Manche Eltern sind tüchtig genervt, wenn ihre Kinder anfangen, immer mehr Fragen zu stellen, alles Mögliche wissen wollen, selbst so komische Dinge wie warum es im Bauch gluckert, warum man Gänsehaut bekommt und einem schwindelig wird beim Drehen. Kinder sind unersättlich. Sie wollen alles wissen. Und das ist gut so.
Auch wenn das Erwachsene oft anders sehen, weil sie ein Bildungssystem durchlaufen haben, das ihnen die Wissbegier ausgetrieben hat. Zeit für solche Bücher wie die der „Bilderbande“ aus dem E. A. Seemann Verlag.
Denn alles, was Archäologen und Biologen über die Menschwerdung bislang herausgefunden haben, deutet nun einmal darauf hin, dass wir zur dominierenden Spezies vor allem deshalb wurden, weil unser Gehirn begann, lauter Fragen zu stellen. Die ganze Welt mit einem ständigen Warum konfrontierte. Und sich nie zufrieden gab.
Zumindest in den Köpfen all der Menschen, die sich von Päpsten, Zensoren und Schulmeistern nie haben einschüchtern lassen und mit der vorgefertigten Glaubensware nie etwas anfangen konnten. Das große Warum beschäftigte sie ihr Leben lang – griechische Ärzte, englische Forscher, deutsche Ärzte oder jenen berühmten Leonardo da Vinci, der in einer Zeit Leichen sezierte, als die Herrschenden das noch für Teufelszeug hielten.
Ein bisschen Geschichte steckt natürlich auch in diesem Buch, das die in London heimische Nutzerforscherin Rosie Cooper geschrieben hat und das die Illustratorin Harriet Russel ziemlich wild gezeichnet. Ungefähr so wild, wie bei vielen von uns mal die Schulhefte aussahen.
Und wie es in den Köpfen von Kindern sowieso ständig zugeht. In den Köpfen mancher Erwachsener auch, die das große Warum nicht vergessen haben. Nicht zu verwechseln mit den Erwachsenen, die jeden Blödsinn ungeprüft glauben und dann meinen, sie wären ja auserlesene Selberdenker.
Wild und übersichtlich
Aber zum Denken gehören – wenn man wirklich belastbare Dinge herausfinden will – nun einmal so ein paar Dinge wie Analyse, Überprüfbarkeit und jede Menge Forschung. So wie es beim Erforschen des menschlichen Körpers besonders in den letzten 200 Jahre eben zuging – mit Vermutungen, Thesen, Experimenten und auch einigen Fehlern, die einige Forscher das Leben kosteten. Unsere moderne Medizin ist ohne diese Erforschung dessen, was in unserem Körper auf welche Art passiert, nicht denkbar.
Und statt zu verzweifeln, wenn die Knirpse nicht aufhören, peinliche Fragen zu stellen, können die überforderten Eltern ihnen dieses Buch in die Hand drücken. Vorn ist ein wildes Inhaltsverzeichnis drin, mit dem die Kinder ganz leicht zu den Stichworten finden, die ihnen gerade im Kopf herumgeistern und sie selbst natürlich peinigen. Manche Eltern können sich gar nicht vorstellen, wie einen als Knirps ungeklärte Fragen und Rätsel geradezu hummelig verrückt machen können.
Und das liegt natürlich auch an der schwabbeligen Masse in unserem Kopf, zu der es natürlich ein ganzes Kapitel gibt im Buch: „Dein geniales Gehirn“. Da erfährt man ganz kurz und schnell, wie das Gehirn sich Dinge merkt, wie Emotionen unser Gehirn regelrecht überschwemmen können. Wie und warum wir träumen.
Warum das nicht alle gleich erleben, erfährt man drei Kapitel später: „Wir sind alle einmalig.“ Das versuchen einem ja einige Erwachsene gern auszureden, weil sie überfordert sind, wenn Kinder nicht so sind wie alle anderen. Aber wären wir Menschen in der Vergangenheit so gewesen, würden wir heute noch durch die afrikanische Savanne rennen. Und zwar nicht auf der Jagd, sondern als Beute für hungrige Löwen und Hyänen.
Der Sinn von guten Fragen
Das merkt man schnell beim Blättern in diesem Buch: Dass unser Menschsein darauf beruht, dass einige von uns immer wieder Fragen stellen, die sich andere tunlichst verkneifen. Und Dinge herausfinden, die hinterher alle etwas klüger machen. Zumindest all jene, die wie die nervenden Kinder immer wieder Fragen stellen und selbst vorm Einschlafen noch hungrig sind auf neue Antworten.
Zum Beispiel, wie eigentlich unsere Augen, Ohren und Nasen funktionieren. Wie durch sie die Informationen von draußen in unseren Kopf kommen. „Alles hat einen Sinn“ heißt das Kapitel.
Doppeldeutig natürlich. Denn genau darum geht es ja bei den ganzen Warum-Fragen. Wissbegierige Kinder geben sich mit faulen Ausreden oder Märchen nicht ab. Sie wollen genau wissen, wie die Gedanken in unseren Kopf kommen, warum wir in Schrecksekunden auf einmal in den Notfallmodus schalten oder warum wir schwitzen, weinen, pupsen und aufs Klo müssen.
Was passiert da in uns? Das ist nicht eklig, wie manche Erwachsene behaupten. Das is spannend. Und hilfreich. Denn seit Wissenschaftler und Ärzte darüber immer mehr herausfinden, wissen sie auch, wie wir das blubbernde System besser gesund erhalten können.
Ein ganzes Kapitel „Meisterhafte Medizin“ widmet sich den auch einigen der Forschungsfelder, auf denen die Medizin wichtige Etappen gemeistert hat – vom Blut bis zu den Milliarden winzigen Lebewesen, die auf und in unserem Körper leben und ihm helfen zu funktionieren. Und im Kapitel „Angepasste Körper“ gibt es dann auch noch ein bisschen Genetik. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen, wenn man wissen will, warum wir Menschen so wurden, wie wir sind. Mit all den komischen Eigenschaften, die uns von Tieren unterscheiden.
Am Ende gibt es noch ein bisschen „Irre Wissenschaft“, die sich nur ein Stück weit mit „seltsamen Heilmitteln und eigenartigen Praktiken“ beschäftigt, dafür umso lieber mit komischen Empfindungen und den Streichen, die einem das Gehirn spielen kann.
Futter für den Kopf
Witzige Anekdoten aus der Medizingeschiche gibt es in jedem Kapitel. Dazu etliche spielerische Aufgaben, mit denen man vor allem sein Gehirn ein bisschen herausfordern kann. Denn zur grundlegenden Wahrheit über das Menschsein gehört nun einmal, dass unser Gehirn Herausforderungen nicht nur liebt, sondern regelrecht darbt, wenn es keine bekommt.
Weshalb sich neugierige Kinder oft auch in der Schule langweilen, wenn ihnen nur dröger Stoff geboten wird, aber keine harte Nuss, die man knacken könnte.
Und für die Kinder, denen irgendjemand eingeredet hat, Lernen sei schwer, wird auch kurz erklärt, wie das Gehirn eigentlich Brücken baut, wenn wir lernen. Und wie am Ende fröhliche Denkroutine dazu führt, dass wir uns immer mehr Dinge merken und unser Gehirn zu einem riesigen Speicher faszinierender Fakten, Geschichten und Erlebnisse wird.
Nur eins ist klar: Das funktioniert nur, wenn wir unserem Gehirn immer neues Futter geben. Und uns von niemandem einreden lassen, dass Fragen dumm sein könnten. Fragen sind nicht dumm.
Fragen sind der Anfang für all die genialen Einfälle, die unsere Menschenwelt verändert haben. Zumeist zum Besseren. Warum es trotzdem so viele dumme Menschen gibt, muss dann wohl ein anderes Buch klären.
Rosine Cooper, Harriet Russell „Körper und Gehirn“, E. A. Seemann, Leipzug 2026, 20 Euro.
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