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Überhitzt: Wie der Klimawandel schon heute unserer Gesundheit zusetzt

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    In diesen Tagen erleben wir ja wieder ein Stück jener Extreme, die mit der Klimaerhitzung immer häufiger werden. Und das wird nicht nur unsere Wälder, Meere, Parks und Straßenbäume unter Stress setzen. Das ist längst auch ein riesiges Problem für unsere Gesundheitssysteme. Und die massiv steigende Hitzebelastung ist nur eines der Probleme, die mit den steigenden Temperaturen nach Deutschland kommen.

    Begriffe wie Klimatrauer, Klimaangst und Klimaschock tauchen auf. Und der in Australien geprägte Begriff der Solastalgie, der damit zu tun hat, dass Menschen echtes Entsetzen empfinden, wenn ihnen vertraute Landschaften vor ihren Augen zerstört werden. Egal, ob das ein gieriger Bergbaukonzern ist, der eben noch mit Leben erfüllte Täler in eine schwarze Wüste verwandelt, oder ein von einem achtlosen Lagerfeuermacher in ein Inferno verwandelter uralter Wald.Es ist nicht nur Greta Thunberg, die diese Angst verspürte und daraus den Mut zum widerständigen Handeln fand. Es bewegt immer mehr Menschen – nach den jungen Leuten längst schon die Mediziner, die Psychotherapeuten, die Naturwissenschaftler, die Eltern und Großeltern, die Katastrophenstäbe. Alle immer wieder geeint in der frustrierenden Erfahrung, dass sie es mit Politikern zu tun bekommen, die immer noch taktieren, abwiegeln, verleugnen, aussitzen und vertagen, als wäre da überhaupt noch ein Quentchen Zeit übrig, das man abwarten könnte.

    Die Wahrheit ist – und das stellen die beiden Autorinnen auch fest –, dass wir die wertvollsten 20 Jahre, in denen wir überhaupt noch wirksam hätten handeln können, vertrödelt und verplempert haben. Wir alle – auch wenn viele von uns nichts dafür können und die Verzweiflung kennen, dass die sogenannte schweigende Mehrheit wieder die Bremser, Aussitzer und Leugner in die Verantwortung gewählt hat.

    Was natürlich mit der menschlichen Psyche zu tun hat. Mit dem drohenden Tiger im Unterholz, also im Angesicht der Gefahr, sind Menschen geradezu bestens ausgestattet, schnell zu reagieren. Das zeigt auch die Einsatzbereitschaft, wenn es wirklich zur Katastrophe kommt. Aber mit der unsichtbaren Gefahr, die sich langsam entwickelt, kann die menschliche Psyche nicht umgehen, denn alle Sinne sagen ja meist: Im Augenblick ist doch alles bestens, was wollen die nur?

    Die meisten Menschen können sich nicht wirklich vorstellen, was Wissenschaftler/-innen selbst detailliert aufschreiben. Was in einer – wenn auch immer näheren – Zukunft passiert, erzeugt in ihnen keine Gefühle, setzt keine Handlungen frei. Man scheint ja noch alle Zeit der Welt zu haben. Und auch heute geschehen die schlimmsten Klimafolgen ja vor allem in anderen Ländern.

    Wer kommt schon zum Nordpol, um dort die Eisschmelze selbst zu beobachten? Wer sieht schon die abbrechenden Bergflanken in den Alpen oder das stille Versinken der Inseln im Indischen Ozean? Wer ist schon dabei, wenn in Australien die Buschbrände lodern oder das Great Barrier Reef sich in eine tote Landschaft verwandelt?

    Selbst die dramatischen Bilder im Fernsehen scheinen kaum Wirkung zu zeigen. Außer vielleicht bei jenen, die sich das alles wirklich vorstellen können und die nicht mehr verleugnen können: Das betrifft auch mich.

    Und so taucht am Ende des Buches sogar ein bisschen Hoffnung auf. Denn seit zwei Jahren spüren auch die Forscher, dass sich etwas ändert, dass augenscheinlich die Dramatik der Veränderungen immer mehr Menschen und auch Politiker berührt und zum Umdenken bringt. Selbst Gerichtsentscheidungen zeigen ja mittlerweile, dass die Botschaft nicht mehr nur die Schüler/-innen auf der Straße angeht. Und auch wenn die Effekte bislang noch gering sind, gibt es überall Initiativen, Städte und Länder in überschaubaren Zeiträumen klimaneutral zu machen. Immerhin.

    Denn der Blick in die meisten Pläne zeigt, dass neben den vollmundigen Versprechungen oft viel zu geringe echte Projekte stehen, die auch die versprochenen Effekte bringen. Aber schon das allein gibt Hoffnung, denn damit kommt unsere Klimanot endlich ganz oben auf die Agenda. Und die Akteure, die jahrelang ziemlich einsam gegen die geballte Ignoranz kämpfen mussten, sind nicht mehr so allein.

    Was viele sogar krank gemacht hat, auch das können die beiden Autorinnen feststellen. Denn wer so genau weiß, was für fürchterliche Dinge da auf die Menschheit zukommen, der erlebt auch echte Angst. Eine Angst, die mittlerweile immer mehr Menschen auch zum Arzt bringt. Sogar Klimaleugner, die immer mehr Energie darauf verpulvern müssen, das Unleugbare immer wieder zu bestreiten. Der Mensch hält es aber nicht wirklich aus, immerzu im Widerspruch zur Wirklichkeit zu leben.

    Die Lösung kann nur Veränderung sein. In unseren gesellschaftlichen Wertvorstellungen genauso wie in unserem persönlichen Leben, was die schweigende Mehrheit noch nicht wirklich begreifen will. Stattdessen kämpft sie lieber in verbalen Schlachten gegen eine Preiserhöhung bei Sprit um 16 Cent je Liter. Ein lächerlicher Betrag, wenn man ihn mit den Milliardenkosten vergleicht, die entstehen, wenn unsere Landwirtschaft kaputtgeht, weil Dürren die Ernten vernichten, wenn das Trinkwasser rationiert werden muss, weil die Niederschläge fehlen, und so weiter.

    „Wir müssen neu aushandeln, was im Leben zählt, was ein echt gutes Leben ausmacht“, sagt Martin Herrmann, Vorstand des Netzwerkes KLUG, am Ende im Gespräch mit den beiden Autorinnen. Im einführenden Gespräch mit Eckart von Hirschhausen thematisieren sie übrigens den Zeitpunkt, an dem sie – jede und jeder für sich – begriffen haben, dass es bitterer Ernst ist, was da geschieht.

    In der Summe entstand so ein Buch, das übersichtlich, sehr detailliert und kompakt erzählt, wie die Klimaerhitzung schon jetzt unsere Gesundheit belastet und künftig noch viel dramatischere Folgen für unser Gesundheitssystem haben wird. Und es zeigt eben auch, dass wir unser Leben und auch unsere Städte verändern müssen. Wir können uns keine überhitzten, baumlosen Straßenschluchten und Plätze mehr leisten, keine Stadtverwaltungen, die nicht auf Wetterextreme und Hitzezeiten vorbereitet sind.

    Aber nicht nur die Autorinnen, sondern auch viele ihrer Gespächspartner/-innen zeigen einen Funken Zuversicht, dass jetzt tatsächlich immer mehr Menschen mitmachen und sich auch Regierungen nicht mehr dumm stellen, als wären sie unfähig, den alten Trott auch nur infrage zu stellen.

    Den Band beschließen dann etliche Ratschläge, wie sich jede und jeder möglichst wappnen kann gegen Hitze, Krankheitserreger und die Folgen von Allergien. Denn es geht schon lange darum, dass wir lernen, mit den Folgen der Überhitzung zu leben und alles zu unterstützen, was dabei hilft, die Klimaerwärmung auf die so wichtigen 2 Grad zu begrenzen.

    Denn das ist die Grenze, bis zu der unsere Zivilisation vielleicht noch funktionieren könnte (freilich schon mit zunehmenden Dürren, Hungersnöten und Fluchtbewegungen). Darüber hinaus aber wird die Sache völlig unberechenbar und wohl auch völlig unbeherrschbar.

    Zumindest ist wieder ein Zipfel Zuversicht da, dass jetzt endlich spürbar etwas getan wird, die Aufheizung der Atmosphäre zu begrenzen.

    Claudia Traidl-Hoffmann, Katja Trippel Überhitzt, Dudenverlag, Berlin 2021, 20 Euro.

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