Noch ist die Dreimonatsfrist für das 9-Euro-Ticket nicht abgelaufen, aber es zeichnet sich schon so langsam ab, wo es funktioniert hat und wo nicht. Auch wenn der „Spiegel“ in einem Beitrag schon feststellt: „Kaum Verzicht aufs Auto. 9-Euro-Ticket führt zu mehr Verkehr“. Denn natürlich musste die Lenkungswirkung verpuffen, wenn der Bund gleich auch noch Milliarden in den Tankrabatt steckt.

„Das Ticket führt zu einer höheren Nutzung des Öffentlichen Verkehrs, aber vor allem selektiv auf bestimmten Strecken – sogar so weit, dass dort der Verkehr zusammenbricht“, zitiert der „Spiegel“ Christian Böttger, Bahnexperte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW).

Und das betrifft vor allem Strecken zu attraktiven Reisezielen im Regionalverkehr. Mit dem Ergebnis, dass besonders beliebte Strecken völlig überlastet waren, das Zugmaterial nicht ausreichte und das Zugpersonal an seine Grenzen kam.

Deutliches Zeichen dafür, wie sehr das ÖPNV-Netz gerade im Schienennahverkehr in den vergangenen Jahrzehnten zur Billigvariante geschrumpft wurde, während das Automobil durch diverse Subventionen – vom Dienstwagenprivileg bis zur Pendlerpauschale – massiv unterstützt wurde.

Und wird. Die Privilegien wurden ja nicht abgebaut, obwohl auch die deutschen Verkehrsminister wissen, dass Millionen Autofahrer dazu bewegt werden müssen, auf den klimaschonenderen ÖPNV umzusteigen.

Der ÖPNV muss ausgebaut werden

Aber das war die wohl wichtigste Lehre aus dem Experiment 9-Euro-Ticket: „Wenn wir wirklich stabiles Wachstum wollen im Öffentlichen Verkehr, dann müssen wir vor allem die Kapazitäten entsprechend erweitern“, lässt der „Spiegel“ den HTW-Experte Böttger noch einmal zu Wort kommen. „Was wir gesehen haben, ist, dass das System wirklich am Anschlag ist.“

Allein für die Bahn beziffert er einen Investitionsstau beim Neu- und Ausbau von rund 150 Milliarden Euro.

Die Deutschen aber haben sich daran gewöhnt, dass Bus und Bahn zu einem Nischenprodukt geworden sind, über dessen Finanzierung jedes Jahr erneut lang und breit diskutiert wird, als könnte man sich Busse und Bahnen eigentlich nicht leisten und sie wären schierer Luxus, den sich Städte wie Leipzig noch gönnen.

Aber das 9-Euro-Ticket zeigte eben auch, dass es dort weniger genutzt wurde, wo es kaum noch ÖPNV-Anbindungen gibt. Während die vermehrten Fahrten mit 9-Euro-Ticket hauptsächlich durch Menschen zustande kamen, die sich die üblichen Bahnpreise schon lange nicht mehr leisten konnten. Für sie ist Bahnfahren tatsächlich zum Luxus geworden.

Und auch in Sachsen ist das Denken über Verkehr noch lange nicht aus den alten Gleisen herausgekommen.

Das macht jetzt der Leipziger Landtagsabgeordnete Marco Böhme zum Thema. Er ist auch der Sprecher für Klimaschutz und Mobilität in seiner Faktion und ist sich sicher, dass die Debatte über die Weiterführung des 9-Euro-Tickets weiter an Fahrt aufnimmt, wenn das attraktive und viel genutzte Ticketmodell in wenigen Wochen endet.

Der Wille fehlt

Für Marco Böhme fehlt bisher vor allem der politische Wille für einen attraktiven ÖPNV.

„Es ist unbestritten, dass das 9-Euro-Ticket zur enormen Entlastung von Millionen von Menschen führte, die sich schon immer nachhaltig mit Bus und Bahn fortbewegt haben. Schließlich haben diese in den letzten drei Monaten mindestens 150 Euro an Kosten für ihre Monatskarten gespart“, geht Böhme auf den sozialen Aspekt beim 9-Euro-Ticket ein.

„Das ist ein richtiges Signal in Zeiten des Klimawandels und der Preiskrise und sollte deshalb bis Jahresende verlängert werden. Diese Maßnahme ist schnell und einfach umsetzbar – alle anderen Ideen wurden bislang im Koalitionskrach zerredet.“

Doch auch für ihn ist sicher, dass das sächsische ÖPNV-System in der jetzigen Form überhaupt nicht zukunftsfähig ist. Denn viel zu viele Städte und Gemeinden sind regelrecht abgehängt. Von einem barrierefreien Zugang zum ÖPNV kann dort überhaupt keine Rede sein, von attraktiven Verbindungen erst recht nicht.

„Für die Zukunft muss gelten, dass es neben günstigen Preisen auch attraktive Verbindungen in allen Kommunen gibt, damit mehr Menschen dauerhaft auf den ÖPNV umsteigen und unsere Umwelt und die Städte vom Autoverkehr entlastet werden“, betont Böhme und verweist auf das von der Linksfraktion im Landtag im Mai ein eingebrachte „ÖPNV für alle“-Gesetz.

„Dort soll endlich gesetzlich festgeschrieben werden, dass der Freistaat Mindestbedienstandards für alle Kommunen in Sachsen festschreibt und auch finanziert, so wie es z. B. in der Schweiz heute schon der Fall ist. ÖPNV soll keine freiwillige, sondern eine Pflichtaufgabe der Kommunen werden.“

Kostenlos für alle mit geringem Einkommen

Und ihm ist nur zu bewusst, dass die Bezahlbarkeit von Mobilität eine zutiefst soziale Frage ist und dass die hochsubventionierte Auto-Mobilität der einen finanziert wird durch den Mobilitätsverlust der anderen, die sich Bahn und Bus nicht mehr leisten können.

„Kinder, Jugendliche und Menschen mit geringem Einkommen sollen einen Rechtsanspruch auf kostenlose ÖPNV-Nutzung erhalten – damit würden auch die Streitigkeiten um das Bildungsticket enden“, geht Böhme auf den sächsischen Dauerstreit um ein bezahlbares Bildungsticket ein.

„Den Tarif- und Zuständigkeitswirrwarr wollen wir überwinden, indem wir schrittweise einen einheitlichen mitteldeutschen Verkehrsverbund anstreben. Stillgelegte Schienenstrecken müssen reaktiviert werden.“

Eigentlich eine richtige Hausaufgabenliste für den Verkehrsminister, der aber selbst mit der Idee einer Landesverkehrsgesellschaft immer wieder gescheitert ist an den kleinen Hoheiten der Landkreise, die über ihre Befugnisse über die Verkehrsverbünde genauso eifersüchtig wachen wie über die Tarifgrenzen, die ÖPNV-Nutzung noch einmal teurer machen.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Es gibt 7 Kommentare

> Meist mit dem Verweis auf die vielen, vielen Arbeitsplätze.
Dass eine Industrienation, die kaum eigene Bodenschätze, aber dafür ein relativ gutes Bildungssystem sowie eine halbwegs gute historische Vorreiterposition im Herstellen und Erfinden hat, darauf angewiesen ist, dass auch Erfunden und hier produziert wird, ist nicht ganz falsch. Es gibt schädliche Auswüchse, da bin ich bei Ihnen.

> Weil die Nachteile bisher nie thematisiert wurden.
Das stimmt nicht. Ich habe noch als Kind meine Oma und weniger nahe Personen im Ohr, die über “die vielen Autos” gestöhnt haben (um dann immer wieder selbst aufzufordern mit genau diesem Fahrzeug abgeholt zu werden um nicht ÖV fahren zu müssen). Auch im Chemiebuch der Schule waren die Schadstoffe der Fahrzeuge ein Thema, auch in der Verkehrsplanung der früheren Jahrzehnte gab es Debatten darüber, dass man den vielen Autos etwas attraktives entgegensetzen muss (hat dann in Städten wie Stuttgart, Düsseldorf usw. auch leistungsfähige Stadtbahnsysteme gebracht).

> das unser gesamtes Leben auf ein i.d.R. eigenes Auto ausgelegt ist. Unsere gesamten gesellschaftlichen Strukturen wurden darauf ausgerichtet. Einkaufsmöglichkeiten, Zersiedlung usw
Können Sie und ich tatsächlich so verschiedene Wahrnehmungen haben? Meine Nachbarn hier in der Stadt haben kein Auto. Meine Mutter und Vater auf dem Land haben kein eigenes Auto. Mein Opa hatte nie eins. Klar, es gibt Dörfer, da fährt wirklich kaum ein ÖV, aber ich habe überhaupt nicht Ihren Eindruck, dass unser “gesamtes Umfeld” auf das Auto aufgebaut ist oder unbedingt eins nötig macht.

> Der stärkste Verkehrsteilnehmer steht über den anderen. Warum wartet an Kreuzungen und Überwegen dr Fußgänger bis das Auto vorbei ist? Warum nicht andersherum? Hat sich halt so eingebürgert.
Ich nehme Ihren Gedankenanstoß dankbar auf, mal über das “warum eigentlich?” nachzudenken. Ein einfacher, reflexhafter Abwehrsatz wäre “weil der Güterzug auch nicht auf den Radfahrer am Übergang wartet”, um es mal ins Extrem zu heben.
Wir haben eben festgestellt, dass der Verkehr effizienter (und sicherer) läuft, wenn die Verkehrsarten getrennt werden. Deswegen standen, für die Leute die nicht selbst darauf kommen, Radverbotsschilder hier am Ring. Da hätte auch stehen können: “Risikobewusste Menschen fahren hier nicht Rad. Allen anderen ist es verboten.”
Wenn man also irgendwann mal dahin gekommen ist, dass es Mittel gibt sich schneller als per Rad oder per Straßenbahn zu bewegen, und das auch von einer breiten Masse genutzt wird, und auch von einer breiten Masse gewollt wird, dann ist doch logisch, dass viele Autos nicht auf wenige Fußgänger warten sollen. Weil sonst viele Leute nicht schnell vorankommen und auch wesentlich mehr Emissionen im Stand erzeugt werden, von Zeitverlusten ganz abgesehen. Es ist allen Verkehrsteilnehmern zuzumuten, dass sie Ampelregelungen folgen, genauso wie alle Verkehrsteilnehmer im Idealfall der Ampelregelung vertrauen können.
In China habe ich das Verhalten erlebt, dass an JEDER Kreuzung, auch wenn die Ampel grün zeigte, deutlich abgebremst wurde. Der Grund war, dass manche Brummis oder große Limousinen des Querverkehrs trotz Rotsignal durchfahren. Bei uns ist der Regelfall anders, und abseits ihres Denkanstoßes sehe ich auch keinen Grund daran zu rütteln.
Was haben Sie denn davon, wenn auf offener Straße, ohne Zebrastreifen, ein Auto für Sie als Fußgänger anhält? Ihr objektiver Vorteil sind wenige Sekunden Zeitersparnis, bevor Sie weitergehen können. Die Brems- und Wiederanfahrenergie des Autos ist dagegen bilanzierbar. Oder habe ich Ihren “warum nicht andersrum”-Ansatz falsch aufgefasst?

> Das Parken im Kreuzungsbereich wird ja mittlerweile schon als Kavaliersdelikt angesehen.
Aus meiner Sicht ist es das auch. Oder wie würden Sie das Fahren in eine Menschenmenge, das Ignorieren eines Rotsignals oder das Fahren mit 100 km/h Stunde innerorts bezeichnen, wenn das Parken im Kreuzungsbereich für Sie eine Steigerung von Kavaliersdelikt verdient?
Mich regt solches Verhalten auch auf, zwei Mal hab ich es auch angezeigt, aber besonders dramatisch finde ich es eigentlich nicht.

@Sebastian
> Also wenn Ihnen das so ging, dass etwas eingetrichtert wurde, tut es mir leid…Dass dazu Verzicht und Einschränkung gehört, das ist eines der Dinge, die uns so klar leider nicht vor Augen geführt wird.
Uns allen, der Politik, der Gesellschaft wurde das eingetrichtert! Durch die Autolobby. Meist mit dem Verweis auf die vielen, vielen Arbeitsplätze. Man glaubte, mit dem Auto den 2. Teilsatz eliminieren zu können.

> mir sind die handfesten Vorteile meines Autos einfach direkt klar vor Augen.
Genau! Weil die Nachteile bisher nie thematisiert wurden. Jetzt gibt es die Klimadebatte und man stellt plötzlich fest, das unser gesamtes Leben auf ein i.d.R. eigenes Auto ausgelegt ist. Unsere gesamten gesellschaftlichen Strukturen wurden darauf ausgerichtet. Einkaufsmöglichkeiten, Zersiedlung usw. Und jetzt fällt es schwer, dies wieder zurückzudrehen. In größeren Städten ist kein eigenes Auto notwendig, welches im Schnitt 23 Stunden am Tag herumsteht. Die wenigsten müssen ungeplant sofort in ein (eigenes) Auto einsteigen können um irgendwas erledigen zu können oder ständig jeden Tag soviel transportieren das man einen Kombi oder SUV braucht. Was allerdings möglich sein muss, ist die Verfügbarkeit eines Autos wenn man es braucht.

> Für Radfahrer gilt sie also nicht? Würde manches Verhalten erklären, was man vielerorts beobachten kann…
Doch, gilt sie auch. Aber gemacht ist sie aus Sicht des Autofahrers. Der stärkste Verkehrsteilnehmer steht über den anderen. Warum wartet an Kreuzungen und Überwegen dr Fußgänger bis das Auto vorbei ist? Warum nicht andersherum? Hat sich halt so eingebürgert…Übrigens: Mich regen Radfahrer, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten, mächtig auf. Ich sehe tagtäglich aber genausoviele Verstöße von Autofahrern. Das Parken im Kreuzungsbereich wird ja mittlerweile schon als Kavaliersdelikt angesehen.

> Für mich zeigt das 9-Euro-Ticket auch, dass der ÖV gar nicht für das ausgerüstet ist, was (…) gewollt wird. Und es war jetzt nur Sommer: Ferien- und Radfahrzeit. Was in der dunklen Jahreszeit mit so einem Ticket passieren würde kann man sich ausmalen. Insofern baut bitte gern den ÖV weiter aus, aber lasst das mit diesem Billigticket bitte erst mal sein, bis ihr soweit seit.
Zustimmung. Den Mittelteil habe ich wegen Polemik eines Auto- Enthusiasten mal weggelassen.

> Es leisten sich so viele die Mobilität mit dem eigenen Auto, weil uns dies als “erforderlich” durch die Auto- Lobby eingetrichtert wurde.

Also wenn Ihnen das so ging, dass etwas eingetrichtert wurde, tut es mir leid – mir sind die handfesten Vorteile meines Autos einfach direkt klar vor Augen. Eine suggestive Werbung, die die große Freiheit (“mit dem SUV durch die Wüste”) verheißt, brauche ich dafür nicht.

Klar gibt es Subventionen auf vielen Seiten. ÖPNV mit seinen riesigen Invest- und Unterhaltskosten kann wahrscheinlich kaum kostendeckend sein. Hochkultur kann das auch nur in Ausnahmefällen, wird aber gewollt, wird also auch subventioniert. Die Frage ist doch am Ende, was man sich leisten möchte, und da gehen die politischen Meinungen eben auseinander.
Sicher, wenn weniger Autos gebaut werden, dann braucht man weniger Maschinen (Wertschöpfung an sekundärer Stelle) und Arbeitsplätze (direkte Wertschöpfung qua Gehalt). Und man braucht auch weniger Energie und weniger Rohstoffe als Volkswirtschaft. Genau das ist doch das Argument, dass “dieser Autowahnsinn /-Chaos /-Blechlawine” mit all seinen Folgen abgeschafft gehörte, natürlich einhergehend mit diversen Verlusten.
Dass dazu Verzicht und Einschränkung gehört, das ist eines der Dinge, die uns so klar leider nicht vor Augen geführt wird.

> Unsere StVO ist ausschließlich für das Auto gemacht […]
Für Radfahrer gilt sie also nicht? Würde manches Verhalten erklären, was man vielerorts beobachten kann…

Für mich zeigt das 9-Euro-Ticket auch, dass der ÖV gar nicht für das ausgerüstet ist, was im Zuge der ganzen Auto-Einschränkungen der Enthusiasten gewollt wird. Und es war jetzt nur Sommer: Ferien- und Radfahrzeit. Was in der dunklen Jahreszeit mit so einem Ticket passieren würde kann man sich ausmalen. Insofern baut bitte gern den ÖV weiter aus, aber lasst das mit diesem Billigticket bitte erst mal sein, bis ihr soweit seit. Aktuell wird lediglich neuer Verkehr produziert, was natürlich eine soziale Komponente hat, aber in Punkto Umwelt eher ein Gegenargument ist.
Aber gut, bei den Elektrorollern wird ja auch nicht gegengesteuert. Auch da sind Studien bekannt, aus welchem Bereich die Nutzer kommen, die nun diese Dinger buchen. Trotzdem wird in der Stadt dafür Platz geopfert, Strom verbraucht und seltene Erden in Plastegehäuse gepackt.

@ Berkant Yilmaz
Sie verwechseln Auto-Mobilität und Auto- Industrie! Zur Subvention der Auto-Mobilität zählen auch solche Dinge wie Dienstwagenprivileg, Pendlerpauschale, diverse Förderungen wie Abwrackprämie, Elektrobonus, Quer- Subventionen durch andere Bereiche der Gesellschaft und und und. Hinzu kommt insbesondere in Städten die oftmals kostenlose Nutzung des öffentlichen Raums für die Abstellung des Privateigentums. Es leisten sich so viele die Mobilität mit dem eigenen Auto, weil uns dies als “erforderlich” durch die Auto- Lobby eingetrichtert wurde. Viele Bereiche unseres täglichen Lebens wurden so (um-)gestaltet, dass die Erfordernis eines Autos besteht. Unsere StVO ist ausschließlich für das Auto gemacht, Einkaufsmöglichkeiten wurden aus den Stadtteilen auf die grüne Wiese verlagert usw. Schauen Sie sich mal einen Standard- Discounterladen in Leipzig an: Was werden Sie dort eher finden? Parkplätze oder eine Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs?
Es gibt mittlerweile genügend Studien die belegen, dass 1km Autofahren der Volkswirtschaft schaden, 1km Radfahren aber einen Gewinn bedeuten. Autofahren wird pro PKW mit ca. 5000 € durch die Gesellschaft bezuschusst. Jetzt bitte nochmal für den ÖPNV rechnen…

Ich halte die Aussage, daß die Auto-Mobilität hochsubventioniert sei, für ziemlich einseitig und falsch.
Z. B. stand 02.08.2017 Zitat der Tagesschau “In den vergangenen zehn Jahren hat die Autoindustrie in Deutschland insgesamt rund 1,15 Milliarden Euro an Subventionen vom Bund erhalten, den Großteil für Forschung und Entwicklung, aber auch für Investitionen.” Wohlgemerkt, der Zeitraum beträgt hier 10 Jahre.
Per Google konnte ich folgendes zur Subventionierung des ÖPNV finden.
Für 2008 wurde Förderung des ÖPNV in Deutschland mit 25 Mrd. € pro Jahr angegeben. Der SPNV (Schienenpersonennahverkehr) wurde 2016 auf jährlich 8,2 Mrd. € festgelegt und mit einer jährlichen Dynamisierung von 1,8% versehen, was bis 2031 gilt. Ergo wären das für 2022 = 9,3 Mrd. €.
Die Frage die sich hier stellt, wer wird hier eigentlich hochsubventioniert?
Was auch viele vergessen, bzw. verdrängen ist die Frage: Warum wollen sich so viele Menschen die Mobilität, mit dem eigenen Auto, leisten. Die Kosten für ein eigenes Auto sind enorm.
Wie soll bzw. kann der ÖPNV die Menschen dazu bewegen, vergleichbare Ausgaben zu tätigen?
Was würde wohl eine Fahrkarte für den ÖPNV kosten, wenn die Subventionshöhe für den ÖPNV, der Autoindustrie angepaßt würde?
Was man auch berücksichtigen muß, wieviele Menschen quasi von der Mobilität mit dem Auto leben. Es ist ja nicht nur die Autoindustrie selber, auch die ganzen Zulieferindustrie, von den Rohstoffen bis zu Dienstleistungen und Versicherungen. Könnte das der ÖPNV und SPNV wirklich auch leisten? Wenn nicht, welche Alternativen schlagen unsere Politiker und Vordenker, die ja alle nur noch beim ÖPNV sehen wollen, vor? Substantielles habe ich bisher noch nicht gehört.

Wenn wir grad beim Thema Schweiz sind: Ein ambitionierter Ausbau des Elektrifizierungsanteils wäre auch mal was. Dort, im Vorbildland, gibt es quasi keine Dieselloks oder -Triebfahrzeuge. Leipzig-Meißen, Heidenau-Altenberg, das wäre alles elektrifiziert. Klar, die haben es durch ihre Wasserkraft einfacher, aber eine Investition in Richtung Zukunft wäre es auch bei uns.
Auch Oberleitungsbusse gibts dort halbwegs oft. Sie sind von Hess und weder von innen noch außen leiser als die Mercedes-Busse auf den nichtelektrifizierten Strecken, aber immerhin gibts lokal keine Abgase. Und Oberleitung lässt sich zum Beispiel auf dem Scheußlichen Weg bei uns auch schneller aufbauen, als ein kompletter Umbau mit der für Straßenbahn nötigen Infrastruktur.

Das ist schon ganz gut, dass Herr Böhme dem Minister keine “Hausaufgaben” geben kann.

Ich kann aus meiner Sicht nur sagen, dass so gut wie alle ÖV-Erlebnisse in den letzten drei Monaten mehr oder weniger unangenehm waren. Die ICEs nach und von Zürich waren so voll, dass ein mal mit der Räumung gedroht wurde. Das Umsteigeverhalten der Leute so träge und asozial, dass mehrere Durchsagen nötig waren, bis endlich Platz an den Türen gemacht wurde, damit die Leute aus dem Innern des Wagons raus konnten. Dementsprechend Haltezeiten von 10 Minuten und mehr, was den Anschlusszug aus dem Takt brachte.
In verschiedenen REs und S-Bahnen Ähnliches, auch hier Radfahrer die es trotz aller Warnungen, nicht nur in den Medien, auch in der Bahn-App, immer wieder erzwingen wollen mit Geschimpfe in den Zug zu kommen und alles Verzögern.
Leute, die nach den Erfahrungen der letzten drei Monate sagen, dass sie nun gerade NICHT vom Auto weg wollen, kann ich gut verstehen. Und so sehen offenbar auch die Zahlen aus. Man hat Mobilität erzeugt, statt sie zu verlagern, und nennt das nun “Sozial”. Das hat aus meiner Sicht wenig mit dem Tankrabatt zu tun.

Was sollte die Bahn denn auch tun, so kurz wie zuvor der Beschluss zum Billigticket kam? Die Bahn besitzt Doppelstockzüge, deren Wagons man in der Zahl pro Zug erhöhen könnte (das wäre, nebenbei gesagt, auch eine erhebliche Verbesserung im Vergleich zum Talent 2). Auf dem von Herrn Böhme gut bekannten RE50 reichen die Bahnsteiglängen aber nicht für längere Züge als sie es heute sind. Um beim Beispiel RE50 zu bleiben: kann man denn tatsächlich noch mehr Taktung in diese hochbelastete Strecke Dresden-Leipzig bringen? Das wäre eine weitere Möglichkeit der Erhöhung der Kapazität, deren Umsetzbarkeit ich aber schwierig sehe.
Marco Böhme regt die Wiedereröffnung stillgelegter Strecken an. Ja gern, zum Beispiel könnte es wieder eine RB, vielleicht auch als RE gestaltet, zwischen Leipzig und Meißen geben. Aber wie viel Entlastung verspricht er sich denn davon, wenn man dann wieder nach Rochlitz auf Schienen fahren kann? Sind DAS ernsthaft die Vorwürfe und Lösungsstrategien, die er dem Land macht?

Aus meiner Sicht darf es keine reine Fortführung des 9-Euro-Tickets geben. Es ist aktuell viel zu billig. Ich finde den kürzlich gebrachten Vorschlag der Grünen annehmbar, die Gültigkeit der Monatskarte in zwei Größenordnungen zu gliedern und den Preis dabei moderat zu gestalten. Das wird immer noch billiger als es hiesige Monatskarten sind – entweder müssen dann also alle einzahlen (wäre ich dafür), oder es wird eben wieder hoch subventioniert. Aber so wie aktuell mit dem Steuergeld das Billigticket gefördert wird, kann es nicht weitergehen. Inklusive unterschiedlicher “Ausrutscher” in den Medien, die dann irgendwelche Geschichten vonwegen “so kommen sie billig ins Allgäu” oder ähnliches (Sylt) bringen.

Die größte Errungenschaft aus meiner Wahrnehmung ist bei diesem Dreimonats-Experiment die Abschaffung der räumlichen Gültigkeit. Ob das in dieser Großzügigkeit erhalten bleiben kann sei mal dahingestellt, aber dass niemand mehr auf dieses Kleinklein der Tarifzonen und Verkehrsverbünde achten muss, das war wirklich toll. Schon das Sachsen-Ticket der DB bot diese schöne Freizügigkeit, und sowas in der Art würde ich mir wünschen.
Auch wenn es mein Auto und auch mein Fahrrad nicht ersetzen könnte. Es gibt einfach immer wieder Strecken und Fahrtanlässe, für die ein Sammeltransport Mist ist.

> Deutliches Zeichen dafür, wie sehr das ÖPNV-Netz gerade im Schienennahverkehr in den vergangenen Jahrzehnten zur Billigvariante geschrumpft wurde[…]
– Heute werden zunehmend klimatisierte Fahrzeuge verwendet, früher waren nicht mal in allen Wagen der Straßenbahn Heizungen drin
– Heute werden die Wagen von leistungsstarken Motoren angetrieben, beschleunigen also gut, früher konnte man teils noch aufspringen
– Heute sitzen wir stoffgepolstert, früher auf Holz, Kunststoff-Hartschale oder Kunstleder
– die Anzeigen zu Umsteigerelationen werden heute dynamisch im Fahrzeug oder der App gebracht, früher konnte man hoffen, dass man noch eine erwischt oder raten, wann der Bus nun wirklich kommt
– Heute wird für einen Mehrpreis im Fahrzeugbereich ausschließlich niederflurig beschafft , früher brauchte man für jeden Kinderwagen Hilfe
Also ich kann mich dieser sehr tiefen Kritik nicht anschließen, bei allem Verbesserungspotential vor allem in Leipzig.

Schreiben Sie einen Kommentar