Auch Franz Alt, der mit seinem Buch „Die Sonne schickt uns keine Rechnung“ 1994 einen der Bestseller der Ökologie-Bewegung veröffentlichte, hatte schon viel Hoffnung verloren, dass die Menschheit doch noch die Kurve aus der Klimakatastrophe bekommen könnte. Aber die letzten zwei Jahre haben ihn wieder zuversichtlicher gemacht. Auch wenn der Titel des Buches die Wahrheit auf den Punkt bringt.

Geschrieben hat er es im Grunde, um seine persönliche Bilanz zu ziehen zum 50. Jahrestags des Erscheinens des vom Club of Rome 1972 herausgegebenen Berichts „Grenzen des Wachstums“, der schon mit den damals möglichen Mitteln aufzeichnete, was auf eine Menschheit zukommt, die die Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten nicht begreift und nicht akzeptiert.

In einer Welt, in der sämtliche Ressourcen begrenzt sind, ist das ewige Wachstum, das noch heute die Denkweise der westlichen Regierungen beherrscht, schlicht unmöglich. Der entfesselte Ressourcenverbrauch, verbunden mit einer ebenso entfesselten Wegwerfmentalität, führt dazu, dass wichtige Rohstoffe irgendwann knapp werden, so knapp, dass sie auch mit aufwendigen Methoden nirgendwo mehr ausreichend gefunden werden können und ganze Gesellschaften in Versorgungs-Krisen stürzen.

Die Grenzen sind längst erreicht

Und das betrifft nicht nur wichtige Rohstoffe wie Erdöl, Nickel, Uran, sondern auch elementare Lebensgrundlagen wie sauberes Trinkwasser, fruchtbare Böden, lebendige Meere und Fischbestände, artenreiche Wälder und letztlich auch eine bewohnbare Welt, wenn die Aufheizung des Klimas dazu führt, dass auch die menschliche Zivilisation verbrennt.

Alles schon mehr oder weniger in „Grenzen des Wachstums“ skizziert, damals ein Geniestreich der verfügbaren Computerkapazität. Aber auch ein Musterbeispiel, mit welcher Aggression all jene auf so eine Prognose reagieren, die von den zerstörerischen Marktmechanismen profitieren.

Die Geschichte des Club of Rome und seiner in späteren Jahren zusehends verbesserten Prognoseberichte erzählt in diesem Buch Ernst Ulrich von Weizsäcker, Co-Präsident des Club of Rome.

Eine wichtige Ergänzung, denn so wird deutlich, wie ignorant Konzerne und Politik auf die Mahnungen des Club of Rome reagiert haben, wie sie die beschriebenen Szenarien immer wieder beiseitewischten, regelrechte Desinformationskampagnen starteten und weitermachten wie bisher, sich regelrecht daran berauschend, dass die Produktionszahlen wuchsen, die Umsätze und die Konsumausgaben der Menschen.

Wohlstand wurde und wird bis heute reineweg über Besitz und Konsum definiert – und über die Frage, wer sich noch mehr leisten kann, egal, was es die Welt kostet.

Wir wissen, was wir zu tun haben

Und dass diese Art eines völlig falsch verstandenen Wohlstands unsere Welt zerstört und unseren Planeten für kommende Generationen unbewohnbar macht, das ist das Grundthema von Franz Alts Manifest. Denn ein solches ist es im Grunde geworden – hin- und hergerissen zwischen der Feststellung, wie heruntergewirtschaftet unser Planet inzwischen ist und wie finster die Zukunftsszenarien, wenn wir nicht in wenigen Jahren allesamt die Kurve kriegen, und der aufkeimenden Hoffnung, dass wir eigentlich alle Mittel haben, diese Kurve zu schaffen.

Dass Franz Alt fast die Hoffnung verlor, das hat eine Menge mit Angela Merkel und ihrer schwarz-gelben Regierung von 2009 bis 2013 zu tun, die das im Jahr 2000 vom Bundestag beschlossene EEG-Gesetz „so verstümmelt, verkompliziert und verbürokratisiert“ haben, „dass viele hiesige Solarfirmen pleitegingen, der Solarmarkt dramatisch einbrach und etwa 130.000 zukunftsfähige Jobs an China verloren gingen.“

Deutschland wäre heute nicht mehr ansatzweise so abhängig von russischem Erdgas, hätte eine Mehrheit der Wähler/-innen nicht immer wieder Regierungen gewählt, die die Energiewende in Deutschland mit falschen Arbeitsplatz- und Wachstumsargumenten ausgebremst haben.

Wähler/-innen sind keine Unschuldslämmer

Die Wähler/-innen lässt Alt nicht außen vor. Wer wählt, weiß, was er will. Und bekommt es meistens auch. Und der Konsum-Wohlstand, auf den die Deutschen so stolz sind, ist ein bequemer Wohlstand. Und einer, der süchtig macht. Nichts ist bei konservativen Wahlkämpfern so beliebt als Schreck-Vokabel wie das Wort „Verzicht“.

Niemand will verzichten – schon gar nicht in einer Gesellschaft, in der sich alle einreden, dass der Wohlstand sauer verdient wäre und ganz auf eigenem Verdienst beruht.

Was schlicht nicht stimmt. Auch daran erinnert Alt. Der Wohlstand der Deutschen beruht nicht nur auf einer schweren Belastung des Klimas, sondern auch auf billiger und menschenunwürdiger Arbeit und Ausbeutung, die wir ausgelagert haben, externalisiert, wie es Stephan Lessenich nannte.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber auf einem Planeten hängt alles mit allem zusammen. Die Ausbeutung in den Billig-Fabriken Asiens, die Plünderung der Bodenschätze, das Fällen der Tropenwälder, unser billiges Fleisch aus Massentierhaltung und die rasante Klimaerhitzung, die längst auch in Europa für verheerende Wetterextreme sorgt.

Was Alt Zuversicht gibt, ist die Tatsache, dass inzwischen auch Bürger, Politiker und Konzernchefs begonnen haben zu rechnen und sich weltweit die Erkenntnis durchsetzt, dass die fossilen Energien nicht nur klimazerstörerisch sind, sondern auch schweineteuer und ohne Subventionen schon längst nicht mehr wettbewerbsfähig.

Die Erzeugerpreise für jede Kilowattstunde Strom aus Kohle, Öl, Gas oder Atomkraft liegen um ein Vielfaches über den Erzeugerpreisen aus Solar- und Windkraftanlagen. Mit denen ein Land sogar binnen weniger Jahre zum Selbstversorger werden kann und damit unabhängig von autokratischen Regimen, die mit ihren fossilen Energielieferungen bisher ein gewaltiges Erpresserpotenzial in Händen halten.

Fossil ist längst nicht mehr konkurrenzfähig

Das Buch hat Alt im Januar abgeschlossen, da war von Putins Überfall auf die Ukraine noch nichts zu sehen. Aber dass dessen Gaslieferungen Europa und Deutschland erpressbar machen, das war Alt durchaus klar. Wahrscheinlich hätte er die Passage nach dem 24. Februar noch schärfer formuliert. Und den Vorwurf an Politiker und Lobbyisten, die die deutsche Energiewende ab 2009 so gründlich ausgebremst haben, noch schärfer gefasst.

Denn letztlich war es dieses Festhalten an fossilen Technologien, die jetzt die Energiepreise so haben explodieren lassen. Der Krieg in der Ukraine hat das nur verschärft, aber der Preisauftrieb war vorher schon da – für Gaskunden an ihrer Rechnung ablesbar, für Autofahrer an der Tanksäule.

Beides Effekt einer zunehmenden Knappheit auf den Märkten. Wenn Ressourcen knapper und begehrter werden, werden sie teurer. Augenscheinlich lernt das kaum noch einer in der Schule. Und begreift es schon gar nicht, wenn er mit seinem SUV an der Tankstelle steht. Weshalb Alt auch davon ausgeht, dass die Energiewende jetzt deutlich schneller kommt, als noch vor zwei Jahren erhofft. Der Preis spielt eben mit.

Und auch im Denken der Menschen beginnt – so sieht er es – ein anderes Wahrnehmen von Wohlstand. Denn das Kaufen, Besitzen und Wegschmeißen ist letztlich ein armseliger Wohlstand, der weder die Seele noch das Herz befriedigt.

Im Gegenteil: Immer mehr Menschen hängen fest in einem Hamsterrad, in dem sie Lebenszeit opfern für einen Konsumwahn, der nicht mal die Zeit ersetzen kann, die sie dem Moloch Konsum opfern. Den Kontakt zur lebendigen Mitwelt verlieren sie dabei erst recht, während diese lebendige Mitwelt vor ihren Augen ja verloren geht und verstummt.

Wenn die Erde nicht mehr atmen kann

Immer mehr Menschen begreifen die verheerenden Folgen einer industrialisierten Landwirtschaft und eines rücksichtslosen Umgangs mit den Tieren. Und steigen um, wollen wissen, wo und wie ihre Nahrung entsteht.

Und immer mehr haben die Nase voll von den Müllbergen, die wir aufhäufen, von überdüngten Flüssen, zerstörten Meeren und Korallenriffen. Dass unser Planet ausgeplündert ist und bald nichts mehr zu holen sein wird, ist überall sichtbar, wenn man nur den Blick öffnet.

Für Alt symptomatisch waren die Worte, mit denen George Floyd um sein Leben bat: „I can’t breathe“, während ein gnadenloser Polizist auf seinem Hals kniete und ihn sterben ließ. Im Grunde, so Alt, geht es unserem Planeten heute genauso. Nur sind wir alle es, die der Erde und der belebten Welt die Luft zum Atmen nehmen. Und damit letztlich uns selbst und unseren Kindern und Enkeln.

So gesehen war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2021 nur folgerichtig, das den so unverantwortlich Regierenden ins Stammbuch schrieb, dass sie die verdammte Pflicht haben, auch den nachfolgenden Generationen einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen.

Denn dass sie das nicht könnten, ist eine Farce. All die faulen Märchen, wir könnten ohne Kohle, Öl, Gas und Atom nicht wirtschaften und den Wohlstand bewahren. Das Gegenteil ist der Fall: Diese Art Wegschmeiß-Wohlstand ist nicht erdverträglich, zerstört vor unseren Augen unsere Lebensgrundlagen. Während wir seit Jahrzehnten – Alt nennt ganz explizit die frühen 1990er Jahre – alle Techniken besitzen, um komplett auf Sonnenenergie umzustellen

Gemeingefährliches Politikversagen

„Die Sonnenstrategie ist tatsächlich alternativlos“, schreibt er. „Die zum Teil bis heute anhaltende Ignoranz gegenüber der Sonnenstrategie ist im Wesentlichen Gottvergessenheit sowie ein fundamentales Politikversagen, das gemeingefährliche Ausmaße annimmt. Nur eine konsequente Sonnenstrategie ermöglicht uns einen ‚dauerhaften Friedensvertrag mit der Natur‘“, zitiert er Hermann Scheer.

Und nennt damit ein Wort, das im Grunde auf den Punkt bringt, wie wir heute mit uns und dem einzigartig lebendigen Planeten Erde umgehen: Wir führen einen Krieg, reißen rücksichtslos Wunden auf, verheizen, was im Erdboden ist und das alles für ein Besitzdenken, das mit wirklichem Wohlergehen nichts zu tun hat.

Denn wir vernichten dabei auch genau das, was unser Leben reich und lebenswert macht – die Schönheit und Lebendigkeit unserer Welt, menschliche Nähe, Lebenszeit und das Gefühl, eins zu sein mit der Schöpfung. Als wäre das alles nur einen Dreck wert und die Raumschiffe würden nur warten darauf, dass wir einsteigen und wegfliegen, so wie das die durchgeknallten Milliardäre schon mal denken.

Nur dumm, dass der Mars eine tote und eisigkalte Wüste ist, wo es nichts von alledem gibt, was die Erde zum einzigen lebendigen und lebenswerten Planeten weit und breit macht.

Manipulierte Konsumenten

Alt bezieht sich da auch gern auf den Jesus, wie er ihn im Neuen Testament liest. Aber es ist auch Kern vieler anderer Religionen, in denen sich die Gläubigen durchaus noch bewusst sind, dass alles Leben von der Sonne kommt. Und dass wir auch alle Energie aus der Sonnenenergie gewinnen können.

Dass es auch ganz unübersehbare Machtverhältnisse sind, die unsere Welt so zerstören, ist Alt nur zu bewusst: „Die Welt wird heute von einigen Dutzend Milliardären beherrscht, der Finanzkapitalismus ist zu einer Monsterwirtschaft entartet. Das von Wissenschaftlern sogenannte Anthropozän ist in Wahrheit ein Kapitalozän, aus Bürgern sind von Werbeagenten manipulierte Konsumenten geworden.“

Aber er ist trotzdem zuversichtlich, dass wir es jetzt tatsächlich lernen, im Einklang mit unserer Welt zu leben, uns mit Sonnenenergie zu versorgen und in Kreisläufen zu wirtschaften und die Erde nicht mehr als großen Müllschlucker zu behandeln.

Denn so, wie wir mit der Welt umgehen, gehen wir auch mit uns selbst um. Und mit gutem Recht weist er darauf hin, dass dieser unser kriegerischer Umgang mit uns und der Welt auch die Ursache für die Kriege ist, die das Unheil ja noch steigern. Logisch, dass er auch für eine weltweite Senkung der Militärausgaben plädiert – was natürlich verstört im Angesicht des Ukraine-Krieges.

Aber wenn man den Krieg unter dem Aspekt betrachtet, dass hier wieder einmal das zerstörerische Denken eines alten Zeitalters die Panzer rollen lässt, ahnt man, dass hier tatsächlich die Konfliktlinie liegt: Das Kriegerdenken gehört zum alten, rücksichtslosen Wachstumsdenken und Besitzdenken. Frieden gibt es erst, wenn wir auch unser Denken im Umgang mit der Welt ändern – und damit unser Verhalten. „Mensch sein heißt Sinn finden“, zitiert er Viktor Frankl.

Wir können so nicht weitermachen

Doch dieser Sinn ist vielen Menschen verloren gegangen. Sie haben sich verausgabt auf der Jagd nach Immermehr, sich regelrecht verloren dabei. Auch an wilde Ideologien, die ihnen ein Heil versprechen, das es nur mit Gewalt gibt.

Überleben werden wir nur, wenn wir es schaffen, die Lebendigkeit unserer Mitwelt zu erhalten. Alts Lehre aus zwei Jahren Corona-Pandemie: „Die Pandemie hat uns gelehrt, dass wir so nicht weitermachen können. (…) Die Sonne ist die Kraft, die das Leben auf diesem wunderbaren Planeten seit Jahrmilliarden formt und nährt. (…) Wenn wir lernen, mit diesem Licht zu leben, wählen wir das Leben selbst.“

Da ist tatsächlich der Scheidepunkt. Und die 50 versäumten Jahre seit dem ersten Bericht des Club of Rome sind zu wenigen Jahren zusammengeschrumpft, in denen wir noch auf eine komplette solare Gesellschaft umsteuern können.

Hoffnung macht Alt eben auch, dass sich immer mehr Staaten auf eine Jahreszahl verpflichten, wann sie komplett klimaneutral sein wollen. Und dass inzwischen auch alte fossile Konzerne umschwenken und mit Erneuerbaren Energien neue Geschäftsfelder entdecken.

So gesehen ist das Buch eine wortgewaltige Abrechnung mit den Widrigkeiten der zurückliegenden Jahrzehnte, in denen Pioniere wie Franz Alt oft allein im Kreuzfeuer der boshaften Angriffe standen. Und gleichzeitig ein großes Staunen darüber, dass nun – auf den letzten Drücker – doch noch eine Menge Leute in Bewegung kommen und tun, was längst hätte getan werden müssen. Die Mahnung bleibt: Es muss schnell gehen.

Denn zu plündern gibt es eigentlich nichts mehr auf diesem Planeten, wenn wir dabei nicht alle unsere Lebensgrundlagen riskieren wollen.

Franz Alt; Ernst Ulrich von Weizsäcker, Der Planet ist geplündert, Hirzel Verlag, Stuttgart 2022, 22 Euro.

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