Es ist das Problem unserer Zeit. Und die meisten von uns wissen nicht einmal, dass es auch ihr Problem ist. Dass sie unter Habgier leiden und schon längst nicht mehr wissen, wo die Grenzen des Vernünftigen sind, wann genug genug ist. Aber: Ist das denn nicht nur so ein religiöses Problem? Schön wär’s.

Aber nicht erst die Katholische Kirche hat die Habgier unter die Sieben Todsünden gezählt. So wie Völlerei, Hochmut, Zorn, Wollust …

Dass sie selbst im Mittelalter und bis in die Neuzeit nicht danach gelebt und gehandelt hat, ist ja bekannt. Von einer bescheidenen, nicht hochmütigen und gar nicht habgierigen Kirche ist sie bis heute weit entfernt. Lichtjahre weit könnte man sagen. In dieser Kirche wäre Jesus jedenfalls nicht.

Und wahrscheinlich auch in keiner anderen. Denn nichts prägt ja seine Botschaft so sehr wie Armut und Loslassen, die Lasten und Plagen des Besitzens von sich werfen. Oder sie zu teilen und mit anderen zu tragen.

Da nenne mal einer eine Kirche, die danach wirklich lebt.

Wo ist das Maß für ein glückliches Leben?

Aber das Problem liegt tiefer, das beschäftigte schon die besten griechischen Philosophen von den Stoikern bis zu den Epikuräern. Sie hatten schon begriffen, dass das zutiefst die Frage nach dem Glück betrifft: Wann werden wir als Menschen glücklich? Durch ausufernden Genuss all dessen, was uns geboten wird? Oder durch weisen Verzicht und die Suche nach dem richtigen Maß?

Nur: Welches ist das richtige Maß? Selbst in der Mäßigung ist der Mensch ja fähig zur Maßlosigkeit.

Denn die nun 3.000 Jahre währende Suche nach diesem Etwas hat ja deutlich gemacht, dass es in uns keine automatische Bremse gibt, die uns innehalten lässt, wenn wir genug haben. Wahrscheinlich naturgegebenermaßen.

Denn in einem Leben in der Wildnis braucht es so einen Schalter ja nicht, da ist das Möglichst-Viel sogar überlebenswichtig. Nur wer Vorräte anlegte, die über den Winter bis weit ins Frühjahr reichten, überlebte auch. Die Fülle ist aufs Engste verknüpft mit so wichtigen Dingen wie Vorsorge, Vorrat, Überlebensreserve.

Das ist zwar nicht der Weg, den die Journalistin Barbara Streidl wählt, um diesem Problem zu Leibe zu rücken. Aber es steckt tief drin in dem, was unsere Gesellschaft so gefräßig macht und gerade systematisch unsere Lebensgrundlagen zerstört.

Es gibt keine Philosophie des Genug, die funktionieren würde. Sie wäre nicht kompatibel mit den Zwängen eines kapitalgetriebenen Systems, das davon lebt, dass es immer mehr produziert und verkauft und in den Konsumenten immer mehr Wünsche erweckt – ganz zentral das Gefühl, nie genug zu haben.

Die Unzufriedenen im Überfluss

Wir sind eine Überflussgesellschaft, die im Gefühl des permanenten Mangels lebt. Und die vor einem Wort geradezu panische Angst hat: Verzicht.

Wir sind gnadenlose Optimierer, die dazu auch von der Werbung trainiert werden. Es gibt praktisch keine Werbebeilage, die nicht mit Worten wie „supergünstig, billig, einmaliges Angebot“ und so weiter wirbt und den Konsumenten suggeriert, sie hätten nur jetzt die einmalige Chance, für möglichst wenig Geld besonders viel zu bekommen.

Dass das auch mit unserem Spieltrieb und mit der menschlichen Bequemlichkeit zu tun hat, streift Streidl bei ihrer Reise durch die Welt der Gier und der dazuzunehmenden wissenschaftlichen Forschung, die längst schon seit Jahrzehnten warnt.

Denn eine grenzenlos auf Wachstum setzende Konsumgesellschaft sprengt die Grenzen unseres Planeten. Was der Club of Rome da 1972 veröffentlichte, war nicht nur eine Botschaft an Konzerne und Politik, dass das überall propagierte Wachstum Grenzen hat.

Und zwar harte Grenzen, knallharte Grenzen, die dann für alle sichtbar werden, wenn die Ressourcen knapp (und teuer) werden, die Fischbestände zurückgehen, Ackerboden und Trinkwasser verloren gehen … Wir konsumieren unseren Planeten zu Tode.

Und zwar wir hier, wir im wohlhabenden Norden, wo der Verbrauch pro Kopf um ein Vielfaches über dem liegt, was unser Planet jedes Jahr neu zur Verfügung stellen könnte. Und dabei tun wir auch noch stolz, wenn wir auf alle unsere schönen Anstrengungen bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit verweisen.

Jedem seine 60 Sklaven

Aber das sind Lügen. Darauf geht Streidl ausführlicher ein, denn sie hat sich mit den einschlägigen Forscher/-innen getroffen, die sich in Deutschland mit unserer Produktionsweise beschäftigen. Und mit unserer Blindheit und unserem Selbstbetrug.

Weshalb ein ganzes Kapitel den Titel trägt: „Wie viele Sklaven halten Sie?“

Die meisten werden so auf 60 kommen – 60 Billigstarbeiter/-innen irgendwo da hinten in Osteuropa, Asien, Afrika oder Südamerika, die für einen Hungerlohn all die billigen Produkte herstellen, die uns in deutschen Warenhäusern mit penetranter Werbung aufgeschwatzt werden. Und: Wir greifen zu.

Oder zumindest viele von uns. Denn wir sind konditioniert auf diese Signale, dass uns dieses besondere Stück, dieses tolle Schnäppchen unbedingt noch fehlen. Auch wenn wir gleichwertige Teile zu Hause schon zuhauf liegen haben. Besonders Frauen leiden darunter. Und zu Recht diagnostizieren Ärzte hier eine Sucht, eine Ersatzhandlung, mit der die letztlich einsame Seele versucht, das Loch irgendwie zu stopfen, das sie empfindet.

Denn hinter der Gier taucht etwas anderes auf, etwas, was gerade junge Menschen immer öfter wahrnehmen: Dass in unserer Jagd nach dem Immermehr gerade das verloren geht, was uns im Leben wirklich glücklich macht. Was einem aber kein Konzern verkaufen kann. Was sehr viel mit intensiven menschlichen Beziehungen zu tun hat, echten Lebenswünschen, die aber verschüttgehen, wenn die Gier alle anderen Signale unserer Seele zuschüttet.

Wenn wir nur noch der antrainierten Konditionierung folgen, die letztlich nichts anderes ist, als uns zu willfährigen Konsumenten einer Marktwirtschaft zu machen, die nur noch ihren eigenen Profitinteressen dient.

Die Globalisierung unserer Gier

Dass auch der Profit etwas mit dieser Hab-Gier zu tun hat, kann, wer hart im Nehmen ist, schon bei Karl Marx nachlesen. Wer es mehr mit der wirklichen neoliberalen Wirtschaftswelt von heute hat, dem legt Barbara Streidl Naomi Kleins „No Logo!“ von 2000 ans Herz, die „Bibel der Globalisierungskritiker“, wie das Buch oft bezeichnet wird.

Wer nicht auf Stephan Lessenichs „Neben uns die Sintflut“ (hier Teil 2 der Besprechung) warten wollte, erfuhr hier schon, wie das funktioniert, was uns seit 30 Jahren als Globalisierung verkauft wird. Wir haben all die schlimmen Auswüchse unseres Wirtschaftens, die wir in unseren so hübsch gepflegten nordischen Landschaften nicht mehr sehen wollten, ausgelagert, aus den Augen geschafft und hinter Ketten von Sub-Sub-Unternehmen versteckt.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Und nur manchmal erreichen uns die Zustände in diesen Billigfabriken als Nachrichtenschlagzeile, wenn mal wieder so eine Fabrik abbrennt oder zusammenstürzt, wie 2013 das Rana Plaza.

Wir externalisieren die unschönen Begleiterscheinungen einer von Gier entfesselten Gesellschaft. So bezeichnet es Lessenich, den Streidl natürlich auch anführt.

Habsucht ohne Ende?

Dass diese Zustände etwas mit Kontrollverlust zu tun haben, diskutiert Streidl im Kapitel „Das Ende der Habsucht“. Denn wenn man Menschen darauf konditionieren kann, immer mehr zu kaufen, zu besitzen, zu fressen, zu saufen, zu arbeiten und zu wollen, als sie wirklich brauchen, dann kann man das Maß für das Genug auch lernen.

Auch damit beschäftigen sich Psycholog/-innen schon seit langem. Streidl nennt hier die Philosophin Caroline Krüger, die sich mit einem Effekt beschäftigt, der im zwanghaften Wachstumsdenken natürlich steckt: der permanenten Eskalation.

Denn die wird sichtbar, wenn man eigentlich alle seine wirklichen Wünsche schon erfüllt hat, man aber das Gefühl nicht loswird, dass man doch noch mehr braucht. Noch ein iPhone (und natürlich das neueste Modell), noch mehr Blazer, Sneakers, Outdoor-Jacken, noch ein Auto oder ein schickes Bike, noch mehr Gehalt und eine Videowand, noch mehr Fitness und noch mehr Urlaubsabenteuer …

Es hört nie auf. Eskalation kennt keine Grenzen. Nur einen kompletten Blackout, den viele dann meistens erleben, wenn sie ein Herzinfarkt oder eine Depression aus dem Rennen schmeißt.

„Wer hat beschlossen, dass das so sein muss?“, fragt Caroline Krüger. Und Streidl setzt fort: „Und warum nehmen so viele Menschen das hin?”

Natürlich nicht, weil sie weder Zenon noch Seneca, Mark Aurel oder Epikur gelesen haben. Die Zeit, antike Klassiker zu lesen, nimmt sich ja kaum noch einer. Man ist ja mit dem Verschlingen riesiger Mengen von täglichen Nachrichtenschnipseln vollauf beschäftigt – begreift zwar gar nichts mehr, möchte eigentlich nur noch alles auskotzen und irgendwo in eine einsame Hütte ziehen.

Aber das macht kaum einer. Nicht mal die berühmte Handypause übers Wochenende. Heute stehen wir ja alle ständig mit gesenkten Köpfen irgendwo dumm in der Gegend rum und starren auf den kleinen Bildschirm, weil wir glauben, wir würden irgendwas verpassen, wenn wir nur mal eine Minute nicht draufstarren.

Kommerzialisierter Kontrollverlust

Auch das ist Gier, aber nicht die eigentlich so menschliche Neugier, die auch Streidl eigentlich nicht so sündhaft findet. Denn dass wir so gar nichts Neues erfahren, sondern nur wieder skandalisierten Bullshit, das wissen eigentlich die meisten.

Genauso, wie sie beim gehetzten Shopping wissen, dass sie den ganzen bunten Trödel in drei Monaten wieder wegschmeißen werden. Und schon beim Auspacken zu Hause ein wirklich mieses Gefühl haben – irgendwas zwischen Versagen, überfressen, reingefallen und rückfällig geworden.

Denn eigentlich wissen es auch die meisten (und haben deshalb auch ein schlechtes Gewissen), dass das mit einem bewussten Leben in Freiheit nichts zu tun hat, sondern nur mit Kontrollverlust. Wir haben die Kontrolle über unsere Umwelt abgegeben, verloren. Und damit auch das Bewusstsein über unsere wirklichen Bedürfnisse, das, was wir wirklich brauchen und was uns wirklich glücklich macht.

So wie Ilsebill im berühmten Märchen der Brüder Grimm. Auch wenn das – wie Streidl erzählt – kein rein weibliches Thema ist. Dass auch dieser Fischer dazugehört, dem Buttje seine Wünsche erfüllt. Gut möglich, so stellt Streidl fest, dass das mit der Geschwindigkeit zu tun hat, wie schnell unsere Wünsche erfüllt werden.

Je schneller es geht, umso schwerer finden wir die Grenze, wo wir aufhören können. Im Gegenteil: Die leichte Wunscherfüllung erzeugt das Gefühl, jetzt noch mehr Wünsche haben zu müssen.

Die Lobbyisten der Gier

So gesehen: eine psychologische Falle, in die wir da sehend hineingelaufen sind und von der unsere Wohlstands-und-Wegschmeiß-Gesellschaft lebt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und auch ohne Rücksicht auf die belebte Welt oder unser Seelenleben.

Helfen könnte, so führt Streidl an, die Idee des „Capabilities Approach“ nach Amartya Sen und Martha Nussbaum. „Im Gegensatz zu anderen Theorien wird hier ein Leben nicht durch Ressourcen wie Geld zu einem guten, sondern durch die Befriedigung von Bedürfnissen“, schreibt Streidl.

Und zwar den Bedürfnissen, die wirklich in uns schlummern und deren Erfüllung tatsächlich ein glückliches Leben ausmachen.

Wobei sie durchaus sieht, dass die „äußeren Umstände“ eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Denn wenn die Gier in unsere politischen Systeme eingebaut ist, mit rücksichtslosen und selbst von Gier getriebenen Konzernen und Lobbyorganisationen (exemplarisch nennt sie den Deutschen Bauernverband), dann zwingen die Umstände die meisten Bürger dazu, sich falsch zu verhalten.

Weil sie kaum eine Wahl haben. Weil das Zuviel der einen auch immer das Zuwenig der Mehrheit bedingt. Der Wohlstand der Reichen bedingt die Armut der vielen, vor allem derer im globalen Süden. Und er bedingt das Denken über Fairness und Recht, das zuletzt beim Streit über den Berliner Mietendeckel sichtbar wurde.

Ist Gier ein Grundrecht?

Denn wenn das Recht zur Bereicherung nicht infrage gestellt werden darf, ist für eine Frage nach dem Genug für alle kein Platz. Dann dominieren immer die Interessen der Gierigen, die nie genug bekommen – und damit letztlich der Gesellschaft die Ressourcen entziehen, tatsächlich für alle genug bereitzustellen.

Kein Wunder, dass Streidl die Habgierigen am Ende mit Dante in der Hölle besucht, wo sie auf dem fünften Sims mit dem Gesicht auf dem Boden liegen, um „ihrer Gier nach Besitz, Macht oder Einfluss zu entsagen“.

Ein bisschen spät für uns Lebende hier auf der Erde. Denn diese vielfältige Gier zerstört unsere Lebensgrundlagen hier in der realen Welt. Und es sieht noch nicht so aus, als wären wir bereit, die Gierigen für ihre Rücksichtslosigkeit nicht zu bewundern und zu belohnen.

Wobei Streidl zumindest eine Zuversicht hat: Dass immer mehr von uns lernen, ihr eigenes Maß zu finden, ihre wirklichen Bedürfnisse und ein gutes Gefühl für das Genug. Das würde, wenn es wirklich viele so machen, einigen zerstörerischen Wirtschaftspraktiken tatsächlich den Boden entziehen.

Aber vielleicht ist etwas anderes daran viel wichtiger: Die Botschaft, dass wir uns selbst etwas Gutes tun, wenn wir unser eigenes Genug finden und uns nicht lauter besitzergreifenden Dingen ausliefern, die eigentlich nur eine Belastung sind, ständige Quälgeister, die uns mit sinnloser Rennerei beschäftigen, während wir längst zufrieden im Garten sitzen könnten oder im Vorlesesessel mit den Kindern.

Die sich natürlich freuen, wenn man ihnen so lehrreiche Geschichten wie die von „Hans im Glück“, vom „Süßen Brei“ oder eben vom „Fischer und seiner Frau“ vorliest. Ist ja nicht so, dass unsere Vorfahren noch nicht wussten, wie heikel die Welt der so leicht erfüllten Wünsche ist. Wie die Gier uns zu etwas macht, was wir nie sein wollten. Und was uns auch nicht glücklich macht, egal, was uns da alles versprochen wird.

Barbara Streidl Gier. Wenn genug nicht genug ist, Hirzel Verlag, Stuttgart 2022, 15 Euro.

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