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Abschied vom Größenwahn: Warum wir schon alles wissen, um eine Welt ohne Mitweltzerstörung zu schaffen

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    Wenn wir an die Zukunft denken, haben wir lauter Bilder von Katastrophen, Untergängen und zusammenbrechenden Zivilisationen vor Augen, ganze Serien aus der Katastrophen-Fabrik von Hollywood. Und wenn wir ehrlich sind: Wenn wir so weitermachen, wird es genau so kommen. Es ist die Logik einer Wirtschaftsweise, die keine Grenzen kennt, vom „Wachstum“ geradezu besessen ist. Und die alles tut dafür, dass wir nicht merken, dass das ganz und gar nicht so sein muss.

    Teilweise haben wir es ja schon gemerkt. Weltweit sind Entwicklungen im Gang, die den alten, unersättlichen Giganten den Boden entziehen – den Autokonzernen, den fossilen Kraftwerksbetreibern, den Ölkonzernen, den Umweltgiftproduzenten. Vielleicht demnächst den Tierfabrikbesitzern und Fleischfabrikanten. Punktuell taucht überall dieselbe Erkenntnis auf – dass wir seltsamen Leuten mit einem unersättlichen Größenwahn viel zu lange überlassen haben zu bestimmen, wie unsere Welt aussehen soll.

    Wir sind immer weiter zurückgewichen, haben ihren Drohungen nachgegeben und ihre Sätze in den Schädel gehämmert bekommen, dass Wachstum heilig ist, Wohlstand nur mit immer höheren Umsätzen, immer mehr Konsum, immer mehr Umweltzerstörung zu haben ist.

    Das Ergebnis ist eine Welt in der Klimakrise, sind zerstörte Meere, brennende Urwälder, wachsende Wüsten, sterbende Insekten, verdreckte Flüsse, verdrecktes Grundwasser, Pandemien, die um den Erdball jagen …

    Man wird schon irre beim Aufzählen all der Folgen einer Wirtschaftsweise, die mit ihrer Besessenheit von immer höheren Gewinnen unsere Lebensgrundlagen zerstört. Und deren Vertreter uns jeden Tag einhämmern, dass wir unseren Wohlstand verlieren, wenn wir den Irrsinn beenden.

    Doch auf einmal kam Corona.

    Die Corona-Pandemie hat auch Ute Scheub und Christian Küttner mitten in der Arbeit an diesem Buch ertappt. Nicht unerwartet. Wer sich mit der Materie – wie diese beiden – seit Jahren beschäftigt und die einschlägigen Arbeiten dazu liest, der hatte schon vorher ein sehr kritisches Bild von dem, was die Wirtschaftstrunkenen so gern „Globalisierung“ nennen.

    Es wäre ein gutes und treffendes Wort, wenn es die Ausbreitung von Wohlstand, Sicherheit und fairer Arbeitsteilung rund um den Globus beschreiben würde. Aber damit hat es nichts zu tun. Es ist einer jener Täuschungsbegriffe, der nur verstecken soll, wie die nimmersatten großen Konzerne all ihre Umweltsünden in ferne Länder verfrachtet haben, wo wir sie nicht sehen. Extermalisierung nennt es Stephan Lessenich in seinem Buch „Nach uns die Sintflut“.

    Denn nicht nur die Umweltzerstörung haben wir (mitsamt den Kosten dieser Zerstörung) ausgelagert und externalisiert, sondern auch die miserablen Arbeitsbedingungen, die geschleiften Arbeitnehmerrechte, die Plünderung der Bodenschätze und landwirtschaftlichen Ressourcen bis hin zu den Böden … Wer nur einmal wirklich darüber nachdenkt, merkt, dass wir nicht nur hier in Deutschland über alle unsere Verhältnisse leben, sondern auch noch die Umwelt- und Klimazerstörungen andernorts mitverantworten, weil wir auf die Billigimporte nicht verzichten wollen.

    Oder können.

    Die Panik in den Köpfen

    Das Problem ist ja die Systematik dahinter und die Unfähigkeit unserer gewählten Politiker, dieser Mitweltzerstörung (wie es Scheub und Küttner nennen) Regularien und echte Herkunftsnachweise entgegenzusetzen. Das Problem ist aber auch die Panik in unseren Köpfen. Denn die auf Ellenbogen und Konkurrenz getrimmte Wirtschaft, die wir jetzt haben, in der jeder mit aller Macht versucht, irgendwo mitzuhalten in dem Rattenrennen zu den besten Jobs und den besseren Einkommen, hat auch die Grundlage unseres Glücks zerstört.

    Scheub und Küttner setzen nicht irgendwo in der schönen Theorie an, sondern haben sich auch mit den Grundlagen beschäftigt. Und die Glücksforschung weltweit hat längst handfeste Ergebnisse erbracht. Wir wissen tatsächlich, was uns glücklich macht – und warum. Das hat mit unserer Prägung als kleine und größere Menschengemeinschaft zu tun, mit Liebe, Vertrauen und Sicherheit, die alle um so größer sind, je stabiler unser soziales Umfeld ist und je mehr Kontrolle wir über alle Dinge haben, die wir zum Leben benötigen.

    Nichts ist so einsam und von Ängsten gebeutelt wie der moderne, erfolgsbesessene Wettbewerbsmensch, der Selbstoptimierer und Likes-Sammler, der im Job effizient sein will und von der Angst gepeitscht ist, im Statuswettbewerb mit Gleichgesinnten zurückzubleiben.

    Und es überrascht nicht, dass solche hochmotivierten „Leistungsträger“, wie sie die Partei der Gnadenlosigkeit gern nennt, ihre Denkweisen in alle gesellschaftlichen Bereiche hineingetragen hat. Wer darin aufgewachsen ist, der merkt es gar nicht mehr, wie dysfunktional das alles geworden ist. Wer älter ist und auch die Zeit vor der neoliberalen Wende kannte, der weiß es. Denn wir haben mittlerweile 35 Jahre des herrschenden neoliberalen Denkens hinter uns, in dem kein Lebensbereich verschont wurde.

    Es wurde auf Teufel komm raus reformiert, optimiert, kostenreduziert, verschlankt, outgesourct, privatisiert … mit verheerenden Folgen. Die Scheub und Küttner sehr detailliert aufdröseln, Gebiet um Gebiet. Und überall ist dasselbe geschehen – wurden kleinteilige, regionale Versorgungsbereiche zerstört, Millionen Arbeitsplätze „wegrationalisiert“, entstanden riesige Monopole, die so groß sind, dass sie nicht nur als systemrelevant gelten (was sie in Wirklichkeit nicht sind), sondern mit ihrer finanziellen Macht Politik nicht nur beeinflussen, sondern auch erpressen.

    Sie leben von einer Faszination, die unser heutiges Denken durchdringt: der Faszination des Gigantischen, dem schieren Größenwahn. Wenn es um Flughäfen, unterirdische Bahnhöfe, Autobahnen, Tunnel oder Digitalisierung geht, fließen die Milliarden, wird Geld umverteilt, ohne mit der Wimper zu zucken. Egal, ob dabei wichtige Naturräume zerstört werden, Wasserquellen oder einmalige Landschaften. Die Kosten dieser so beiläufigen Zerstörung werden einfach ignoriert.

    „Durch jeden Dollar ökonomischen Wachstums entstehen demnach im Schnitt 41 Cent Schäden an Mensch und Natur. Das Wirtschaftswachstum besteht also fast zur Hälfte aus Schäden“, schreiben die beiden. Und sind sich sehr bewusst, dass auch unsere Demokratie massive Schäden davongetragen hat. Denn die Bürger merken es natürlich, wenn Geld immerfort umverteilt wird, die Superreichen immer mehr Macht und Einfluss gewinnen und gleichzeitig die elementarsten Dinge in unserer direkten Umgebung verloren gehen.

    Mitsamt den Einflussmöglichkeiten auf die Politik. Denn die verschwinden – nicht nur in ostdeutschen Provinzen –, wenn Gemeinden zu immer größeren Gemeindeverbänden zusammengerührt werden, Verwaltungen nur noch mit langen Anfahrtswegen erreichbar sind, Schulen, Arztpraxen und Krankenhäuser verschwinden (weil sie so „unrentabel“ sind). All das ist ja keine Einbildung, es ist real passiert. Und es passiert überall, wo die „Optimierer“ zugange sind und ihr technokratisches Denken auf Menschen anwenden.

    Denn das neoliberale Denken, das immerfort Kostenreduktion predigt, greift längst auch in die Verwaltungen der großen Städte ein. Wie sehr unser Gesundheits- und Pflegesystem schon durch die 1985 begonnene Taylorisierung zerfressen und demoliert wurde, wurde ja mit Corona für (fast) alle offensichtlich. Die Gesundheitskosten sind zwar all die Jahre immer weiter gestiegen – aber die Patienten haben sich in Werkstücke verwandelt, die nur noch eiligst durch das System gejagt werden, in dem Ärzt/-innen und Pfleger/-innen überlastet sind und immer schneller ausbrennen. Und das in einem der schönsten Berufe, die es gibt.

    Logisch, dass die beiden fordern, den Wahnsinn der Privatisierung zurückzudrehen. Die elementare Lebensfürsorge gehört in die regionale Selbstverwaltung – genauso wie Schulen, Kindergärten, Pflegeheime, Wasserversorgung und Nahrungsmittelproduktion sowieso.

    Denn hinter dem „Effizienz“-Denken und dem wilden Mantra des ewigen Wachstums steckt vor allem eine Entwicklung: die zu immer größeren Organisationen mit aufgeblähten Wasserköpfen und einer zunehmenden Unfähigkeit, die kleinteiligen Probleme der Menschen überhaupt noch wahrzunehmen. „Aber alle zentralisierten, autoritären und hierarchischen Organisationen sind von gestern und vorgestern“, schreiben sie. „Sie schädigen massiv Mensch und Natur. Sie behindern das kreative Denken ihres Personals. Sie verschleudern die von ihren Beschäftigten erarbeiteten Werte.“

    Das erinnert nicht ohne Grund an den Niedergang des Sozialismus: Genau so haben die Parteifunktionäre getickt – und am Ende eine marode Wirtschaft hinterlassen, mit demotivierten Erwerbstätigen, abgewürgter Kreativität und totgemachtem Wettbewerb.

    Und wenn wir ehrlich sind, ist es genau das, was wir heute auch wieder empfinden: Entscheidungen werden irgendwo weit weg in den Köpfen völlig weltfremder Hierarchien getroffen. Egal, ob es das Agieren anonymer Immobilienkonzerne ist, die mit ihrem Geld die Wohnungsmärkte zerstören und Wohnen unbezahlbar machen, ob es die Agrarkonzerne sind, die mit den Nahrungsmittelkonzernen gemeinsam den Markt für regionale Produzenten zerstört haben und uns mit industriellem und ungesundem Billigfrass zuschmeißen, oder eine EU-Förderpolitik, auf die die 510 Millionen EU-Bürger keinen Einfluss haben, die 100 Lobbyorganisationen der Großkonzerne aber schon.

    Und natürlich ist man hin- und hergerissen. Denn die Bilanz ist fatal, wenn man bei Scheib und Küttner lesen kann, wie die Macht der Aktionäre, die mit diesen riesigen Konzernen ihr Geld vermehren, in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr gewachsen ist und auch immer mehr das Denken der Politik beherrscht. Und gleichzeitig geht ja die Panik um, dass ein Ende dieser Wohlstandsraserei nur in einem totalen Wirtschaftscrash enden kann.

    Nur ja nicht dran rühren, ist die Devise.

    Nur ja nicht die völlig überflüssigen Flughäfen schließen. Nur ja nicht den Bau immer neuer Autobahnen beenden. Nur ja nicht das ach so scheue Kapital verprellen und ihm Grenzen setzen und es für seine Mitweltzerstörung zahlen lassen.

    Gäbe es da nicht schon längst Initiativen, Projekte und sogar politische Veränderungen, die zeigen, dass man den Irrsinn tatsächlich beenden kann. Im Kleinen, da, wo Menschen (noch) Einfluss haben auf ihre Welt.

    Wo sie ihre Städte nach menschlichem Maß verändern – Autostraßen kurzerhand in Radwege verwandeln (wie in Paris und Kopenhagen), ihre eigene Energieversorgung aufbauen und sich von den Kohlekonzernen verabschieden (wie Leipzig 2022), landwirtschaftliche Genossenschaften gründen, um sich wieder selbst zu versorgen (wie in Taucha), ihre Wasserwerke zurückkaufen, weil der Konzern, der sie gekauft hatte, nur an seinen Gewinn gedacht hat (wie in Berlin), oder auch Bürgerräte mit per Los ausgewählten Bürger/-innen schaffen, um der Blindheit der Parteipolitik ein Korrektiv entgegenzusetzen (wie in Medellin oder Irland).

    Und egal welches dieser Projekte man sich genauer anschaut, das Ergebnis ist jedes Mal dasselbe: Das Ganze funktioniert besser, macht die Menschen glücklicher, erhöht ihr Vertrauen und ist auch noch billiger. Was ja eigentlich nicht zu begreifen ist, wenn man die Lehrbuchsätze der heute dominierenden Ökonomen immer hört, die felsenfest davon überzeugt sind, dass private Konzerne nicht nur alles besser können, sondern auch billiger.

    Gigantismus und falsche Entscheidungen

    Durch 35 Jahre Erfahrung schlicht nicht belehrbar, denn die Zahlen (man nehme nur das deutsche Gesundheitssystem) besagen eindeutig: Es ist immer teurer geworden und gleichzeitig haben sich die Leistungen für die Patienten massiv verschlechtert. Die Menschlichkeit, die pflegerische Zuwendung wurden regelrecht herausgequetscht aus dem System, während die großen Konzerne mit ihren Privatkliniken die Gewinne abschöpfen.

    Es ist überall dasselbe. So wurde der Nahverkehr samt der Deutschen Bahn kaputtgespart, so wurde das Bildungssystem an seine Grenzen gefuhrwerkt, wurde die Landwirtschaft in eine gigantische Umweltzerstörungsmaschine verwandelt. Und Letzteres, obwohl eine kluge, ökologische Bewirtschaftung der Felder nicht nur die Artenvielfalt erhöht und deutlich höhere Erträge erbringt und sich auch Deutschland komplett aus eigener Landwirtschaft ernähren könnte – und zwar gesund. Wäre da nicht der irre Glaube, dass man Schweine in Massen züchten müsste und gigantische Agrarfabriken gigantische Monokulturen bewirtschaften müssten mit riesigen Düngermengen, die Bodenvielfalt und Gewässer zerstören.

    Der Gigantismus sitzt in den Köpfen der Lobbyisten und Manager. Die auch deshalb immer öfter zu falschen Entscheidungen (und auch Betrug) neigen, weil sie in ihrer Hierarchie einsam sind und die Verantwortung ganz und gar auf ihren Tisch gezogen haben. Was auf unteren Ebenen Opportunismus, Duckmäusertum und „innere Kündigung“ zur Folge hat. Denn der Mensch verkümmert in solchen Hierarchien. Deswegen sterben sie auch irgendwann zwangsläufig, wie Scheub und Küttner feststellen. Denn wenn sie so organisiert sind – mit zehntausenden Angestellten und einem vom Machbarkeitswahn beherrschten Chef an der Spitze – mehren sich die Fehler, wird fehlinvestiert (so wie bei Bayer, als man den Giftkonzern Monsanto kaufte), wird Kreativität und Verantwortung abgewürgt.

    Denn Menschen sind in der Regel gern verantwortlich für das, was sie tun – aber dann müssen sie auch entscheiden und gestalten können. Wo sie das nicht können, entstehen genau die diffusen Vorgänge, die wir in Deutschland erleben bei all den sinnlosen Großprojekten – es kommt zu gewaltigen Fehlkalkulationen, die Bauzeiten können sowieso nicht eingehalten werden, Umweltschutz kommt komplett unter die Räder. Und wenn nach Verantwortlichen für das Desaster gesucht wird, ist keiner da. Seltsam.

    Berge von Literatur haben Ute Scheub und Christian Küttner durchstudiert, um zu erfassen, ob all die Projekte, die es anders machen, tatsächlich funktionieren. Und tatsächlich ist die Botschaft dieses Buches: Ja. Überall dort, wo Menschen die Entscheidungen über all das, was in ihrem Leben wichtig ist, auch wieder zurückholen in ihren Nahbereich, da funktionieren die Dinge auf einmal wieder besser.

    Es verändert sich nicht nur das Klima, sondern auch das messbare Glücksempfinden. Genauso wie das Vertrauen in die Demokratie. Denn Menschen, die über ihr elementares Lebensumfeld mitentscheiden können, haben logischerweise weniger Angst, neigen auch weniger zu Verschwörungsmythen. Warum soll man Bill Gates verantwortlich machen, wenn man beim letzten Bürgerentscheid aus Faulheit nicht mitgemacht hat?

    Wir brauchen mehr Bürgerbeteiligung. Das ist eigentlich eine uralte Erkenntnis. Und wir brauchen eine völlig andere Geldpolitik, die das Geld wieder direkt dorthin bringt, wo es gebraucht wird. Subsidiarität nennt sich das. Ein Prinzip, das die EU eigentlich wie eine Fahne vor sich herträgt. Aber da in der EU-Kommission die Regierungen der Staaten das Sagen haben, ist vom Europa der Regionen nicht viel zu spüren – von einer echten Beteiligung der EU-Bürger an der EU-Politik ganz zu schweigen.

    Und innerhalb Deutschlands laufen die Geldströme sowieso durch die dubiosesten Schleifen, bis sie irgendwann mal als dünnes Rinnsal wieder dort ankommen, wo sich das Leben der Bundesbürger abspielt: in den Kommunen.

    „In Dänemark verfügen die Kommunen über 64 Prozent aller Staatsausgaben, in der Schweiz über 56 Prozent, in Schweden über 48 Prozent. In Deutschland sind es nur 16 Prozent.“ Um den ganzen Rest, mit dem dann Schulen, Kitas, Krankenhäuser, Straßen, Jugendklubs und Jugendhilfe finanziert werden, müssen die Kommunen erst mal betteln. Und wenn sie was bauen wollen, müssen sie erst einmal in Förderanträgen nachweisen, dass sie es auch können. Das Misstrauen der Bürokraten ist in Deutschland institutionalisiert.

    Und wie das mit gigantischen Hierarchien so ist: Da kommunizieren nur noch die einsamen Spitzen miteinander, unfähig zu Lösungen, weil aus ihrer Sicht immer nur große technokratische Lösungen möglich sein dürfen. Und nicht die folgerichtigen, die auf der Hand liegen: Die Verantwortung wieder zurückzugeben an die Menschen auf der lokalen Ebene, alle umweltschädlichen Subventionen zu streichen, auf Macht zu verzichten …

    Und das ist dann wohl das Problem. Denn entstanden sind diese ungefügen Hierarchien (zu denen auch alle heutigen Superstaaten gehören), weil ein paar machtbesessene Männer sie geformt haben. In diesen Hierarchien können sie ihre Machtgelüste ausleben, können ihre Gier befriedigen und ihrer Eitelkeit frönen.

    Realisierbare Visionen

    Aber schön detailliert erzählen Ute Scheub und Christian Küttner, dass das nicht zwangsläufig unsere Zukunft sein muss, dass sich Menschen in diesen Riesenprojekten auch nicht wohlfühlen (genauso wenig wie in gigantischen Wolkenkratzern oder anderen gigantischen Bauwerken, die den Menschen immer nur eins fühlen lassen – wie klein und machtlos er ist).

    Menschen machen immer dann mit, wenn sie merken, dass etwas sie selbst betrifft, ihr direktes Lebensumfeld besser macht und ihnen vor allem Vertrauen und Akzeptanz gewährt. Da merken die Leute oben in den Hierarchien schon lange nicht mehr, wie sehr ihre Organisation als fremd, kalt und unbarmherzig empfunden wird. Manchmal auch als finstere Macht, von der nicht mehr klar ist, wer den Apparat eigentlich steuert, da sich alle Menschen in diesem Apparat in Roboter und Rädchen verwandelt haben. Und sich auch so fühlen in diesen entmenschlichten Bullshit-Jobs.

    Das Buch ist eine sehr kompakte Bilanz all dessen, was heute schon möglich ist, ohne dass wir dabei irgendeine Lebensqualität einbüßen. Im Gegenteil: Es gibt viel mehr davon, weil Menschen auch wieder solidarisch sein dürfen und in Pflege-Berufen nicht behandelt werden wie Sklaven. Was es weniger geben wird, das sind all die kaum benutzten Wegwerfartikel, die heute den Hauptteil unseres Konsums ausmachen, die gesundheitsschädlichen Packungen im Supermarkt, die fossilen Spritfresser, die falschen und mitweltzerstörenden Statussymbole.

    Es kann leiser werden in unserer Welt, dafür grüner und lebendiger. Und wir dürfen wieder offene Augen haben für den Reichtum der Natur, von der wir ein Teil sind. Auch das hat uns ja Corona gezeigt. Wo wir Lebensräume vernichten und Artenschranken niederreißen, werden wir zum Opfer der Bakterien und Viren, die sonst in ihrem alten Biotop geblieben wären.

    Wir brauchen keine neuen Visionen, denn fast alles, was wir für eine andere Art Wirtschaften brauchen, ist längst da und in vielen Kleinprojekten erprobt. Und nicht einmal vor dem Wehe-Geschrei derer, die auf ihre falschen Gewohnheiten verzichten müssen, müssen wir uns fürchten. „Die Menschen lieben Verbote“, sagt der Philosoph Richard David Precht. Besonders hinterher, wenn sie merken, was sie durch das schreckliche Verbot an Lebensqualität dazugewonnen haben.

    Jetzt geht es eigentlich nur noch darum, von den realisierbaren Visionen immer wieder zu erzählen, zu zeigen, dass es geht, damit die Bilder der Panik und der Katastrophe aus den Köpfen der Menschen verdrängt werden. Denn Panik macht hilflos. Sie spornt nicht dazu an, etwas Neues einfach mal auszuprobieren. Erst im Kleinen und dann im etwas Größeren.

    Bis immer mehr Menschen mitmachen. Je mehr, umso besser. Und all die großen Hierarchien, die nicht in der Lage sind, ihren Kurs zu ändern, müssen verschwinden. Sie hindern uns an unserer Zukunft. Oder wie es Ute Scheub und Christian Küttner so launig auf den Punkt bringen: „Wir alle sind aufgerufen, liebevolle Sterbebegleitung für das alte System zu leisten.“

    Jetzt. Packen wir es an.

    Ute Scheub; Christian Küttner Abschied vom Größenwahn, Oekom Verlag, München 2020, 22 Euro.

    Die Befreiung der Natur: Warum Immanuel Kant auch bei seinem Freiheitsbegriff in einer Denkfalle gelandet ist

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