Der Systemwechsel: Albert T. Liebergs Skizze einer Welt, in der sich die Menschen wieder um die Zukunft des Planeten kümmern

Für alle LeserAm Montag, 18. Mai, freute man sich beim Büchner Verlag in Marburg ganz mächtig gewaltig. Da trudelte per E-Mail die Nachricht herein, dass der Verlag in diesem Jahr zu den Gewinnern des Deutschen Verlagspreises gehört. Auch sechs sächsische Verlage wurden gewürdigt. Der Büchner Verlag hat sich zu einem Verlag gemausert, der Bücher zu den wirklich drängenden Fragen unserer Zeit veröffentlicht. Eins haben wir uns extra noch zukommen lassen. Es erschien schon 2018, beschäftigt sich aber auch mit der Frage, die jetzt viele beschäftigt: Was wird nach Corona aus der Welt?
Anzeige

Eine Frage, mit der sich mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern beschäftigen, die allesamt schon vor Beginn der Coronakrise geschrieben und lektoriert wurden. Denn das Virus und seine rasante Ausbreitung rund um den Erdball erzählen ja nicht nur die Geschichte einer längst erwarteten Pandemie (oder eben die einer typischen Pandemie in Zeiten einer globalisierten Welt), sondern auch die Geschichte technologischer Blindheit, fehlender Sicherungen und wilder Wirtschaftsgläubigkeit, die den Menschen Wohlstand und ewiges Wachstum versprechen – ein völlig unhaltbares Versprechen auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen.

Jahrzehntelang wurde auch den Deutschen eingeredet, dass Globalisierung der alternativlose Weg zum Glück sei, dass ein Land vom Export lebe und die gewaltigen Exportüberschüsse Deutschlands geradezu ein Segen seien.

Ein Märchen, das Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), am Mittwoch, 20. Mai, auch noch im „Spiegel“ sang, der den vom Freihandel geradezu berauschten Volkswirtschaftler um eine Einschätzung der Tatsache gebeten hatte, warum das Vertrauen der Deutschen in die Globalisierung so in den Keller gerauscht ist. Und das nicht erst seit Corona. Die Zustimmung zur entfesselten Globalisierung ist schon vor der Corona-Pandemie immer weiter in den Keller gewandert.

„Der Anteil der Globalisierungsbefürworter schrumpft nicht erst seit den Ausbrüchen des Coronavirus. Er geht bereits seit Längerem sukzessive zurück, von Monat zu Monat betrachtet kaum merklich, langfristig aber deutlich erkennbar“, schreibt der „Spiegel“ und lässt den Freihandelsbefürworter mit seiner seltsamen Haltung zur TTIP-„Hysterie“ weiter für entfesselten Freihandel plädieren.

Ohne zu fragen, warum die Zustimmung der Deutschen zur Globalisierung seit 2018 wegschmilzt wie Schnee an der Sonne. Was aus der schmalen Perspektive des österreichischen Volkswirts natürlich nicht zu begreifen ist, denn alle negativen Folgen der Globalisierung blenden die üblichen Wirtschaftsmodelle, für die auch Felbermayr steht, aus. Die Klimafolgen, die seitdem von Fridays for Future massiv in die öffentliche Diskussion gebracht wurden, genauso wie die Plastik-Vermüllung der Meere, das Artensterben weltweit, die zunehmenden Kriege um Ressourcen, die zunehmenden Fluchtbewegungen aus Regionen mit Kriegen und Versorgungskrisen …

Man kann ja gar nicht mehr aufhören, alle Kollateralschäden dessen aufzuzählen, was so landläufig als Globalisierung bezeichnet wird. Und die Deutschen haben sehr wohl gemerkt, dass zwar ihr Wohlstand zu einem großen Teil auf diesen Ungleichgewichten beruht, dass es aber mittlerweile auch ihnen an den Kragen geht.

Die global ausgelösten Krisen lassen sich nicht mehr ignorieren. Und das, was Felbermayr verächtlich „Protektionismus“ nennt, ist eine fast zu erwartende Schutzreaktion. Wahrscheinlich sogar eine, um die die Welt gar nicht mehr umhinkommt, wenn sie die schlimmsten Folgen der heutigen multiplen Krisen überhaupt in den Griff bekommen will.

Wie könnte eine andere Welt aussehen?

Albert T. Lieberg in seinem 2018 im Büchner Verlag veröffentlichten Buch „Der Systemwechsel“ argumentiert etwas anders. Aber dazu kommen wir gleich.

Zuerst die Freude aus Marburg ungekürzt: „Die freudige Nachricht kam per E-Mail um 10:37 Uhr – begleitet von einem sehr netten Schreiben der Staatsministerin Prof. Monika Grütters: Der Marburger Büchner-Verlag zählt 2020 zu den Gewinnern des begehrten Deutschen Verlagspreises. Erstmalig im Jahr 2019 verliehen, gehört der Preis 2020 bereits zu den wichtigsten Einrichtungen der Verlagsbranche. Er ist in diesem Jahr dotiert mit jeweils 20.000 Euro und wird an bis zu 60 herausragende unabhängige Verlage verliehen. Gekürt wurden die Gewinner von einer Fachjury unter dem Vorsitz der Literaturkritikerin Insa Wilke. Ziel des Preises ist ,die Unterstützung der hervorragenden Arbeit unabhängiger Verlage in Deutschland‘.

Das gegenwärtige Team des Büchner-Verlags hatte das vormals nebenberuflich geführte Unternehmen zum Herbst 2017 von der Gründergeneration übernommen und den Verlag in einen professionell geführten Vollzeitbetrieb verwandelt – ein mutiger Relaunch, der den Büchners 2018 bereits den Hessischen Verlagspreis eingebracht hatte.

Das allererste Bejubeln des Preises im Team des Büchner-Verlags und im größeren Kreise der Mitglieder des genossenschaftlich geführten Unternehmens war vor allem ein digitaler Nachrichtensturm. Doch für den Fall der Fälle hat der Büchner-Verlag immer einen Sekt im Kühlschrank. Man weiß ja nie, was es demnächst zu feiern gibt: Das Gütesiegel des Deutschen Verlagspreises ist dem Team für heute jedenfalls der beste denkbare Anlass, eine Flasche zu köpfen! Die Freude ist riesig.“

***

Und nun zu Lieberg, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler von der Ausbildung her und über Jahrzehnte als Berater bei den Vereinten Nationen tätig, ein Mann, der den Globus tatsächlich kennt (als Regierungsberater hat er in über 50 Ländern gearbeitet) und damit auch die Folgen der „Globalisierung“ in den armen Ländern dieser Erde, die bis heute von den reichen im Norden ausgeplündert werden, deren Ressourcen ausgebeutet werden, deren Menschen für Billiglöhne arbeiten und wo die Menschen bis heute davon träumen, wenigstens die Grundausstattung eines armen Haushaltes im Norden zu haben, also so etwas wie ein halbwegs gesichertes und gesundes Leben.

Lieberg ändert einfach die Perspektive – raus aus der piefigen Selbstgerechtigkeit deutscher Wirtschafts„wissenschaftler“ und ihrer verlogenen Haltung zum Exportüberschuss hinein in eine planetare Sichtweise, die sichtbar macht, wie kaputt unser Planet mittlerweile ist und welche verheerenden Folgen die schiere Geld- und Marktmacht der großen Globalisierungsgewinner im Norden in den übrigen 180 Staaten dieser Welt hat.

Denn Lieberg hat nicht vergessen, wie Geld funktioniert, wenn alles „in Wert gesetzt“ wird und alles für Geld gekauft werden kann. Dann entscheidet nämlich das Geld darüber, ob ein Mensch hungert oder in Saus und Braus lebt, ein Dach über dem Kopf hat oder drei Luxusvillen, barfuß läuft oder einen Privatflieger hat usw. Geld bestimmt über Prestige, sozialen Rang und Macht. Und schon den Kindern in der Schule wird das eingebläut, wird ihnen klargemacht, dass nur die Besten am Ende Geld haben werden, Wohlstand und soziale Anerkennung.

Und die vielen anderen?

Ein Geldsystem produziert fortwährend Sieger und Verlierer. Die Verlierer wissen das. Sie sehen nämlich jeden Tag, wie all ihre Schufterei und Mühe gar nichts nützt und sie trotzdem nur mit Brosamen abgespeist werden, während sich die Sieger in diesem wilden Rennen die Taschen füllen, Bonifikationen und Zuschläge bekommen und einen Lebensstil vorführen, der für die Erde eine Katastrophe ist.

Es ist eine Gesellschaft voller Neid, Gier und Rücksichtslosigkeit. Und dass das Vertrauen sinkt, hat auch damit zu tun, dass die Gruppe derer, die sich die Sahne abschöpfen und auch vor kriminellen Steuertricks nicht zurückschrecken, immer kleiner wird. Was meist unter der Schlagzeile vom „verschwindenden Mittelstand“ beschrieben wird.

Selbst in den noch prosperierenden Gesellschaften des Nordens ist die Angst eingezogen bis tief hinein in diesen Mittelstand. Auf diese Menschen wirken die arroganten Kommentare der „Wirtschaftsweisen“ nur noch wie Hohn. Denn sie erleben es Jahr für Jahr, dass alle Heilsversprechen der Globalisierung an ihnen vorbeigehen. Und es ging nicht wirklich um „Protektionismus“, als Donald Trump in den USA die Wahl gewann oder die Brexiteers in England so einen Erfolg hatten.

Beide Male wurden dabei vor allem Wählergruppen gewonnen, die seit Jahren erleben, wie ihre komplette einst blühende (Industrie-)Region verarmte. Die Unternehmen, die hier einst Arbeit gaben, sind nach Asien abgewandert, wo sie mit Dumpinglöhnen und niedrigeren Umweltstandards produzieren und dabei Gewinne einfahren, die den arbeitslos Gewordenen im Herkunftsland nicht mehr zugute kommen, weil die Gewinne systematisch privatisiert werden, einer immer kleineren superreichen Elite zugute kommen, die Verluste aber, wenn es schiefgeht, den Staatshaushalten (und damit den Steuerzahlern) aufgehalst werden.

Lieberg nennt auch die fatale Wirkung der Finanzkrise von 2008/2009, in der genau das vor aller Augen praktiziert wurde. Was auch den Eindruck bestärkte, dass Regierungen erpressbar sind, auch und gerade die im Norden. Denn wenn Geld immerfort zu einer kleinen immer reicheren Elite fließt, dann wird Geld zur Macht. Dann kann man damit nicht nur wertvolles Land aufkaufen, sämtliche Güter des Gemeinbedarfs (Trinkwasser, Stadtwerke, Krankenhäuser), sondern auch Parteien, Politiker, Minister. Nicht zu vergessen: Medien und die öffentliche Meinung.

Wie kann man das Geldsystem abschaffen?

Deswegen haben die meisten Menschen zu Recht das Gefühl, dass eine kleine, unersättliche Elite alles an sich rafft und dabei rücksichtslos alles plündert, was es zu plündern gibt: „Unser heutiges Sozial- und Wirtschaftssystem und dessen Werteordnung sind hauptverantwortlich für globale soziale und ökonomische Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung, die latente Massendepression einer immer weiter verdummenden materialistischen Konsumgesellschaft, das Entstehen von anachronistischen Nationalismen und Radikalismen und deren Folgen wie u. a. gewaltsame militärische Konflikte und Terrorismus“, schreibt Lieberg.

Und unser Bildungssystem ist so angelegt, dass die Kinder früh schon trainiert werden, genauso rücksichtslos „nach oben“ zu wollen. Was auf der Strecke bleibt, ist das Wirken für das Gemeinwohl, die Herstellung eines weltverträglichen, aber allen Menschen auf der Welt zugänglichen Mindestwohlstands. Im Gegenteil: Die eh schon Angemeierten müssen sich auch noch Beleidigungen wie „Sozialschmarotzer“ gefallen lassen, die eigentlich deutlich machen, wie blind die so agierende Politik längst ist. Und wie sehr der vermeintliche Wohlstand einer schmelzenden Minderheit auf der Ausbeutung von Millionen basiert.

Lieberg schreibt auch einen Satz, den Leute wie Felbermayr nie sagen würden, weil sie es sich mit ihren Brötchengebern nicht verscherzen wollen: „Im materialistischen Kapitalismus ist individuelle Kapitalakkumulation oft gleichbedeutend mit Machtanhäufung. Beide ermöglichen einen politischen Einfluss und sind im heutigen Sozialgefüge Voraussetzung für die direkte Beeinflussung bis hin zur Manipulation großer Gesellschaftssegmente, insbesondere in wirtschaftlicher, aber auch in gesellschaftsideologischer Hinsicht. Sie beeinflussen Wertedefinitionen, Konsum- und soziales Verhalten gleichermaßen.“

Die „Spiegel“-Umfrage zur Globalisierung zeigt: Diese Beeinflussung bröckelt. Die Leute lassen sich nicht mehr jede Lüge auftischen. In mehreren sehr einfachen, klaren Listen hat Lieberg aufgeschrieben, was sich Menschen eigentlich wünschen – weltweit gleichermaßen. Es sind ganz einfache Dinge wie eine sichere Wohnung, eine gute Versorgung mit Nahrung und Trinkwasser, eine gute Bildung, ein funktionierendes Gesundheitssystem, Unterstützung im Fall der Arbeitslosigkeit, Arbeitsplätze ohne Gesundheitsgefährdung usw.

Ganz simple Dinge, die aber vielen Menschen nicht zur Verfügung stehen, oft auch geradezu unbezahlbar sind, weil sich die mit riesigen Geldreserven ausgestatteten Konzerne auch noch Land, Wälder, Trinkwasser und Bauland unter die Nägel reißen, sodass die Dinge des simpelsten Bedarfs unerschwinglich werden.

Und das können sie tun, weil nichts so sehr als Fetisch gilt wie Geldbesitz und Besitz überhaupt. Besitz ist die heilige Kuh unserer Zeit. Wer nichts besitzt, wird zum Asozialen gemacht, an den Rand gedrängt, wird gepfändet und ausgebeutet.

Und machtlos ist er obendrein.

Plädiert Lieberg nun für eine Revolution?

Nicht wirklich.

Eher entwirft er die Parameter für eine weltweite (planetare) Gesellschaft, wie sie sein müsste, damit die Menschheit überlebt und nicht in den nächsten ein, zwei Generationen ihren Untergang herbeiwirtschaftet. Denn alle die Zerstörungen an unseren Lebensgrundlagen resultieren aus derselben Gier, derselben Unersättlichkeit und Unfähigkeit, über das eigene Ego hinauszudenken. Das, was sozusagen die Verdummung der Superreichen in Ergänzung der gezielten Verdummung der Konsumenten ist.

Denn es ist ihnen antrainiert: rücksichtslos um ihren Vorteil zu kämpfen, immer mehr Gewinn herauszuholen aus jedem Geschäft. Denn all das, was wir bewahren müssen, wenn wir überleben wollen, kommt in den Rechnungen der neoliberalen Ökonomen nicht vor – nicht die Natur, nicht die wertvollen Böden, nicht das Trinkwasser, nicht einmal die Allmenden (die man plündert, wo man kann) oder die wichtigen Staaten, die die Sicherheits- und Sozialsysteme aufrechterhalten.

Aber wo ist die Kraft, die das alles ändern kann?

Dabei ist von allem genug da. Es müsste nur gerecht verteilt werden. Ob es zu einer so rasanten Veränderung hin zu einer planetaren Weltgemeinschaft (samt Volkskongress) kommt, wie Lieberg es als Vorschlag skizziert, bezweifle ich. Obwohl natürlich nicht absehbar ist, was wirklich passiert, wenn die ganzen Katastrophen tatsächlich nicht nur die Globalisierung, sondern auch reihenweise die bislang prosperierenden Staaten kippen lassen. Selbst die Corona-Pandemie stürzt ja große Nationen wie die USA in eine Krise, wie sie seit 1929 nicht erlebt wurde.

Dass überall in der Welt Populisten und Nationalisten politische Erfolge feiern, hat ja direkt mit dem Gefühl der Menschen weltweit zu tun, dass die Welt aus den Fugen ist, die Prozesse entgleiten, die soziale Sicherung verloren geht und das eigene Leben nicht mehr beherrschbar ist. Alles direkte Folgen eines entfesselten Kapitalismus, dem die Zukunft der Menschheit völlig egal ist. Dem es nur um die Renditen, Zinsen und Zinseszinsen geht, also die Aneignung eines gesellschaftlichen Reichtums, ohne dafür einen Finger krümmen zu müssen.

Aber Lieberg merkt am Ende seines Buches, das eine mögliche andere Weltgemeinschaft skizziert, auch an: „Doch es fehlt eine solche fassbare Instanz als Orientierung, als Ansprechpartner, es fehlt eine entsprechende Struktur.“ Es fehlt also schlicht der Akteur, der alle die von ihm skizzierten Prozesse in Gang setzen könnte.

Die UNO ist es nicht, denn selbst in diesem Gremium der Weltgemeinschaft dominieren (und blockieren sich) die nationalistischen Egoismen. Ein Land, das zum Vorreiter wird, gibt es auch noch nicht, von einer Partei ganz zu schweigen. Eher sind es bürgerschaftliche Bewegungen wie Attac, die das planetare Denken vorantreiben (und denen nationale Minister die Gemeinnützigkeit entziehen lassen). Es muss also von unten kommen, aus der Bevölkerung selbst: „Dabei ist es wichtig, mittelfristig die gegenwärtige Zersplitterung und das Einzelkämpfertum wertvoller Initiativen und Akteure abzubauen.“

Auch wenn Lieberg das „wir“ vermeidet, wird deutlich, dass er eigentlich auch nicht weiß, wer das machen sollte. Auch wenn einige seiner etwas konkreteren Vorschläge durchaus ahnen lassen, dass es wichtige Ideen zumindest in die Diskussion geschafft haben. Dazu gehört das lebenssichernde Grundeineinkommen für alle genauso wie die (Re-)Regionalisierung der Wirtschaft. Denn das war ja auch vor Corona schon klar, dass all die globalen Vernetzungen in Wirklichkeit hochgradig anfällig sind und die regionale Versorgung akut gefährden, wenn es mal zur Krise kommt.

Gleichzeitig sind ganze Staaten destabilisiert, weil sie keine eigene regionale Grundversorgung mehr haben (oft durch radikale Freihandelsverträge wie TTIP erst richtig zerstört). Wenn Menschen aber Angst haben müssen, dass sie sich im Notfall nicht einmal mehr regional versorgen können, greift eine existenzielle Angst um sich. Zu der dann noch die überall sichtbaren Umweltzerstörungen hinzukommen.

Liebergs Buch ist zumindest eine Skizze dessen, wie eine künftige Weltgemeinschaft aussehen könnte, wenn alle Völker begriffen haben, dass man diesen einzigartigen Planeten und unsere Lebensgrundlagen nur bewahren kann, wenn sich alle gleichermaßen um das Bewahren kümmern, lernen, solidarisch zu agieren, und all den Millionen, die heute im Wettbewerb der Rücksichtslosen auf der Strecke bleiben, die Chance zu geben, ihre Talente und ihre Kreativität zu entwickeln.

Denn der eigentliche Schatz ist die Kreativität der Menschen, die heute überall abgewürgt wird, denn den Zugang zu den gut bezahlten Ausbildungen und Jobs bekommt man auch im reichen Norden nur noch, wenn man ihn sich leisten kann. Deswegen werden die ein, zwei Generationen, die Lieberg für den Übergang ansetzt, auch nicht ausreichen.

Er schreibt ja selbst: „Es wird viele Jahre und Jahrzehnte der graduellen Veränderungen und des Übergangs benötigen: von der gesellschaftlichen Bewusstseinsschaffung hin zu neuen Paradigmen, welche aus heutiger Sicht noch als Tabus erscheinen, über viele gesellschaftspolitische Etappen auf nationaler und internationaler Ebene sowie mittelfristige und langfristige Reformprojekte weltweit.“

Das, was wir jetzt haben, ist nicht alternativlos. Mit so einem Wort werden Menschen verblödet. Menschen haben ihre Umwelt immer verändert. Und die „Macht des Geldes“ ist kein Naturgesetz, auch wenn es einige unserer Ökonomen und Politiker immer wieder dazu erklären. Genauso wenig wie Freihandel und Globalisierung die Erfolgsgeschichten sind, die deren Profiteure immer wieder behaupten. Seit 2018 ist – wie die „Spiegel“-Umfrage zeigt – das Bewusstsein der Deutschen dafür gewachsen, dass die Sache wohl doch etwas anders ist, als von unseren Ökonomieprofessoren immer behauptet. Dass am Ende eine Rechnung stehen wird, die niemand mehr bezahlen kann.

Wenn wir jetzt nicht umdenken und lernen, dass wir alle dieselbe Verantwortung tragen für den Planeten und für die Zukunft der Menschheit. Denn das ist unsere Zukunft. Kleiner ist die Aufgabe nicht.

Albert T. Lieberg Der Systemwechsel, Büchner Verlag, Marburg 2018, 17 Euro.

Anthropozän: Warum Wissenschaftler seit 20 Jahren über eine neue geologische Zeiteinheit diskutieren

Hinweis der Redaktion in eigener Sache

Natürlich werden auch die L-IZ.de und die LEIPZIGER ZEITUNG in den kommenden Tagen und Wochen von den anstehenden Entwicklungen nicht unberührt bleiben. Ausfälle wegen Erkrankungen, Werbekunden, die keine Anzeigen mehr schalten, allgemeine Unsicherheiten bis hin zu Steuerlasten bei zurückgehenden Einnahmen sind auch bei unseren Zeitungen L-IZ.de und LZ zu befürchten.

Doch Aufgeben oder Bangemachen gilt nicht ;-) Selbstverständlich werden wir weiter für Sie berichten. Und wir haben bereits vor Tagen unser gesamtes Archiv für alle Leser geöffnet – es gibt also derzeit auch für Nichtabonnenten unter anderem alle Artikel der LEIPZIGER ZEITUNG aus den letzten Jahren zusätzlich auf L-IZ.de ganz ohne Paywall zu entdecken.

Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere selbstverständlich weitergehende Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

Vielen Dank dafür.

KlimawandelRezensionenÖkonomieGlobalisierung
Print Friendly, PDF & Email
 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr


Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Lesung: Katja Oskamp „Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin“
Die Schriftstellerin Katja Oskamp hat die mittleren Jahre erreicht. Das Kind ist aus dem Haus, der Mann krank, die „Schreiberei“ mehr als fragwürdig. „Ich erzählte zuerst niemandem von meiner Umschulungsaktion. Als ich es dann doch tat und lachend mit dem Zertifikat wedelte, schlugen mir Ekel, Unverständnis und schwer zu ertragendes Mitleid entgegen. Von der Schriftstellerin zur Fußpflegerin – ein fulminanter Absturz.“
Petition für rauchfreie Haltestellen in Leipzig: Ihre Gesundheit liegt uns nicht wirklich am Herzen …
LVB-Haltestelle Hauptbahnhof. Archivfoto: Ralf Julke

Archivfoto: Ralf Julke

Für alle LeserAn Leipzigs Haltestellen stinkt und qualmt es. Gerade im dichten Berufsverkehr, wenn auch viele Schulkinder und Eltern mit Kinderwagen unterwegs sind. Ein Thema, das Torsten Saro, selbst besorgter Vater, seit zwei Jahren intensiv beschäftigt. Da er aber von den Verantwortlichen keine ernsthafte Antwort bekam, hat er jetzt eine Petition für ein Rauchverbot an Haltestellen gestartet. Hier erklärt er, wie er dazu kam.
Schwarze Null oder gesellschaftlicher Zusammenhalt: Zwei Offene Briefe zum sächsischen Haushaltsstreit
Stadtansicht Dresden. Foto: Michael Freitag

Foto: Michael Freitag

Für alle LeserEs wird mit harten Bandagen um den sächsischen Doppelhaushalt 2021/2022 gekämpft, der zu einem Kürzungshaushalt zu werden droht, wenn man einigen Stimmen aus dem konservativen Lager glauben möchte, wo die sogenannte „Schwarze Null“ irgendwie wichtiger ist als der soziale Zusammenhalt. Geld scheint wichtiger als Menschen. Ein Unding, fanden jetzt 100 engagierte Organisationen, die sich mit einem Offenen Brief zu Wort melden.
Ein Gerichtsurteil aus Brandenburg und seine kleinen Implikationen
Ein Bild aus vergangenen Wahlen. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

KommentarAm Freitag, 23. Oktober, berichteten „Spiegel“ und andere Medien über das Urteil des Verfassungsgerichts in Brandenburg, das die „dortige Regelung zur geschlechtergerechten Listenaufstellung von Parteien für rechtswidrig erklärt“ hat und damit einem ähnlichen Urteil aus Thüringen folgte. Geklagt hatten in Brandenburg die beiden Alte-Herren-Parteien AfD und NPD. Da denkt man natürlich: Die hätten doch gar nicht recht bekommen dürfen? Aber natürlich stimmt es: Man kann Gleichberechtigung nicht verordnen, wenn Wähler lieber alte, langweilige Männer wählen.
Wonderlands: 100 literarische Phantasiewelten, die einladen zum Befeuern der eigenen Vorstellungskraft
Laura Miller: Wonderlands. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserVon Zeit zu Zeit muss es so etwas einfach geben wie diesen Sammelband mit 100 vorgestellten Autor/-innen, ihren Büchern und den von ihnen erschaffenen Welten. Als Markstein, Bilanz und Orientierung. Denn Literatur ist immer auch das Erschaffen neuer Welten. Manche sind so berühmt, dass sich Leser/-innen darin so zu Hause fühlen wie in der realen Welt. Manche sind auch so schrecklich wie die Wirklichkeit. Schöne neue Welten eben, die unsere alltägliche Welt gnadenlos infrage stellen.
Gastkommentar von Christian Wolff: Vom Elend des Fundamentalismus
Christian Wolff (beim Brückenfest 2018). Foto: Michael Freitag

Foto: Michael Freitag

Für alle LeserDie grausame Enthauptung des französischen Geschichtslehrers Samuel Paty auf offener Straße im Pariser Vorort Conflans-Saint-Honorine durch einen Islamisten und der tödliche Messerangriff eines syrischen Islamisten auf zwei Touristen in Dresden am 4. Oktober 2020 legt schonungslos offen: Jede Form von Fundamentalismus ist nicht nur menschenfeindlich, Fundamentalismus ist der Vorhof des Terrorismus.
Alle Jahre wieder: Leipzig ringt um seine Erinnerungskultur für Todesopfer rechter Gewalt
Gedenkstein für Kamal Kilade, der am 24. Oktober 2010 im Park gegenüber vom Hauptbahnhof von zwei Neonazis ermordet wurde. © Michael Freitag

© Michael Freitag

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 84, ab 23. Oktober im HandelIn diesen Tagen jährt sich der Mord an Kamal Kilade zum zehnten Mal. Neonazis erstachen den 19-jährigen Iraker in der Nacht zum 24. Oktober 2010 im Park vor dem Leipziger Hauptbahnhof. Polizei und Staatsanwaltschaft erkannten damals kein rassistisches Tatmotiv; erst das Gericht sprach von einem „Mord aus niederen Beweggründen“. Im Urteil steht: „Wir sehen als einzigen Grund für den tödlichen Messerstich, dass Marcus E. das Opfer nicht als Menschen gesehen hat, sondern als Ausländer, dessen Leben nichts wert war.“
Umweltminister Wolfram Günther zum Start der Deichöffnung am Leipziger Ratsholz
Umweltminister Wolfram Günther im Gespräch mit Axel Bobbe von der Landestalsperrenverwaltung Sachsen. Foto: SMEKUL – Tom Schulze

Foto: SMEKUL – Tom Schulze

Für alle LeserEs schien sogar die Sonne, als Sachsens Umweltminister Wolfram Günther am Donnerstag, 22. Oktober, im Leipziger Ratsholz zusammen mit Axel Bobbe von der Landestalsperrenverwaltung Sachsen den Bau eines Durchlasses im Hochwasserschutzdeich startete. Über diesen soll der ökologisch enorm bedeutsame Leipziger Auwald künftig bei Hochwassern geflutet werden, die statistisch gesehen einmal in 25 Jahren vorkommen.
30 Jahre deutsch-deutsche Parallelwelt: Höchste Zeit, die betonierten Vorurteile zu demontieren
Die neue Leipiger Zeitung Nr. 84: 30 Jahre ... Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle Leser„30 Jahre ...“ steht einfach auf der Titelseite. Und natürlich geht es um 30 Jahre deutsche Unzufriedenheit. Auch vor unsanierten Häusern. Denn mittlerweile wirkt es einfach nur noch seltsam, wenn 30 Jahre nach der Deutschen Einheit hunderte Häuser in Leipzig unsaniert sind und leerstehen. Kann es sein, dass die schöne neue Dingwelt, über die einige unserer Autor/-innen in der neuen „Leipziger Zeitung“ Nr. 84 schreiben, einige ganz erhebliche Baufehler hat?
Jetzt kann eine Petition für ein Rauchverbot an LVB-Haltestellen und S-Bahn-Stationen mitgezeichnet werden
LVB-Haltestelle Hauptbahnhof. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserIm September gab es ja im Stadtrat eine klare Unterstützung für den Antrag des Jugendparlaments, mehr Rauchverbote an sensiblen Orten in der Stadt anzuordnen. „Die gesundheitlichen Schäden des Rauchens sollten allgemein bekannt und verständlich sein“, hatte das Jugendparlament argumentiert. Aber es ist mit den Raucher/-innen genauso wie mit anderen seltsamen Erwachsenen: Sie verhalten sich systematisch unvernünftig. Auch an Haltestellen zwischen lauter Nichtraucher/-innen. Dagegen hat Torsten Saro eine Petition eingereicht, die jetzt mitgezeichnet werden kann.
Ein Richtungswechsel beim Pestizideinsatz in der deutschen Landwirtschaft ist noch nicht zu sehen
Bericht „Absatz an Pflanzenschutzmitteln in der Bundesrepublik Deutschland“. Cover: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Cover: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Für alle LeserEs ist ja nicht nur Südtirol, wo über den massenhaften Einsatz von Pflanzenschutzmitteln diskutiert wird und wo jetzt die Agrarlobby versucht, den Autor des Buches „Das Wunder von Mals“ wegen Rufmord ins Gefängnis zu bringen. Das Thema betrifft die komplette europäische Landwirtschaft, die von riesigen Monokulturen dominiert wird, die ohne den Einsatz von Pestiziden gar nicht mehr funktionieren würden. Da hätten wir schon gern erfahren, wie viele Tonnen Pflanzenschutzmittel zum Beispiel auch in Sachsen jedes Jahr ausgebracht werden.
Grüne kritisieren: Stadtverwaltung hängt bei Maßnahmen zur Klimaanpassung schon wieder hinterher
Aktuell erfreuen sich die Marienkäfer am warmen Oktober in Leipzig. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserLeipzig muss sich ändern. Dass war zwar schon vor 2018 klar, als der erste von drei aufeinanderfolgenden Hitze- und Dürresommern die Stadt heimsuchte. Aber die drei Sommer, in denen Wiesen und Bäume vertrockneten und auch die Schäden im Auwald nicht mehr zu übersehen waren, haben richtig Druck auf die Kombüse gebracht. 2019 beschloss der Stadtrat zwar nicht das 10-Punkte-Programm der Grünen gegen Hitze im Stadtgebiet. Aber die Verwaltung bot an, einen Maßnahmeplan vorzulegen. Im Sommer 2020 sollte die Bestandsaufnahme fertig sein.
Corona zwingt zur Online-Variante: DreamHack Leipzig kehrt 2021 zu ihren Ursprüngen zurück
Dreamhack Leipzig 2020. Foto: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze

Foto: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze

Für alle LeserVor über 25 Jahren beschloss eine Gruppe von Freunden, in einer Grundschule im schwedischen Malung eine LAN-Party zu feiern. Was sie damals nicht wussten: Mit dem Namen DreamHack, den sie dieser Zusammenkunft aus Gaming-Enthusiasten ein paar Jahre später gaben, legten sie den Grundstein für das weltweit führende Gaming-Festival. Inzwischen finden Events in verschiedenen Kontinenten statt.
Wenn Freiheit Wüsten baut: Was Leipziger Schottergärten mit den Fehlern der menschlichen Vernunft zu tun haben
Ein völlig zugeschotterter Vorgarten. Foto: L-IZ

Foto: L-IZ

Für alle LeserEs sieht derzeit ganz so aus, als wäre die Menschheit nur ein Zwischenergebnis, ein leider missglückter Versuch der Natur, Intelligenz zu erschaffen. Denn es gibt kaum ein Gebiet, auf dem der Mensch derzeit nicht beweist, dass er unfähig ist, aus seinem Wissen auch die richtigen Handlungen abzuleiten, egal, ob es die Klimaaufheizung ist, die Vernichtung der Arten, die Corona-Pandemie ... Selbst beim Thema Vorgärten versagen diese seltsam lernunfähigen Geschöpfe.
Donnerstag, der 22. Oktober 2020: Neue Corona-Schutzverordnung regelt den Ernstfall in Sachsen
Sozialministerin Petra Köpping (SPD). Foto: Pawel Sosnowski

Foto: Pawel Sosnowski

Für alle LeserSchon jetzt gibt es Maßnahmen, die Landkreise und kreisfreie Städte in Sachsen treffen, wenn sie zum „Risikogebiet“ werden oder sich auf dem Weg dahin befinden. Die neue Corona-Schutzverordnung, die ab Samstag gelten soll, hat diese Regeln aufgenommen und erweitert. Außerdem: In Leipzig trifft sich der Krisenstab wieder regelmäßig; bald soll es eine Allgemeinverfügung geben. Die L-IZ fasst zusammen, was am Donnerstag, den 22. Oktober 2020, in Leipzig und Sachsen wichtig war.