Ganz so klein, wie einem Leipzig zuweilen vorkommt, ist es nicht. Es wirkt nur so, weil große Teile dessen, was hier geschieht, jenseits der scharfgestellten Scheinwerfer auf die „Boomtown“ passiert. Das ist in der Musikszene so, in der John McShultz zu Hause ist, aber auch in der Literatur, wo er sich ebenfalls tummelt. Seit 2015 zumindest, seit er seine Liebesgedichte in ein schmales Bändchen gepackt hat.

Was der gebürtige Berliner, der seit 2010 in Leipzig lebt, auf der Bühne mit E-Gitarre, Mundharmonika, Drumcomputer und rauer Stimme anstellt, beschreibt er selbst als Melancholic Dream Pop, eine Variante des Dark Folk. Und in gewisser Weise sind auch seine Gedichte so, die er 2015 im Geest-Verlag veröffentlicht hat, „Lieder und Gedichte für anonyme Romantiker und sensible Melancholiker“.

Und welcher Mann wäre keiner.

Na gut: Es gibt auch die Machos, die Coolen und Eiskalten, all die Typen, die Frauen eher als Zubehör, Statussymbol und Haushälterin betrachten und sich in Männerrunden dann entsprechend benehmen. Die Typen, die die alte Maschine der Abwertung von Frauen seit Jahrhunderten am Laufen halten.

Und es gibt die, die ihre Sehnsucht nach den Frauen zugeben – und ihre Trauer darüber, wenn die Sache nicht hält oder klappt. Natürlich oft aus eigener Schuld. Man macht sich in Sachen Liebe ja immer schuldig. Sagt das Falsche, reagiert falsch, verletzt ausgerechnet die, die man von Herzen mag.

Und manchmal kommt man auch mit den Erwartungen der Frauen nicht zurecht. Vielleicht, weil man nicht wirklich zuhören kann oder sich nicht wirklich ganz einlassen auf die Nähe.

Eine ordentliche Portion Einsamkeit

Sodass die meisten von John McShultz’ Liebesgedichten Texte übers Verlieren, Sehnen, Einsamsein sind. Denn wenn die Schönen, die man eben noch glaubte, erobert zu haben, ihre Sache packen und wieder verschwinden, bleibt man ja in der Regel in lauter Ratlosigkeit zurück. Was noch am Abend voller Glanz war, weicht einem fahlen Morgen. Hoffnung bleibt.

Natürlich steckt jede Menge Romantik darin. Das Bild der meisten Männer von Liebe ist romantisch. Ganze Grabbelkisten von Bauteilen romantischer Poesie stehen parat, über die „Liebste am Fenster“ zu dichten, „Augen wie Seen“, „schwindende Gefühle“.

Sie helfen ja wirklich, das meist nicht Sagbare irgendwie zu fassen. Gerade dann, wenn einer noch jung ist. Oder jung geblieben. Und noch versteht, in die Geliebten alles hineinzusehen. Schön komprimiert im Kapitel „Sieben Hügel deines Leibes“.

So werden Frauen zumindest für ein paar Momente weniger rätselhaft, scheinbar deutbar: „hast geflutet mein Herz“. Ja, so fühlt sich das an. Bis man merkt, dass die Schönen eigentlich nicht so gern das sein wollen, was Männer in ihnen sehen.

Ein Meer zum Beispiel, unergründliche Tiefen, „loderndes Grasland Afrikas“ usw. Nur: Die großen Bilder ersetzen nicht, was dann am Ende meist fehlt: dieselbe Wellenlänge, die meist völlig unpoetisch ist. „eines Tags kamen wir an ’ne Kreuzung / und jeder schwieg für sich allein“.

Wie man sich als graue Krähe fühlt

Ist das also nicht legitim? Doch, ist es. Wäre alles nur praktisch in unserem Seelenleben, wir würden wohl verdorren. Zu simplen Rädchen in einer grauen Welt werden, in der nichts mehr glänzt und berührt. Der verrückte Überschwang gehört wohl dazu.

Ohne ihn gäbe es keine Liebeslieder, keine Schwärmerei, keine Kunst und auch nicht das Gefühl, dass Leben vielleicht doch mehr ist als die Weitergabe von Erbinformationen an die nächste Generation. Der Überschwang gehört dazu – im Guten wie im Traurigen.

Etliche Gedichte von John McShultz beschreiben deshalb auch einfach die zuweilen traurige Poesie der Herbst- und Wintertage. Manchmal wird er auch zum skeptischen Beobachter einer ganz und gar unpoetisch gewordenen Welt, so wie in „Dresdner Skizze II“: „Freitags parken / Männer/ ihre / Autos / Einkaufskörbe / Hunde / Frauen / Kinder / in der Reihenfolge und // trinken Bier …“

Was wie ein heiles Leben aussieht, ist längst zum Trott geworden. Der dann vorm Fernseher endet. Blicklos für den Burschen am Rand, der sich wie eine „graue Krähe“ fühlt. Denn natürlich fühlen sich viele (nicht nur Männer) gerettet, wenn sie einen Lebenstrott gefunden haben und nur noch abspulen müssen.

Keine Gedanken mehr, ob es etwas zu erobern gibt, zu bewahren, zu sehen außerhalb des eigenen täglichen Ablaufs. Wer schaut schon den Gänsen nach, wenn sie am Himmel vorüberziehen? Wer trauert schon mit den Tieren im Schlachthof, wie sie industriell getötet und geschlachtet werden, um dann als Steak auf den Grills der stolzen Grillmeister zu landen?

Mönch ohne Kutte

Die tiefe Melancholie in den manchmal naiv anmutenden Liedern von John McShultz hat durchaus ihre Gründe. Da schlägt noch ein Herz in der linken Brust und sieht doch, wie das einst glorifizierte Kuba die Häuser von Havana verfallen lässt, wie die alten Gerechtigkeitsträume in die Binsen gingen, „ein Mönch ohne Kutte bin ich“, „die Tage drücken mir ihr Kainsmal auf die Stirn“.

So gesehen ist auch der Traum von einer besseren Welt nichts als Poesie, das, was einen traurig macht am Morgen danach, wenn man merkt, dass die meisten Leute gar nicht träumen wollen, sondern nur ihr Bier und ihren Fernsehsessel haben wollen.

Und auch die Frauen den Morgen danach oft völlig unromantisch sehen: „du holtest mich schnell vom Himmel / da genügten Blicke und ein Wort“. Ja, manchmal müssen sie gar nichts sagen. Und manchmal wollen sie auch gar nicht mehr. Und sind schon ganz woanders geschäftig, wenn der Zurückgelassene immer noch schlaflos da liegt und sich fragt: „Warum bist du nicht da?“

Worauf es ja bekanntlich keine Antwort gibt. Und wenn es eine gibt, braucht man zuweilen lange, sie zu akzeptieren, sich aufzuraffen, die Gitarre zu schnappen und wieder loszuziehen, um ein paar Lieder zu singen.

Gern melancholisch. Manchmal mit einem Hauch von Ironie, wenn man sich dann doch eingesteht, dass man sie überall in Berlin suchen kann und trotzdem nicht bekommt.

Wenn man sie bekäme, gäb’s keine Gedichte und Lieder mehr. Wahrscheinlich nur noch abgestellte Einkaufskörbe, Autos und Ehefrauen. Und ein Bier mit den Kumpels, die ihre Witze reißen.

Inzwischen ist auch der Roman „No Record Release“ von John McShultz erschienen. Dem werden wir uns dann in den nächsten Tagen widmen.

John McShultz Sehnsucht nach Nirgendwo Geest-Verlag, Vechta 2015, 12 Euro.

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