Wer erinnert sich nicht an die Tage vor diesem 24. Februar 2022, als Wladimir Putin die Russische Armee schon an der Grenze zur Ukraine aufmarschieren ließ, tagelang aber nichts passierte und die Medien darüber orakelten, ob der russische Präsident mit China vielleicht abgesprochen haben könnte, mit dem Krieg erst nach den Olympischen Spielen in Peking zu beginnen, die vom 4. bis zum 20. Februar 2022 stattfanden?

Die Olympischen Winterspiele in der chinesischen Hauptstadt hat man fast schon wieder vergessen. Doch zwei Tage später ließ Putin die Panzer rollen und begann damit den blutigen Krieg, der immer noch anhält, obwohl wir inzwischen wissen, dass der russische Autokrat und seine Silowiki ihre Kriegsziele nicht erreichen und die Ukraine auch nicht unterwerfen können.

Dass auch die jungen Ukrainerinnen und Ukrainer größtenteils nicht glaubten, dass Putin das Land tatsächlich überfallen könnte, erfährt man auch in Valeria Shashenoks kleinem Bericht aus den ersten Tagen des Krieges, die sie in ihrer Heimatstadt Tschernihiw erlebte, einer mit 285.234 Einwohner/-innen gar nicht so kleinen Stadt nördlich von Kiew.

Ab dem 25. Februar begannen die russischen Truppen die Belagerung der Stadt. Auch die ersten Bombardierungen erlebte Valeria noch mit, verstört, wie es wahrscheinlich die meisten Menschen sind, wenn sie sich auf einmal nach Jahren des Friedens in einem so völlig sinnlosen Krieg wiederfinden.

Videos direkt aus dem Bombenschutzkeller

Die Tage erlebte sie im selbstgebauten Schutzkeller ihres Vaters, der wohl die Zeichen aus dem Osten besser verstanden hatte, nachdem Putins Truppen 2014 – nach dem erfolgreichen Maidan-Aufstand – die Krim und dann Teile des Donezk-Beckens besetzt hatten.

Der Krieg schwelte dort die ganze Zeit vor sich hin, kostete selbst schon tausende Todesopfer und machte den sensibleren Bewohnen der Ukraine klar, dass aus Putins Reich jederzeit mit dem Schlimmsten zu rechnen war. Sie bereiteten sich vor, bauten Bunker oder ließen sich an Waffen ausbilden.

Denn das Land, von dem die 20-jährige Valerie Shashenok berichtet, ist schon lange nicht mehr die Ukraine, die unter moskautreuen Präsidenten irgendwie versuchte, ein bisschen Selbstständigkeit zu leben. Schon die Orange Revolution 2004 hatte sichtbar gemacht, wie stark auch der Wunsch nach einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft nach westlichem Muster war.

Und dieser Hauch von Freiheit war 2022 längst überall in der Ukraine gelebter Alltag. Ein Alltag, in dem auch Valeria Shashenok ihren Platz gefunden hatte als freiberufliche Fotografin und Betreiberin durchaus beliebter Accounts auf TikTok und Instagram.

Aber richtig berühmt – und das weltweit – wurde sie erst mit ihren Videos aus dem Bunker, in denen sie auf recht kesse Art dokumentierte, wie sich ihr Leben verwandelt hatte und wie die Bomben auf Tschernihiw die Atmosphäre in der Stadt veränderten.

Die Videos machten auch große westliche Sendeanstalten auf sie aufmerksam. Und so konnte sie auch von ihrer Berühmtheit ein wenig profitieren, als sie sich – ohne Reisepass – in einen der überfüllten Züge Richtung Polen zwängte. Denn ihr Reisepass war in ihrer eigenen Wohnung in Kiew zurückgeblieben.

Das Land der Träume

Vorläufig endete ihre Reise in Italien, dem Land, das sowieso schon ganz groß auf ihrer „Map of Dreams“ vertreten war. Dort fand sie Unterschlupf bei hilfreichen Menschen und auch wieder die Möglichkeit, ihrer Arbeit nachzugehen und auch dieses Buch zu schreiben, das auch eine Einladung an alle Leser/-innen ist, nach dem Krieg ihre Heimat zu besuchen – und zwar nicht nur die berühmten Städte, sondern auch die Dörfer, die für sie die Seele der Ukraine sind.

Dass der Krieg an ihrer Familie nicht spurlos vorbeigehen würde, ahnte sie schon. Es bestätigte sich zum ersten Mal, als ihr geliebter Cousin von einer Bombe getötet und ihr Onkel schwer verletzt wurden.

Ihre Erzählweise ist kurzweilig. Man merkt, dass sie es gewohnt ist, die Dinge möglichst lebendig und kurz in kleinen Videos zu erzählen. Dort entstehen Geschichten ja auch durch die Erzählerin selbst, ihre Mimik, ihr Sprechen, die Bilder und das Spiel mit der Kamera.

Das erzählt sich völlig anders als in einem Buch, gewiss auch verstörend für einen Vater, der zwar so manchen Quatsch mitmacht, aber auch nie die Sorge loswird, dass seiner Familie etwas passieren könnte.

Ein ganz schlechter Scherz

Und dass das Filmen in dieser Zeit immer auch prekär war, wird deutlich, wenn Valeria Shashenok von den Soldaten erzählt, die sie dringend baten, die Aufnahmen von ihren Panzern schleunigst wieder zu löschen. Denn alles, was die Welt im Internet sehen kann, sehen auch russische Geheimdienste und Militäraufklärer.

Und welche enorme Rolle die bessere Aufklärung spielt, wissen ja inzwischen die meisten. Wo ukrainische Panzer fahren, sieht man praktisch nicht, während die explodierenden russischen Panzer ganze YouTube-Kanäle füllen.

Bilder, die manchmal darüber hinwegtäuschen, dass der Krieg eben „kein schlechter Scherz“ ist, wie Valeria Shashenok feststellt. Schon das, was sie bis zu ihrer Flucht erlebte, war der „größte Albtraum ihres Lebens“.

„Es ist schrecklich, wenn du Bomben hörst, aber nichts machen kannst – du bist nur ein Spielzeug“, bringt sie auf den Punkt, wie eine junge Frau sich fühlt in so einer Situation, in der Valeria jedenfalls spontan die Gelegenheit zur Flucht nutzte. Andere – so auch ihre Elten – blieben im Land. Männern bis 60 wurde sowieso die Ausreise untersagt, denn sie wurden allesamt gebraucht – als Soldaten oder zur Unterstützung der Armee.

„Eines Tages werde ich nach Tschernihiw zurückkehren“, schreibt Valeria, „aber es wird nie wieder dasselbe sein. Es wird Jahre dauern, bis das Leben dort wieder floriert.“

Geschichte sollte doch vorwärtsgehen

Dass sie mit so einem Krieg nicht gerechnet hatte, hat auch damit zu tun, dass sie sich schon vorher mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Hitler-Faschismus beschäftigt hatte und in Auschwitz gesehen hatte, welches Ende eine vom Wahn dominierte Politik nimmt. Dergleichen hatte sie selbst Wladimir Putin nicht zugetraut.

Doch der agiert nun einmal wie so viele Autokraten, die sich in ihren eigenen Weltvorstellungen verfangen haben und glauben, alles machen zu können, was ihnen einfällt. „Es ist merkwürdig, dass sich die Geschichte wiederholt“, schreibt Valeria. „Die Geschichte sollte doch vorwärtsgehen.“

Ein Satz, der im Grunde den ganzen Widerspruch beschreibt – die ukrainische Sichtweise auf eine Geschichte, die vorwärtsgehen sollte. Und die der Autokraten im Kreml, die ihr Heil in den Großmachtträumen der Vergangenheit suchen.

Das Buch hat Valeria tatsächlich dem russischen Volk gewidmet: „Dieser Krieg ist nicht nur Putins Krieg. Er betrifft auch das russische Volk, das nicht begreift, was vor sich geht, oder sich zu wenig darum kümmert. Das russische Volk kann helfen, ihn zu beenden, und es sollte aufhören zu schweigen.“

In ihrer Heimatstadt Tschernihiw sind bis zur Veröffentlichung des Buches über700 Menschen getötet worden. Da die Russen auch den Friedhof der Stadt bombardierten, wurden die Getöteten in einem Waldstück beigesetzt. Schwer wiegt auch, dass über 70 Prozent der Infrastruktur zerstört wurden.

Fast die Hälfte der Stadtbevölkerung hat wegen des Krieges die Stadt verlassen. Der Wiederaufbau ukrainischer Städte wird nach Kriegsende noch einmal jede Unterstützung brauchen, die der Westen zu geben hat.

Ihren Aufenthalt in Italien nutzt Valeria Shashenok dazu, für Spenden und Unterstützung für ihr Heimatland zu werben. Denn eins kann sie nicht, das hat sie schon im Schutzkeller erfahren: einfach stillsitzen und nichts tun.

Valeria Shashenok „24. Februar … und der Himmel war nicht mehr blau
story.one, Wien 2022, 16 Euro.

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