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Unser Planet im Klimawandel: Ein Buch, das alles erklärt, was wir zur Rettung unseres lebendigen Planeten wissen müssen

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    Der Oekom Verlag in München veröffentlicht nicht nur streitbare Bücher, die etwa den umweltschädigenden Umgang mit Böden, Städten, Pestiziden thematisieren, sondern auch genau die hilfreichen Bücher, die erklären, warum unsere aktuellen Umweltprobleme so brisant sind. Denn das alarmierende Berichten über Naturkatastrophen ist das eine. Aber zu wissen, wie sensibel unsere Lebenswelt auf menschliches Tun reagiert, ist viel wichtiger. Deswegen geht es in diesem dicken Buch um mehr als Klimawandel.

    Der Planet steht ja schon in der Überschrift. Und so mancher etwas ältere Zeitgenosse wird sich in letzter Zeit zumindest leise geärgert haben darüber, dass er damals in der Schule in den ganzen „schweren“ Fächern so schlecht aufgepasst hat. Braucht man ja nicht fürs Leben, oder? All dieses schwere Wissen über Physik, Chemie, Biologie, Geografie und Astrophysik?Vielleicht liegt es ja auch an der Vermittlung in den Schulen, wo alles zerhackstückt und in Lerneinheiten portioniert ist und selten etwas zusammenfließt, schon gar nicht zu einem ganzheitlichen, wissenschaftlichen Bild von der Welt. Dazu sind die Fächergrenzen zu starr und die Vorstellungen, die Kinder müssten alle Ingenieure werden, zu fest verankert in den Köpfen der Kultusminister.

    Es ist leider so, dass dem einmal ganzheitlich gedachten humanistischen Bildungsansatz bis heute kein ganzheitlicher Bildungsansatz auf naturwissenschaftlicher Grundlage gefolgt ist, mit dem am Ende doch nicht so erstaunlichen Ergebnis, dass eine Menge Leute nicht wirklich verstehen, was da gerade in unserer Atmosphäre passiert.

    Also ab zu den Grundlagen. Und wer sich dieses 460 Seiten dicke Buch zulegt, hat die Grundlagen. Wahrscheinlich könnten auch viele Lehrer der oben erwähnten Fächer die üblichen Schulbücher einfach schreddern, weil es hier kompakter und im Zusammenhang steht, was jede Schülerin und jeder Schüler im Grunde wissen sollte, wenn sie und er die Schule verlassen.

    Das verraten nämlich die Klimatologen meistens auch nicht, wenn sie zumeist ziemlich unwissenden Reportern zu erklären versuchen, was da gerade abgeht, dass die Grundlage aller Grundlagen nun einmal ist, zu verstehen, was unser Planet eigentlich im Kosmos ist, welche Rolle die sehr speziellen Bedingungen im Sonnensystem spielen und wie dadurch überhaupt erst Leben möglich wurde.

    Und über dessen Entstehungsgeschichte sollte man auch das Wichtigste wissen, denn unser heutiges Klima ist eben nicht irgendwie so mitentstanden, als die Erde entstand. Es ist erst durch das Leben auf der Erde geformt worden. Angefangen vom hohen Sauerstoffanteil in der Atmosphäre bis zur Herstellung jenes klimatischen Gleichgewichts, das die Entstehung höheren Lebens erst ermöglichte. Und damit auch der Menschen. Worüber ja schon James Lovelock 1988 sehr bildhaft schrieb, als er sein „Gaia-Prinzip“ veröffentlichte. Und in den Köpfen der besten Wissenschaftler ist da längst Denkstandard.

    In den Köpfen der meisten Politiker und Reporter noch nicht. Die tun sich meist noch schwer mit dem Treibhauseffekt (Physik, Chemie und Geografie), den Bernhard Lichtberger natürlich ebenso ausführlich erläutert und mit Statistiken spickt wie die Erforschung früherer Klimazustände durch Sediment- und Eiskernbohrungen.

    Er geht auf das Magnetfeld der Erde ein (das uns vor den harten Sonnenstrahlungen schützt), auf die Corioliskraft und die Strömungen der Atmosphäre und der Ozeane, die dafür sorgen, dass wir jetzt ein paar jahrtausendelang sehr stabile Klimaverhältnisse hatten.

    Es ist eben nicht nur das Treibhausgas CO2, mit dem wir Unheil anrichten. Die Erde ist kein statisches System. Die Folgen unseres Feuerns auf Teufel komm raus zeigen sich an den unerwartetsten Stellen. Und völlig unterschätzt wird, wie sehr die Ozeane in den vergangenen Jahrzehnten den Hauptteil der Erderwärmung geschluckt haben. Der Wasserspiegel steigt eben auch, weil das erwärmte Wasser sich ausdehnt. Abschmelzende Pole und Gletscher kommen noch obendrauf.

    Lichtberger ist studierter Physiker und wollte einfach mal ein Buch schreiben, in dem alles steht, was man an Basics zum Klimawandel wissen muss. Und war dann selbst überrascht, wie viel das ist. Und dass man schon zu Beginn vom ganzen sensiblen System Erde erzählen muss. Das, was Lovelock auf den Begriff „Gaia“ brachte und was die Ungebildeten so erschreckt.

    Natürlich erfährt man da, wie genau die Geologen und Archäologen auch das Klima vor vielen Millionen Jahren rekonstruieren können. Und es gab Zeiten, da war es durchaus heißer als heute. Nur: Da gab es noch keine Menschen, waren riesige Landmassen überspült und riesige Kontinentalteile schlicht Wüste.

    Eine ähnliche Situation wie vor rund 3 Millionen Jahren, als die Entwicklung des Menschen gerade begann. In winzigen Gruppen, die durch die afrikanische Savanne zogen. Es folgten die Eiszeiten. Und erst vor rund 11.000 Jahren entstand das, was wir heute als Zivilisation kennen – mit einer stabilen Umgebungstemperatur.

    Die Erde müssen wir nicht retten. Die interessiert nicht, was auf ihr herumkrabbelt. Es sind unsere eigenen Lebensgrundlagen, die wir in Gefahr gebracht haben. Und den Zeitpunkt, dieses einmalig günstige Klima zu retten, haben wir schon verpasst. Ungefähr seit 1960 geraten alle wichtigen Parameter zusehends aus dem Gleichgewicht, der CO2-Anteil in der Atmosphäre vorneweg. Und zu Recht kann Lichtberber auch erzählen, seit wann die Wissenschaft erforscht hat, wie der Treibhauseffekt funktioniert. Und wie die Spitzenforscher seit den 1960er Jahren gewarnt haben.

    Doch die Warnungen wurden nicht ernst genommen. Nicht, als der Club of Rome sie aufnahm, nicht als die Staatengemeinschaft in Rio de Janeiro 1992 erstmals Beschlüsse fasste zur Klimarettung. Und danach wurde das Thema von ignoranten Politiker/-innern immer wieder abmoderiert, kleingeredet oder in Klimaschutzpläne gesteckt als Alibi, die nicht einmal ansatzweise eine Änderung des klima- und umweltschädlichen Verhaltens der Menschen bewirkten.

    Denn Lichtbeger zeigt ja auch, dass das Abholzten der Tropenwälder genauso in dieses „Programm“ der Klimazerstörung gehört wie die Monokulturen in der Landwirtschaft, die Massentierhaltung, der unsinnig hohe Verbrauch von Trink- und Grundwasser, die Zersiedelung der Landschaften und der irrsinnig gewordene Verkehr mit fossilen Gerätschaften.

    Wer das bisher im Kopf noch nicht zusammengedacht hat, dürfte wohl erst einmal schlucken. Aber nichts davon ist neu. Doch Menschen sind ja Künstler in der Ignoranz einer komplexen Wirklichkeit. Und wenn man sich schöne Ausreden erfinden kann, kann man auch so tun, als ginge einen das alles nichts an. Auch wenn sich so langsam der Gedanke einschleicht, dass man damit den Kindern und Enkeln eine Welt bereitet, die nicht nur katastrophal und heiß werden wird, sondern schrecklich.

    Denn das so notwendige Ziel, die Erwärmung der Atmosphäre auf 1,5 Grad überm langjährigen Durchschnitt einzugrenzen, haben wir längst verpasst. Es wird immer noch drauflosgefeuert, als gelte es, die Maschine zur Explosion zu bringen. Und die simpelste Untersuchung selbst der deutschen Klimaschutzpläne zeigt, dass sie schlicht nicht genügen, auch nur das 2-Grad-Ziel einzuhalten.

    Aber jedes Zehntel mehr bedeutet nun einmal: mehr Dürren, mehr Flutkatastrophen, mehr Wirbelstürme. Die Zahl der weltweit registrierten Naturkatastrophen hat sich in den vergangenen 50 Jahren verfünffacht. Auch das ist ein Fakt.

    Genauso wie das Wirken all der Klimaschutzorganisationen, die seit Jahren warnen und mahnen oder – wie Greenpeace – mit spektakulären Aktionen auf die Klimasünder aufmerksam machen. Natürlich stellt Lichtberger auch ihr Wirken vor, genauso wie die nun jahrzehntealte Verweigerungsgeschichte der Politik und die möglichen drohenden Folgen, wenn Kipppunkte erreicht werden und Prozesse in Gang kommen, die keine der nächsten Generationen wieder zurückdrehen kann.

    Dann nimmt die Erderhitzung erst richtig Fahrt auf und die Heißzeit, in der dann eine Zivilisation, wie wir sie heute kennen, nicht mehr funktioniert, kommt mit aller Wucht.

    Aber – ganz will auch Lichtberger die Hoffnung nicht fahren lassen – noch sind wir in einem denkbar kurzen Zeitabschnitt, in dem wir das Allerschlimmste (vielleicht) noch verhindern können. Die heute schon entwickelten Möglichkeiten einer echten Klimaneutralität bis hin zu den möglichen Ansätzen, das CO2 wieder aus der Atmosphäre zu bekommen, schildert er ebenso akribisch, wie er eine Menschenwelt schildert, in der wir endlich lernen, mit den Ressourcen unserer Welt im Einklang zu leben.

    Entstanden ist so tatsächlich ein Handbuch, das seinen Namen verdient und so ziemlich alle Antworten enthält, die man sucht, wenn man mit den Folgen und Problemen des Klimawandels zu tun bekommt. Samt den nötigen Formeln für all die, die wissen wollen, wie Wissenschaftler alles berechnet haben, etwa zum Energiefluss und zur Strahlungsdichte und welchen Einfluss die Strahlungszyklen der Sonne hat.

    Ein sehr nützliches Buch, wenn einem wieder Leute mit komischen Zweifeln am menschgemachten Klimawandel kommen und dabei so tun, als wären ihre Zweifel sogar wissenschaftlich begründet. Hier kann man nachschlagen, alles ist ordentlich in Kapitel sortiert, gut verschlagwortet und auch noch mit Empfehlungslinks zu all den Websites bestückt, wo man sich jederzeit aktuell und profund informieren kann.

    Denn eins ist Fakt: Stellt sich die Menschheit weiter so dumm, war’s das. Dann wird diese einzigartige Zivilisation einfach verbrennen, verdorren, vergehen. Die Zukunft hat eine wissenschaftliche Basis oder gar keine.

    Und natürlich diskutiert Lichtberger auch alle möglichen obskuren Vorschläge diverser Technologie-Gläubiger, die den Leuten immer noch versprechen, irgendwer würde schon die richtige Methode zum Terraforming finden. Aber nichts davon ist ohne unberechenbare Nebenwirkungen. Und meistens steht da die völlig ungelöste Frage, wann denn wer diese Technologien überhaupt jemals schaffen könnte.

    Und wer es einfach nicht glauben will, auch daran erinnert Lichtberger: Die erste Weltklimakonferenz fand schon 1979 statt. Das ist ziemlich genau der Zeitpunkt, an dem die Weltgemeinschaft das Ruder hätte herumreißen müssen, wenn man die schon heute sichtbaren Folgen der Klimaaufheizung hätte verhindern wollen.

    Aber das geschah eben nicht. Und es lässt sich nur vermuten, warum das so ist. Aber auch Lichtberger kann nur in den Raum stellen, dass es vielen Menschen eben nicht gegeben ist, die Folgen ihres Tuns wirklich ernst zu nehmen und zu begreifen. Da musste wirklich erst die schwedische Schülerin Greta Thunberg kommen und – weil sie diese Ignoranz im Angesicht der Katastrophe einfach nicht mehr aushielt – ihren Schulstreik fürs Klima beginnen.

    Wir sind wirklich an dem Punkt, an dem auch unsere gewählten Politiker/-innen lernen müssen, die ganze Komplexität unseres Lebens auf der Erde zu verstehen. Und danach zu handeln. Sie können sich das Buch auch zulegen. Da können sie jederzeit nachschlagen. Niemand kann mehr sagen, er hätte es nicht gewusst.

    Bernhard Lichtberger Unser Planet im Klimawandel, Oekom Verlag, München 2021, 32 Euro.

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