Es ist schon perfide, wenn ein Bundesfinanzminister Spielraum für Steuererleichterungen bei Gutverdienenden von 10 Milliarden Euro sieht, aber keinen Spielraum für die Fortsetzung des 9-Euro-Tickets. Ein Ticket, das vor allem Geringverdienern mehr Mobilität ermöglicht hat und Fahrten, die finanziell sonst gar nicht möglich gewesen wären. Der Fahrgastverband Pro Bahn fordert deshalb sofort eine Anschlusslösung für das 9-Euro-Ticket.

Mit dem 31. August gehen die drei Monate vorbei, in denen mit einem 9-Euro-Ticket sämtliche Nahverkehrsangebote in Deutschland genutzt werden konnten.

Es hat gezeigt, dass ein überall gültiges bezahlbares ÖPNV-Ticket sofort Wirkung entfaltet – nicht gerade bei gutverdienenden Autofahrern, die auch in diesen drei Monaten eher nicht auf ihr Automobil verzichtet haben, aber bei vielen Menschen, deren Bewegungsspielraum dadurch eingeschränkt ist, dass sie das Geld für mehr Mobilität gar nicht haben.

Menschen, die den ÖPNV sehr gern benutzen würden, wenn er denn bezahlbar wäre und nicht ein derart unsinniger Tarifdschungel davon abschrecken würde, weitere Stecken überhaupt zu planen.

Autofahrer kennen keine Tarifgrenzen, aber ÖPNV-Nutzern werden sie überall zugemutet.

Der Fahrgastverband PRO BAHN fordert deshalb eine nahtlose Anschlusslösung an das 9-Euro-Ticket. Diese sollte kontinuierlich wissenschaftlich begleitet zu einem deutschen Klimaticket weiterentwickelt werden.

Gleichzeitig müsse die gesamte Tariflandschaft in Deutschland bereinigt und vereinfacht werden, so der Verband. Und natürlich müsse dies mit zusätzlichen Mitteln passieren. Infrastrukturausbau und Verkehrsbestellung dürften nicht beschnitten werden, sondern müssten – insbesondere im ländlichen Raum – ausgebaut werden.

Ein System am Anschlag

Man muss in einen klimafreundlichen ÖPNV investieren. Es geht nicht nur um einfachere Tarife, es geht auch um mehr Kapazitäten, sodass für immer mehr Menschen das Umsteigen leichter wird.

Das 9-Euro-Ticket hat dem öffentlichen Verkehr breite Medienresonanz gebracht und die Stärken von Bahn und Bus aufgezeigt, stellt Pro Bahn fest. Allerdings habe es auch die Grenzen und Schwächen des jetzigen Systems demonstriert.

Daher brauche es zur Fortführung des Erfolges Schritte in Richtung eines deutschlandweiten Klimatickets für alle öffentlichen Verkehrsmittel, inklusive Fernverkehr und Fähren, verbunden mit dem Ausbau der Infrastruktur und der Verbesserung des Angebotes dort, wo bisher die Frequenzen nicht ausreichend sind.

Schluss mit dem Tarifwirrwarr

Der Fahrgastverband PRO BAHN fordert deshalb eine bundesweite drastische Vereinfachung und Vereinheitlichung der Tarifgrundregeln. Dies betreffe Einzel- und Zeitkarten.

PRO-BAHN-Tarif-Experte Jörg Bruchertseifer sagt dazu: „Bereits 2004 hat der Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) einheitliche Regelungen mit Definitionen und Regeln zu Kindern, deren Altersgrenzen und Mitnahmeregeln, zu Familien und Kleingruppen und zur Mitnahme von Fahrrädern sowie Hunden und anderen Tieren vorgelegt. Bisher wurde dies nicht bundesweit umgesetzt. Die Selbstverpflichtung der Branche ist gescheitert und der Gesetzgeber muss hier eingreifen.“

Auf Basis dieser Reform könne dann ein echter Deutschlandtarif gebildet werden, der es ermöglicht, von jeder Haltestelle in Deutschland zu jeder anderen, ohne Umschweife ein Ticket zu kaufen.

Für das 9-Euro-Ticket fordert der Fahrgastverband PRO BAHN eine nahtlose Anschlussregelung, die dessen Geist „ohne großes Nachdenken einsteigen“. Das bedeutet eine Flatrate, mit wenigen räumlichen (z. B. städtisch, regional, bundesweit) und zeitlichen (z. B. Tages-, Monats- und Jahreskarte) Abstufungen und unter Einbeziehung von Familien- und Kleingruppen.

„Die zahlreichen Vorschläge aus Verkehrswirtschaft, Politik und der Zivilgesellschaft können ein erster Ansatz für ein solches Angebot sein, um einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten. Sie berücksichtigen aber nur den Nahverkehr und werden in der Realität alle auf weitere unerwartete Hürden treffen“, analysiert PRO-BAHN-Bundesvorsitzender Detlef Neuß.

Die optimale räumliche Zuordnung, Preisgestaltung und Integration weiterer Verkehre sollten dabei in einem transparenten Verfahren kontinuierlich und wissenschaftlich begleitet weiterentwickelt werden. Die Begleitung sollte dabei nicht durch parteiische Stellen erfolgen.

„Wir könnten uns vorstellen, diese durch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung durchführen zu lassen“, schlägt Neuß vor.

ÖPNV-Angebote braucht es grenzübergreifend

Die Finanzierung dürfe dabei aber nicht aus Mitteln geleistet werden, die bisher dem Ausbau der Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs oder der Bestellung von Verkehrsleistungen zugedacht waren. Im Gegenteil seien auch diese Töpfe weiter zu erhöhen, langfristig abzusichern und Preissteigerungen durch Warenkorbmodelle zu berücksichtigen, so PRO BAHN. Gerade im ländlichen Raum sei ein integraler Ausbau des Angebotes notwendig, um auch die Menschen dort anschließen zu können.

„Klimawandel und sozialer Druck werden sich sonst schneller auswirken, als der angebliche Heilbringer, das autonome Elektroauto kommen wird“, warnt Neuß.

Zuletzt müsse auch noch weitergedacht werden. Wenn Deutschlandtakt, Deutschlandtarif und ein Deutschlandticket – ein deutsches Klimaticket – so weit seien, dass sie zusammenspielen, müsse über länderübergreifende und europäische Lösungen nachgedacht werden.

Deutschland habe hier die seltene Gelegenheit, den disruptiven Einfluss des Klimawandels und des Preisschocks infolge der russischen Invasion in sinnvolle Kanäle zu lenken und so Vorreiter und Treiber einer ökologischen und verkehrlichen Revolution zu werden.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar