In regelmäßigen Abständen werfen die ewig Gestrigen die Atomkraft in den Debattenraum, als wäre diese veraltete, überteuerte, hochriskante und selbst von ihren ehemaligen Betreibern als totes Pferd bewertete Technologie eine Lösung für unsere Energieprobleme – Probleme, die wir bei einem konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien kaum noch hätten.
Und das ist ja der Sinn des Unsinns: Man will der echten Lösung eine Scheinlösung entgegensetzen und so den Blick der Öffentlichkeit von den erneuerbaren Energien ablenken, weil diese – so einfach ist es leider – dem fossilen Geschäftsmodell der ewig Gestrigen zuwiderlaufen.
Bespielt wird also keine echte Technikdebatte, sondern die Aufmerksamkeit der Gesellschaft, die in einer Demokratie schlicht das entscheidende Regulativ darstellt: Was die Masse überzeugt, wird ermöglicht, andere Wege werden dadurch erschwert. Die Forderung nach Atomkraft ist schlicht eine manipulative Methode, um eine Debatte anzuheizen, die technisch und politisch keine mehr ist, um eben jene (erneuerbaren) Wege zu erschweren, die am Ende der Wirkungskette das Geschäft mit fossiler Energie beenden werden.
Nun begegnen Experten solcherlei Vorstößen mit analytischer Kritik und folgen dabei der irrigen Vorstellung, mit ihrer inhaltlich durchaus korrekten, sachlich vorgetragenen Richtigstellung das Thema wieder einfangen zu können. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Atomkraft wird weiterhin von einer Mehrheit der Menschen als mögliche Lösung betrachtet und die ewig Gestrigen haben ihr Ziel erreicht.
Heißt: Anstatt dass sich die öffentliche Debatte auf echte Lösungen konzentrieren würde, bleibt die atomare Scheinlösung wie ein unerwünschter, rüpelhafter Gast mitten im Raum. „Immer noch!“, möchte man laut ausrufen, denn obwohl dieser Gast mal mehr und mal weniger die Schlagzeilen bestimmt, so ist er doch bis heute ein stetiger Begleiter. Die Stimmen der Vernunft reagieren ebenso stetig mit analytischer Kritik und dem Einbringen echter Lösungen.
Das Problem der analytischen Kritik
Nun sind echte Lösungen eine wichtige Sache, auch analytische Kritik – und genau hier liegt das Problem. Dadurch, dass Experten auf die Forderung nach einer Reaktivierung der Atomkraft mit analytisch-lösungsorientierter Richtigstellung reagieren, adeln sie diese unsinnige Forderung zu einer ernsthaft zu diskutierenden Frage.
In den Augen der beobachtenden Laien, die ja die eigentlichen Adressaten der ewig Gestrigen sind, muss das Thema also eine gewisse Grundlage haben, einen gewissen Ernst: Wenn divergierende Meinungen mit wissenschaftlichem Ernst aufeinander treffen, dann wird eine gewisse Ernsthaftigkeit auch dem Thema selbst – der Forderung nach Atomkraft – unterstellt. Anstatt das Thema also einzufangen, macht man es durch die seriöse Reaktion somit erst debattenfähig.
Verglichen mit den Kosten, Zeiträumen und Möglichkeiten der erneuerbaren Energien, sind die atomaren Reaktivierungsphantasien dermaßen unsinnig, als wolle man die Energie von Proxima Centauri per Schienentransport zur Erde schleppen.
Würde jemand über einen solchen Vorschlag ernsthaft diskutieren, die Kosten für die Gleislegung aufrechnen, die Zeiträume einer Reise zwischen diesem und unserem Sonnensystem besprechen und laut darüber nachdenken, dass die Energie von Proxima Centauri nur schwerlich in Container zu pressen ist? Natürlich nicht!
Bei der Atomkraft wird jedoch eine detaillierte Berechnung nach der anderen in die Öffentlichkeit getragen, wird physikalisch, logistisch und wirtschaftlich durchdekliniert, warum sie keine Lösung ist. Dabei wird geradezu sträflich übersehen, dass die gemeinhin laienhafte Öffentlichkeit weniger auf sachliche Details reagiert, sondern viel mehr auf das Gesamtbild: „Aha, Atomkraft wird diskutiert, also ist sie diskutabel.“
So weit, so problematisch.
Die Lösung?
Die Lösung wäre sehr einfach, sie lässt sich schon aus dem zuverlässig wiederholten Fehler ableiten: Wenn analytisch-ernste Reaktionen unsinnige Forderungen am Leben halten, dann sollten die Reaktionen darauf eben nicht analytisch-ernst sein. Vielmehr sollte ein öffentlich auftretender Reaktorfetisch nicht mit Fachvorträgen gekontert werden (so gerne man sie auch halten mag), sondern mit schallendem Gelächter – vielleicht mal über technischen Fetisch sprechen, anstatt endlose Zahlen und Grafiken durch die Debatte zu würgen.
Denn am Ende des Tages haben jene Kräfte die Debatte gewonnen, die ihr Thema setzen konnten, oder es zumindest effizient am Leben halten – Fakten sind hierbei übrigens sogar bei weniger unsinnigen Themen ein denkbar schwacher Hebel. Wer sich aber im Angesicht unsinniger Forderungen an seriöser Richtigstellung festklammert und stetig versucht, das Auditorium der breiten Öffentlichkeit bis in die hinterletzte Reihe in Expertenwissen einzuweihen, sitzt schon bis zum Hals in der Defensive – und verliert.
Die Antwort auf Unsinn sollte also nicht nur weniger verbissen ausfallen, sie darf auch beim Vorführen dieses Unsinns – was man sich in den meisten anderen Fällen tunlichst verkneifen sollte – ungehörig Spaß machen. Denn das (in diesem Sinne auch fachlich) beste Ergebnis ist nicht, in einer ewigen Atomdebatte gelegentliche Punktsiege zu erringen, sondern schlicht das endgültige Ende dieser Debatte.
Und wenn die ewig Gestrigen dabei dumm dastehen, dann überlegen sie sich in Zukunft zweimal, ob sie unsinnige Forderungen stellen wollen. Ergo: Ein rundum wünschenswertes Ergebnis im Dienste echter Lösungen!
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