Das ist ein Buch für alle, die endlich nüchtern werden wollen, die Welt so sehen wollen, wie wir sie zugerichtet haben. Und die sich auch von den falschen Versprechungen, wir würden die Heißzeit vielleicht mit toller neuer Technologie vermeiden, nicht mehr einlullen lassen wollen. Denn auch Deutschland wirtschaftet nach wie vor so, dass wir sehenden Auges mitten in die Heißzeit rasen – mit einer Temperaturerhöhung von 3 Grad.

Darum geht es besonders im ersten Teil des Buches, das Klaus Wiegandt, Stifter und Vorstand der Stiftung „Forum für Verantwortung“, unter Mitarbeit mehrerer kompetenter und bekannter Forscher/-innen zusammengestellt hat.

Eigentlich fehlt in dieser illustren Runde nur noch Mojif Latif, dessen Buch „Heißzeit“ 2020 erschien. Und das dennoch noch nicht Paukenschlag genug war, um die deutschen Wähler aus ihrer Selbstgefälligkeit zu reißen.

Die Ignoranz der Wohlstandsmenschen

Was natürlich auch mit den deutschen Medien zu tun hat, die in einigen Beiträgen ihre verdienten Watschen bekommen. Denn es gibt zwar die Zeitungen und Sendungen, die sich intensiv und tiefgründig damit befassen, wie sich unser aller Leben verändert, wenn sich die Erdatmosphäre nur um die 1,5 Grad erwärmt, die in Paris 2015 als Grenzwert definiert wurden. Die auch davor warnen, was passiert, wenn es 2 Grad oder noch mehr werden.

Aber das wird durch eine alte Berichterstattung immer wieder konterkariert, die den Deutschen einredet, an ihrem Leben im klimaschädlichen Wohlstand müsse sich nichts ändern. Und so schizophren wie die Wohlstandsberichterstattung ist dann auch die Politik, die selbst bei steigenden Energiepreisen lieber die Milliarden zum Fenster rausschmeißt, damit das Wählervolk nur ja nicht unmutig wird. Oder gar panisch, wie Greta Thunberg einst forderte.

Die auch vier Jahre nach Beginn ihrer „Schulstreiks fürs Klima“ recht hat. Viel mehr recht als all die alten Narren, die das Mädchen seither für inkompetent erklärt haben.

In diesem ersten Teil des Buches geht es eben nicht nur darum, was passiert, wenn sich die Atmosphäre um 3 Grad aufheizt und nicht nur um die 1,2 Grad, die es heute schon sind und die weltweit zu immer mehr Extremwetterereignissen und Katastrophen führen.

Die Nachrichten sind ja längst voll mit Bildern riesiger Waldbrände am Mittelmeer, riesiger Überschwemmungen in Australien und Kalifornien, zerbrechender Gletscher, zunehmender Dürren und immer neuer Rekordtemperaturen.

Auf dem Weg zum Wüstenplaneten

„Eine Erde, wie wir sie nicht kennen (wollen)“ nennt der Klimaforscher Stefan Rahmstorf das einführende Kapitel, in dem er beschreibt, wie die Erde aussieht, wenn sie sich tatsächlich um 3 Grad aufheizt – wie das ganze Regionen für Menschen unbewohnbar machen wird, aus fruchtbaren Ländern Wüsten macht, Ökosysteme kollabieren lässt und hunderte Millionen Menschen zur Flucht zwingen wird.

Wobei völlig offen ist, wohin sie noch fliehen sollen, wenn ganze Inseln und Küstenregionen im steigenden Meer untergehen und sich selbst Mitteleuropa in Wüste verwandeln wird, weil das Wasser fehlt.

Die nächsten Kapitel nehmen den Lesern dann erst recht den Atem, zumindest jenen, die immer noch glauben, das würde sie nicht betreffen, weil sie im klimatisierten Eigenheim sitzen und im Supermarkt alles kaufen können. Die heute schon drastisch steigenden Lebensmittelpreise sind nur der Vorbote für die kommende Ernteausfälle.

Denn mit der Hitze, verbunden mit der weltweiten Zerstörung der Biodiversität und den zerstörten Wasserkreisläufen, werden auch viele landwirtschaftliche Flächen ihre Fruchtbarkeit verlieren.

Das Kapitel zur „Landwirtschaft in einer heißen Welt“ schildert, wie gefährdet die Ernährungsgrundlage der Menschheit heute schon ist und wie die industrialisierte Landwirtschaft gerade dabei ist, ihre eigenen Grundlagen zu zerstören.

Auch weil ausgerechnet jene Nahrungsmittel massiv subventioniert werden und am Ende billig verramscht, die die schlimmsten Klimafolgen haben – von Monokulturen bis hin zur Massentierhaltung.

Wenn Extremwetter den Wohlstand zerstören

Und gleichzeitig trägt diese auch noch die letzten naturbelassenen Wälder zerstörende Landwirtschaft am stärksten dazu bei, dass die Biodiversität weltweit zerstört wird und wir gerade das sechste große Massensterben erleben.

Und spätestes im Kapitel „Ökonomische Risiken“ dürfte den aufmerksamen Lesern klarwerden, dass das alles auch die Grundlagen unseres Wohlstands zerstört. Nicht gefährdet, wie das gern abgeschwächt wird, sondern zerstört. Allein schon die zunehmenden Wetterextreme werden Jahr für Jahre größere Schäden anrichten, für deren Reparatur immer größere Teile der Wirtschaftsleistung geopfert werden müssen.

Der Reichtum der Nationen wird vom Kampf gegen die Extremwetterschäden verschlungen werden. Und das hat Folgen. Denn darunter leiden dann auch die sozialen Systeme. Schon heute ist absehbar, dass das für viele Länder zunehmende Fluchtbewegungen, Konflikte und Bürgerkriege bedeuten wird. Es werden völlig neue Verteilungskämpfe dafür sorgen, dass auch die „Insel Europa“ wieder zu einem prekären Ort wird.

Und natürlich gehen die Autor/-innen in Streiflichtern immer wieder darauf ein, wie ungenügend die Politik gegensteuert, dass Deutschland sich zwar zu den Pariser Klimazielen bekannt hat – aber nicht einmal mit seinen Klimaplänen auf diesem Weg ist. Von den tatsächlichen Weichenstellungen ganz zu schweigen.

Das wird dann im dritten Teil des Buches deutlicher, in dem sich die Autor/-innen auch damit beschäftigen, wie schizophren die deutschen Wähler/-innen sind, die in Umfragen so gern bestätigen, dass ihnen die Dramatik des Klimawandels sehr wohl bewusst ist. Aber diese Mehrheit wählt dann trotzdem bei jeder Wahl Parteien, die ihnen vollmundig versprechen, dass sich an ihrem Verhalten nichts ändern muss.

Und dann wird gebarmt und gemault, dass eine so zusammengeschusterte Regierung nicht konsequent handelt.

Kann es sein, dass Wohlstand verantwortungslos, egoistisch und dumm macht?

Nur so als Frage.

In den Sackgassen des Wohlstandsdenkens

Denn das Ergebnis sind ja Denkweisen, die alle wie Sackgassen aussehen, alle unter dem Label „Immer so weiter“ laufen, sodass man nicht einmal mehr sieht, was wirklich alles anders gemacht werden könnte. Und damit ist nicht der Tausch des Spritfressers gegen ein E-Auto gemeint. Das 9-Euro-Ticket hat ja z. B. gezeigt, dass etwas so Simples wie die Absicherung der Mobilität in Deutschland seit Jahren falsch gelaufen ist.

Deswegen ist der zweite Teil des Buches sicher für manchen eine Überraschung, der immer noch glaubt, wir kämen aus der Katastrophenspirale nicht heraus.

Natürlich kämen wir das, wenn wir Wissenschaftlern endlich zuhören, die sich seit Jahrzehnten mit „Naturbasierten Lösungen“ beschäftigen. Denn so langsam dürften auch die nicht ganz so Dummen begreifen, dass die Existenz der Menschheit aufs Engste mit den natürlichen Grundlagen verbunden ist und wir nur gemeinsam mit einer leidlich intakten Natur überleben können.

Und so beschäftigt sich Susanne Winter mit der vielfältigen Rolle der Regenwälder, die nicht nur wegen ihres Artenreichtums wichtig sind, sondern auch wegen ihrer Fähigkeit, CO₂ zu speichern, wegen ihrer Rolle als „Regenmacher“ und damit als klimastabilisierende Faktoren. Reinhard Mosandl beschäftigt sich mit Aufforstungsprogrammen in Tropen und Subtropen, die auch der zunehmenden Versteppung und Wüstenbildung Einhalt gebieten können.

Überhaupt wären Wälder das natürlichste und sinnvollste Mittel, wieder echte CO₂-Senken zu schaffen – auch in Europa und Deutschland. Dagegen wehren sich natürlich die Forstbesitzer, die gern bei ihrem alten Stiefel der Plantagenwirtschaft bleiben würden – wenn ihnen der Borkenkäfer nicht die ganzen Baumplantagen kahlfressen würde.

Es sind eben nicht nur die Menschen da unten in den Ländern mit den Regenwäldern, auf die der Finger zeigt. Die Europäer selbst haben über Jahrhunderte ihre Wälder abgeholzt und riesige unverschattete Landschaften geschaffen, auf denen heute die Sonne brütet.

Es sind nicht nur Großstädte wie Leipzig, die sich aufgrund fehlender Vegetation zu sommerlichen Hitzeinseln entwickelt haben. Es sind auch die riesigen kahlen Feldlandschaften vor der Stadt, in denen die Sonne ungehindert die Erde ausdörrt und die Landschaft aufheizt, während die Böden austrocknen und ihren Humusgehalt verlieren.

Ein Bauhaus für die Erde

Es geht nicht nur um Aufforstung, sondern auch um Agrikultur, die Rettung der Ackerböden und eine völlig andere Waldbewirtschaftung. Ein „Bauhaus für die Erde“ nennt es der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, der erklärt, wie Holz als Baustoff zum Kohlenstoffspeicher werden kann und auch deutsche Bauherren endlich Abschied nehmen können von klimazerstörenden Bauweisen mit Beton.

Hans Joosten erklärt, welche enorme Rolle wieder revitalisierte Moore für die Speicherung von Kohlenstoff, die Regulierung des lokalen Klimas und die Artenvielfalt spielen. Und Stefan Schwarzer erklärt den Laien, wie terrestrische Wasserkreisläufe funktionieren und wie sie wieder gestärkt werden können.

Es gibt schon eine Menge wissenschaftlich erforschter Ansätze, wie wir die alten Zerstörungsmuster verlassen können. Doch fast jeder Autor muss feststellen, dass jedes Mal alte deutsche Gesetze dagegenstehen, die diese dringende Veränderung in unserem Handeln verhindern und die weitere Zerstörung unserer Umwelt geradezu eingebaut haben.

Wenn das nicht geändert wird, wird das zur größten Gefahr für die Demokratie. Denn hier wird die Machtlosigkeit der Menschen greifbar, nicht nur jener, die nun seit Jahren für eine echte Klimapolitik demonstrieren.

Deutschland ist längst im Klimastress, stellen Jutta Allmendinger und Wolfgang Schroeder fest. Hans Joachim Schellnhuber findet noch drastischere Worte: „Es braucht eben keinen göttlichen Zorn, sondern nur ein wenig menschliche Dummheit und Überheblichkeit, um die Hölle auf Erden zu entfesseln.“

Fossile Politik für die reichsten 10 Prozent

Das zielt zwar auf den großen Brand von London im Jahr 1666. Aber das gilt genauso für die Gegenwart mit all den hochbezahlten Bremsern und Schönrednern, die seit Jahren dafür sorgen, dass auch in Deutschland nicht getan wird, was getan werden müsste.

Die letztlich immer eine Politik für die oberen zehn Prozent machen, die man mit Erbschaftssteuern und Finanztransaktionssteuer immer wieder verschont, sodass der Reichtum der Gesellschaft immer mehr zu diesen reichsten 10 Prozent umverteilt wird.

Diese 10 Prozent waren schon vor 2015 für 16 Prozent aller Emissionen verantwortlich, stellen Jutta Allmendinger und Wolfgang Schroeder fest. Sie verursachen mehr klimaschädliche Emissionen als die unteren 50 Prozent in unserer Gesellschaft. Denn genau das ist ihr Lebensstil: klimaschädlich, fossil, rücksichtslos und mit besten Verbindungen in die Politik.

Dass unsere Städte so falsch gebaut sind, unsere Mobilität eine Katastrophe und der Konsum ein enthemmter Ressourcenfresser ist, hat mit der Denkweise dieser Leute zu tun. Eine Denkweise, die auch große Teile des Mittelstandes teilt, der schon panisch wird, wenn auch nur jemand das Wort Verzicht in den Mund nimmt.

Ein gepamperter Mittelstand, der übrigens auch fleißig wählen geht. Allmendinger und Schroeder gehen nicht grundlos darauf ein, dass Klimapolitik auch eine soziale Seite hat, denn die direkten Folgen der Klimaerhitzung bekommen zuallererst die Armen und schlecht Bezahlten (die kaum noch zu einer Wahl gehen) zu spüren.

Sie leben in schlecht isolierten Wohnungen oder verlieren gleich ihr Dach überm Kopf, wenn Mieten durch Sanierungsumlagen steigen oder die Energiekosten durch die Decke gehen. Sie leiden als erste (und ohne jeden Puffer) unter steigenden Nahrungsmittelpreisen. Sie sind die Gelackmeierten, wenn ÖPNV nicht bezahlbar ist oder gleich ganz eingespart wurde, weil ihn überbezahlte Manager für nicht finanzierbar halten.

Mies bezahlte Systemrelevanz

Kluge Klimaschutzpolitik geht ohne eine starke soziale Komponente nicht. Aber davon sind wir noch Lichtjahre weit entfernt. Denn natürlich denken die Vertreter einer überbezahlen Elite nicht an die Leute da unten, die auf Sozialhilfeniveau irgendwie durchs Leben zu kommen versuchen, während sie bei jeder Teuerungsrunde ganz vorn mit dabei sind.

Womit eben auch ein Streiflicht auf die ökonomische Schieflage in unserem Land geworfen wird. Denn dass überall Fachkräfte fehlen, hat ebenfalls damit zu tun – mit dem Auseinanderdriften einer Gesellschaft, die nicht einmal wahrnehmen will, welche Arbeit wirklich „systemrelevant“ ist. Und die einen Großteil ihrer Erwerbstätigen als Billiglöhner hält und über sie höhnt und sie mit aller Verachtung straft, zu der Millionäre fähig sind.

Aber es sind eben nicht „die da unten“, die für den oft irren Energieverbrauch in Deutschland zuständig sind, für die Blechkolonnen auf den Straßen, die hochsubventionierten Flughäfen und den überbordenden Massentourismus.

Die Autor/-innen verwenden zwar noch ein „wir“, wenn es darum geht, welches Szenario wir nicht zulassen dürfen. Doch dieses „wir“ gibt es nicht. Die, die schon jetzt unter den Folgen des Klimawandels leiden, werden gar nicht erst gefragt.

Die tödliche Welt der Reichen und Verwöhnten

Und die, die für die Klimawandel verantwortlich sind, dominieren die Meinungsmache in den Medien und unterstützen jedes Mal Parteien, die ihnen versprechen, dass das Kohlemachen nicht aufhört und das Modell der Wohlstandsgesellschaft nicht infrage gestellt wird.

Da deuten dann einige Autoren vorsichtig an, dass das schwer werden dürfte, diese Denkhaltung zu verändern.

Aber der Blick gerade in den zweiten Teil des Buches zeigt, dass die Politik ganz und gar nicht handlungsunfähig ist. Es gibt genug Ansätze, jetzt einmal rigoros zu handeln und Deutschland wirklich auf den Weg zur Klimaneutralität zu bringen.

Aber das geht nicht mit dem großen Geschenkeverteilen nach allen Seiten, sondern nur mit gezielter Förderung genau da, wo der deutsche Anteil an der Klimazerstörung direkt und spürbar verringert werden kann.

Was dann das Ermutigende an dem Buch ist: Wir wissen so einiges darüber, was getan werden kann und muss. Wir sind nicht machtlos.

Das sind wir nur, wenn wir weiter an dem Glauben der Reichen und Verwöhnen festhalten, dass wir an unserem gegenwärtigen Wirtschaftsmodell nichts ändern können. Natürlich können wir daran festhalten. Aber dann bekommen wir eine Heißzeit, in der dieses Modell von ganz allein in Flammen aufgeht.

Da wäre wieder das Zitat von Schellnhuber dran. Das finden Sie ja weiter oben im Text.

Klaus Wiegandt 3 Grad mehr Oekom Verlag, München 2022, 25 Euro.

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