Ein „schmales Debattenbuch“ sollte es werden, was sich der Bonifatius Verlag von Ernst Ulrich von Weizsäcker wünschte, bis 2018 Co-Präsident des Club of Rome, Naturwissenschaftler und Pionier dessen, was man sich kaum noch traut als „nachhaltiges Wirtschaften“ zu bezeichnen, weil Umweltsünder und klimazerstörende Konzerne sich mittlerweile das Label auch noch auf die dreckigsten Geschäftspraktiken pappen. Und dabei tickt die Uhr. Unbarmherzig.

Geschrieben hat er zu dem Thema schon richtig dicke Bücher. Er hat an etlichen Berichten des Club of Rome mitgewirkt, die seit 50 Jahren immer genauer beschreiben, in welches Bündel von Krisen wir hineinrasen, bloß weil wir eine falsche Wirtschaftsdenkweise scheinbar unfähig sind aufzugeben. Es ist ja sogar das Gegenteil passiert. Die Warnungen des Club of Rome aus seinem ersten Bericht von 1972 „Grenzen des Wachstums“ wurden sämtlich in den Wind geschlagen.

Die großen, weltzerstörenden Konzerne haben nicht nur hunderte Studien gefälscht und riesige Think Tanks finanziert, die die Welt mit falschen Daten fütterten und die Fakten aus den immer genaueren Hochrechnungen des Club of Rome mit Fakenews konterkarierten, die den Konsumenten weltweit einredeten, die Szenarien seien allesamt falsch, es gäbe weder die vorhergesagte Klimaerwärmung noch die absehbare Erschöpfung wertvoller Ressourcen.

Die entsprechenden Grafiken sind im Buch allesamt schön farbig abgedruckt. Selbst wenn so manche Ressource vielleicht ein bisschen länger reicht als noch 1972 mit ersten, aus heutiger Sicht sehr rudimentären Computerprogrammen errechnet worden war.

Die Radikalisierung der Ökonomie: der Neoliberalismus

Aber das wilde Diskutieren über das „ob oder ob nicht“ hat auch den handelnden Politikern den Blick darauf verstellt, wie unter ihren Augen die Zeit zerrann, in der sie das Ruder hätten herumreißen können.

Es kam ja bekanntlich sogar zu einem regelrechten Rückfall, als die maßgeblichen großen Konzerne ihre politische Macht ab Ende der 1970er Jahre dazu nutzten, um in den westlichen Demokratien Regierungen ans Ruder zu bringen, die den viel zitierten „Markt“ entfesselten und die jeglicher Kontrolle entzogene Globalisierung erst so richtig in Gang brachten.

Statt die Zerstörung der Erde und der Grundlagen unseres Lebens zu beenden, ist das Gegenteil passiert. Und von Weizsäcker jedenfalls lässt sich von naiven Politikneulingen nicht mehr erklären, das hätte doch gar nichts mit dem Neoliberalismus zu tun, es gäbe auch gar keinen Neoliberalismus.

Aber es gibt ihn eben doch. Er ist genau die Ideologie, die marktradikales Denken erst zu Politik gemacht hat und ein sowieso schon hochbeschleunigtes System regelrecht entfesselt hat. Eine Denkweise, die hinter Floskeln wie dem „schlanken Staat“ immer ihre Verachtung für den Staat als Regulator und Schaffer von sozialem Ausgleich versteckt hat.

Dieses Denken steckt auch hinter dem Wachstumszwang, aus dem unsere Gesellschaft scheinbar nicht herauskommt: Immer mehr muss in immer kürzerer Zeit konsumiert und produziert werden, um das heilige Wachstum zu erzeugen, ohne das die meisten Wirtschaftslehrstühle sich eine funktionierende Wirtschaft gar nicht mehr denken können.

Der Wachstumswahn frisst unsere Lebensgrundlagen

Aber es ist genau dieses Wachstumsdenken, das die wertvollen Ressourcen unserer Erde in immer schnellerem Tempo verschlingt. Aus einer leeren Erde, wie von Weizsäcker sie nennt, wie wir sie bis 1950 noch hatten und in der tatsächlich ohne viel Rücksicht auf die Ressourcen gewirtschaftet werden konnte, ist mittlerweile eine „volle“ Erde geworden.

Die Menschheit hat sich vervierfacht und sämtliche Ressourcenverbräuche sind drastisch in die Höhe geschnellt. Die entsprechenden Grafiken, die diesen rasanten Anstieg seit 1950 zeigen, sind ebenso im Buch abgebildet wie die Folgen für die Erdatmosphäre und die massiv zunehmenden Artenverluste.

Und mittlerweile geht es nicht mehr um einzelne Ressourcen, die gefährdet sind. Mittlerweile geht es um unser Überleben als Menschheit. Denn mit dem Verlust fruchtbarer Böden, lebendiger Meere, artenreicher Wälder und inzwischen auch der wertvollen Bodenfauna gehen gerade unsere Lebensgrundlagen verloren. Grundlagen, die die Natur vor über einer halben Milliarde Jahre geschaffen hat.

Von Weizsäcker geht an einer Stelle auf die Rolle der Pilzgeflechte ein, ohne die es niemals einen Landgang von Pflanzen und Tieren gegeben hätte. Aber diese Pilze in den oberen Bodenschichten sind bis heute Grundlagen allen Lebens an Land. Wenn sie – durch rücksichtslose Düngung, Pestizideinsatz, Verwüstung oder Versiegelung – verloren gehen, verschwinden auch die Grundlagen für alles Leben auf den betroffenen Ländereien.

Knapp und bildhaft schafft es von Weizsäcker, auf 160 Seiten die komplex ineinander verschachtelten Probleme jenes Zeitalters zu schildern, das Geologen inzwischen schon mal als Anthropozän bezeichnen, weil menschliche Aktivitäten die Erdoberfläche so verändern, wie das zuvor in Jahrmillionen immer nur geologische Prozesse geschafft haben.

Klimakrise ist auch soziale Krise

Aber das Problem ist viel größer: Wir zerstören auch Strukturen, die wir nicht wieder reparieren können. Und wir haben kaum noch Zeit, das Ruder herumzureißen – nicht nur beim Klimaschutz, dem von Weizsäcker genauso ein ganzes Kapitel widmet wie der Wirtschaft ab 1945, die in den 1980er Jahren nicht nur im Neoliberalismus radikalisiert wurde, sondern auch die wichtigen Lehren des sozialen Ausgleichs über Bord warf bzw. regelrecht als „Umverteilung“ stigmatisierte.

Obwohl selbst den schwerfälligsten Ökonomen klar sein dürfte, dass die Klima- und Ressourcenkrisen zuallererst zu den ökonomisch Schwächsten durchschlägt und die sozialen Konflikte nicht nur in der Welt zuspitzt, sondern auch in den westlichen Demokratien, wo mittlerweile Populisten diesen Unmut für sich nutzen.

Denn vom entfesselten Neoliberalismus profitiert nur eine winzige Schicht von Reichen und Superreichen. Die Mehrheit auch der Europäer kommt sofort in existenzielle Nöte, wenn Energie- und Nahrungsmittelpreise explodieren, weil die Lieferketten anfangen zu stottern und Rohstoffe immer knapper werden.

Und genau das erleben wir ja gerade. Und von Weizsäcker hat wohl recht, wenn er schreibt, dass die meisten der heute 100 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, gar nicht wissen, dass sie schon Klimaflüchtlinge sind.

Denn die Klimafolgen mit abgefackelten Wäldern, okkupierten Weidegründen, ausbleibenden Regenfällen und zunehmender Desertifikation kommen bei den Betroffenen als Verlust ihrer Lebensgrundlagen an. Und diese Not entlädt sich in gewalttätigen Konflikten. Auch der Syrienkrieg hat so begonnen.

Erpressbare Politik

Wobei das Problem ist, dass alle diese zunehmenden Konflikte globale Konflikte sind und es die riesigen Konzerne, die von der Globalisierung profitieren, ab den 1980er Jahren geschafft haben, selbst die Regierungen der großen Nationalstaaten regelrecht macht- und zahnlos zu machen. Diese Konzerne sind so mächtig, dass mittlerweile jedes einzelne Land auf Erden von ihnen erpresst werden kann.

Zuletzt erlebt in der großen Finanzkrise 2008/2009, in der die Regierungen nicht einmal mehr riskieren wollten, dass die strauchelnden Riesenbanken in Konkurs gingen. Erst retteten sie diese „systemrelevanten“ Banken mit Milliarden an Hilfspaketen.

Dann mussten sie auch noch die Staaten retten, die sich in diesen Rettungsaktionen heillos überschuldet haben. Die EZB „druckt“ seitdem in einem unerhörten Tempo immer neues Geld, indem sie faule Anleihen aufkauft, damit das System nicht kollabiert.

So weit schweift von Weizsäcker natürlich nicht aus. Er war schon immer Optimist und lässt sich auch im hohen Alter nicht entmutigen und sucht und findet auch die hoffnungsvollen Veränderungen, die ahnen lassen, dass sich zumindest einige Länder schon auf den Weg gemacht haben, ihre Wirtschaft umzubauen und klimafreundlich zu machen.

Das hat auch mit Wissen zu tun, das nicht mehr von wilden Konzernkampagnen ins Nirwana verschoben werden kann, Wissen, das langsam auch zu einer „neuen Aufklärung“ wird. Die er bewusst so nennt, weil ein Teil des katastrophalen Denkens, das uns heute das Wasser abgräbt, aus einem Teil der europäischen Aufklärung kommt.

Denn während sich etliche Denker damals Gedanken über Demokratie, Freiheit und die Benutzung des eigenen Verstandes zum Denken Gedanken machten, entwickelten andere leider auch die Denkweisen, die dann zur hemmungslosen Entfaltung von Markt, Ressourcenverbrauch und Weltübernutzung beitrugen.

Gedankengebäude, die sich bei genauerer Betrachtung als eng und ignorant erweisen, weil sie allein einen anonymen Markt zum Träger des Heils erklären und sich nicht die Bohne über die Grundlagen unseres Lebens auf Erden Gedanken machen.

Weltzerstörung muss eingepreist werden

Wenn aber Natur, Artenreichtum, gesunde Böden, sauberes Trinkwasser saubere Luft und aushaltbares Klima in den Rechnungen der rücksichtslos wirtschaftenden Konzerne nicht auftauchen, gehen sie damit eben auch um, als wäre das alles leicht zu ersetzen.

Was es aber nicht ist. Wir sind genau an dem Punkt, an dem wir sehr schnell lernen müssen, natur- und erdverbunden zu wirtschaften und zu leben. Und damit ein völlig anderes Bild von Wohlstand zu entwickeln, während wir ebenso schnell lernen müssen, sämtliche Umweltzerstörungen in alle Produkte einzupreisen, damit jeder beim Einkauf sehen kann, wie teuer uns die Zerstörung unseres einzigartigen Planeten kommt.

Und das könne auch nicht einfach nur nationale Politik bleiben, stellt von Weizsäcker fest. Das brauche auch eine völlig neue Außenpolitik, die gerade die Staaten des Nordens dazu bringt, sich tatsächlich mitverantwortlich zu fühlen für die Schäden, die das wilde Wirtschaften im Norden in den Ländern des Südens jetzt schon angerichtet hat.

Das tut natürlich weh, denn dann müssen sich die ach so erfolgreichen Menschen im Norden im Spiegel anschauen und sich mit ihrem alten (und unaufgearbeiteten) Kolonialismus, falschem Rationalismus und wild gewordenem Materialismus beschäftigen.

Eine geplünderte Welt für die Kinder …

Was natürlich leichter fällt, wenn sie aufhören, egoistisch immer nur an sich selbst und ihre Bequemlichkeit zu denken. Sondern auch daran, was für einen geplünderten Planeten sie eigentlich den Kindern und Enkeln hinterlassen. Ein Punkt, der von Weizsäcker Mut macht, denn das scheint seit 2018 ja zunehmend zu passieren, seit ein schwedisches Mädchen seinen Schulstreik fürs Klima begann.

Wer immer sich neu in diese neue Aufklärung hineinfindet, wird in diesem „schmalen Debattenbuch“ alles Wichtige auf den Punkt gebracht finden. Die Zeiten, da einige wenige engagierte Wissenschaftler wussten, was da auf uns zukommt, sind vorbei.

Die Verdummungsmaschinerie des Neoliberalismus funktioniert nicht mehr so perfekt wie noch vor wenigen Jahren, auch wenn sie uns die wertvollsten 40 Jahre gekostet hat, unser Wirtschaften tatsächlich zu ändern und die Rendite aus dem Ende des Kalten Krieges tatsächlich in eine Stabilisierung des Friedens in der Welt zu investieren.

So gesehen ist auch Putin mit seinem fossilen Exportland ein Gewinner des Neoliberalismus – und ein Dinosaurier des Denkens sowieso.

Und auch wenn von Weizsäcker die Not des Handelns sehr auf der internationalen Ebene sieht, lädt er alle Leser/-innen ein, „sich für eine Politik und für eigene Handlungen zu engagieren, die dem Planeten Erde, seinem Klima und seiner biologischen Vielfalt guttun.“

Denn eigentlich wissen wir, wie es geht. Aber wir sehen eben auch, wie die alten Fossile um ihre Marktmacht und ihren politischen Einfluss kämpfen. Einfach wird das nicht. Aber zumindest sind alle, die wirklich die Zukunft unserer Kinder retten wollen, nicht mehr so allein.

Ernst Ulrich von Weizsäcker So reicht das nicht! Bonifatius Verlag, Paderborn 2022, 20 Euro.

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