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Das Gaia-Prinzip: Der Klassiker von James Lovelock ist noch immer so aktuell wie 1988

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    Dieses Buch ist ein Klassiker der ökologischen Literatur. Erschienen ist es 1988 erstmals unter dem Titel „Ages of Gaia“. Da hätte sich der Autor selbst garantiert noch nicht träumen lassen, seine Vorhersagen so noch bei Lebzeiten eintreten zu sehen. Immerhin ist der Biophysiker mittlerweile 101 Jahre alt und erfreut sich scheinbar bester Gesundheit. Anders als Gaia, der es richtig schlecht geht derzeit.

    Dabei ging es diesem unabhängigen Burschen aus England, der Abschlüsse in Chemie, Medizin und Biophysik hat, gar nicht um Panikmache, als er zu Beginn der 1970er Jahre erstmals mit seiner Idee von Gaia an die Öffentlichkeit trat – und massive Kritik erntete, auch aus der Wissenschaft. Ihm wurde regelrecht Esoterik unterstellt, weil er das Leben auf der Erde geradezu personifizierte. Als wäre die Biosphäre der Erde selbst ein Organismus, der die astronomische Fähigkeit besitzt, sich seine eigenen Lebensbedingungen zu schaffen.Ein Blick in die Forschungslandschaft zeigt, dass sich viele Spezialdisziplinen bis heute schwertun, das Leben auf der Erde in all seinen unauflösbaren Verbindungen zu begreifen, auch wenn das Wort Biodiversität so langsam zum festen Vokabular geworden ist und Waldforscher begonnen haben, auch Wälder endlich als lebendigen Gesamtorganismus zu begreifen.

    Oder von Systemen zu sprechen, wenn man die verblüffende Vielfalt der Bodenorganismen, der Gewässerbiotope oder der Savannenlandschaften einmal nicht nur unter dem Ansatz betrachtet, den Lovelock für den Hauptgrund dafür identifiziert hat, dass die Wissenschaft sich so schwertut, die Zusammenhänge der belebten Welt zu begreifen. Denn im Sammeln und Klassifizieren ist die Wissenschaft gut, zum Verstehen der weltumspannenden Abhängigkeiten völlig unterschiedlicher Biotope aber fehlt ihr oft das Vorstellungsvermögen.

    Dabei war die Keimzelle seiner Idee ein Forschungsprojekt für die NASA, wo er diesen biologischen Fachspezialisten zum ersten Mal begegnete, die Ideen entwickeln sollten, wie mit der Viking-Mission zum Mars dort nach möglichen Spuren des Lebens gesucht werden könnte. Was ja NASA-Missionen bis heute immer wieder tun, mittlerweile ja auch mit stimmungsvollen Videoclips auf Youtube. Und ganze Mannschaften von Journalisten heizen das Rätselraten bei jeder neuen teuren Mission neu an: Gibt es Leben auf dem Mars?

    Nein.

    First Video of NASA’s Ingenuity Mars Helicopter in Flight, Includes Takeoff and Landing (High-Res)

    Gibt es nicht. Und die Macher dieser Dauerseifenoper wissen es eigentlich.

    Sie wussten es auch schon, bevor die Viking-Sonden auf den Mars flogen. Oder hätten es wissen können. Denn so ganz allein war ja Lovelock mit seiner Gaia-These nicht. In seinem Buch weist er bewusst auf die Forschungsarbeiten anderer Wissenschaftler/-innen hin, die seiner Arbeit vorausgingen und die er teilweise weitergedacht hat.

    „Das Gaia-Prinzip“ schrieb er dann nach gut 20 Jahren Auseinandersetzung mit seiner Idee auch, um ein paar immer wieder auftauchende Vorwürfe auszuräumen und seinen Ansatz möglichst anschaulich zu erklären. Und natürlich auch sein Recht zu verteidigen, eine These aufzustellen und diese nach und nach auszubauen. Sehr wohl wissend, dass es in der Wissenschaft genauso ist wie in der Politik: Gegen neue Ideen wehren sich die Inhaber von Ämtern, Geldern und Einfluss mit aller Macht. Neue Ideen setzen sich nie sofort durch, sondern meistens erst, wenn die Enkelgeneration endlich die entscheidenden Lehrstühle und Institutsleitungen besetzt.

    Wobei die Gaia-Idee noch heute die Phantasie der meisten Menschen übersteigt, die zumeist in der bequemen, aber falschen Gewissheit leben, dass das Leben auf der Erde ganz normal ist, geradezu zwangsläufig. Motto: Der Planet eignet sich für Leben, also gibt es Leben.

    Deswegen hieß die englische Ausgabe des Buches auch „Ages of Gaia“, die (Zeit-)Alter Gaias. Denn ganz am Anfang war die Erde kein belebter Planet. Und sie hätte wohl irgendwann genau denselben Weg genommen wie die Venus, wenn nicht vor ungefähr 3,5 Milliarden Jahren die ersten Lebewesen aufgetaucht wären, jene Einzeller, die im Verlauf mehrerer hundert Millionen Jahre den Planeten veränderten – nicht nur seine Atmosphäre.

    Es brauchte wirklich den Blick des Bio-Chemikers auf den toten Mars, um überhaupt erst einmal einen Sinn dafür zu entwickeln, was Leben eigentlich ist und warum sich die Erde so deutlich von allen anderen Planeten im Sonnensystem unterscheidet. Und da stolperte nicht nur Lovelock über die Tatsache, dass sowohl Venus wie Mars chemisch stabile Atmosphären haben, was er natürlich mit einem starken Bild mit den Abgasen aus irdischen Verbrennermotoren vergleicht.

    Aber die Luft, die wir atmen, besteht ausgerechnet aus hochreaktiven Gasen wie Sauerstoff und auch Methan. Im astronomischen Maßstab eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn Sauerstoff ist das reaktivste aller Gase. Wenn es irgendwo Stoffe gibt, mit denen er reagieren kann, tut er das auch, entweder als Oxydation oder auch gern als Explosion. Und das Zeug atmen wir. Wir brauchen es auch.

    Wir gehören zu jenen Lebewesen, deren Stoffwechsel ohne Sauerstoff nicht funktioniert – und vergessen dabei immerzu, dass dieser Sauerstoff von anderen Lebewesen immerfort freigesetzt wird. Und dass es Lebewesen waren, die ganz zu Beginn erst einmal dafür sorgten, das sich unsere anfangs völlig sauerstofflose Atmosphäre mit Sauerstoff anreicherte.

    An Lovelocks Gedanken darüber, wie sich das Leben auf der Erde entwickelte, ist nichts veraltet. Auch nicht seine geradezu astronomische Sicht darauf, wie dieses einzellige Leben auf der Erde nicht nur den gesamten Globus besiedelte, sondern auch begann, diesen Globus zu verwandeln. Geologen stolpern ständig darüber. Wir leben auf einem Planeten, den das Leben geformt und verändert hat – angefangen bei den Kreidefelsen über die riesigen Kohle- und Erdölvorräte in der Erde, sämtliche Böden auf der Erde bis hin zum geradezu winzigen Anteil von Kohlendioxid in der Luft, über den wir uns heute so große Gedanken machen.

    Aber da Lovelock in der Zwischenzeit computergestützt auch Daisyworld, eine hypothetische Gänseblümchenwelt, entwickelt hatte, konnte er auch in Computeranimationen schon zeigen, wie so eine Selbstregulation des Lebens auf einem Planeten funktionieren kann und wie die Masse alles Lebendigen selbst dafür sorgt, sich ihre bestmöglichen Überlebensbedingungen zu schaffen.

    Was jetzt schon wieder nach Schöpfertum klingt. Das ist ja das Verstörendste an der These: Sich die ganze komplexe Welt des Lebens als einen riesigen, erdumspannenden Organismus zu denken, der auf Veränderungen reagieren kann und es schafft, über Jahrmilliarden die Bedingungen zu erhalten, unter denen Leben auf der Erde existieren kann.

    Einige dieser Mechanismen (Mechanismus ist dabei wahrscheinlich genauso ein irreführender Begriff wie Organismus) schildert Lovelock, der sich seine Meriten als Forscher ja beim Nachweis von Treibhausgasen in der Atmosphäre verdient hat zu einer Zeit, als die Koryphäen der Wissenschaft bezweifelten, dass man das messen könnte. Natürlich ist er ein Grenzgänger und fordert in seinem Buch die Schaffung einer völlig neuen Wissenschaftsdisziplin, die er Physiologie der Erde nannte.

    Da kam der Mediziner in ihm durch, der die Erkenntnisse des Chemikers ernst nahm. Denn wenn Gaia selbst ein erforschbares Objekt ist, dann kann man auch Diagnosen anstellen, wie es diesem Lebewesen geht, ob es noch schafft, seine Lebensbedingungen aufrechtzuerhalten oder es der Mensch gerade schafft, die Selbstregulation von Gaia völlig auszuhebeln und tatsächlich Prozesse auszulösen, die für das chaotische Ende eines 3,5 Milliarden Jahre langen Erfolgsprojekts sorgen.

    Denn schon in den 1980er Jahren beobachtete Lovelock mit Sorgen, wie sehr der Mensch längst dabei war, die Funktionsweise Gaias systematisch zu zerstören. Und für den schlimmsten Eingriff in die Überlebensfähigkeit Gaias hielt er schon damals die moderne Landwirtschaft mit ihrer systematischen Zerstörung der Artenvielfalt und den rabiaten Raubbau an den Wäldern. Denn wer sich mit den gigantischen Selbstregulationen der Biosphäre beschäftigt, dem wird natürlich himmelangst, wenn er sieht, wie der Mensch diese Regulation systematisch zerstört.

    Das betrifft ja nicht nur das CO2, das der Mensch immerfort in die Atmosphäre bläst und damit für eine Aufheizung der Atmosphäre sorgt. Der Mensch nimmt Gaia auch die Chance, wieder für einen Ausgleich zu sorgen. Denn da ist Lovelock konsequent und man kann ihm darin eigentlich auch folgen: Auch der aus menschlicher Sicht dramatische Wechsel von Eiszeiten und Zwischeneiszeiten in den letzten Jahrmillionen ist – mit astronomischen Augen betrachtet – ein Regulationsmechanismus, mit dem Gaia versucht, den Zustand einer lebensverträglichen Temperatur aufrechtzuerhalten.

    Denn mit der Zunahme der Sonnenstrahlung wird es auch auf der Erde immer heißer. In ungefähr 500 Millionen Jahren wird sich die Erde in eine glühende Wüste verwandelt haben. Und schon heute hätten wir auf der Erde Temperaturen, die deutlich über den heutigen liegen würden, hätte das Leben selbst nicht Wege gefunden, die Temperatur immer wieder deutlich herunterzuregeln. Das CO2 in der Atmosphäre spielt dabei genauso eine Rolle wie das Wachstum der Wälder und die „Herstellung“ einer riesigen Eismasse, die das Sonnenlicht maximal reflektiert.

    Und das alles ohne großen Steuermann, sondern einfach dadurch, dass sich Stoffströme verändern, wenn sich die Lebensbedingungen für bestimmte Arten verschlechtern. Auch vom Darwinschen Standpunkt ein nur zu logisches Problem: Arten passen sich an, wenn sich ihre Lebensbedingungen verändern. Darüber denken sie nicht nach. Sie merken es nicht mal, dass sie Teil eines erdumspannenden Austauschs von Stoffen und Spurenelementen sind.

    Wir Menschen merken es ja auch nicht. Wir lernen es jetzt nur auf die harte Tour, was es heißt, dass wir diese Selbstregulation der belebten Welt fürchterlich durcheinandergebracht und einige Ökosysteme auch schon unheilbar zerstört haben. Berechtigterweise stellt Lovelock am Ende seines Buches die Frage, ob wir nicht schon längst in der Falle sitzen: „Jede Art, die ihrer Umgebung Schaden zufügt, wird untergehen; das Leben aber geht weiter. Trifft das nunmehr auf die Menschen zu? Gaia wird nichts vorsätzlich gegen den Menschen unternehmen. Doch solange wir die Umwelt weiterhin entgegen ihren Präferenzen verändern, müssen wir gewärtig sein, dass wir durch eine Art ersetzt werden, die dieser Umwelt besser entspricht.“

    Im Grunde ist sein Buch ein einziger Appell, dass wir lernen sollten, diesen erdumspannenden Organismus zu verstehen, in dem wir leben – und ohne den wir nicht leben können. Diese Erkenntnis hat sich noch nicht wirklich verbreitet, weil die Dramen immer alle nur einzeln betrachtet werden – das Sterben der Insekten, die zunehmenden Todeszonen in den Ozeanen, das Wachstum der Wüsten, die Verarmung der Böden, das Abholzen der Wälder …

    Wir gehen mit dieser lebendigen Biosphäre um, als wäre sie unendlich und wir könnten uns einfach alles aneignen, was da ist. Dabei überfordern wir sie schon lange und fügen ihr Schäden zu, die wir selbst nicht mehr reparieren können. Die möglicherweise sogar so schädlich sind, dass sie den lebenermöglichenden Zustand auf der Erde beenden könnten.

    Wahrscheinlich hat Lovelock recht: Der Mensch hat nur eine Chance, noch ein paar Generationen auf der Erde zu leben, wenn er lernt, diesen Riesenorganismus Gaia zu verstehen und all sein Tun daraufhin anzupassen, wieder mit Gaia zu leben und sie nicht immerfort mit Technologie zu zerstören, weil er die gewaltigen Zusammenhänge nicht versteht.

    Aber diese Wissenschaft einer Geo-Physiologie gibt es noch nicht. Auch die Arbeit des Weltklimarates ist davon nur ein ganz kleiner Ausschnitt. Selbst in der Neuauflage zeigt das Buch, wie weit wir selbst in der Forschung noch davon entfernt sind, unseren Planeten als ein von Leben geformtes und in einem ganz schmalen Band des Aushaltbaren reguliertes Gesamtwesen zu verstehen – und uns selbst als winzigen Teil davon.

    Dass Lovelock selbst den schmalen Grat nicht eingehalten hat, der seine These vor Fehlinterpretationen schützen würde, wird freilich auch deutlich. Auch er ist nur ein Mensch und das Vokabular neigt manchmal dazu, auch so einen erdumspannenden Lebensprozess zu personifizieren. Meist gerade da, wo Lovelock eigentlich nur warnen möchte: „Vielmehr ist sie streng und hart. Denen, die die Regeln einhalten, verschafft sie eine stets warme, angenehme Welt: Unbarmherzig aber vernichtet sie jene, die zu weit gehen. Ihr unbewusstes Ziel ist ein Planet, der für das Leben bereit ist. Stehen die Menschen diesem Ziel im Weg, werden sie mit der gleichen Mitleidlosigkeit eliminiert, mit der das Elektronengehirn einer atomaren Interkontinentalrakete sein Ziel ansteuert.“

    Da schreibt er Gaia selbst einen Willen zu und hat sich von seiner Idee verführen lassen – bzw. den alten Bildern, die in unserer westlichen Kultur über die „Unbarmherzigkeit der Natur“ seit Jahrhunderten lebendig sind. Es ist im Grunde genau das Denken, das er mit seiner Gaia-These kritisiert. Wir stehen der belebten Welt nicht als Macher und nicht als Feinde gegenüber.

    Wir haben nicht mal Macht über sie, sondern werden jetzt wahrscheinlich die harte Lektion lernen müssen, dass wir nur dann überleben, wenn wir diese Gesamtheit des Lebens, die Gaia ist, erhalten, respektieren und stärken. Und uns also anpassen. Was uns ja seit der Bibel so völlig fremd ist. Sind wir denn nicht die Krone der Schöpfung? Dürfen wir uns die Welt denn nicht untertan machen?

    Dürfen dürfen wir schon – mit allen Konsequenzen, von denen die zentrale natürlich ist, dass wir damit die lebendige Erde zerstören. Und zwar viele Millionen Jahre vor ihrer Zeit. Wir müssen tatsächlich lernen, wie Gaia sich selbst reguliert. Das sind Prozesse, die natürlich weit über ein Menschenleben hinausreichen. Wir können ja gerade mal die 10.000 Jahre menschlicher Zivilisation einigermaßen erfassen.

    Wir leben und verändern in einer rasenden Geschwindigkeit, die für Gaia möglicherweise einer echten Katastrophe gleicht – vielleicht dem Einschlag eines Riesenmeteoriten. Solche gab es zu Dutzenden in der Erdgeschichte. Und jedes Mal hat sich das Leben nach riesigen Verlusten wieder erholt. Ob das nach den Menschen wieder so sein wird – der Zweifel ist groß.

    Trotz des nun seit 50 Jahren diskutierten Gaia-Prinzips sind wir, was das Begreifen des vom Leben geformten Planeten Erde betrifft, noch ganz am Anfang. Und die Zeit läuft uns davon, denn die Narren und Bequemen unter uns machen ja immer weiter mit der Zerstörung dieser sensiblen und einzigartigen Welt.

    Nur in Frankreich scheint man da im Begreifen schon einen Schritt weiter zu sein. „Französisches Parlament will Straftatbestand ,Ökozid‘ festschreiben“, meldete der „Spiegel“ am 17. April. Wir müssen tatsächlich damit beginnen, Gaia vor denen zu retten, die ihre Zerstörung nur für einen lässlichen Unfall halten.

    James Lovelock Das Gaia-Prinzip, Oekom Verlag, München 2021, 24 Euro.

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