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Das Waldbuch: In 50 Grafiken zeigt Esther Gonstalla, was wir zur Rettung unserer Wälder wirklich wissen müssen

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    2019 veröffentliche Esther Gonstalla „Das Klimabuch“, das in 50 informativen doppelseitigen Grafiken das Wichtigste zeigte, was man zum Klima, zum Klimawandel und seinen Gefahren wissen sollte. Schon 2009 hatte sie „Das Atombuch“ auf diese Weise vorgelegt, 2017 „Das Ozeanbuch“. „Das Waldbuch“ erklärt jetzt ausführlich, wie unersetzlich für uns die lebendige „grüne Lunge“ ist.

    Und zwar nicht nur die im Amazonasbecken oder in Indonesien, die immer besonders im Fokus stehen, wenn es um (illegale) Rodungen geht und die großflächige Verwandlung abgefackelter (Ur-)Wälder in Weide, Soja- und Palmölplantagen. Das gehört ja auch zu unseren ganz besonderen europäischen Peinlichkeiten, dass wir so gern mit dem Finger auf andere zeigen und ihr Tun verdammen.Gern auch mit Verweis auf den Klimawandel und die unersetzliche Rolle der tropischen Wälder bei der Bindung von CO2 und der Kühlung der Erdatmosphäre, ganz zu schweigen vom Verlust tausender bedrohter Arten, die nur in diesen Wäldern vorkommen.

    Aber natürlich kommen in diesem Buch, das Gonstalla wie „Das Klimabuch“ wieder mit Unterstützung zahlreicher Fachwissenschaftler gestaltet hat, die seit Jahren auf dem Gebiet der Biodiversität, der Klimafolgen, der Stoffkreisläufe und Waldfunktionen forschen, auch die großen Tafeln vor, die zeigen, für wen eigentlich die riesigen Waldflächen da im Süden abgeholzt werden.

    Und die Pfeile zeigen – wie so oft – auf den Wohlstandskontinent Europa, wohin (meist illegal) die tropischen Hölzer verschifft werden, die gewaltigen Sojatransporte gehen, mit denen europäische Rinder gefüttert werden, aber auch die riesigen Fleischtransporte und die Schlachtnebenprodukte aus Südamerika. Nicht zu vergessen die gewaltigen Mengen Palmöl, die in 50 Prozent der deutschen Discounter-Produkte stecken, aber auch als Biodiesel im Tank deutscher Autos.

    Das bekannte Bild vom ökologischen Fußabdruck – hier wird es ganz konkret. Und man ahnt den Druck, den der europäische (und amerikanische und chinesische …) Konsum ausübt auf die Länder des Südens, die an der Globalisierung vor allem mit Rohstoffen und Halbprodukten teilhaben. Und sie verkaufen all das, was sie haben – letztlich eben auch ihre Wälder. Mit schon lange sichtbaren ökologischen Folgen.

    Denn der Raubbau an den Wäldern ist ja nicht erst im 21. Jahrhundert Thema geworden. Auch im 20. Jahrhundert wurden – des schnell erreichbaren Gewinns wegen – ganze Wälder gerodet. Meist so radikal, dass die Degradation der Böden sofort einsetzte und dort, wo vorher artenreiche Wälder standen, bald verdorrte Landschaft oder gar Wüste war.

    Ein Thema, das seit 70 Jahren Menschen bewegt und ebenso lange auch erste Wiederaufforstungsprojekte hervorgebracht hat – vor allem auf private Initiative hin. Was freilich nie genügte, den parallelen Waldverlust auszugleichen. Der hält nach wie vor an und wird wohl, wenn wir unser Denken nicht gründlich umstellen, noch mindestens bis 2050 so weitergehen.

    Und damit wird auch der Waldverlust weiter zur Klimaerwärmung beitragen, denn jeder abgeholzte Wald bedeutet: mehr CO2 in der Atmosphäre. Wenn die Holzfäller gar auf die Moorwälder des Südens zugreifen, tragen auch die nun trockengelegten Moore massiv zur Emission von Kohlendioxid bei.

    Und das alles für uns. So nüchtern kann man es eigentlich sagen. Allein weil wir uns all die Produkte leisten können, in denen die Importe aus den Ländern des Südens stecken, feuern wir mit unserem Konsum die Vernichtung der Wälder an.

    Natürlich gibt es auch die großen Doppelseiten mit Tipps, wie man seinen eigenen Konsum nachhaltiger gestalten kann. Stichworte: regional, fair, weniger Fleisch, Produkte ohne Palmöl usw. Und es gibt auch die Doppelseite mit Hinweisen, wo und wie man sich zur Rettung der Wälder engagieren kann.

    Denn wenn man all die Grafiken – und zwar gerade die mit den Exportströmen aus den (Wald-)Ländern des Südens in den konsumierenden Norden – anschaut, wird einem eigentlich klar, was für eine Aufgabe tatsächlich vor uns steht und diesem Land und unserer Es-bleibt-alles-beim-Alten-Regierung: Wir müssen eigentlich ziemlich schnell lernen, uns wieder aus unserem eigenen Land zu ernähren und aufhören, auf Kosten der ärmeren Länder zu leben.

    Was eigentlich möglich ist. Aber dazu muss sich unser bequemes Denken ändern. Das ist etwas anspruchsvoller. Stimmt. Man kann dann nicht mehr gedankenlos in den Supermarkt gehen oder in den Baumarkt. Und auch wenn uns niemand dabei mahnt und normiert: Wir sind für all das mitverantwortlich. Auch und gerade für die abgefackelten Wälder. Und dazu gehören dann natürlich auch die Wälder, die (wie in Kalifornien) abbrennen, weil der Grundwasserspiegel gesunken ist und die Böden ausgetrocknet sind. So ein bisschen haben wir das in Deutschland ja in den letzten zwei Jahren auch erlebt.

    In gewisser Weise macht es Mut, wenn man liest, wie viele Initiativen es mittlerweile gibt, um die möglichst noch intakten natürlichen Wälder zu bewahren. Die Ausweisung von Nationalparks und Biosphärenreservaten fand ja genau in der Zeit statt, als die Menschheit so langsam begriff, dass ihr die wertvollen Wälder mit ihrem ursprünglichen Artenreichtum verloren zu gehen drohen.

    Die Prozesse laufen ja parallel – das Bewusstwerden der Gefahr und der blinde Druck purer ökonomischer Zwänge, mit denen der gedankenlose Norden den Süden regelrecht zwingt, genau die Produkte zu liefern, die heimische Hersteller brauchen, um billige Konsumgüter herzustellen.

    „Geiz ist geil“, lautete ja mal der Werbespruch eines Technikmarktes, der aber genau auf den Punkt brachte, wie eine auf Profit getrimmte Wirtschaftsweise die Konsumenten genauso abhängig macht wie die Lieferanten.

    Dass dieser Effekt gerade auch den deutschen Bauern die Existenzgrundlage entzieht, steht zwar nicht im Buch, gehört aber dazu. Wir müssen unser Denken über das als „normal“ Empfundene ändern. Und wir können unsere Besorgnis um Klima und Artenvielfalt nicht immer nur loslösen von unserem täglichen Konsumverhalten. Beides gehört zusammen. Und die Katastrophe auf der einen Seite wird durch die Bequemlichkeit auf der anderen forciert.

    Und deshalb gibt es natürlich auch Seiten, die zeigen, was nachhaltige Waldbewirtschaftung ist und sein muss. Zwar sind die zugehörigen Grafiken im Weltmaßstab gezeichnet. Aber was für die tropischen und borealen Wälder gilt, gilt genauso für die temperierten Wälder in Europa, das – auch diese Grafik gibt es – vor 3.500 Jahren noch ein fast komplett bewaldeter Kontinent war.

    Das vergegenwärtigen sich oft auch Historiker nicht, weil sie viel zu selten die Sagen und Mythen der Antike rezipieren, in denen immer auch von großen, dichten Wäldern berichtet wird, in denen die Götter hausen. Die so viel gepriesene Geschichte der mittelmeerischen Zivilisation ist eine Geschichte der abgeholzten Wälder. Und die heute noch existierenden Wälder Europas sind nur zu geringen Bruchteilen noch naturbelassene (Ur-)Wälder. Wir haben es ja selbst in Leipzig erlebt, wie stur die beauftragten Forstabteilungen daran festhielten, den hochgradig in seiner Existenz bedrohten Auenwald bewirtschaften zu wollen.

    Das kann nicht gelingen. Was dann auch eine Grafik zeigt, die den Artenreichtum in wirklich nachhaltig bewirtschafteten Wäldern indigener Völker vergleicht mit dem kargen Artenbestand in Forstplantagen. Deshalb eröffnet der Band eigentlich mit dem, was das Wichtigste in der jüngeren Erforschung der Wälder war: die Erkenntnis, dass der Artenreichtum eines gesunden Waldes aus hunderten verschiedenen Moosen, Insekten, Pflanzen, Pilzen, Bakterien, Vögeln, Fledermäusen und anderen Säugetieren besteht, die allesamt eng vernetzt sind.

    Wer hier eingreift und ganze Baumareale kahlschlägt, zerstört auch den Boden und die unterirdische Vernetzung von Wurzeln und Pilzen. Gerade die moderne Waldforschung hat eigentlich gezeigt, dass wir auch in Deutschland die traditionelle Forstwirtschaft beenden müssen und auch in unseren Wäldern (wieder) lernen müssen, nachhaltig und den natürlichen Bestand erhaltend zu wirtschaften. Was auch bedeutet, dass die natürliche Waldverjüngung wieder Raum bekommen muss.

    Was natürlich den Streit nicht löst: Aber was ist dann mit den Waldpflanzungen?

    Eine Frage, die sich natürlich anders stellt, wenn man die großen Grafiken zur Rolle der Wälder im Klimawandel anschaut und dort sieht, wie stark eine weltweite Aufforstung von Wäldern helfen könnte, die menschlichen CO2-Emissionen auszugleichen und Wälder wieder zu CO2-Senkern zu machen. Das Problem dabei ist: Die Zeit läuft uns davon. Denn die Klimaerwärmung müssen wir in den nächsten zehn Jahren in den Griff kriegen, Bäume aber brauchen 50 Jahre, um ihre volle Wirkung als CO2-Verbraucher, Sauerstoffspender und Grundwassersicherer zu erfüllen.

    Wahrscheinlich lautet die Antwort wirklich: Es braucht beides. Großflächige Anpflanzungen gerade dort, wo Wald verloren gegangen ist – aber auch einen baldigen Übergang zu einer nachhaltigen Waldpflege.

    Und selbst da, wo noch naturnahe Wälder stehen, wird es ohne Eingriffe des Menschen nicht gehen. Dazu sind unsere Wälder viel zu sehr eingeschnürt von monotonen Landwirtschaften, Straßen, Schienen, versiegelten Wohn- und Gewerbegebieten. Was das Überleben von Raubtieren fast unmöglich macht, was dann wieder (Nahrung gibt es ja in Hülle und Fülle) Wildschweine und Rotwild sich massenhaft vermehren lässt, was wieder mehr Jäger braucht, die die Bestände im Zaum halten. Denn wenn zu viele Tiere im Wald sind, hat natürlicher Baumnachwuchs keine Chance.

    Man lernt so einiges in diesem Buch, das sehr schön komprimiert zeigt, warum wir uns jetzt wirklich beherzt um unsere Wälder und ihre Zukunft kümmern müssen. Denn diese Zukunft ist unsere Zukunft. Und so ganz nebenbei führt Gonstalla auch die psychischen Momente an, die uns mit dem Wald verbinden. Denn im Kopf haben die meisten eher das schauerliche Bild vom finsteren (Märchen-)Wald. Aber gerade die Psychologie kann längst beweisen, wie heilend der längere Aufenthalt im Wald für uns ist.

    Was natürlich damit zu tun hat, dass wir als Art an das Leben im Wald angepasst sind. Was heute noch über 400 Millionen Menschen weltweit vorleben, weil sie im Wald leben und dort alles finden, was sie brauchen – von den Früchten der Bäume über die Baustoffe für ihre Hütten bis hin zu den Heilpflanzen. Nicht zu vergessen, dass ein großer Teil unserer modernen Medikamente auf Wirkstoffen genau jener Heilpflanzen aufbauen.

    In gewisser Weise zeigt Gonstalla hier, wie sehr wir auch heute noch auf die Wälder und ihre vielen Funktionen angewiesen sind – was ja bis zur Sicherung unserer Trinkwasservorräte und unserer Flüsse geht. Wälder haben übrigens erst jenes Klima entstehen lassen, das erst menschliches Leben ermöglicht hat. Wir lernen gerade erst, dass wir ohne diese klimastabilisierende Funktion der Wälder gar nicht überleben können. Es ist höchste Zeit, könnte man sagen, dass wir endlich anfangen, unser Verhalten den Wäldern gegenüber gründlich zu ändern.

    Und auch wieder mehr Wald zulassen. Auch hier bei uns in unseren leergefegten Landschaften. Man denke nur an die riesigen industriell bewirtschafteten Felder, die Dürre und Erosion schutzlos ausgeliefert sind.

    Es ist das richtige Buch zur Zeit und wird jedem, dem das Thema Wald so noch nie im Unterricht oder dem täglichen Medienkonsum begegnet ist, helfen, nach und nach zu verstehen, dass wir uns etliche Milliarden Euro fürs Militär lieber sparen sollten und das Geld lieber wieder in den Wald und eine ökologische Landwirtschaft stecken sollten. Die Zeit läuft längst. Und auch in den abgeholzten und abgefackelten Wäldern lauern Kipppunkte, die die Klimaerwärmung noch beschleunigen werden – in den Moorwäldern Indonesiens genauso wie in den Permafrostböden des Nordens.

    Ja, auch das Denken in unserer Regierung muss sich ändern. Im Überlebenssinn muss es deutlich radikaler werden. Dass es im gegenteiligen Sinn radikalisiert ist, hat man bei den Waldbesetzungen im Hambacher Forst und im Danneröder Forst gesehen, wo die von uns gewählte Staatsgewalt zeigte, dass aus ihrer Sicht Wälder nichts wert sind.

    Zeit für ein richtiges Umdenken. Aber dazu braucht es mutige Menschen, denen ein „Herz für Bäume“-Sticker am Auto schlicht zu wenig ist. Nur ein Alibi in einer Zeit, wo ein solches mit lauter klugen Grafiken gespicktes Buch alles erklärt, was man wissen muss.

    Doof stellen kann man sich im Karneval. Aber nicht, wenn es um unsere Zukunft geht.

    Esther Gonstalla Das Waldbuch, Oekom Verlag, München 2021, 24 Euro.

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