Es ist tatsächlich ein Sprung über den Abgrund, der vor uns liegt. Über einen Abgrund, den immer noch viele Menschen nicht sehen wollen. Sie tun so, als gingen sie die Warnungen der Klimaforscher nichts an, als könnten sie einfach weiter ihren alten Lebensstil weiterverfolgen und die furchtbaren Folgen würden sie eh nichts angehen. Aber der Klimawandel beschleunigt sich immer weiter. Unser Planet ist längst ein akuter Notfall.

Es ist unsere Welt, die da im Fieber liegt und längst zum Notfall geworden ist. Ein Wort, das Martin Herrmann in die Debatte geworfen hat. Er hart mit anderen Mitstreitern aus dem Gesundheitswesen gemeinsam 2017 die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) ins Leben gerufen, nachdem ihm klar geworden war, dass zwar eine Menge Leute sehr wissenschaftlich über den Klimawandel und seine Folgen reden können.

Aber selbst in Politik und Gesundheitswesen fehlte völlig das Verständnis dafür, welche dramatischen Folgen der Klimawandel auch auf die Gesundheit der Menschen haben wird. Und auch schon längst hat. Denn die Hitzewellen der letzten Jahre haben jedes Mal rund 10.000 Deutsche früher sterben lassen.

Die Klimakrise wird zu einem Gesundheitsproblem

Und Hitze ist nur ein Thema, das zunehmend auch für Deutschland zum akuten Problem vieler Menschen werden wird. Vom Klimanotstand spricht man ja inzwischen und auch Leipzig hat ihn erklärt. Aber wenn man – wie Martin Herrmann – mit ärztlichem Blick auf den Zustand unseres Klimas schaut, dann hat man einen Notfall vor sich, eine hochgradig prekäre Situation des Patienten Erde, die dringend lebenserhaltende Maßnahmen erzwingt.

Wir müssen handeln wie Notfallrettungs-Teams.

Und genau darüber unterhalten sich Martin Herrmann und der nun mittlerweile aus dem Fernsehen bestens bekannte Astrophysiker Harald Lesch in diesem Buch, der selbst verblüfft war, als Herrmann ihn eines Tages mit dem Wort „Notfall“ konfrontierte. Denn bislang hatte auch der Physiker sich vor allem mit den physikalischen Erkenntnissen zum Klimawandel beschäftigt.

Doch die wissenschaftliche Betrachtung allein macht leider die Dringlichkeit dessen nicht spürbar, was da gerade passiert. Alle Berichte über steigende CO₂-Konzentrationen, absterbende Wälder, vertrocknende Ackerböden, aufgeheizte Meere, Starkregen und zunehmend gewaltigere Orkane genügen nicht, wenn nicht alle Menschen begreifen, dass es uns jetzt richtig an den Kragen geht.

Dass unser Planet längst ein Notfall ist und keine Zeit mehr ist, noch lange zu diskutieren, zu vertagen, auf ein Wunder zu warten. Wir müssen handeln wie Notfallretter, die alle im Augenblick zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, die Temperaturen herunterzubekommen und nicht nur „unser“ Klima zu retten, ohne das die menschliche Zivilisation nicht überlebensfähig ist.

Wissen allein genügt nicht, wenn die Retter nicht handeln

Denn gleichzeitig wird auch vergessen, dass auch unser Trinkwasser bedroht ist, auch unsere Ernährung. Das Wissen der beiden Gesprächspartner verflechtet sich in den Gesprächen. Denn sie wissen mittlerweile genug. Vom Artensterben und den drastischen Folgen der Verluste von natürlichen Rückzugsräumen, die uns die Corona-Pandemie ja erst wieder vor Augen geführt hat, bis zu den sterbenden Korallenriffen und den tauenden Permafrostböden.

Es sind nicht nur die „Vitalparameter unseres Planeten“, die inzwischen die Alarme schrillen lassen. Es ist auch der Zustand der Natur, von der wir komplett abhängig sind. Doch wir leben in der technischen Illusion, wir könnten weiter künstlich produzieren und so unsere Ernährung sichern. Ein fataler Trugschluss.

Jeder Tag, in dem wir unser Wohlstandsleben mit dem enormen Ressourcen- und Energieverbrauch aufrechterhalten, bringt die Systeme, die uns überhaupt das Leben auf der Erde ermöglichen, dem Kollaps näher. Und dabei haben die beiden ihre Dialoge noch vor der Entfesselung des Ukraine-Krieges geführt (auf den Lesch im Nachwort noch eingeht). Den Krieg hätte wirklich kein Mensch gebraucht. Wir haben genug zu tun in dieser Situation.

Auch fühlen, dass wir alle betroffen sind

Und es geht nicht nur um „die Politik“. Wie schwerfällig Verwaltungen und andere Institutionen arbeiten, haben beide Gesprächspartner zur Genüge erfahren. Sie wissen inzwischen, dass wirkliches Handeln erst aus Betroffenheit entsteht, dann, wenn der Mensch sich wirklich eingesteht: Das geht mich tatsächlich an. Das ist mein Leben, das hier zur Debatte steht. Es ist die Welt unserer Kinder, die heute in Flammen aufgeht.

Und: Jeder Einzelne kann das ändern. Denn der riesige ökologische Fußabdruck, den die meisten Bewohner des wohlversorgten Nordens hinterlassen, ist nichts als ein Rucksack aus Gewohnheiten und Bequemlichkeiten. Jeder einzelne kann sofort und auf der Stelle etwas tun, diesen Rucksack abzuwerfen. (Was, darauf gehen die beiden auch ein.) Und je mehr das tun, umso schneller erhöht sich der Druck auf eine Wirtschaft, die sich nur zu gern hinter die Behauptung zurückzieht: „Die Leute wollen das so.“

Die beiden Dialogpartner sind ja nun wirklich keine Schwarzmaler. Man kennt sie tatsächlich beide eher als Problemlöser. Sie gucken sich die Sache an, suchen die Problemstellen, denken sich Lösungen aus – und los geht es. Denn gerade in einer Notfallsituation braucht man einen klaren Kopf.

Panik hilft überhaupt nicht. Nur der Mut, es wirklich durchzuziehen. Wir wissen doch alle, was getan werden kann. Und so ermutigen ihre Gespräche auch, sich eben nicht von den bedrohlichen Bildern einschüchtern zu lassen. Das lähmt. Das hilft nur denen, die weiter alles auf entfesselten Raubbau und Erdzerstörung setzen.

Jede und jeder kann anfangen

Es brauche auch nicht sofort eine riesige Mehrheit, die Politik zu ändern. Immerhin haben beide staunend zugeschaut, wie mit Greta Thunberg eine Jugendliche die Dinge in Bewegung brachte und heute Kinder und Jugendliche diejenigen sind, die Änderungen fordern und damit einfach nicht nachlassen.

Und es sind auch längst nicht mehr die Jugendlichen allein. Bei KLUG sind es alle möglichen Leute aus dem Gesundheitssektor, die begonnen haben, in ihrem Wirkungskreis die Dinge umzukrempeln, Netzwerke zu schaffen und daran zu arbeiten, jede einzelne ärztliche Niederlassung künftig zum Hotspot der Veränderung zu machen.

Denn die vielen drohenden gesundheitlichen Probleme, die die Klimaerhitzung mit sich bringt, landen als Patient in den Hausarztpraxen. Die Ärzte werden mit tropischen Krankheiten zu tun bekommen, neuen Allergien, Menschen, deren Blutkreislauf schlapp macht oder deren Immunsystem nicht mehr bewältigt, was da auf uns zukommt.

In kleinen Zwischenkapiteln werden all die Problemfelder, die mit dem Klimawandel zu tun haben, noch einmal extra beleuchtet. Etwa die Folgen des Meeresspiegelanstiegs, die Zerstörungskraft der Anthroposphäre oder die sozialen Kipppunkte, wenn unberechenbare Ereignisse Veränderungen auslösen, mit denen keiner gerechnet hat.

Das kann im Negativen passieren, aber auch im Positiven. Denn manchmal brauchen träge gewordene Gesellschaften solche Auslöser, die sie dazu bringen, endlich von krankmachenden Gewohnheiten Abschied zu nehmen und im Sinn eines eigenen besseren Lebens Dinge endlich richtig zu verändern.

So werden die Gespräche auch zur Ermutigung, sich von den Schwarzmalern und Phlegmatikern eben nicht entmutigen zu lassen. Sondern selbst zu handeln, sich zusammenzuschließen mit denen, die schon handeln. Denn was wir tun können, das wissen wir längst.

Die Transformation fängt im Kleinen an

Nur mental ist das bei den meisten noch nicht durchgedrungen. Sie tun noch so, als hätte unser Planet eben nur eine kleine Fieberphase. Das wäre wohl nicht so schlimm. Doch alles, was wir heute schon sehen, zeichnet das Bild eines schwer erkrankten Patienten, dessen Organe zu versagen drohen, wenn wir jetzt nicht handeln.

Am Ende unterhalten sich die beiden auch noch über Macht. Denn viele handeln ja deshalb nicht, weil sie sich ohnmächtig fühlen und die Macht irgendwo anders vermuten. Und dabei sehen sie gar nicht, dass Macht zuallererst im Miteinander entsteht, dort, wo Menschen sich zusammentun und handeln.

„Das Gefühl der Ohnmacht ist ein Teil der großen Lähmung, die wir schon beschrieben haben“, sagt Herrmann. „Viele Menschen sehen die Gefahren, haben aber nicht das Gefühl, wirkmächtig zu sein, und erleben angesichts der Notwendigkeit der großen Transformation eine einzige Lähmung.“

Aber auch große Transformationen fangen im Kleinen an. Und die Ohnmacht löst sich schon in dem Moment auf, in dem jeder beginnt, zu handeln und etwas zu ändern – ob in seinem eigenen Leben, ob mit anderen gemeinsam, in seiner Stadt oder in der Firma. Anfangen ist alles. Das Gefühl, dass man wirksam werden kann, kommt von ganz allein.

Und es ist durchaus eine faszinierende Rolle, die die beiden all denen zuschreiben, die jetzt tatsächlich verstehen, dass der Zustand unseres Planeten ein Notfall ist und mit ihren Mitteln zu Helfern in der Not werden. Nicht die Gaffer am Unfallort sind das Wichtigste, sondern die Menschen, die sofort bereit sind zu helfen und ein Leben zu retten.

Oder eben einen Planeten, für den es nirgendwo Ersatz gibt. In diesem Moment muss einfach gehandelt werden und nichts ist so wichtig, wie den Patienten am Leben zu erhalten.

Die Botschaft muss in die Köpfe. Nebst der Ermutigung, dass jeder, wirklich jeder zum Helfer im Notfall werden kann. Lesch bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Wenn unsere persönliche Gesundheit betroffen ist, dann sind es auch wir.“ Und: „Der Mann hat recht. Notfall, das ist die Metapher, die unsere Lage, den Klimawandel, die Klimakrise, präzise trifft!“

Die Zeit des Gaffens ist vorbei, könnte man sagen. Es ist Zeit, den „Sprung über den Abgrund“ zu wagen und unsere Existenz auf diesem Planeten zu retten.

Harald Lesch; Martin Herrmann Der Sprung über den Abgrund, Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2022, 18 Euro.

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