Kunst entsteht im Stillen. Kunst braucht Stille. Und in den beiden Corona-Jahren gab es Stille genug, mehr als genug. Monatelang war das öffentliche Kunstleben fast lahmgelegt. Eine Zeit, die auch Mayjia Gille nutzte, um gleich mehrere Projekte voranzutreiben. Mit ihrer Band „Eisvogel“ spielte sie eine neue CD ein. Und auch ihr Gedichtband wurde fertig. Da brauchte es keinen Krieg, um aktuell zu sein.

Er enthält auch einen Text, den auch die Eisvogel-CD enthält: „Was singen wir? – Mury“. Ein Text, zu dem sie im Oktober im Interview für die LZ sagte: „‚Mury‘, der Titel, bezieht sich auf ein polnisches Freiheitslied aus den siebziger Jahren. Es hat mich sehr berührt, weil es in die heutige Zeit, auch in die Situation in Russland passt. Das Gedicht habe ich für meine Freunde in Weißrussland geschrieben. Übersetzt hat es inzwischen ein bekannter russischer Autor. Ich habe dort Freunde, um die mir manchmal bange ist, Autoren, Studenten, Intellektuelle. Und wer weiß, wann wir hier solch einen Freiheitssong noch gebrauchen können.“

Zwei Tage nach Erscheinen des Gedichtbandes begann Putin seinen Krieg gegen die Ukraine. Der Gedichtband aber enthält nicht nur die deutsche Version des Gedichts, sondern auch eine belarussische, übersetzt von Alhierd Baharewitsch.

Und trotzdem ist es kein politischer Gedichtband geworden. Sondern ein zutiefst menschlicher, der zeigt, dass all die Dinge, die wir für gewöhnlich so strikt voneinander trennen, immer etwas miteinander zu tun haben – unsere Liebe, unsere Sehnsucht, unser Weltvertrauen, der Frieden und die Angst, die Zuversicht derer, die die Welt besser machen wollen, mit der Zerstörungswut derer, die versuchen, die Menschen zu Sklaven zu machen. Der Hochsitz 131, auf dem die Privilegierten „mit der Flinte in der Hand“ sitzen, steht nicht in der Ostukraine und auch nicht in Belarus, sondern im Thüringer Wald.

Das, was uns in den Nachrichten überschwemmt und weit fern scheint, ist auch hier bei uns zu finden. Gleich nebenan. Immer da, wo die Gnadenlosen andere Menschen für Freiwild halten.

Zu scharf formuliert? Glaube ich nicht.

Es sind die Risse, die durch unsere Welt gehen, die hier sichtbar werden. Risse zwischen Friedenssehnsucht und Machtanmaßung, Trauer und Gnadenlosigkeit.

Zerre uns aus der Kirchenbank …

Der Gedichtband beginnt übrigens mit einem gewaltigen Psalter, einer geradezu empörten Rede an GOTT, vielleicht aber auch eher jenem Jammerbild, das die Kirche aus dem gemacht hat, was für die Menschen das sein könnte, was für sie Sinn und Erfüllung in dieser Welt sein müsste. Von dem man nicht mal weiß, ob man es er, sie oder es nennen könnte, ob es in uns ist, oben, unten, überall, ob es das ist, was uns den Atem nimmt – oder einfach fehlt, wenn wir nur noch im oberflächlichen Nicht-Begegnen unterwegs sind. In einer Welt zusehends einsamer Menschen, die auch in Kirchen keinen Trost mehr finden: „Gott wir sterben / vor langeweile / siechtum in deinen versammlungen / zerre uns aus der kirchenbank / wir haben schaden genommen …“

Schon mit den ersten Zeilen merkt man: Eigentlich geht es gar nicht um irgendwas außerhalb von uns, sondern um uns. Und die empörte Feststellung, wie viel all das, was je in all die Götter hineingedacht wurde, auf Erden und im Zwischen-Menschlichen noch fehlt. Obwohl die meisten so leben, als fehlte nichts. Sie leben in Gleichgültigkeit, erwärmen sich für nichts mehr als ihre abstiegsbedrohte Fußballmannschaft, stehen rauchend und einsam auf dem Balkon, als erwarteten sie gar nichts mehr. „wir müssen uns verzanken / auf der pipeline hinstürzen / die stadt zur weißglut bringen / ich reiße dich aus deinem triptychon / bis du kniest vor einer bathsebischen schönheit“.

Ist ja auch nicht auszuhalten: ein duldender, leidender Gott, der nicht mehr zupackt und sich nicht mehr einmischt. Wo gibt es denn so was? Unübersehbar: Da geht es nicht um diesen verblassten Leidensgott einer Religion, die ihre Schäfchen das Dulden, Ausharren und Hinnehmen lehrte und lehrt. Die alles in Weihrauch und süßliche Beschwichtigung packt. Und dann? Was bleibt da noch vom Leben? Ist da noch Leben? Begeistert einen da noch was? Reißt es einen hoch?

Du kannst jetzt gehen …

Irgendwie ist GOTT dann wohl doch immer nur das, was wir draus machen. Das, wofür wir uns dann doch reinknien und hergeben und einsetzen. Und wenn es ein kleines Wesen ist, dem wir Grießbrei in den Schlund träufeln.
Wahrscheinlich wäre so ein Psalm, von einem Mann geschrieben, ein ziemliches Gejammer geworden. Es gibt nicht mehr viele vom Format eines Walt Whitman, die sich noch begeistern können für die Welt und ihre Schönheit und Größe.

Für das, was uns erschlägt, wenn wir nicht so tun, als wäre es doch nur pillepalle, leicht ersetzbar durch irgendeinen anderen Schnickschnack aus dem Webshop. Ja, es ist genau diese lähmende Larifari-Haltung, die Mayjia Gille hier anspricht.

Das regt sie auf, bringt sie auf die Palme. Und es ist derselbe Maßstab, den sie auch an ihre Partnerschaften anlegt, von denen im zweiten Teil dieses Bandes ausgiebig die Rede ist. Von himmelhoch jauchzend bis „ich nehme /deine bewunderung / nicht / persönlich“ oder auch „Du kannst jetzt gehen“.

Denn nichts ist tödlicher für die Liebe, als Gleichgültigkeit, als sich nichts mehr zu sagen haben, als das „verkeilen von pflichtgefühlen“. Das hält niemand aus. Nicht lange, wenn dabei nicht die Lebensfreude vor die Hunde gehen soll. Die Freude am Leben, dem Ganzen und manchmal völlig Enthemmten. Wenn das nicht mehr geht, ist man wohl tot.

Rückwärts aus der Kleinstadt …

Es hätte also auch ein ganzer Band Liebes und Ex-Gedichte werden können. Gedichte darüber, worum es eigentlich geht zwischen Menschen. Und im Leben selbst, denn wer nichts erleben will, erlebt auch nichts. Ist das zu viel gefordert? Sind wir nicht dazu erzogen, die Dinge nicht so schwer zu nehmen?

Kann sein. So gehen ja viele um mit ihrem Leben, diesem Geschenk, das einen umwerfen kann, bedrücken, aus der Haut springen lassen, in Erinnerungen schwelgen, atemlos, weil es so erschlagend ist. Selbst in diesen ganzen Kindheitserinnerungen, die wieder lebendig werden, wenn wir die Stätten der Kindheit besichten. „ich werde einfach / immer jünger / laufe rückwärts / aus der kleinstadt / in der ich geboren wurde“.

Vielleicht waren dafür diese stillgelegten Corona-Monate gerade gut geeignet, sich darauf einzulassen, es wieder zuzulassen. Auch die Trauer um die, die nicht mehr da ist. Doch, das reißt einen mittendurch, wenn wir es zulassen: „ich sitze in der wasserröhre unten am wildtiergehege / verrate es aber nicht / such mich mutter“.

Denn zum Leben gehört Erinnern. Wir sind zu einem sehr großen Teil das, was wir erinnern. Und werden es nicht los. Bei der Gartenarbeit entdeckt die Dichterin Vaters Land. Oder doch eher ihn selbst: „und es wird klar / dass auch du immer hier warst / gepflanzt gesät und geschaut hast / damit nichts die beete stört.“

Manchmal, begreifen wir die Alten erst, wenn wir in ihre Rolle geschlüpft sind. Ahnen, was sie gedacht haben mögen bei all dem, was uns so vertraut ist. Und dabei wollten wir doch die Leinen lösen, auf und davon. So wie in „Zuhause“: „leinenlos / getragensein / vom oben / ich bin / mittendrin“.

Noch nie so wenige panikattacken …

Aber dass es im Leben mit diesem Getragensein meist nichts wird, haben viele gerade in der Corona-Zeit gespürt. Im Guten wie im Schlechten. Zum Guten gehörte tatsächlich, dass es wenigstens für einen kurzen Moment mal still war, die ganze sinnlos Hektik mal abgestellt.

„abgase überflüssigkeiten / bleiben aus / ich hatte noch nie so wenige panikattacken / wie in diesen pandemischen zeiten“.

Aber wer hat es gemerkt? Wer hat seinen Turbo so weit runtergedreht, dass er spüren konnte, dass das Leben ohne all den Stress, die Hektik, das Wichtigtun viel erträglicher ist? Aushaltbarer? Viel zu wenige, könnte man meinen. Ein wichtiges Stichwort: „Sorgfalt“. Im Gedicht ist es die Forderung an ein Gegenüber. So, wie wir miteinander umgehen sollten – nicht nur in der Liebe. Eigentlich erzählen fast alle Gedichte davon. Von dem, was meistens nämlich fehlt, weil wir unaufmerksam sind, nicht da, wo wir sind und nicht bei denen, mit denen wir eigentlich am Tisch sitzen: „wir sitzen lange schon / nicht mehr / an einem tisch“.

Andauernd im Raumanzug …

Und dabei suchen wir uns, vermissen den Anderen auf dem Radar. „Wir irren / sind andauernd / im raumanzug“. Den „trompeter auf der landebahn“ darf man durchaus auch als einen abhanden Gekommenen interpretieren, einen, dem sein Üben auf der Trompete wichtiger ist als die „durchgedrehte“ Dichterin, die ihn verzweifelt versucht zu fassen. Oder ist das nur der ganz normale Wahnsinn, in dem wir versuchen, die Dinge festzuhalten, die uns wichtig sind?

Die es ja gibt. So zufällig steht ja der Psalter nicht ganz am Anfang im Buch: „wenn wir so weitermachen / vereinsamen wir“. Da merkt man dann erst, dass das auch eine Selbstermunterung ist, wenn sie GOTT auffordert: „steh auf / erinnere dich an die sieben tage / eine ganze Schöpfung hast du hingelegt / zeus ist eine grille gegen dich“.

Das Leben selbst ist Schöpfung. Jeden Tag. Was man aber nur fassen kann, wenn man es beim Schopf packt und nicht gleichgültig an allem vorbeigeht. Auch nicht im Gedicht. Auch nicht in diesen Gedichten, die an etwas erinnern, was so gern vergessen wird beim Sprechen und Schreiben: „worte / fallen / ins gewicht“. „Feuilleton“ heißt dieses Gedicht. Das auch so manchen Feuilleton-Schreiber daran erinnern könnte, dass man mit Worten sehr sorgsam umgehen muss.

Mayjia Gille Trompeter auf der Landebahn, kul-ja! Publishing, Erfurt 2022, 15 Euro.

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