In diesen trüben Zeiten eines kriegslärmenden Neoliberalismus – gibt es da noch so etwas, was man Hoffnung nennen kann? „Natürlich gibt es Hoffnung, nur nicht für uns.“ Das würde ironisch-bitter der Erster-Weltkriegs-Zeitgenosse Franz Kafka antworten. Der hatte Glück und blieb von den unmittelbaren, furchtbaren Gräueln der Schlachtfelder verschont, wusste aber dennoch zu erkennen, dass Leid und Zerstörung immer menschengemacht sind.

Von Menschen initiiert, die ihre Grenzen nicht erkennen und anderen glauben machen wollen, dass es keine andere Lösung eines – natürlich gerechten – Krieges gegen ein anderes Land gibt. Man muss sich ja verteidigen, oder angreifen, weil es angeblich keine bessere Vernunft gäbe, sondern nur der Weg der Gewalt beschritten werden kann.

Dabei gibt es immer die andere Lösung. Würde allgemein klarer werden, dass wir schon seit Längerem vergessen haben, was die geistigen Grundlagen der „Sattelzeit der Moderne“ waren. Ungefähr durch die Lebensdaten Goethes (1749–1832) begrenzt. Da war viel von Freiheit, selbstbestimmtem Denken und Toleranz die Rede. Man denke nur an Lessings „Nathan“.

Und der „Alte aus Königsberg“, der Philosoph Immanuel Kant, steuerte u.a. das Prinzip des Universalismus aufklärerischer Gedanken und Werte bei. Ergänzt durch den französischen „Kollegen“ Jean-Jacques Rousseau, dass der Mensch zwar frei geboren wird, aber überall in Ketten liegt.

Diese Ketten, von denen Rousseau hellsichtig bereits im 18. Jahrhundert sprach, scheinen im Konsumzeitalter des westlichen Spätkapitalismus unsichtbar oder in ein hybrid-egomanes Freiheitsverständnis weich gebettet selbstverständlich und alternativlos zu sein. Immer mit dem Verweis, dass es woanders „doch viel schlimmer sei“. (Erinnert an das 68er-BILD-Zeitungs-Gezeter „Dann geht doch nach drüben!“)

Beklagt werden autoritäre, rechtspopulistische Strömungen, viel zu wenig wird erkannt, dass aufkommende, sich ständig verstärkende menschenfeindliche Tendenzen ihren Nährboden im existierenden Gesellschaftsgarten hatten und haben. Brandmauern dagegen wie Zäune gegen Kletterpflanzen wirken, wenn man vorher den Boden ordentlich mit Sozialabbau gedüngt und den Gesellschaftsmitgliedern stattdessen das selbstoptimierende Wachstum in die Herzen und Hirne eingepflanzt hatte.

Ein zentrales Bild der Aufklärung, ein Begriff, mit dem man den Aufbruch in die Moderne verband, war der einer „Maschine“. Eine Maschine, die nie müde wird, keine Geduld zeigen muss, die alles leistet, organisiert und verbessert. Mit humanistischem Impetus natürlich. Etwas, das über die menschliche Unvernunft und Unvollkommenheit hinausgeht, Träume erfüllt und Beschwerden vergessen lässt.

So der idealistische Traum. Dort steht der moderne Mensch im Dunkel der Entscheidungsvielfalt (oder prekären Leere), eines permanenten Funktionszwanges, bedient man sich kleinerer oder größerer Helfer, die ihm Wege eröffnen, Dinge erleichtern oder Träume erfüllen. Von Menschen erfunden, sollten sie dem Erhalt der Spezies dienen. Oder auch nicht. Das Fallbeil des französischen Arztes Joseph-Ignace Guillotin nannte sich zuerst „Köpfmaschine“.

Der talentierte Universalgelehrte Faust in Goethes gleichnamiger Tragödie besitzt die Voraussetzungen, um der Welt und den Menschen mithilfe seiner genialen Fähigkeiten Hoffnung zu geben, ihr Dasein durch humanistisch motiviertes Streben zu verbessern. Den Zynismus der Kaltherzigkeit zu überwinden. Sein Widerpart Mephisto erkennt das früh. („Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.“)

Er sieht die Schwächen der Menschen und ist weit davon entfernt, seine „Arbeitsgegenstände“ im Sinne eines menschlichen Fortschritts zu verbessern. Verhöhnt sie vielmehr in ihrem Kampf um das Gute, im Versuch, die Erkenntnis zu gewinnen und zu verbreitern, dass die Selbstvervollkommnung Teil einer Weltvervollkommnung sein könnte.

(„Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein. Er scheint mir, mit Verlaub von Euer Gnaden, wie eine der langbeinigen Zikaden, die immer fliegt und fliegend springt und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt; und läg er nur noch immer in dem Grase! In jeden Quark begräbt er seine Nase.“)

Von diesem „Quark“ hat der weltenttäuschte Faust gehörig die Nase voll. Warum nach Selbstverwirklichung streben, wenn es einem doch nicht gelingt, zu erkennen, „…was die Welt im Innersten zusammenhält“? Und dabei hat er doch „Ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie! Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.“

Aber er bleibt eben dabei seiner Ansicht nach „so klug als wie zuvor“, klagt, schreit, tobt: „Es möcht kein Hund so länger leben!“ Schlimm, ganz schlimm. Heutzutage ein Fall für die Psychotherapie.

Dabei denkt der Goethe-Protagonist durch und durch menschlich. Nachvollzieh- und nacherlebbar geradezu. Wer von uns erreicht immer seine Ziele? Kann sich alle Wünsche erfüllen? Lebt in produktiver Zufriedenheit? Und wenn dies der oder die eine von sich behaupten kann – dann aufrichtigen Glückwunsch. Aber wie lange hält so ein Gefühl an? Können andere daran teilhaben? Oder bleibt man im frühen Mantra hängen, wonach jeder und jede nur an sich zu denken braucht, und dann ist an alle gedacht?

Der Johann (oder Heinrich bei Goethe) Faust ist so ein „Vertreter“. Der sich im Recht wähnt, es nun so richtig „krachen“ lassen zu dürfen. Er hat sich nicht in der Welt einzufügen, sie in ihrer Unvollkommenheit zu ertragen, nein, sie muss unterworfen werden, sich nach ihm richten, er bleibt doch großzügig und spendiert eine Runde nach der anderen im Auerbachs Keller (konnte der leibhaftige Goethe mit dem väterlichen Stipendium in Leipzig wirklich) und stattet seine Geliebte mit (gepumptem) Schmuck aus. Das muss doch reichen!

Nein. Es reicht nicht. Faust greift in seinem Lebensüberdruss nicht zum nächsten Buch, zum nächsten Text, sucht nicht weitere Erkenntnis, um ein echter „Drachentöter“ der menschlichen Hybris zu werden; Faust wandelt und verwandelt sich selbst zum Drachen, der jetzt das Gefühl bekommt, ein Be-Herrscher der Welt zu sein. Er bleibt nicht offen, er resigniert vor den menschlichen Schwächen, die ihm Mephisto versüßen und damit schmackhaft präsentieren wird. (Aber soweit sind wir dieses Mal noch nicht.)

Schlimm, dass das Böse in Gestalt von Mephisto sich seiner Mission von Beginn an sicher ist und ahnt, im Wittenberger Magister ein mögliches Opfer zu haben. Im strebsamen Menschen, der seinen Ehrgeiz nicht mit humanistischer Zielklarheit zu verbinden weiß. Lassen wir Meister Goethe das Schlusswort in diesem Teil des Textes …

„MEPHISTO. Fürwahr! er dient euch auf besondre Weise. Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise. Ihn treibt die Gärung in die Ferne, er ist sich seiner Tollheit halb bewusst; vom Himmel fordert er die schönsten Sterne, und von der Erde jede höchste Lust, und alle Näh und alle Ferne befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“

DER HERR. Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient; So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.“

Schön wäre es gewesen. Es ist die fremde „Klarheit“, die auf ihn wartet. Demnächst mehr davon.

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