Der Titel des Buches klingt nicht ganz grundlos so, wie ein Großteil unserer Zeitgenossen über Klima, Politik und ihr eigenes Verhalten denkt. Wir leben in einer Gesellschaft, die den Eigennutz propagiert und die Menschen dazu erzogen hat, eigennützig zu agieren. Genauso wie der homo oeconomicus als Typ des rationalen Marktteilnehmers. Warum sollte das in Klimafragen anders sein?

Und es ist auch nicht anders. Achim Warmbach weiß es. Der Physiker und Ökonom ist seit 2016 Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Das Institut forscht nicht nur, sondern berät auch die Politik. Denn die muss ja den Plan machen, wie wir es noch irgendwie schaffen, die Klimaerhitzung in den Griff zu bekommen. Und schafft es aber irgendwie nicht. Ein Klimagipfel nach dem anderen geht vorbei und die Versprechen danach sind immer riesengroß – die Umsetzungen aber sind mangelhaft, zögerlich. Irgendwie funktioniert es nicht.

Sind also die Menschen schuld, die es nicht wollen? Die zu doof sind zu kapieren, in welche Katastrophe wir hineinrasen? Oder sind wir alle Selbstmörder?

Greenwashing mit dem CO₂-Fußabdruck

Wambach beginnt sein Buch mit einer Erkenntnis, die ihn auch als Volkswirtschaftler überrascht hat. Dass nämlich der so oft auch und gerade von Umweltschutzakteuren benutzte CO₂-Fußabdruck ganz und gar keine Erfindung von Umweltschützern war, sondern des Mineralölkonzerns BP, der ihn 2003 entwickelt hat, um „das Image des Konzerns zu verbessern“ und die Verantwortung für die Zerstörung des Klimas dem einzelnen Menschen zuzuschieben. Wikipedia nennt es einen „Versuch, die Wahrnehmung der Verantwortung für die globale Erwärmung von der fossilen Energiewirtschaft hin zum individuellen Verbraucher zu lenken“.

Der Konzern, der sich mit der Verbrennung von Ölderivaten eine goldene Nase verdient, schuf sich damit ein grünes Image und die Menschen begannen, die Klima-Zerstörung als individuelle Schuld zu verinnerlichen. Und sich immer neue Dinge auszudenken, ihren persönlichen „carbon footprint“ zu verringern – durch Kompensation von Flügen, Kauf von E-Autos, vegetarische Ernährung, Plastikverzicht, Veränderung des Mobilitätsverhaltens, Kauf energiesparender Geräte und so weiter.

Und das Ergebnis ist: Sie verzweifeln und scheitern. Kaum einer schafft es, seinen Fußabdruck tatsächlich klimafreundlich zu machen. Und die Staaten erst recht nicht. Alle Appelle nützen nichts. Selbst der Ausbau von Windkraft und Solar geriet ins Stocken.

Kein einziges Programm der vergangenen Jahre lässt auch nur hoffen, dass Deutschland seine selbstgesetzen Ziele von Paris 2015 erreicht, erst recht nicht die Ziele des „Osterpakets“ von 2022. Es ist, als würden die seit 2018 demonstrierenden Jugendlichen von Fridays For Future gegen Wände rennen und gegen taube Ohren schreien.

Energiemärkte kennen keine Grenzen

Es waren auch bei Wambach die Kinder, die ihn zum Nachdenken brachten darüber, warum das alles nicht funktioniert. Warum all die klimafreundlichen Bestrebungen und Selbstverpflichtungen nichts gebracht haben und der weltweite CO₂-Ausstoß sogar unvermindert steigt, statt zu sinken.

Und da bringt Wambach natürlich etwas ins Spiel, was man nur zu gern vergisst, weil es so unbequem ist: Man kann ein wirtschaftliches System nicht ändern, wenn man nicht berücksichtigt, wie es funktioniert. Und das System ist nun einmal eine Marktwirtschaft. Politik kann Märkte zwar regulieren, sie kann aber nicht die Gesetze aufheben, die dort gelten.

Sie kann nur Regeln vorgeben, Regeln, die durchaus größere Änderungen bewirken können – wenn es die richtigen sind. Und die meisten Regeln, die die deutsche Politik zum Klimaschutz erlassen hat, funktionieren nicht. Jedenfalls nicht so, wie es sich der Gesetzgeber gedacht hat.

Wambach untersucht mehrere dieser Fälle, in denen der gute Wille unübersehbar war. Und die trotzdem nicht die notwendigen Senkungen des CO₂-Ausstoßes brachten. Seien es Aktionen zum Ökostrom, Kompensationen für Flugreisen oder Solaranlagen auf allen Dächern. Wobei er die Bemühungen gerade der Kommunen durchaus zu würdigen weiß. Insbesondere die der Stadt Bottrop, mit einem ambitionierten Klimaprogramm den CO₂-Ausstoß für die Stadt deutlich zu senken. Aber Bottrop macht dieselben Erfahrungen wie Leipzig. Es ist, als renne man gegen Windmühlen an.

Was mit etwas zu tun hat, was alle fast immer vergessen: Dass die deutsche Energieproduktion keine Insel ist. Sie ist über Märkte und Leitungen mit der ganzen restlichen EU direkt verbunden, genauso wie bei der Beschaffung fossiler Energieträger mit den Energiemärkten weltweit.

Und bis zum Februar insbesondere mit Russland. Solche Märkte verändert man nicht, wenn man bei sich selbst die Kohlekraftwerke stilllegt und die Leute auffordert, sich Balkonsolaranlagen zuzulegen.

Wenn Emissionsrechte zu billig sind

Auf diesen Märkten agieren Unternehmen, die allesamt Gewinn machen wollen, die sich also immer auch die preiswerteste Energie besorgen und selbst ein Instrument wie die CO₂-Bepreisung zu einem Markt machen. Denn die CO₂-Zertifikate der EU sind handelbar. Jeder kann sie kaufen und verkaufen. Der Preis entsteht – wie bei Strom – an der Börse. Und wenn es viele Zertifikate gibt und viel billige Energie, sind auch die Zertifikate billig.

Was fossilen Konzernen problemlos möglich machte, diese Emissionsrechte billig zu kaufen, wenn jemand sie anbot. Und jahrelang waren diese Emissionsrechte billig. So billig, dass z.B. Kohlestrom trotzdem billiger war als Strom aus Windkraft und Solar. Die Unternehmen zahlten sogar dafür, dass andere ihren zu viel produzierten Strom kauften, weil das billiger war, als die Kraftwerke für die Nacht herunterzufahren.

Und ein Effekt wirkte völlig gegen jede intendierte Absicht: Der Ausbau von Windkraft und Solar machte die Zertifikate ebenfalls billiger. Denn für erneuerbare Energie braucht man ja keine Zertifikate. Die kann also jemand anders kaufen. Und wenn viel erneuerbare Anlagen gebaut werden, sind viele Zertifikate im Markt. Sie bleiben also billig.

Zumindest bis zu dem Tag, an dem die gewollte Verknappung der von der EU ausgegebenen Zertifikate tatsächlich dazu führt, dass der Preis für sie an der Börse steigt. Für Wambach sind diese Zertifikate inzwischen der beste Beweis, dass ein klug gewähltes Mittel der Marktregulation („Marktdesign“ nennt er es) tatsächlich dazu führt, dass sich Märkte verändern. Seit 2018 ist der Preis für CO₂-Zertifikate drastisch gestiegen, hat sich von unter 10 Euro pro Tonne CO₂ auf bis zu 80 Euro erhöht.

Auch wenn da noch etwas fehlt, wie Wambach berechtigt feststellt. Es geht nicht nur um die Energiewirtschaft. Alle Wirtschaftsbereiche, in denen fossile Energie verbrannt wird, brauchen so einen Zertifikatehandel. Überall muss die klimaschädliche Wirkung der benutzen Energieart eingepreist werden.

Die Unternehmen selbst müssen Lösungen finden

Dann tritt nämlich der Effekt ein, der die Märkte dazu bringt, genau das zu erzwingen, was sich die Politik wünscht: alle klimaschädlich hergestellten Produkte deutlich zu verteuern und damit klimaneutral hergestellte Produkte wettbewerbsfähig zu machen. Wobei der Effekt seit 2018 auch noch einen anderen Grund hat, denn der steigende weltweite Verbrauch fossiler Energieträger hat ebenfalls die Preise für Gas und Öl massiv steigen lassen. Gestiegene Nachfrage trifft auf begrenzte Ressourcen. Nie war der Zeitpunkt günstiger, um jetzt alle Unternehmen dazu zu animieren, auf eine klimaneutrale Produktion umzustellen und in erneuerbare Energien zu investieren. Erst einmal auf europäischer Ebene, denn bislang gibt es den Zertifikate-Handel nur in der EU. Und mit 10 Prozent Anteil am globalen CO₂-Austoß ist die EU auch zu klein, um damit die Entwicklung in der Welt irgendwie zu beeinflussen.

Dazu müssten schon viel mehr Länder mitmachen. Eine Art Klimaklub, in dem sich die großen Player zusammentun, um gemeinsam einen wirksamen Zoll auf alle klimaschädlich hergestellten Produkte zu schaffen und gleichzeitig die eigene Wirtschaft klimaneutral zu machen. China, die USA und Europa müssten schon dabei sein, betont Wambach, auch wenn ihm bewusst ist, wie schwer sich China mit solchen Kooperationen tut. Aber auch China hat sich verpflichtet, bis 2060 klimaneutral zu werden, die USA wollen es – wie die EU – bis 2050 schaffen.

Ein Alleingang der EU würde wohl eher schiefgehen und viele energieintensive Unternehmen dazu bringen, ihre Produktion dahin zu verlagern, wo Energie noch billiger ist. An der Klimabilanz würde das nichts ändern. So wenig, wie der Ausbau von alternativen Energien in Deutschland bisher etwas an der klimaschädlichen Bilanz Europas geändert hat.

Klimazerstörung muss eingepreist werden

Wobei Wambach richtig anmerkt, dass die Wirtschaft in den USA, Europa und Kanada in den vergangenen 20 Jahren gewachsen ist, ohne dass der CO₂-Ausstoß wieder gewachsen wäre – anders als in Asien, das mittlerweile die größten Emissionen auf seinem Konto zu verbuchen hat. Wirtschaftswachstum ist also nicht mehr direkt an fossile Verbrennung gekoppelt. Und mit einer Bepreisung aller fossilen Anteile in der Produktion lässt sich sogar die völlige Entkoppelung schaffen.

Aber genau dafür braucht man (wieder) eine internationale Klimapolitik. Denn natürlich haben auch Länder wie China ein Interesse daran, dass das Klima sich nicht in eine völlig unbeherrschbare Richtung entwickelt. Genauso wenig wie daran, dass es seine Produkte nicht mehr in die EU exportieren kann. Es ist nun einmal ein globaler Markt, auf dem wir handeln. Und konsumieren.

Ganz zum Schluss kommt Wambach natürlich noch einmal auf den Konsumenten zurück, der schlichtweg keine Übersicht haben kann darüber, was wo unter welchen Bedingungen produziert wurde. Es brauche nun einmal klar ausgewiesene CO₂-Preise, die den Käufer am Ende darüber informieren, was er da kauft und welchen CO₂-Rucksack das Produkt hat.

Dann erst fällt die Entscheidung für einen nachhaltigen Konsum leichter. Und es ist absehbar, dass sich gerade klimaschädliche Produkte massiv verteuern würden, denn sie sind heute deshalb so billig, weil die Naturzerstörung bei ihrer Produktion schlichtweg nicht eingepreist wurde.

Der Käufer würde also nicht nur sehen, wie klimaschädlich das Produkt ist, sondern auch wissen, welcher Preis für die Klimazerstörung gezahlt werden muss. Ganz real – an der Kasse. Dann wird der Wettbewerb auch wieder fairer und wird nicht mehr auf Kosten unseres Klimas ausgetragen. Hier kommt dann der Spruch vom Buchtitel zum Tragen, denn dann „lohnt es sich“, Produkte zu kaufen, die klimaschonend hergestellt wurden. Und es zwingt Unternehmen regelrecht dazu, nach Alternativen für die klimazerstörende Produktion zu suchen und dahinein zu investieren.

Vielleicht war 2021 die Zeitenwende

Gerade die aktuelle Gaskrise macht das ja deutlich: Der horrende Gaspreis zwingt immer mehr Unternehmen, sich vom (russischen) Erdgas unabhängig zu machen und erneuerbare Lösungen vor Ort zu finden, um die Kosten im Griff zu behalten.

Die Politik hat also durchaus Mittel, die Märkte im klimafreundlichen Sinn zu beeinflussen und die Ressourcen, die jetzt wirklich verloren geht, nämlich ein menschlich aushaltbares Klima, einzupreisen in alle Produkte und Dienstleistungen. Die Unternehmen, so Wambach, werden reagieren müssen, wenn sie wirtschaftlich noch erfolgreich sein wollen.

Er nennt es „ökonomische Vernunft“. Aber vielleicht ist es auch nur einfach die Konsequenz zu akzeptieren, dass man die Gesetze einer Marktwirtschaft auch mit gutem Willen nicht außer Kraft setzen kann, sondern nutzen muss, um die Marktakteure zu anderen Kalkulationen und anderen Verhaltensweisen zu bringen. So, dass es sich „für sie lohnt“, so zu handeln. Und das Verbrennen fossiler Energieträger schlichtweg zu nicht mehr bezahlbaren Risiko wird.

Denn es sind die Makrostrukturen, die bestimmen, ob die Energiewende gelingt. Der Einzelne kann wenig machen, auch wenn einige Leute jetzt an ihrer ganz privaten Energieautarkie basteln. Aber das kann sich die Mehrheit gar nicht leisten. Die Mehrheit ist darauf angewiesen, dass sich die Makroverhältnisse ändern. Daran muss Politik arbeiten. Und sie hat durchaus Mittel dazu, die funktionieren können.

Und zuversichtlich ist Wambach auch, was verblüfft. Er hält das Jahr 2021 für das Jahr, das vielleicht einmal als großes Jahr der Richtungsänderung genannt wird. Wofür er nicht unbedingt die aktuelle Bundesregierung nennt, die ja durch den Krieg in der Ukraine gezwungen ist, erst einmal ganz andere Brandherde zu löschen. Aber er hält das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom April 2021 für einen entscheidenden Wendepunkt, das endlich die Interessen der jüngeren Generationen in den Mittelpunkt gerückt hat und die aktuell regierenden Generationen dazu verdonnert, ihre Politik so auszurichten, dass den kommenden Generationen nicht die unbezahlbare Bürde eines zestörten Klimas aufgehalst wird.

Achim Wambach „Klima muss sich lohnen“, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2022, 16 Euro.

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