Natürlich haben Autokraten vor Dichtern Angst. Es ist dieselbe Angst, die sie vor unabhängigen Journalisten, Medien und Verlagen haben. Denn sie unterlaufen ihre Propaganda, brechen aus dem Raum der staatlichen Manipulation aus. Das wird für die Dichter in diesen Autokratien schnell gefährlich. Mit getürkten Anklagen landen sie dann meist für Jahre hinter Gittern. So wie der schwedische Dichter Gui Minhai.

1964 in Ningbo südlich von Shanghai geboren, ging er 1988 zum Auslandsstudium nach Göteborg. Als dann das Massaker auf dem Tiananmen stattfand, beantragte und bekam er eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Schweden, 1992 auch die schwedische Staatsbürgerschaft.

2004 zog er nach Deutschland um, ging aber 2012 nach Hongkong, um dort einen eigenen Verlag zu gründen und 2014 auch eine eigene Buchhandlung zu übernehmen. Erst 1999 hatten die Briten Hongkong an China zurückgegeben.

Es war noch die Zeit, als man in China eine gewisse Liberalisierung sehen konnte. Und es war noch nicht zu ahnen, was die Wahl Xi Jinpings zum neuen Generalsekretär der KP Chinas bedeuten würde. Auch nicht für Hongkong.

Gedichte aus der Haft

Für viele Chinesen war dieses Hongkong wie ein Fenster in die freie Welt. Die Buchhandlungen in der Stadt waren beliebtes Reiseziel von chinesischen Touristen, die sich hier all die Literatur besorgten, die es in China selbst nirgendwo zu kaufen gab.

Doch genau das war den Mächtigen in Peking ein Dorn im Auge. 2015 entführten sie Gui Minai, als er sich gerade in seinem Feriendomizil in Thailand aufhielt. Eine bis dahin beispiellose Aktion, die für den Buchhändler, Verleger und Dichter mit zwei Jahren Gefängnis endete.

Die in diesem Band versammelten Gedichte sind allesamt Gefängnisgedichte, von Gui Minhai in den Zeiten der Haft auswendig gelernt und in den Tagen danach niedergeschrieben. Von Guis Tochter außer Landes geschmuggelt und erstmals in schwedischen Zeitungen veröffentlicht, erzählen sie von einem rebellischen Geist, der sich von Folter, Drohung und Haft nicht einschüchtern ließ, auch wenn seine Peiniger ihn zwangen, sich im Video öffentlich schuldig zu bekennen und seine schwedische Staatsbürgerschaft zu leugnen.

Etwas, was ihm die Mächtigen dann noch einmal ankreideten, denn kaum war er wieder auf freiem Fuß, kidnappten sie ihn ein zweites Mal direkt aus einem Zug heraus, in dem er mit zwei Begleitern aus der schwedischen Botschaft auf dem Weg zu einer ärztlichen Untersuchung war.

Eine Entführung mit Nachspiel, denn die schwedische Botschafterin in Peking bestellte Gui Minhais Tochter zu einem konspirativen Treffen ein, in dem diese überredet werden sollte, sich nicht mehr öffentlich zum Verschwinden ihres Vaters zu äußern.

Windelweiche Diplomatie vor Autokraten

Diese windelweiche „schwedische Diplomatie“ landete später vor Gericht. Und damit im Grunde die ganze zwiespältige Haltung der Europäer, die gegenüber dem wirtschaftlich erstarkenden Riesen China und seinen zunehmenden öffentlichen Drohungen immer kleinlauter geworden waren.

Deswegen war auch die Diskussion über das Versagen der deutschen Politik gegenüber Russland so verlogen, welches wir nach Beginn des Ukraine-Kriegs erlebten und mit dem stockkonservative Medien versuchten, allein die SPD mit ihrer Ostpolitik dafür haftbar zu machen, dass Putin alle Zusagen gebrochen und einen Krieg vom Zaun gebrochen hat.

Aber diese windelweiche Duckmäuserpolitik gegenüber den östlichen Autokraten haben sie alle zelebriert, alle westlichen Staaten, die nach 1990 so happy waren, dass sie ganze Zulieferketten ins billige China verlegen konnten und damit ihre eigenen Wirtschaften in extreme Abhängigkeit der Autokraten in Peking gebracht haben.

In Russland waren es das billige Erdgas und das billige Erdöl, die Politiker aller möglichen Parteifarben zu lächelnden Anbiederern im Kreml gemacht haben. „Business“ war immer wichtiger als all die mantraartig vorgetragenen Mahnungen zur Einhaltung der Menschenrechte.

Um die haben sich die Autokraten in Moskau und Peking nie geschert, denn sie wissen, wie abhängig sich die westlichen Nationen von ihren Lieferungen gemacht haben.

Und so benehmen sich diese Autokraten mittlerweile auch. Öffentlich und auf großer Bühne. Sie kennen ihr Erpressungspotenzial und haben für sich das Gefühl, dass ihnen die Zukunft gehört.

Licht in der finsteren Zelle

Dass sie Menschen wie Gui Minhai unter völlig erfundenen Vorwänden einfach entführen und für Jahre in unbekannten Gefängnissen verschwinden lassen, ist Teil ihrer Politik. Sie ersticken damit nicht nur eine kritische Stimme, sondern verstärken auch die Ängste bei ihren Untertanen, ja kein kritisches Wort gegen die Praktiken der Parteiführer zu sagen.

Wegen „illegaler Weitergabe von Informationen an ausländische Mächte“ wurde Gui Minhai 2020 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Zehn Jahre, in denen seine Bewacher versuchen, ihn endgültig zu zerbrechen und zu zermahlen.

Denn davon erzählt er ja in seinen Gedichten, die Karin Betz jetzt ins Deutsche übersetzt hat. Gedichten, in denen er seine eigentliche Heimat Schweden in Bildern wachruft, sich an das Lucia-Fest erinnert und die nordischen Sagen, die er mit Buchveröffentlichungen in China erstmals populär gemacht hatte.

Wer in die Fänge von Autokratien gerät, ist immer im falschen Film, landet in einer Welt, in der für Menschlichkeit und Vielfalt kein Platz mehr ist. Da spielt die ganze weite Welt da draußen keine Rolle mehr, der Wille des Inhaftierten sowieso nicht. Diese Systeme zermahlen die Menschen, die in ihre Fänge geraten.

Sie versuchen jeden Widerstandsgeist, alles Unangepasste und Eigensinnige zu zermürben. Regelrecht zu zerquetschen, wie es Gui Minhai am Bild einer Kartoffel schildert: „Bin eine schüchterne und schlichte Kartoffel / Wenn man mir die Haut abzieht, mich zu Brei zerstampft / werde ich zu leckerem Kartoffelbrei“.

Schreiben darf er nicht in der Zelle. Ihm bleiben nur die Phantasie, die Erinnerung und das Gedächtnis. Seine Gedichte lernt er auswendig. Sie sind die Tür, die ihm selbst in der Einzelhaft noch Hoffnung lässt.

Denn darum geht es letztlich im Lucia-Gedicht, das ja nicht grundlos eine Lichtgestalt aus Schweden wachruft: „Mit einem Wimpernschlag ist die gepolsterte Wand wie zuvor / Lucia im Türrahmen war nur eine flüchtige Illusion / In diesem totenstillen Raum / Kann ich ihren Flügelschlag bei der Landung nicht hören / Traurig weine ich in der dunklen Nacht schwarze Tränen / Warum findet ihr Kerzenschein nicht den Weg zu meinen schwarzen Augen?“

Der Klebstoff der Diktaturen

Ein Gedicht, in dem sich viele Gefangene aus den diversen Diktaturen des 20. und 21. Jahrhunderts wiedererkennen dürften – ausgeliefert einer gefühllosen Macht, die nichts anderes will, als den Willen der Eingesperrten zu brechen und ihre Seele auszulöschen.

Und damit ringsum Angst und Schrecken zu verbreiten. Denn Angst ist der Klebstoff dieser Regime. Und mit den Dichtern treffen sie genau die Menschen, die von alledem bildhaft und gültig erzählen können.

Noch ihre aus dem Land geschmuggelten Gedichte erzählen vom wirklichen Erleben in diesen mit falschem Lächeln verkleideten Autokratien, die auch deshalb so agieren, weil sie ihren eigenen Bürgern jede Hoffnung nehmen wollen, es gäbe eine Alternative zu dieser Welt.

Dieser eingemauerten und überwachten Welt, in der die Worte und Gedanken zensiert sind und Wohlverhalten als absolute Fügsamkeit dekliniert wird. Was sich selbst in einem Gedicht Minhais auf den schwedischen König spiegelt: „So viele wandernde Waisenkinder dieser Welt wissen nicht / Wie stolz und glücklich es macht, einen König zu haben.“

Zeilen, die zeigen, wie leichtfüßig ein Dichter scheinbar ganz simple Dinge sagen kann, die ihr Gewicht gerade aus dem Ungesagten gewinnen. Dem, was Gui Minhai in China erlebt hat. Und immer noch erlebt. Denn der Kampf seiner Tochter für seine Freilassung geht ja weiter.

Seine Gedichte erinnern daran, was ihm widerfahren ist und auch jetzt geschieht. Sie sprechen für den Eingesperrten und zum Schweigen Verurteilten. Und sie erzählen davon, dass Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ 1992 der größte aller Irrtümer war, die ein Historiker veröffentlichen konnte.

Der Ostblock ist zwar zusammengebrochen. Aber dafür steht das Zeitalter der Diktatoren in all seiner Nacktheit da – mit all ihren brutalen Instrumenten, mit denen sie sich Völker untertan machen, die Friedliebenden bedrohen und Kriege anzetteln.

Angstmachen ist ihr Lebenselixier. Propaganda ist ihre Sprache. Und sie fürchten und verachten das freie Wort der Dichter. Jener scheinbar so harmlosen Zeitgenossen, die einfach nur aufschreiben, wie es ihnen als Mensch so geht in dieser Welt. Und in den Fängen der Häscher, die selbst keine Gedichte lesen.

Gui Minhai Ich zeichne mit dem Finger eine Tür auf die Wand Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2022, 19,95 Euro.

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