Zivilisationskollaps: Woher das gnadenlose Wachstumsdenken mit all seinen panischen Ängsten in unseren Köpfen kommt

Für alle LeserOb die Menschheit überlebt, das entscheidet sich jetzt. Nicht auf irgendeiner Konferenz mit mutlosen Staatsoberhäuptern, nicht in irgendeiner Konzernzentrale, nicht in einem Forschungslabor. Sondern in Ihrem Kopf. Nirgendwo sonst. Sie entscheiden, ob die Menschheit in einer Heißzeit verglüht, ob die Ökosysteme zusammenbrechen oder unsere Wirtschaftsgrundlagen. Ganz am Ende des Buches lässt Thomas Liebsch einen kleinen Hoffnungsschimmer zu. Einen ganz kleinen.

Die Frage, die sich der Kulturhistoriker in „Zivilisationskollaps“ gestellt hat, beschäftigt auch andere Menschen, die sich die ganze Zeit fragen, warum die immer lauteren Warnungen der Wissenschaft nichts daran ändern, dass die Weltgemeinschaft in einem immer rasanteren Tempo in ein ganzes Bündel von Katastrophen hineinwirtschaftet, von denen nur eines klar ist: Keine davon kann die menschliche Zivilisation überleben.

Nicht die Heißzeit, die das Erdklima unweigerlich und komplett verändert, wenn die so wichtigen Grenzpunkte von 1,5, maximal 2 Grad Klimaerwärmung überschritten sind. Nicht die Zerstörung der Artenvielfalt, von der wir erst in den letzten Jahrzehnten so richtig begriffen haben, wie abhängig wir davon sind. Nicht das Versiegen aller wichtigen Ressourcen, ohne die unsere global vernetzte Wirtschaft nicht funktioniert. Und damit auch nicht das Zusammenbrechen der Staaten, die alle über Nacht an die Grenzen ihrer Funktionsfähigkeit kommen, wenn die global vernetzte Wirtschaft zusammenbricht.

Man kann das alles ignorieren. Und gerade die Reichen und Mächtigen tun alles, um genau das zu suggerieren und den Hochdruck im Kessel zu halten, der mittlerweile fast acht Milliarden Menschen tagtäglich dazu bringt, die wahnsinnige Wachstumsmaschine immer weiter am Laufen zu halten. Obwohl die meisten darin todunglücklich sind, auch die Nutznießer in den Wohlstandsgesellschaften, denen das Mantra vom Wachstum regelrecht in den Kopf gehämmert wurde.

Sie geraten schon in Panik, wenn die Wirtschaftsinstitute auch nur andeuten, das Wachstum könnte stagnieren, die Wirtschaft schrumpfen … sofort sind die Bilder von Depression, Massenarbeitslosigkeit, Suppenküchen und Armut im Kopf.

Aber alle Daten zeigen, dass alle diese Katastrophen kommen werden, wenn die Menschheit nicht – quasi aus vollem Galopp – sofort innehält und ihre Zerstörung des Planeten Erde beendet. Jetzt. Vielleicht sind es noch fünf Jahre, die uns bleiben, das Ruder herumzureißen, vielleicht noch zehn. Vielleicht haben wir den Punkt der Umkehr auch schon überschritten und können die Katastrophen, die die meisten von uns noch zu Lebzeiten erleben werden, nur noch abmildern. Aber auch das müssten wir bewusst tun.

Nur: Warum tun wir es nicht?

Seit fast 50 Jahren liegen alle Fakten auf dem Tisch. 1972 veröffentlichte der Club of Rome die Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft „Die Grenzen des Wachstums“. Seitdem haben immer neue Studien, Forschungsreihen und Untersuchungen die Datengrundlage verbessert, wurde immer deutlicher, was es heißt, wenn eine auf grenzenloses Wachstum geeichte Weltwirtschaft auf einem Planeten stattfindet, der nicht nur ganz eindeutige Belastungsgrenzen hat. Und auf dessen seit 12.000 Jahren sehr stabiles Klima die Menschheit mit ihrer ganzen gefeierten Kultur und Zivilisation auch dringend angewiesen ist.

Denn nur dieses relativ stabile Klima des Holozäns ermöglicht unsere (moderne) Landwirtschaft und damit die Versorgung von fast acht Milliarden Menschen mit Nahrung. Selbst unsere Technologien und die komplette existierende Artenvielfalt sind auf dieses Klima angewiesen.

Dass unsere Technologie das Abkippen in eine Heißzeit nicht überleben wird, ist sicher. Die neuen Klimaextreme werden all unsere Infrastrukturen überlasten. Sie werden weite Gebiete der Erde unbewohnbar machen, gewaltige Flüchtlingsströme auslösen von Menschen, die nach Orten suchen, die überhaupt noch bewohnbar sind.

Das alles wissen wir. Doch bei jeder Wahl wählen wir wieder dieselben Politiker, die uns Wachstum und Wohlstand versprechen. Die uns versprechen, wir könnten weiter konsumieren wie bisher, Wohlstand und Beschäftigung gebe es nur, wenn das Bruttoinlandsprodukt immer weiter wächst und alle Menschen immer mehr Güter konsumieren.

Obwohl wir alle wissen, dass wir schon zur Mitte jeden Jahres so viele Ressourcen verbraucht haben, wie unser Planet Erde in einem Jahr reproduzieren kann. Wir fahren unsere Erde auf Verschleiß. Wohl wissend, dass in Lichtjahren Entfernung kein anderer Planet ist, auf den wir uns retten können. Wir zerstören den einmalig kostbaren Planeten, der weit und breit überhaupt Leben hervorgebracht hat. Und der auch den Menschen ermöglichte, mit all seinen Träumen von Fortschritt.

Aber das ist auch der Haken. Denn dafür, dass eine Zivilisation entstehen könnte, die von einem wilden und völlig entgrenzten Immermehr getrieben sein könnte, und binnen weniger Jahrzehnte alle Ökosysteme an den Rand des Kollapses bringen dürfte, dafür ist die Erde nicht eingerichtet. Und trotzdem hält sich dieses zivilisierte Tier gar noch für die „Krone der Schöpfung“. Und zwar seit 12.000 Jahren.

Wer begreifen will, warum der Mensch so tickt und für die Folgen seines Tuns dermaßen ignorant ist, der muss tatsächlich mit Thomas Liebsch an den Anfang der Zivilisation zurückgehen, an den Punkt, als sich die erste Menschengruppe entschloss, das über drei Millionen Jahre gelebte Dasein als Jäger und Sammler zu beenden. Ein Dasein, das dem Menschen zwar einige Kulturtechniken wie Feuer und Werkzeuge verschaffte. Aber in all der Zeit hörte der Mensch nie auf, naturverbunden zu sein. Er lebte im Einklang mit seiner Umwelt. Auch psychisch.

Etwas, was auch erst die Anthropologen des 20. Jahrhunderts herausfanden, die sich sehr darüber wunderten, dass die wenigen noch verbliebenen Naturvölker unter keiner der bekannten psychischen Belastungen litten, die für Bewohner der „Zivilisation“ fast schon normal sind. Obwohl die Menschen darunter leiden. Auch und gerade die Bewohner der reichen Wohlstandsgesellschaften, die praktisch immer kurz vor der Panik leben, in einem permanenten Zustand der Verlustangst.

Das Gefühl, dass alles unter ihren Füßen zusammenbrechen könnte, ist allgegenwärtig. Und noch viel heftiger wirkt die Angst, das Rennen zu verlieren, eines Tages nicht mehr mithalten zu können, von anderen ausgebootet zu werden und abzustürzen, durch alle Netze zu fallen.

Aber unser System ist doch so, erzählen einem dann die Hohepriester des Neoliberalismus. Wir können nicht einfach aufhören, weil dann unser ganzes Wirtschaftssystem zusammenbricht. Das auf Schuldenmachen aufgebaute Finanzsystem erst recht.

Ist der Mensch in seine eigene Denkfalle geraten?

In gewisser Weise schon, stellt Thomas Liebsch fest und nimmt seine Leser/-innen mit nach Göbleki Tepe, einem Hügel in Südostanatolien, wo in den letzten Jahrzehnten die älteste Siedlung der Menschheit ausgegraben wurde, ein regelrechtes Heiligtum mit aus Stein gemeißelte T-Pfeilern mit Tierdarstellungen, dessen älteste Schichten um die 12.000 Jahre alt sind, also zu einer Zeit vom Menschen geschaffen wurden, als sich die meisten Menschen noch als Sammler und Jäger in kleinen Gruppen in der Welt verteilten.

Hier aber entstand wahrscheinlich der Ackerbau, als die damaligen Bewohner der Region hier begannen, Einkorn anzubauen, um daraus für religiöse Zwecke Bier und Brot herzustellen. Liebsch diskutiert sehr ausgiebig die Frage, ob die frühen Ackerbauern zielstrebig begannen, die wilden Pflanzen anzubauen, oder ob es wirklich zuallererst religiöse Bedürfnisse waren, die diese Kraftanstrengung überhaupt erst ermöglichten.

Denn selbst die „Bibel“ erzählt noch Jahrtausende später davon, dass der frühe Ackerbau – verglichen mit dem Leben als Jagdgemeinschaft – ganz bestimmt kein Zuckerschlecken war, sondern richtig hart. Eine echte Zumutung.

Die sich auch die Menschen im Fruchtbaren Halbmond wohl nie angetan hätten, wenn es dabei nicht um religiöse Feste und Riten gegangen wäre. Dabei hätte es bleiben können, wäre die kurze Warmzeit, die den Fruchtbaren Halbmond aufblühem ließ, nicht durch eine kurze, aber katastrophale Rückkehr der Eiszeit beendet worden. Insbesondere die Jüngere Dryas muss für die Menschen in der Region des Zweistromlands wie eine unbarmherzige Laune der Götter gewirkt haben. Oder der Mächte der Natur, die man sich nicht erklären konnte.

Denn ganz genau wissen wir ja nicht, wann aus dem ursprünglichen Animismus, mit dem die Menschen sich eins fühlten mit ihrer natürlichen Umwelt, ein Theismus wurde, in dem sich die undurchschaubaren Mächte der Natur in Götter verwandelten, die man anbeten, beschwichtigen und mit Opfergaben verführen konnte. Ein Punkt, an dem der Mensch aufhörte, sich als Teil der Natur zu betrachten. Mit dieser frühen Religion begann er sich nicht nur als abgesondert von der lebendigen Natur zu sehen, als ein besonderes und auserwähltes Geschöpf, das mit den Göttern „reden“ konnte.

Er geriet auch in eine Denkfalle, die Thomas Liebsch in diesem Buch in vielen sehr intensiven Schleifen einzukreisen versucht. Denn die harte Zeit der Jüngeren Dryas zwang die Menschen auch, sich einen Ersatz für die verschwindenden Gaben der Natur zu schaffen. Dieser Ersatz war die Landwirtschaft, die aus einer freiwilligen Plage für die Religion zum rettenden Strohhalm zum Überleben der harten Zeiten wurde.

Mit Folgen, die auch Wirtschaftswissenschaftler nie so richtig im Visier hatten. Weshalb Liebsch am Ende des Buches auch feststellten kann, dass wir uns immer die falsche Geschichte erzählt haben – eine Geschichte von Siegen, Fortschritt, Entdeckungen und Eroberungen. Der Mensch als ewiger „Sieger der Geschichte“.

Nur dass er sich gerade zu Tode siegt.

Und dass die Geschichte nicht stimmt. Was ja die Archäologen in den letzten Jahrzehnten weltweit ausgraben durften: Die Menschheitsgeschichte ist nämlich auch die Geschichte untergegangener Zivilisationen. Und sie sind nicht auf mythische Weise untergegangen, sondern ganz real – durch Dürren, Kollaps der Ökosysteme, Zusammenbruch all der technischen Errungenschaften, die ohne eine intakte Natur nicht mehr funktionieren. Das alles passierte regional und in Zeiten, wo der Untergang dieser Zivilisationen nicht gleich als Meldung digital um die Erde rauschte.

So lernte auch keiner was draus. Es dauerte wirklich bis ins 20. Jahrhundert, bis die Wissenschaft überhaupt die Grundlagen schuf, zu erkennen, wie die menschliche Zivilisation auf die Systeme der Erde wirkt, welchen Einfluss der Mensch mit seinem Tun hat und wo die Grenzen der Belastbarkeit der Ökosysteme liegen. Ungefähr bis 1972. Seitdem wissen wir das alles, haben die verschiedenen Wissenschaften nur immer mehr Erkenntnisse zum Artensterben, zu Wasserkreisläufen, Treibhauseffekt, Belastbarkeit der Meere, Ökosystemleistungen der Wälder usw. zusammengetragen.

Der Zugewinn durch die neue Technologie Landwirtschaft wurde zum Fluch. Denn die Landwirtschaft machte Leben zwar zur Plage und hinterließ bis ins Christentum die Erinnerung an die lange Verzweiflung darüber, dass man das Paradies verloren hatte, in dem es keine Arbeit und Plage gab und der Acker nicht verflucht war. Aber sie brachte mit der Zeit auch mehr Nahrung hervor, machte Menschen sesshaft, erhöhte die Geburtenzahl und damit die Bevölkerungszahl, sodass die ersten Dorfbewohner schon bald die erste Überbevölkerung erlebten.

Mit der Landwirtschaft kam das Besitzdenken, kam der Kampf um Grund um Boden, entstanden Staaten, Gesetze, Herrscher, Städte. Sie brachte das Wachstum in die Köpfe der Menschen, die gar nicht merkten, wie diese neue Technologie sie dazu zwang, immer mehr zu produzieren, immer mehr Land zu gewinnen, immer mehr Wälder zu roden und immer mehr Konflikte mit den Nachbarn auszutragen, denen es genauso ging.

So kam der Krieg in die Geschichte, kamen Geiz und Gier und permanente Verlustangst. Stets waren die Ernten bedroht, ging die Sorge um, ob man genug Vorräte für den Winter hatte, und dass man sich gegen Feinde würde wehren müssen. So kam auch das Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken in die Welt, kamen der Rassismus und die Gruppenfeindlichkeit. Denn da fruchtbare Böden immer ein knappes Gut waren, standen sich seitdem immer wieder Menschengruppen feindlich gegenüber, kämpfte man bis aufs Blut um Land, Wasser und Bodenschätze.

Die neue Technologie pflanzte das Wachstumsdenken tief ein in unsere Kultur. Und es machte das Konkurrenzdenken auch zur Grundlage der neuen Religionen. Religionen, die über Jahrtausende nicht nur die Angst der Menschen dämpften, diesem Druck nicht standhalten zu können, sondern auch ihre Verzweiflung, unter so harten Bedingungen für das tägliche Brot schuften zu müssen und dabei auch noch einer strengen Herrschaft dienen zu müssen.

Historiker haben die harten Zumutungen der neuen Technologien und die Zwänge, denen die meisten Menschen ausgesetzt waren, meist unterschätzt, meist lieber beiseite gelassen und sich mit salbungsvollen Worten lieber den berühmten Herrschern und ihren Schlachten gewidmet, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, warum diese Schlachten geführt wurden und sich die Menschen gegenseitig abmetzelten.

Und auch heute am liebsten abmetzeln würden, wenn sie das Gefühl haben, dass ein anderer ihren Anteil am Wohlstand gefährdet. Gar einer mit anderer Hautfarbe.

Rund 12.000 Jahre ging das gut, bot die Erde genug Raum für dieses permanente Wachstum der menschlichen Zivilisation, eroberte der Mensch alle Räume, in denen er Landwirtschaft betreiben, fischen, Ressourcen abbauen konnte, Städte bauen, Straßen und Kraftwerke. Nicht ahnend, wie tief er dabei in sensible Ökosysteme eingriff.

Doch seit Jahren wissen wir, dass er dabei die Grenzen des Wachstum längst erreicht hat. Mehr geht nicht, wenn das fragile Gleichgewicht der Ökosysteme und des so hilfreichen Holozän-Klimas nicht zusammenbrechen sollen. Gerade beim Klima wissen wir, dass wir keine Zeit mehr haben, unseren CO2-Ausstoß drastisch zu senken. Und das trifft auf unsere Ernährungsweise, die die Ressourcen anderer Länder plündert, genauso zu wie auf unser Kaufverhalten bei sämtlichen Konsumgütern.

Und vorsichtige Änderungen helfen nichts mehr.

Sieben Szenarien schildert Thomas Liebsch in der Bilanz seiner tour de force durch die 12.000 Jahre Zivilisationsgeschichte, wie die Menschheit diesen zur Katastrophe kulminierenden Entwicklungen begegnen könnte. Zwei führen direkt in die Katastrophe (und die Weiter-so-Variante gehört dazu), und von den fünf, die übrig bleiben, bergen vier weiteres Potenzial für neue katastrophale Entwicklungen oder würden (wie die Degrowth-Bewegung) viel zu lange brauchen, um weltweit eine Änderung zu bewirken.

Fast als einzig sinnvolle Alternative bleibt dann ausgerechnet diejenige, die die meisten Menschen fürchten: die Öko-Diktatur, in der den ach so freien Konsumenten die meisten Freiheiten genommen werden und sie mit Gewalt dazu gebracht werden, sich endlich naturverträglich zu verhalten.

Keine schönen Aussichten.

Aber tatsächlich legt Liebsch den Leser/-innen eine achte Variante ans Herz: die Gelegenheit zu nutzen, unser Denken wieder – wie vor 12.000 Jahren – komplett zu ändern, das Krankmachende am antrainierten Wachstumsdenken zu erkennen und uns die Freiheit zu nehmen, diesen Wahnsinn nicht mehr mitzumachen, stattdessen wieder all die Dinge zu tun, die wir so heillos vermissen und die uns all der wilde Konsum nicht geben kann.

Und dazu gehört auch zentral ein einfühlsames Verhältnis zur Natur, zum kostbaren Planeten Erde, zur Wildnis, zu den Resten dessen, was wir übrig gelassen haben von der faszinierenden Vielfalt, in der wir Jahrmillionen unterwegs waren. Denn die Wachstumstheologie ist auch voller Verbote, die nur kaum einer sehen mag. Und zuallererst verbietet sie Mitgefühl, Rücksicht, Respekt. All die Dinge, die uns in Einklang bringen mit uns selbst, unseren Nächsten und der lebendigen Welt.

Und wer noch immer glaubt, ihm werde etwas weggenommen, wenn er seinen ökologischen Fußabdruck verkleinert und alle Besitztümer abschafft, die die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen bedingen, der hat noch nie darüber nachgedacht, was das Wachstums- und Wettbewerbsdenken in unseren Köpfen anrichtet. Wie tief es sitzt und wie eng es mit den falschen Kategorien von Besitz und Reichtum verknüpft ist.

Es liegt in unser aller Hand, diese Last abzuwerfen. Jeder kann seinen Fußabdruck berechnen und weiß, was sich eigentlich komplett verbietet, wenn er sich noch ehrlich im Spiegel ansehen will. Es gibt keine Ausreden mehr. Wenn wir unsere Vernunft als vernunftbegabtes Geschöpf beweisen wollen, dann ist das jetzt, in dem Moment, in dem wir unseren eigenen Hintern retten können. Und das wird nicht mit Technologien geschehen (die allesamt noch nicht existieren) und auch nicht durch die viel gepriesene Künstliche Intelligenz.

Das wird nur dadurch geschehen, dass wir wieder vernünftig leben, respektvoll vor der einmaligen Natur, ohne die wir nicht existieren können. Indem wir also unser Denken ändern. Ein „gutes Leben“ kann man nicht kaufen. All die Wohlstandsgüter beruhigen uns nicht, mindern nicht die Ängste und schaffen schon gar kein emotionales Feld, in dem wir uns wieder geborgen fühlen. Im Gegenteil: Sie steigern die völlig irrationalen Ängste vor Verlust und Kriminalität.

Aber bevor ich das ganze Buch erzähle, in dem Thomas Liebsch in immer neuen Schleifen immer wieder auf die entscheidenden Punkte zurückkommt, zitiere ich ihn lieber noch ein bisschen: „Erst wenn wir die Kraft dazu finden, aus dieser erfundenen Parallelwelt auszubrechen und die naturwissenschaftlichen Realitäten unseres Planeten und seine Bedrohungen anzuerkennen, hätten wir noch eine Überlebenschance.“

Und ein paar Seiten später: „Oder nehmen wir das Risiko des unbequemen Umbruchs auf uns, überwinden alle gemeinsam den absurden Wachstumszwang und passen durch eine gerechte, solidarische Wohlstandsreduzierung unseren Lebensstil an die planetaren Realitäten an, wodurch wir die Chance gewinnen könnten, zusammen gut weiterzuleben. Noch haben wir zwischen beiden Optionen die Wahl.“

Und es sind wir selbst, die sich ändern können, dürfen und müssen. Von unseren sogenannten Eliten, die immer vom erwirtschafteten Reichtum profitierten, können wir ein Umdenken nicht erwarten. Wir müssen uns selber retten. Und wir können es. Noch haben wir es alle in der Hand.

Thomas Liebsch Zivilisationskollaps, Oekom Verlag, München 2020, 24 Euro.

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