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Treibhausgasemissionen verstehen: Ein Fachbuch für alle, die wirklich wissen wollen, wie wir die Erde verbrennen

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    Eigentlich ist das alles gar nicht schwer, wenn man nur ein bisschen in Physik und Geographie aufgepasst hat. Und natürlich die Lehrer nicht nur mit Multiple Choice Fragebögen abgefragt haben. Den Treibhauseffekt der Erde zu verstehen, ist kein Hexenwerk. Trotzdem kann ein kleines Fachbuch dabei helfen.

    Geschrieben hat es Stephan Buhofer schon 2017 in einer ersten Variante, die er jetzt noch einmal gründlich aktualisiert hat. Und auch nicht nur für seine Schweizer, die natürlich nach Paris 2015 genauso erschrocken waren wie die Deutschen, dass sie eigentlich im Senken ihrer Treibhausgasemissionen nicht wirklich weit gekommen waren.Irgendwie hat man ja noch die Rahmensetzung von Kyoto hinbekommen mit allen möglichen Tricks. Aber das, was in Paris als Ziel beschlossen wurde, das wird keines der europäischen Länder schaffen, wenn es nicht ganz, ganz schnell die Kurve kriegt.

    Es war ja nicht nur Greta Thunberg, die den Ernst der Lage begriffen hat. Es waren auch Leute wie Buhofer, Geschäftsführer des WWF Zentralschweiz. Aber gerade in der Funktion wusste er, wie sehr auch die Aktionen des WWF von Medien und Politikern nicht nur mit Verachtung betrachtet wurden. Sondern regelrecht abschätzig, als reine Panikmache. Oft aus einer Position der Besserwisserei, die nicht gleich als Ahnungslosigkeit erkennbar war.

    Eigentlich ist Buhofer Jurist und hat sich auch erst in die Materie einarbeiten müssen, die den Forschern, die am IPCC-Bericht mitarbeiten, geläufig ist. Denn natürlich steckt trotzdem auch Mathematik drin, wenn die Forscher/-innen die Wirkung von Treibhausgasen in der Atmosphäre berechnen und den Wärmeaustausch in der Atmosphäre.

    Wie kommen sie übrigens auf die berühmten 1,5 Grad, auf die sich die Staaten in Paris so halb und halb geeinigt haben als maximale Erwärmung der Atmosphäre? Was hat das mit der Speicherfähigkeit der Luft, der Meere, Wälder und Böden zu tun? Und warum wird es trotzdem noch auf Jahrzehnte immer wärmer, selbst dann, wenn alle Staaten der Erde endlich Klimaneutralität erreichen?

    Stimmt: Bei genauerer Beschäftigung wird das Thema komplexer. Aber es gibt keine Überraschungen und auch keine geheimen Türchen, aus denen dann doch noch ein cleverer Meteorologe springt und rufen kann: Es ist alles ganz anders.

    Nein, ist es nicht. So heiß, wie es jetzt gerade wird, war es zuletzt vor 3 Millionen Jahren.

    Es wird keine Überraschungen geben. Wir bekommen genau das, was die Klimaforschung seit Jahrzehnten berechnet hat. Wir bekommen es in geballter Ladung sogar schon lange vor den 1,5 Grad – mit verheerenden Überschwemmungen nicht nur im Ahrtal, mit riesigen Waldbränden nicht nur in Italien, Griechenland, der Türkei und Russland. Auch in Deutschland brennen wieder die Wälder. Die drei vergangenen Dürrejahre waren genauso ein Vorbote des Klimawandels wie die zunehmenden Orkanstärken weltweit und das Abschmelzen der Gletscher und Eisberge.

    Wir sind schon mittendrin. Und dass wir die wertvollsten 30 Jahre zum Umsteuern verschwendet, vertan und verplempert haben, stellt auch der neueste, am Montag vorgestellte IPCC-Bericht fest. Demnach ist 2030 nicht nur rechnerisch unser CO2-Budget aufgebraucht, sondert die 1,5 Grad werden wohl schon da gerissen. Was im Klartext eben heißt: Wir haben den Tanker noch nicht mal angefangen abzubremsen, da rast er schon mit voller Wucht gegen das Ufer.

    Emotional wird Buhofer tatsächlich erst im Epilog, wo er noch einmal auf die falschen Heilsversprechen der Technologie eingeht, eben jenen Versprechen, mit denen konservative Parteien schon wieder versuchen, auch die nächste Bundestagswahl zu einer Klimaverliererwahl zu machen.

    Natürlich sind es Technologien wie Photovoltaikanlagen und Windräder, die uns den Ausstieg ermöglichen. Aber das Problem sind wir selbst und unser Konsum. Ein Konsum, den die Menschheit in ihrer Geschichte erst seit zwei, drei Generationen kennt und für den sie Milliarden Tonnen fossiler Brennstoffe verbrannt hat und das entstehende CO2 einfach in die Atmosphäre geblasen hat. Plus die riesigen Mengen Methan aus der industrialisierten Landwirtschaft.

    Aus den Augen, aus dem Sinn. Es war ein verdammt langer Lernprozess, bis auch die ersten Politiker begriffen, was wir da eigentlich mit unserem Planeten anstellten, der eigentlich in der Lage ist, eine für das Leben optimale Temperatur zu gewährleisten (woran die riesigen biologischen Systeme natürlich beteiligt sind).

    Deswegen gab es durchaus auch schon Klimaschwankungen, die größere Ausschläge hatten als die, die wir jetzt schon erleben. Aber das System Gaia reguliert sich in viel längeren Zeiträumen. Ein Wechsel von Eiszeit zu Warmzeit dauert tausende Jahre, sodass sich auch Flora und Faune problemlos anpassen können.

    Was die Menschheit aber seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert macht, ist das Aufheizen der Atmosphäre in einem Wahnsinnstempo, bei dem diese Selbstregulierung schon lange nicht mehr funktioniert. Und seit den 1960er Jahren wissen die Forscher, wie wir den Kessel gerade hochjagen. Da begann die Temperaturkurve zu steigen und die Klimaforscher begannen erstmals aufzuzeichnen, was das mit unserer Welt anrichten würde. Und das nicht an irgendwelchen Labormodellen, sondern mit den größten möglichen Rechenkapazitäten der Zeit.

    Alle Prognosen konnten Jahr für Jahr an den tatsächlichen Veränderungen gemessen und verglichen werden: Das Abschmelzen der Polkappen kann man aus dem All beobachten, den Anstieg des Meereswasserspiegels auf den Millimeter genau messen, die Wassertemperatur genauso wie die Lufttemperatur, die Niederschlagsmengen und das Austrocknen der Böden. Ganz zu schweigen vom genauen Ermitteln der CO2-Mengen in der Atmosphäre.

    Und da das alles mit dem Menschen und seiner auf gnadenloses Wachstum getrimmten Wirtschaft zu tun hat, gibt es nicht mal einen Zweifel, dass dieser ganz spezielle Anstieg der weltweiten Temperaturen das direkte Ergebnis menschlichen Tuns ist. Und zwar vor allem der auf ein irres Wachstum fixierten Welt des Nordens, der noch heute den Hauptteil der CO2-Emissionen zu verantworten hat, auch wenn inzwischen China der größte Emittent ist.

    Aber wie es Stephan Lessenich 2016 in seinem Buch „Neben uns die Sintflut“ (und hier) beschrieben hat: Die Wohlstandsgesellschaften des Nordens haben einfach getrickst und ihre ganze schmutzige Industrie ausgelagert und damit die Umweltbelastung externalisiert. Die schlägt jetzt in den asiatischen Staaten aufs Konto, die Europa und Nordamerika mit den ganzen oft regelrecht überflüssigen Konsumgütern beliefern. Und das auf Lieferketten, von denen die importierenden Konzerne so tun, als wäre es unmöglich, sie nachzuvollziehen.

    Ergebnis: Länder wie Deutschland haben scheinbar keine steigenden Emissionen (obwohl weiter fröhlich „Wachstum“ gefeiert wird), dafür steckt ein riesiger Batzen unserer Umweltbelastung jetzt in China, Vietnam oder Bangladesch in der Bilanz.

    Zu Recht geht Buhofer im Epilog auf unsere ganz konkrete Rolle als Verbraucher ein. Denn anders, als es uns so mancher Politiker einreden will, haben wir es selbst in der Hand, unsere Treibhausgaslast zu minimieren. Denn dadurch, dass uns ständig eingeredet wird, wir müssen immerfort konsumieren, geben wir der zerstörerischen Maschine das Futter.

    „Das Hauptproblem sind dann nicht die (tatsächlich verschwindend geringen) Emissionen des Einzelmenschen, sondern diese Einstellung, welche ihnen einen Vorwand für ihr Handeln liefert und in der Masse einen enormen Schaden anrichtet“, schreibt Buhofer. „Plötzlich ist niemand mehr verantwortlich für ein Problem, das alle verursachen.“

    Und er findet noch schärfere Worte für diese Wohlstandsmentalität, die dann auch noch in Wahlergebnisse mündet, mit denen sich die Mehrheit, die ihr Verhalten nicht ändern will, wieder für vier Jahre freikauft, eine Regierung wählt, die ihr suggeriert, man müsste selbst nichts machen, das käme schon irgendwie.

    Das ist der eigentliche Grund dafür, dass Angela Merkel in Deutschland 16 Jahre lang regieren konnte und die mühsam angeschobene Klimawende gründlich ausgebremst hat. 16 verlorene Jahre.

    Und ein bisschen Mathematik braucht es, um zu differenzieren, denn mittlerweile gibt es auch sehr genaue Statistiken dazu, wer eigentlich für welche Emissionsmengen verantwortlich ist. Nicht nur im Vergleich der Staaten und Kontinente, unter denen die USA und Australien bis heute eine unrühmliche Rolle spielen mit CO2-Emissionen von 20 Tonnen pro Einwohner und Jahr.

    Nur auf den ersten Blick sieht Deutschland mit seinen 10 Tonnen besser aus. Weltweit liegt der Durchschnitt bei 7 Tonnen. Aber der ist nur durch die wild wachsenden Staaten des Nordens so hoch. Die ärmeren Kontinente kommen nur auf 3 Tonnen.

    Übrigens genauso wie die ärmere Bevölkerung in Deutschland, die in ihrem Energieverbrauch genauso eingeschränkt ist wie in ihrem Konsum. Mit dem Ergebnis, dass es die einkommensarmen Haushalte in Deutschland sind, die am klimagerechtesten leben, während reiche Haushalte es sichtlich schwer haben, ihren Status und ihr Kaufverhalten als Klimaproblem zu sehen.

    Und damit die wild gewordene Maschine immer weiter antreiben, obwohl die ja nicht nur die Erde kaputtmacht, sondern auch die Artenvielfalt zerstört und die Menschen psychisch krank macht. Ein Thema, das ja Ernst Paul Dörfler gerade in seinem Buch „Aufs Land“ aufgegriffen hat.

    Denn wenn wir die Aufheizung des Klimas endlich bremsen wollen, müssen wir raus aus Wachstumsdruck und Konsumzwang. „Die Genügsamkeit und die eigene Mäßigung ist die große Schwäche der modernen Gesellschaft und unsere dahingehende Unfähigkeit der Grund, warum wir unsere Treibhausgasemissionen nicht oder nur langsam zu senken vermögen“, schreibt Buhofer.

    Innerhalb des Wachstumswahnsinns wird das nicht gelingen. Das klappt erst, wenn wir uns alle wirklich verantwortlich fühlen für unseren eigenen CO2-Rucksack und den unserer Stadt und den unseres Landes. Denn das, was wir zu verlieren haben, ist viel wertvoller als alles, was es in den Online-Shops dieser Welt zu kaufen gibt. „Je mehr Menschen nicht selbst weiter für den Klimawandel mitverantwortlich sein wollen und sich unabhängig von den anderen entsprechend verhalten, umso geringer sind die Emissionen“, schreibt Buhofer.

    Auch da hilft dieses Buch, das zwar in der Hauptsache ein Fachbuch ist, das auch die ganzen physikalischen und mathematischen Zusammenhänge hinter dem Klimawandel sehr genau erläutert. Aber gerade deshalb zeigt es auch, wie komplex und komplett die aktuellen Klimamodelle längst sind.

    Und dass es da nirgendwo ein Schlupfloch gibt, das uns berechtigt, uns dumm und ignorant zu stellen. Wir haben jetzt die größte Aufgabe vor uns, die jemals eine menschliche Generation hatte: Eine selbst angefeuerte Katastrophe zu bremsen und unseren Kindern und Enkeln wenigstens die Chance zu geben, den lebendigen Planeten Erde auch künftig einigermaßen lebendig zu erhalten.

    Stephan Buhofer Treibhausgasemissionen verstehen, Oekom Verlag, München 2021, 26 Euro.

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