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Der Systemwechsel: Albert T. Liebergs Skizze einer Welt, in der sich die Menschen wieder um die Zukunft des Planeten kümmern

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    Am Montag, 18. Mai, freute man sich beim Büchner Verlag in Marburg ganz mächtig gewaltig. Da trudelte per E-Mail die Nachricht herein, dass der Verlag in diesem Jahr zu den Gewinnern des Deutschen Verlagspreises gehört. Auch sechs sächsische Verlage wurden gewürdigt. Der Büchner Verlag hat sich zu einem Verlag gemausert, der Bücher zu den wirklich drängenden Fragen unserer Zeit veröffentlicht. Eins haben wir uns extra noch zukommen lassen. Es erschien schon 2018, beschäftigt sich aber auch mit der Frage, die jetzt viele beschäftigt: Was wird nach Corona aus der Welt?

    Eine Frage, mit der sich mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern beschäftigen, die allesamt schon vor Beginn der Coronakrise geschrieben und lektoriert wurden. Denn das Virus und seine rasante Ausbreitung rund um den Erdball erzählen ja nicht nur die Geschichte einer längst erwarteten Pandemie (oder eben die einer typischen Pandemie in Zeiten einer globalisierten Welt), sondern auch die Geschichte technologischer Blindheit, fehlender Sicherungen und wilder Wirtschaftsgläubigkeit, die den Menschen Wohlstand und ewiges Wachstum versprechen – ein völlig unhaltbares Versprechen auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen.

    Jahrzehntelang wurde auch den Deutschen eingeredet, dass Globalisierung der alternativlose Weg zum Glück sei, dass ein Land vom Export lebe und die gewaltigen Exportüberschüsse Deutschlands geradezu ein Segen seien.

    Ein Märchen, das Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), am Mittwoch, 20. Mai, auch noch im „Spiegel“ sang, der den vom Freihandel geradezu berauschten Volkswirtschaftler um eine Einschätzung der Tatsache gebeten hatte, warum das Vertrauen der Deutschen in die Globalisierung so in den Keller gerauscht ist. Und das nicht erst seit Corona. Die Zustimmung zur entfesselten Globalisierung ist schon vor der Corona-Pandemie immer weiter in den Keller gewandert.

    „Der Anteil der Globalisierungsbefürworter schrumpft nicht erst seit den Ausbrüchen des Coronavirus. Er geht bereits seit Längerem sukzessive zurück, von Monat zu Monat betrachtet kaum merklich, langfristig aber deutlich erkennbar“, schreibt der „Spiegel“ und lässt den Freihandelsbefürworter mit seiner seltsamen Haltung zur TTIP-„Hysterie“ weiter für entfesselten Freihandel plädieren.

    Ohne zu fragen, warum die Zustimmung der Deutschen zur Globalisierung seit 2018 wegschmilzt wie Schnee an der Sonne. Was aus der schmalen Perspektive des österreichischen Volkswirts natürlich nicht zu begreifen ist, denn alle negativen Folgen der Globalisierung blenden die üblichen Wirtschaftsmodelle, für die auch Felbermayr steht, aus. Die Klimafolgen, die seitdem von Fridays for Future massiv in die öffentliche Diskussion gebracht wurden, genauso wie die Plastik-Vermüllung der Meere, das Artensterben weltweit, die zunehmenden Kriege um Ressourcen, die zunehmenden Fluchtbewegungen aus Regionen mit Kriegen und Versorgungskrisen …

    Man kann ja gar nicht mehr aufhören, alle Kollateralschäden dessen aufzuzählen, was so landläufig als Globalisierung bezeichnet wird. Und die Deutschen haben sehr wohl gemerkt, dass zwar ihr Wohlstand zu einem großen Teil auf diesen Ungleichgewichten beruht, dass es aber mittlerweile auch ihnen an den Kragen geht.

    Die global ausgelösten Krisen lassen sich nicht mehr ignorieren. Und das, was Felbermayr verächtlich „Protektionismus“ nennt, ist eine fast zu erwartende Schutzreaktion. Wahrscheinlich sogar eine, um die die Welt gar nicht mehr umhinkommt, wenn sie die schlimmsten Folgen der heutigen multiplen Krisen überhaupt in den Griff bekommen will.

    Wie könnte eine andere Welt aussehen?

    Albert T. Lieberg in seinem 2018 im Büchner Verlag veröffentlichten Buch „Der Systemwechsel“ argumentiert etwas anders. Aber dazu kommen wir gleich.

    Zuerst die Freude aus Marburg ungekürzt: „Die freudige Nachricht kam per E-Mail um 10:37 Uhr – begleitet von einem sehr netten Schreiben der Staatsministerin Prof. Monika Grütters: Der Marburger Büchner-Verlag zählt 2020 zu den Gewinnern des begehrten Deutschen Verlagspreises. Erstmalig im Jahr 2019 verliehen, gehört der Preis 2020 bereits zu den wichtigsten Einrichtungen der Verlagsbranche. Er ist in diesem Jahr dotiert mit jeweils 20.000 Euro und wird an bis zu 60 herausragende unabhängige Verlage verliehen. Gekürt wurden die Gewinner von einer Fachjury unter dem Vorsitz der Literaturkritikerin Insa Wilke. Ziel des Preises ist ,die Unterstützung der hervorragenden Arbeit unabhängiger Verlage in Deutschland‘.

    Das gegenwärtige Team des Büchner-Verlags hatte das vormals nebenberuflich geführte Unternehmen zum Herbst 2017 von der Gründergeneration übernommen und den Verlag in einen professionell geführten Vollzeitbetrieb verwandelt – ein mutiger Relaunch, der den Büchners 2018 bereits den Hessischen Verlagspreis eingebracht hatte.

    Das allererste Bejubeln des Preises im Team des Büchner-Verlags und im größeren Kreise der Mitglieder des genossenschaftlich geführten Unternehmens war vor allem ein digitaler Nachrichtensturm. Doch für den Fall der Fälle hat der Büchner-Verlag immer einen Sekt im Kühlschrank. Man weiß ja nie, was es demnächst zu feiern gibt: Das Gütesiegel des Deutschen Verlagspreises ist dem Team für heute jedenfalls der beste denkbare Anlass, eine Flasche zu köpfen! Die Freude ist riesig.“

    ***

    Und nun zu Lieberg, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler von der Ausbildung her und über Jahrzehnte als Berater bei den Vereinten Nationen tätig, ein Mann, der den Globus tatsächlich kennt (als Regierungsberater hat er in über 50 Ländern gearbeitet) und damit auch die Folgen der „Globalisierung“ in den armen Ländern dieser Erde, die bis heute von den reichen im Norden ausgeplündert werden, deren Ressourcen ausgebeutet werden, deren Menschen für Billiglöhne arbeiten und wo die Menschen bis heute davon träumen, wenigstens die Grundausstattung eines armen Haushaltes im Norden zu haben, also so etwas wie ein halbwegs gesichertes und gesundes Leben.

    Lieberg ändert einfach die Perspektive – raus aus der piefigen Selbstgerechtigkeit deutscher Wirtschafts„wissenschaftler“ und ihrer verlogenen Haltung zum Exportüberschuss hinein in eine planetare Sichtweise, die sichtbar macht, wie kaputt unser Planet mittlerweile ist und welche verheerenden Folgen die schiere Geld- und Marktmacht der großen Globalisierungsgewinner im Norden in den übrigen 180 Staaten dieser Welt hat.

    Denn Lieberg hat nicht vergessen, wie Geld funktioniert, wenn alles „in Wert gesetzt“ wird und alles für Geld gekauft werden kann. Dann entscheidet nämlich das Geld darüber, ob ein Mensch hungert oder in Saus und Braus lebt, ein Dach über dem Kopf hat oder drei Luxusvillen, barfuß läuft oder einen Privatflieger hat usw. Geld bestimmt über Prestige, sozialen Rang und Macht. Und schon den Kindern in der Schule wird das eingebläut, wird ihnen klargemacht, dass nur die Besten am Ende Geld haben werden, Wohlstand und soziale Anerkennung.

    Und die vielen anderen?

    Ein Geldsystem produziert fortwährend Sieger und Verlierer. Die Verlierer wissen das. Sie sehen nämlich jeden Tag, wie all ihre Schufterei und Mühe gar nichts nützt und sie trotzdem nur mit Brosamen abgespeist werden, während sich die Sieger in diesem wilden Rennen die Taschen füllen, Bonifikationen und Zuschläge bekommen und einen Lebensstil vorführen, der für die Erde eine Katastrophe ist.

    Es ist eine Gesellschaft voller Neid, Gier und Rücksichtslosigkeit. Und dass das Vertrauen sinkt, hat auch damit zu tun, dass die Gruppe derer, die sich die Sahne abschöpfen und auch vor kriminellen Steuertricks nicht zurückschrecken, immer kleiner wird. Was meist unter der Schlagzeile vom „verschwindenden Mittelstand“ beschrieben wird.

    Selbst in den noch prosperierenden Gesellschaften des Nordens ist die Angst eingezogen bis tief hinein in diesen Mittelstand. Auf diese Menschen wirken die arroganten Kommentare der „Wirtschaftsweisen“ nur noch wie Hohn. Denn sie erleben es Jahr für Jahr, dass alle Heilsversprechen der Globalisierung an ihnen vorbeigehen. Und es ging nicht wirklich um „Protektionismus“, als Donald Trump in den USA die Wahl gewann oder die Brexiteers in England so einen Erfolg hatten.

    Beide Male wurden dabei vor allem Wählergruppen gewonnen, die seit Jahren erleben, wie ihre komplette einst blühende (Industrie-)Region verarmte. Die Unternehmen, die hier einst Arbeit gaben, sind nach Asien abgewandert, wo sie mit Dumpinglöhnen und niedrigeren Umweltstandards produzieren und dabei Gewinne einfahren, die den arbeitslos Gewordenen im Herkunftsland nicht mehr zugute kommen, weil die Gewinne systematisch privatisiert werden, einer immer kleineren superreichen Elite zugute kommen, die Verluste aber, wenn es schiefgeht, den Staatshaushalten (und damit den Steuerzahlern) aufgehalst werden.

    Lieberg nennt auch die fatale Wirkung der Finanzkrise von 2008/2009, in der genau das vor aller Augen praktiziert wurde. Was auch den Eindruck bestärkte, dass Regierungen erpressbar sind, auch und gerade die im Norden. Denn wenn Geld immerfort zu einer kleinen immer reicheren Elite fließt, dann wird Geld zur Macht. Dann kann man damit nicht nur wertvolles Land aufkaufen, sämtliche Güter des Gemeinbedarfs (Trinkwasser, Stadtwerke, Krankenhäuser), sondern auch Parteien, Politiker, Minister. Nicht zu vergessen: Medien und die öffentliche Meinung.

    Wie kann man das Geldsystem abschaffen?

    Deswegen haben die meisten Menschen zu Recht das Gefühl, dass eine kleine, unersättliche Elite alles an sich rafft und dabei rücksichtslos alles plündert, was es zu plündern gibt: „Unser heutiges Sozial- und Wirtschaftssystem und dessen Werteordnung sind hauptverantwortlich für globale soziale und ökonomische Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung, die latente Massendepression einer immer weiter verdummenden materialistischen Konsumgesellschaft, das Entstehen von anachronistischen Nationalismen und Radikalismen und deren Folgen wie u. a. gewaltsame militärische Konflikte und Terrorismus“, schreibt Lieberg.

    Und unser Bildungssystem ist so angelegt, dass die Kinder früh schon trainiert werden, genauso rücksichtslos „nach oben“ zu wollen. Was auf der Strecke bleibt, ist das Wirken für das Gemeinwohl, die Herstellung eines weltverträglichen, aber allen Menschen auf der Welt zugänglichen Mindestwohlstands. Im Gegenteil: Die eh schon Angemeierten müssen sich auch noch Beleidigungen wie „Sozialschmarotzer“ gefallen lassen, die eigentlich deutlich machen, wie blind die so agierende Politik längst ist. Und wie sehr der vermeintliche Wohlstand einer schmelzenden Minderheit auf der Ausbeutung von Millionen basiert.

    Lieberg schreibt auch einen Satz, den Leute wie Felbermayr nie sagen würden, weil sie es sich mit ihren Brötchengebern nicht verscherzen wollen: „Im materialistischen Kapitalismus ist individuelle Kapitalakkumulation oft gleichbedeutend mit Machtanhäufung. Beide ermöglichen einen politischen Einfluss und sind im heutigen Sozialgefüge Voraussetzung für die direkte Beeinflussung bis hin zur Manipulation großer Gesellschaftssegmente, insbesondere in wirtschaftlicher, aber auch in gesellschaftsideologischer Hinsicht. Sie beeinflussen Wertedefinitionen, Konsum- und soziales Verhalten gleichermaßen.“

    Die „Spiegel“-Umfrage zur Globalisierung zeigt: Diese Beeinflussung bröckelt. Die Leute lassen sich nicht mehr jede Lüge auftischen. In mehreren sehr einfachen, klaren Listen hat Lieberg aufgeschrieben, was sich Menschen eigentlich wünschen – weltweit gleichermaßen. Es sind ganz einfache Dinge wie eine sichere Wohnung, eine gute Versorgung mit Nahrung und Trinkwasser, eine gute Bildung, ein funktionierendes Gesundheitssystem, Unterstützung im Fall der Arbeitslosigkeit, Arbeitsplätze ohne Gesundheitsgefährdung usw.

    Ganz simple Dinge, die aber vielen Menschen nicht zur Verfügung stehen, oft auch geradezu unbezahlbar sind, weil sich die mit riesigen Geldreserven ausgestatteten Konzerne auch noch Land, Wälder, Trinkwasser und Bauland unter die Nägel reißen, sodass die Dinge des simpelsten Bedarfs unerschwinglich werden.

    Und das können sie tun, weil nichts so sehr als Fetisch gilt wie Geldbesitz und Besitz überhaupt. Besitz ist die heilige Kuh unserer Zeit. Wer nichts besitzt, wird zum Asozialen gemacht, an den Rand gedrängt, wird gepfändet und ausgebeutet.

    Und machtlos ist er obendrein.

    Plädiert Lieberg nun für eine Revolution?

    Nicht wirklich.

    Eher entwirft er die Parameter für eine weltweite (planetare) Gesellschaft, wie sie sein müsste, damit die Menschheit überlebt und nicht in den nächsten ein, zwei Generationen ihren Untergang herbeiwirtschaftet. Denn alle die Zerstörungen an unseren Lebensgrundlagen resultieren aus derselben Gier, derselben Unersättlichkeit und Unfähigkeit, über das eigene Ego hinauszudenken. Das, was sozusagen die Verdummung der Superreichen in Ergänzung der gezielten Verdummung der Konsumenten ist.

    Denn es ist ihnen antrainiert: rücksichtslos um ihren Vorteil zu kämpfen, immer mehr Gewinn herauszuholen aus jedem Geschäft. Denn all das, was wir bewahren müssen, wenn wir überleben wollen, kommt in den Rechnungen der neoliberalen Ökonomen nicht vor – nicht die Natur, nicht die wertvollen Böden, nicht das Trinkwasser, nicht einmal die Allmenden (die man plündert, wo man kann) oder die wichtigen Staaten, die die Sicherheits- und Sozialsysteme aufrechterhalten.

    Aber wo ist die Kraft, die das alles ändern kann?

    Dabei ist von allem genug da. Es müsste nur gerecht verteilt werden. Ob es zu einer so rasanten Veränderung hin zu einer planetaren Weltgemeinschaft (samt Volkskongress) kommt, wie Lieberg es als Vorschlag skizziert, bezweifle ich. Obwohl natürlich nicht absehbar ist, was wirklich passiert, wenn die ganzen Katastrophen tatsächlich nicht nur die Globalisierung, sondern auch reihenweise die bislang prosperierenden Staaten kippen lassen. Selbst die Corona-Pandemie stürzt ja große Nationen wie die USA in eine Krise, wie sie seit 1929 nicht erlebt wurde.

    Dass überall in der Welt Populisten und Nationalisten politische Erfolge feiern, hat ja direkt mit dem Gefühl der Menschen weltweit zu tun, dass die Welt aus den Fugen ist, die Prozesse entgleiten, die soziale Sicherung verloren geht und das eigene Leben nicht mehr beherrschbar ist. Alles direkte Folgen eines entfesselten Kapitalismus, dem die Zukunft der Menschheit völlig egal ist. Dem es nur um die Renditen, Zinsen und Zinseszinsen geht, also die Aneignung eines gesellschaftlichen Reichtums, ohne dafür einen Finger krümmen zu müssen.

    Aber Lieberg merkt am Ende seines Buches, das eine mögliche andere Weltgemeinschaft skizziert, auch an: „Doch es fehlt eine solche fassbare Instanz als Orientierung, als Ansprechpartner, es fehlt eine entsprechende Struktur.“ Es fehlt also schlicht der Akteur, der alle die von ihm skizzierten Prozesse in Gang setzen könnte.

    Die UNO ist es nicht, denn selbst in diesem Gremium der Weltgemeinschaft dominieren (und blockieren sich) die nationalistischen Egoismen. Ein Land, das zum Vorreiter wird, gibt es auch noch nicht, von einer Partei ganz zu schweigen. Eher sind es bürgerschaftliche Bewegungen wie Attac, die das planetare Denken vorantreiben (und denen nationale Minister die Gemeinnützigkeit entziehen lassen). Es muss also von unten kommen, aus der Bevölkerung selbst: „Dabei ist es wichtig, mittelfristig die gegenwärtige Zersplitterung und das Einzelkämpfertum wertvoller Initiativen und Akteure abzubauen.“

    Auch wenn Lieberg das „wir“ vermeidet, wird deutlich, dass er eigentlich auch nicht weiß, wer das machen sollte. Auch wenn einige seiner etwas konkreteren Vorschläge durchaus ahnen lassen, dass es wichtige Ideen zumindest in die Diskussion geschafft haben. Dazu gehört das lebenssichernde Grundeineinkommen für alle genauso wie die (Re-)Regionalisierung der Wirtschaft. Denn das war ja auch vor Corona schon klar, dass all die globalen Vernetzungen in Wirklichkeit hochgradig anfällig sind und die regionale Versorgung akut gefährden, wenn es mal zur Krise kommt.

    Gleichzeitig sind ganze Staaten destabilisiert, weil sie keine eigene regionale Grundversorgung mehr haben (oft durch radikale Freihandelsverträge wie TTIP erst richtig zerstört). Wenn Menschen aber Angst haben müssen, dass sie sich im Notfall nicht einmal mehr regional versorgen können, greift eine existenzielle Angst um sich. Zu der dann noch die überall sichtbaren Umweltzerstörungen hinzukommen.

    Liebergs Buch ist zumindest eine Skizze dessen, wie eine künftige Weltgemeinschaft aussehen könnte, wenn alle Völker begriffen haben, dass man diesen einzigartigen Planeten und unsere Lebensgrundlagen nur bewahren kann, wenn sich alle gleichermaßen um das Bewahren kümmern, lernen, solidarisch zu agieren, und all den Millionen, die heute im Wettbewerb der Rücksichtslosen auf der Strecke bleiben, die Chance zu geben, ihre Talente und ihre Kreativität zu entwickeln.

    Denn der eigentliche Schatz ist die Kreativität der Menschen, die heute überall abgewürgt wird, denn den Zugang zu den gut bezahlten Ausbildungen und Jobs bekommt man auch im reichen Norden nur noch, wenn man ihn sich leisten kann. Deswegen werden die ein, zwei Generationen, die Lieberg für den Übergang ansetzt, auch nicht ausreichen.

    Er schreibt ja selbst: „Es wird viele Jahre und Jahrzehnte der graduellen Veränderungen und des Übergangs benötigen: von der gesellschaftlichen Bewusstseinsschaffung hin zu neuen Paradigmen, welche aus heutiger Sicht noch als Tabus erscheinen, über viele gesellschaftspolitische Etappen auf nationaler und internationaler Ebene sowie mittelfristige und langfristige Reformprojekte weltweit.“

    Das, was wir jetzt haben, ist nicht alternativlos. Mit so einem Wort werden Menschen verblödet. Menschen haben ihre Umwelt immer verändert. Und die „Macht des Geldes“ ist kein Naturgesetz, auch wenn es einige unserer Ökonomen und Politiker immer wieder dazu erklären. Genauso wenig wie Freihandel und Globalisierung die Erfolgsgeschichten sind, die deren Profiteure immer wieder behaupten. Seit 2018 ist – wie die „Spiegel“-Umfrage zeigt – das Bewusstsein der Deutschen dafür gewachsen, dass die Sache wohl doch etwas anders ist, als von unseren Ökonomieprofessoren immer behauptet. Dass am Ende eine Rechnung stehen wird, die niemand mehr bezahlen kann.

    Wenn wir jetzt nicht umdenken und lernen, dass wir alle dieselbe Verantwortung tragen für den Planeten und für die Zukunft der Menschheit. Denn das ist unsere Zukunft. Kleiner ist die Aufgabe nicht.

    Albert T. Lieberg Der Systemwechsel, Büchner Verlag, Marburg 2018, 17 Euro.

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