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Die Vertrauensfrage: Ohne Chancengleichheit und echte Solidarität bröckelt der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält

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    2015 war das, da gab es auf einmal eine erstaunliche Verwirrung in deutschen Medien. Da gab es nicht nur die große Hilfsaktion für 1 Million Flüchtlinge, die Asyl in Deutschland suchten, sondern auch die heftige Gegenbewegung: einen massiven Auftrieb für die populistischen Bewegungen, anschwellende Pegida-Demonstrationen und vor allem eine ausufernde Debatte, ob die Ostdeutschen nun völlig durchgedreht wären. 2015 startete deshalb auch eine große Studie, die als „Vermächtnisstudie“ in die Forschung einging.

    Initiiert wurde sie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gemeinsam mit der „Zeit“ und dem infas Institut. Jutta Allmendinger ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums, Jan Wetzel ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter.

    Und während Talkshows und süffige Leitartikel sich mit dem scheinbaren Rechtsruck in Ostdeutschland geradezu beschwipsten, wollte die Forschergruppe wissen, warum sich das so entwickelte, warum auf einmal so viele Menschen ihr Misstrauen in die Arbeitsweise der Demokratie äußerten. Denn ihnen einfach zu unterstellen, sie hätten die letzten 25 Jahre Demokratie verschlafen, ist zu billig. Und ihnen einfach einen nie verarbeiteten Ausländerhass anzudichten, ebenso.

    Denn so funktionieren Gesellschaften nicht. Das sind bestenfalls Symptome für etwas, was grundlegend schiefläuft. Und vor allem erzählt das alles von einem: dem schwindenden Vertrauen in eine Gesellschaft, in die genau jene Ostdeutschen 1990 mit Begeisterung und großer Hoffnung gestartet waren. Binnen kurzer Zeit sollte es zwischen Erzgebirge und Rügen „blühende Landschaften“ geben und „keinem sollte es schlechter gehen“ als vorher.

    Und mit der Angleichung der Lebensverhältnisse, Renten und Einkommen stand ja gleich das nächste dicke Versprechen im Raum. Und während die Politiker, die alle diese Versprechen machten, vielleicht dachten, dass die Menschen das alles schon nicht so ernst nehmen würden, nehmen viele Ostdeutsche diese Versprechen bis heute ernst, sind bitter enttäuscht und vertrauen logischerweise nicht mehr dem, was regierende Politiker/-innen verkünden.

    Deutschland steckt in einer veritablen Vertrauenskrise.

    Und genau das sollte die „Vermächtnisstudie“ erkunden. Die übrigens schon bald ein Ergebnis brachte, das von all den medial verbreiteten Bildern der Verurteilung deutlich abwich. Denn: „Die Möglichkeiten zum Kontakt mit anderen sind, wie wir sehen werden, in Bezug auf ökonomische Ressourcen wie auf Bildung ungleich verteilt. Die Vertrauensfrage steht deshalb für eine Neudefinition der Verteilungsfrage: Es geht nicht mehr allein um die Verteilung von Gütern, sondern auch darum, wie individuelle Ressourcen zur Gestaltung des eigenen Lebens sowie des sozialen Miteinanders in den Beziehungsgeflechten unserer Gesellschaft verteilt sind. Und wer dabei die Gewinner und wer die Verlierer sind.“

    Und schon die erste Befragungswelle 2015 (eine zweite gab es 2018) zeigte sehr deutlich, wie sehr das Vertrauen in den Staat, die Demokratie, die Gemeinschaft davon abhängt, über welche – vor allem finanzielle – Ressourcen die Menschen verfügen, um tatsächlich Teilhabe zu erleben. Und die fängt nicht erst an, wenn es um politische Teilhabe geht, um Vereine oder Medien.

    Die beginnt ganz unten, da, wo in unserer Gesellschaft in den vergangenen 20 Jahren eine ganze Schicht prekarisierter Menschen entstanden ist, die von ihren miserablen Gehältern gerade so leben können, knapp über die Runden kommen, aber keinen einzigen Euro übrig haben, um auch nur daran zu denken, in einer zunehmend hierarchisierten Gesellschaft vielleicht auch nur eine Stufe nach oben zu kommen.

    Es gibt unterschiedliche Schätzungen dazu, wen das tatsächlich alles betrifft, ob nur die 9 Millionen Beschäftigten, die dauerhaft in Niedriglohnjobs festhängen, oder die 25 Prozent der Bevölkerung, die ohne staatliche Alimentierung überhaupt nicht über die Runden kommen. Die „Vermächtnisstudie“ deutet darauf hin, dass es ein Viertel der Gesamtbevölkerung ist. Und dass die Ängste, die dieses Viertel beschäftigen, auch in Teilen der anderen Bevölkerungsgruppen zu finden sind. Denn Armut manifestiert sich nicht nur über Alimentierung und prekäre Jobs.

    Mittlerweile gibt es auch belastbare Studien aus Ostdeutschland, die zeigen, dass dieselben Ängste auch bei Gutverdienern entstehen, wenn ihre Region ins demografische Rutschen kommt. Was eben für die meisten ländlichen Regionen im Osten der Fall ist. Da sind eben nicht nur die einstigen industriellen Kerne plattgemacht worden, sondern in deren Gefolge auch die meisten sozialen Strukturen vom Kindergarten, der (Betriebs-)Poliklinik, der Bahnanbindung und dem Gemeindeamt bis zur Schule und Kulturhaus. Und parallel zogen vor allem die jungen, gut ausgebildeten Menschen weg. Die Älteren blieben zurück und hatten folgerichtig das beklemmende Gefühl, dass ihre Heimat gerade stirbt.

    Der Heimat-Begriff spielte in der Vermächtnis-Studie eine ganz zentrale Rolle. Die Forscher wollten genau wissen, was Menschen unterschiedlichen Bildungsgrades und unterschiedlicher Mobilität als Heimat verstehen. Und das Ergebnis überrascht in gewisser Weise, weil es die üblichen nationalen Vorstellungen von Heimat ganz und gar nicht favorisiert. Die „Nation“ ist für die meisten Menschen gar nicht der Ort, an dem sie sich geborgen und akzeptiert fühlen.

    Dafür ist es genau jenes soziale Umfeld, in dem sie die Menschen und Verhältnisse kennen, wo sie ihre Freunde und Netzwerke haben. Für die einen ist das ihr selbst gewähltes neues Zuhause in der Metropole, für die anderen der Ort, an dem sie aufgewachsen und wo sie geblieben sind.

    Heimat findet sich also für alle Befragten vor allem im Kleinen Wir, wie es die Forscher nennen (Familie, Verwandte, Freundeskreis, Arbeitskollegen) und nicht im Großen Wir, das unsere Gesellschaft ausmacht oder vielmehr das, zu dem sich jeder in Beziehung setzt: Fühle ich mich dazugehörig oder doch nur als Außenseiter und „Bürger 2. Klasse“.

    Und das hat jede Menge mit den Möglichkeiten zu tun, die Menschen haben, sich aktiv in diese Gesellschaft einzubringen. Man kommt am Problem der (strukturellen) Armut nicht vorbei.

    „Die Grundannahme ist jetzt nicht mehr, Armut als Eigenschaft von Personen zu sehen, sondern als eine Struktur, die den Handlungsspielraum von Menschen beschränkt. Um diesen zu erweitern, braucht es Bildung, Geld, Zeit, Selbstsicherheit. Im Falle der Armut ist all das begrenzt.“

    Und das Gerede über Bildungschancen ist spätestens dann nur noch heiße Luft, wenn Kinder aus armen Familien weder die Unterstützung bekommen, ihr Leistungspotenzial auch zu entfalten, noch das Geld, um eine mögliche Karriere oder ein Studium zu finanzieren. Denn das größte Vertrauen in die Gemeinschaft haben Menschen, die auch die materielle Basis haben, sich einen hohen Bildungsstatus zu erwerben und damit auch die Chance auf gut bezahlte Jobs und ein selbst gestaltetes Leben.

    Die anderen erfahren spätestens beim Gang zum Jobcenter, wie sehr ihnen der Staat misstraut und wie er bestrebt ist, sie das auch mit allen Mitteln spüren zu lassen. Sie bekommen die Unterstützung nur, wenn sie unterwürfig sind und immerfort beweisen, dass sie der Unterstützung würdig sind.

    Und wie gesagt: Das empfinden nicht nur die „bildungsfernen“ Befragten so, die zunehmend das Gefühl haben, dass sie in der Politik nicht mehr gefragt sind und ihnen auch in Bildung und Beruf nur lauter Bleigewichte angehängt werden. Denn wenn eine Gesellschaft immer undurchlässiger wird, die ärmeren Bevölkerungsgeschichten kaum noch Aufstiegschancen erhalten und auch in Teilen der Mitte das Gefühl entsteht, in einer Sackgasse gelandet zu sein, dann reißt auch der gesellschaftliche Dialog ab.

    Es gibt immer weniger Orte, wo sich Menschen aus unterschiedlichen Schichten und Milieus begegnen. Freundeskreise werden gleichförmiger, enthalten immer öfter nur Menschen mit gleichen Ansichten, ähnlichen Einkommen und ähnlicher sozialer Stellung.

    Aber wenn Menschen aus unterschiedlichen Milieus nicht mehr miteinander reden, sinkt logischerweise das Verständnis füreinander. Die anderen werden zu Fremden. Und was sie tun und für normal halten, wird auf einmal als gefährlich interpretiert.

    „Ursachen für das fehlende Vertrauen sind soziale Ungleichheiten in ihren vielfältigen Formen, die Erosion von Mindeststandards gesellschaftlicher Teilhabe, brüchige Brücken zwischen den Lebenswelten der Menschen und eine desolate Politik minimaler Interventionen, die weder ein klares Ziel haben noch den Weg dahin ausleuchten und daher das große Ganze nicht voranbringen können.“

    Es entsteht keine große gemeinsame Idee mehr, an der alle mitarbeiten können. Im Gegenteil: Eine Menge Leute bekommt es regelrecht gezeigt, dass sie nicht (mehr) gefragt und gemeint sind. Die Analyse von Allmendinger und Wetzel benennt dann durchaus mit der Hartz-IV-Gesetzgebung und der Deregulierung im Gesundheitswesen zwei Felder, auf denen für alle offensichtlich die Entsolidarisierung der Gesellschaft vorangetrieben wurde. Und das, obwohl alle belastbaren Umfragen zeigen, dass die Deutschen sehr wohl bereit sind, soziale Lasten solidarisch zu tragen, ohne zu schauen, ob der andere nun mehr beiträgt oder weniger.

    „Das Prinzip Solidarität kippt, wenn es nicht mehr um die freiwillige Nutzung von Anreizen, sondern um Verpflichtungen und individuelle Bestrafung geht“, schreiben Allmendinger und Wetzel in Bezug auf die Entsolidarisierung im Gesundheitswesen. „Wenn man beweisen muss, dass man trotz aller Anstrengungen krank und hilfebedürftig geworden ist. Welche Gründe, nicht selbst schuld an der schlechten Gesundheit zu sein, wird man in Zukunft dann noch ,anrechnen‘ lassen können?“

    Aber sie betonen eben auch, dass Vertrauen in einer Gemeinschaft ohne selbstverständliche Solidarität nicht genügt. Es ist einer ihrer Vorschläge, die sie der handelnden Politik dringend ans Herz legen, um aus der Spirale zunehmenden Vertrauensverlustes herauszukommen. Ein Sozialstaat ohne Vertrauen funktioniert nicht. Er schafft nicht nur Ungerechtigkeiten, sondern bei vielen Menschen eben das (gewollte) Gefühl, immerfort in der Schuld der anderen zu stehen und die simpelste Lebenshilfe nicht ohne Gegenleistung bekommen zu dürfen.

    Das geht beim Thema Arbeit weiter, wo das Misstrauen von einschlägigen Lobbygruppen geradezu geschürt wird, obwohl auch hier sämtliche Umfragen (und auch die Vermächtnis-Studie) zeigen, dass Arbeit für alle Einkommensgruppen auch mehr ist: sinnstiftend, Ort der Begegnung, der Entfaltung und der positiven Erfahrungen. Selbst die Billigjobber wollen arbeiten, empfinden den Zwang, jede „zumutbare“ Arbeit annehmen zu müssen, aber logischerweise als Entmündigung.

    Denn auch die Herrschaften in den besser bezahlten Berufen suchen sich ihre Arbeit auch danach aus, wie sinnstiftend und befriedigend sie ist. Dass das ausgerechnet den Menschen, die „ganz unten“ arbeiten, vorenthalten wird, ist schlicht nicht vermittelbar.

    Und dass auch Familiengründung in einer zunehmend mobileren Arbeitswelt anders gedacht werden müsste, gehört ebenso zu einem Programm, Gesellschaft wieder solidarischer zu denken und „eine Politik des Vertrauens“ aufzubauen. Denn spätestens beim Abgleich der Selbst- und Fremdbilder wird deutlich, dass Menschen darunter leiden, wenn ihnen aus höheren und privilegierten Schichten permanent Misstrauen und Verachtung entgegenschlägt – verbunden mit der Igel-Haltung aus dem Märchen: „Ich bin schon da!“ oder: „Strengt euch erst mal an und leistet was, dann dürft ihr vielleicht auch mal …“

    Denn Reichtum, Netzwerk und Protektion werden in Deutschland vererbt. Auch deshalb werden die Schichten immer homogener und undurchlässiger, bewegt sich letztlich nichts mehr, weil die Besitzenden nur noch ihren Besitzstand wahren, die Aufstrebenden sich nicht trauen, das Wohlwollen der Entscheidungsträger zu verspielen, und die Besitz- und Chancenlosen sich immer öfter sagen: Diese Art Gesellschaft ist nicht die unsere. Damit haben wir nichts zu tun. Denn: Wo sind eigentlich unsere Chancen?

    Ein Punkt, an dem Allmendiger und Wetzel dann sogar sehr deutlich werden. Denn warum dieses Gefühl der Lähmung unsere Gesellschaft erfasst hat, ist nach den Ergebnissen der Vermächtnisstudie sehr deutlich geworden und wird beim lähmenden Zustand der Konsumgesellschaft besonders deutlich: „Wie im Fall der Digitalisierung muss aber auch beim Umbau unserer Konsumgesellschaft klar sein: Wer seinen Teil dazu leisten soll, kann nicht alleingelassen werden. Die Mehrheit der Bevölkerung als zukunftsvergessen zu charakterisieren und sie gegen die weltfremden Zukunftspläne einer politischen Elite auszuspielen, ist demgegenüber bloßer Zynismus.“

    Nichts ist deutlicher als die simple Tatsache, dass gleiche Chancen für alle (auch im materiellen) die Grundlage für gleiche Teilhabe sind und damit auch die Herstellung von Vertrauen in eine Gesellschaft, die Menschen nicht willkürlich ausgrenzt und behindert. „Nur Vertrauen macht Freiheit allen gleichermaßen zugänglich.“

    Jutta Allmendinger; Jan Wetzel Die Vertrauensfrage, Dudenverlag, Berlin 2020, 16 Euro.

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