systematisch seinen eigenen CO2-Rucksack zu beräumen.

    Der Gewinn entsteht auf Gebieten, die nichts mehr mit Markt, Profit und Wachstum zu tun haben. Denn man wirft nicht nur elende Lasten von Konsumgütern ab, deren Besitz einen weder bereichert noch glücklich macht, verzichtet auf unnütze Hektik und Betriebsamkeit, man gewinnt auf einmal jede Menge freier, weil „unnützer“ Zeit. Zeit, die einem wieder selbst gehört und die man dazu verwenden kann, mehr mit seiner Familie, seinen Freunden, der Natur zu erleben. Auf einmal entsteht das, wovon alle träumen, was aber die Werbeindustrie alleweil verteufelt: Lebensqualität abseits von Konsum und Verfügbarkeit.

    Und dass wir wenigstens im Kopf schon ein bisschen weiter sind als 1992 (Rio de Janeiro) oder 2005 (als Gerhard Schröder mit „Hartz IV“ auch gleich noch die Grünen aus der Regierungsverantwortung schoss), zeigt nicht nur das letzte Kapitel im Buch „Was tun?“, in dem Klingholz skizziert, wie der überkonsumierende Norden mit dem überbevölkerten Süden in ein wirklich faires und zukunftsfähiges Gleichgewicht kommen kann.

    Was gerade deshalb keine Utopie ist, weil die Länder im Süden gar nicht die teuflische Reise durch das fossile Industriezeitalter machen müssen, denn längst ist die Technik der umweltfreundlichen Energiegewinnung ja da. Die kann überall auf der Welt dezentral aufgebaut werden und erspart letztlich jedes Kohlekraftwerk. Aber natürlich müssen die satten Länder des Nordens den Hochverschuldeten im Süden helfen. Das braucht ein echtes Entwicklungsprogramm.

    Und wir selbst?

    Müssen wir tatenlos zusehen, ob unsere gewählten Politiker das endlich hinbekommen oder wieder kuschen vor den Großmäulern aus den Fossilkonzernen? Nein, müssen wir nicht. In 25 Punkten listet Klingholz am Ende auf, was jeder Einzelne heute schon tun kann, ganz persönlich und in der eigenen Umgebung, denn auf das, was in unserer Kommune passiert, haben wir wenigstens ein bisschen Einfluss.

    Und mit Wahlen haben wir auch Einfluss darauf, ob endlich Politiker/-innen gewählt werden, die alle klimaschädlichen Gase auch wirklich besteuern und so lange steuern, bis nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Konzerne umdenken. Die Hebel funktionieren eigentlich, wenn nicht – wie derzeit gerade – die fetten Bremser auf den Ministerposten sitzen.

    Wir lassen uns zwar immer noch leicht von unseren uralten Gefühlen leiten, deren Ursprünge in einer Wildnis liegen, als es immer gut war, sich von allem, was es an Nahrung gab, so viel wie möglich zu sichern. Je mehr, umso besser kam man über den Winter. Aber heute haben wir längst mehr als wir brauchen, von vielem viel zu viel. Und anders als vor drei Millionen Jahren fließt es eben nicht zurück in die Kreisläufe der Natur. Unser Müll ist eigentlich für die Natur unverdaulich und tötet sie heute schon ab.

    Wir haben die einmalige Chance, mit der gesamten Menschheit einen Weg zu finden, nicht nur die Klimaerhitzung zu bremsen (von lindern kann noch längst keine Rede sein), sondern auch die einigermaßen guten Lebensbedingungen für den Menschen auf dieser Erde zu erhalten. Denn darum geht es eigentlich: Entweder mit den Dummköpfen mitten hinein zu wirtschaften in einen Hitzekollaps, den die Menschheit garantiert nicht überlebt. Oder mit den Klugen zusammen eine Welt zu schaffen, in der sich die Natur immer wieder regenerieren kann und noch viele Menschengenerationen ein glückliches Leben führen können. Diese Entscheidung steht an. Und zwar nicht mehr in 30 Jahren, auch nicht in zehn.

    Denn in zehn Jahren hat auch Deutschland sein CO2-Budget aufgebraucht, das rechnerisch noch zur Verfügung stünde, um das 2-Grad-Ziel einzuhalten. Deutschland könnte durchaus wieder Vorreiter sein bei dieser Veränderung, stellt Klingholz fest. Das Land hat alles, um die Energie- und Mobilitätswende zu schaffen. Und zwar in relativ kurzer Zeit. Innerhalb einer Generation. Einer Generation, die wieder lernen muss, dass Verzicht nur in den Mündern der Nimmersatten ein Schimpfwort ist, die eigentlich nur ihren Anteil am Reichtum behalten wollen.

    Deswegen quaken sie ja bei jeder Wahl von Steuersenkungen und reden auch noch den ärmsten Hanswürsten ein, auch ihre Steuern wären gemeint, obwohl es immer nur um die eh schon niedrigen Steuern der Reichen geht. Die Zerstörung unserer Welt hat sehr viel mit der Gier der Reichen und Superreichen zu tun.

    Das Gegenteil wäre das, was die Fachleute immer öfter Suffizienz nennen. „Denn sie bedeutet nicht nur einen langfristigen Nutzen, sondern auch Befreiung von Konsumterror und Wegwerfgesellschaft, weniger Ausgaben, Entschleunigung in einer hektischen Zeit und Entspannung. Und vielleicht etwas Zeit zum Nachdenken über die Rolle der Menschen innerhalb der globalen Naturkreisläufe“, schreibt Klingholz.

    Reiner Klingholz Zu viel für diese Welt, Edition Körber, Hamburg 2021, 24 Euro.

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige